Bücher, Was war!

zwischen weingummi, schokoriegeln und marmorkuchen. der SuKuLTuR-Verlag und seine lesehefte.

Schon eine bezwingende Idee: Der Suhrkamp-Verlag nährt sich dem Rentenalter und bietet zum Sechzigsten ein exklusives Raphael Horzon Regal, befüllt mit 800 bunt schillernden Bänden der geschichtsträchtigen „Edition“. Bitter nur: mit 5990 Euro ein Spass allein für professorale Besserverdiener. Abgeschaut hat Suhrkamp sich die Idee für diese monströse Schuberlösung bundesrepublikanischer Intellektuellenhistorie – so steht zu vermuten – vom Sukultur-Verlag, der schon seit einigen Monaten – zum juvenileren zehnjährigen Verlagsjubiläum – eine quietsch-gelbe, kurzweiligere und wahrscheinlich auch unterhaltsamere Sammleredition anbietet: die Sukultur-Box. Nummer eins bis hundert der verlagstypischen, knapp 20-seitigen Lesehefte, altogether. Der allwissende Suhrkamp-Autor Dietmar Dath ist vertreten, die Lyrikerin Ann Cotten, der Poptheoretiker Thomas Meinecke und der Feuilletonist David Wagner, um nur einige zu nennen. Im direkten Vergleich erweist sich die Sukultur-Box dem Suhrkamp-Schrank als durchaus überlegen: die in Rucksackformat häppchenhaft-verpackte Literatur ist kongenial auf die Bedürfnisse einer schnelllebigen mobil-flexiblen Reservearmee junger Kulturschaffender zugeschnitten und mit 111 Euro & einer erwartbaren Wertsteigerung auch in prekärsten Lebensumständen eine überlegenswerte Investition.
Der Name Sukultur ist – wie ein Aspekte-Kulturredakteur wohl formulieren würde – eine kleine Referenz auf die Suhrkamp- und eine große auf die literarische Subkultur. Über die Verlagsgeschichte hat der Autor und Verleger Marc Degens mit „The SuKuLTuR Years“ eine ziemlich witzig-unterhaltsame Erzählung geschrieben und das Genre der Firmen-Jubiläums-Biografie ganz nebenbei um eine Schelmenversion bereichert. Seinen Anfang nahm alles im randlagig kleinstädtischen Dorsten. Hier gab Degens (zusammen mit Torsten Franz) mit punkiger Haltung seine erste Literaturzeitschrift heraus und taufte sie „Sex & Kotze“. Ich selbst hatte mit 15 – erinnere ich mich – ein Exemplar in den Händen und war, durch „Steppenwolf“ vom literarischen Virus infiziert, tief beeindruckt vom ersten literarischen Organ, welches je in Dorstens Stadtgeschichte das Licht der Welt erblickte. Aus dem Fanzine, dem ein Bochumer Comicladenbesitzer so viel Ignoranz entgegenbrachte, dass er die halbe Auflage samt selbstgebauter Hefte-Ständer handstreichartig vernichtete, entsprang bei Degens und Franz die – durchaus genialisch zu nennende – Idee der Lesehefte, die dann in den späten 90ern unter dem Dach des neugegründeten Sukultur-Verlags verwirklicht wurde. Jahrelang blieb der Verlag auf eine kleine, szenenhafte Literaturgemeinde beschränkt, bis man gewissermaßen durch einen schicksalhaften Zufall inspiriert – einer der Verleger lebte über einer sogenannten Vending-Company – eins und eins zusammenzählte und erkannte, dass die kleinformatigen, gelben Literaturhäppchen „Weingummi, Schokoriegel, Marmorkuchen und anderes Naschwerk“ in den Vending Automaten, an Bahnhöfen und sonst wo, gut ergänzen würden. Der Start des Automatenverkaufs wurde zum Medienereignis. „Landauf, landab erschienen Artikel über die Literatur aus den Automaten, in der Boulevardpresse ebenso wie im Feuilleton…In knapp drei Monaten hatten wir mehr Hefte verkauft als in den acht Jahren zuvor – über dreihundert Stück!“, schreibt Degens. Den expansionistischen Gesetzen der Marktwirtschaft gehorchend, putzten die Sukulturalisten in der Folge die Klinken der Vending-Automaten-Industrie und wurden zu eifrigen Besuchern der zweijährlichen Fachmessen, um sich – wie Ferrero oder Bahlsen – im Automatengeschäft ein Marktmonopol zu sichern. Schnell erlernten sie die Tricks, Kniffe und Idiome des hier noch üblichen Wirtschaftsdeutsch (EK=Einkaufspreis) und erhielten tiefen Einblick in die Psychologie mittelständischer „Unternehmerpersönlichkeiten“: „‘Sie kennen sicherlich die kleinen gelben Hefte von Reclam?‘, sagte ich lächelnd. Beide schüttelten den Kopf, der Junior- ebenso wie der Senior-Chef. Mit dieser Antwort hatte ich nicht gerechnet. ‚Äh äh äh‘. Der Einstieg war misslungen, mein Konzept dahin. Ich holte weit aus und dozierte umständlich von junger deutscher Literatur…Während ich redete schauten mich die Chefs regungslos an. Nach zehn Minuten versiegte mein Redefluss, in der Luft lag eine bedrohliche Stille. Der Juniorchef brach das Schweigen. ‚Und der Ek‘?“
Ganz nebenbei betrieben sie durch den Automatenverkauf auch literatursoziologische Empirie. Sukultur entdeckte – quasi im Feldversuch –, dass der Berliner Wedding, ein oft als bildungsfern verschriener Berliner Stadtbezirk, sich als paradiesischer Standort für junge, alternative und anspruchsvolle Automaten-Literatur erwies und die typischen Bildungsbürgerreservate in den Schatten stellte. 2007 dann ein weiterer Höhepunkt in der Firmengeschichte: Sukukultur wurde für den „Vending-Star 2007“, den Innovationspreis der deutschen Vending-Industrie nominiert, musste sich aber dem „Hipp-Konzern“ geschlagen geben, der die Literaturmonopolisten mit zuckerfreien Biofrüchte-Kompositionen vom ersten Platz verdrängte. Massenmediale Aufmerksamkeit erhielt der Verlag 2010 auch abseits des Automatengeschäfts: Helene Hegemann hatte beim Sukultur-Autor Airen abgeschrieben, ein Umstand, der auch den Airen-Verkauf immens ankurbelte. Sukultur käme aber auch ohne mediales Interesse über die Runden: längst hat man um die Leseheftreihe, die – see above – mit hochkarätigen Autoren und tollen Talenten aufwartet, um Romane, Comics und Essayistik erweitert und sich als Indie-Verlag in der Berliner Literaturszene etabliert. Neben dem Verlag betreiben Degens und Co mit „satt.org“ eines der besten deutschen Internetmagazine für alle Lieblings-Literatur, -Kunst und -Musik, die vom Mainstream abweicht.

Wer mehr über Marc Degens, seine Romane und Kolumnen und den Sukultur-Verlag erfahren möchte, der sei auf unser Videoportal verwiesen. An einem traumhaft schönen Sommertag im Kulturgut Nottbeck – man wird richtig wehmütig bei diesen Minusgraden – plaudert Degens ausführlich über all diese Dinge, z.B. auch über seinen Kulturoptimismus und die Möglichkeiten, die neue Medien für abweichende Literatur und Kulturprojekte bieten. Außerdem liest er aus seinem neuen Kolumnenbuch „Unsere Popmoderne“.

St. Stadthaus

Literatur:
Die Box. Schöner Lesen 1-100. Auf 222 Exemplare limitiert und nummeriert. Sukultur, 2010.
Marc Degens: The SuKuLTuR Years, Schöner Lesen 88, Sukultur, 2009
Marc Degens: Unsere Popmoderne, Verbrecher-Verlag, 2010
http://www.satt.org/sukultur/index.html

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