Bücher

Erotisch-skurriles Fabulieren

Gerhard Mensching (1932-1992): Puppenspieler, Germanist und Kinderbuchautor aus Bochum. Und, nicht zuletzt, ein kundiger und findiger Erzähler, dessen erotisch-kriminalistischen Buch- Verführungen von poetischem Witz und bezau- bernder Skurrilität geprägt sind. Das Spiel mit Motiven und Gestalten der Literatur(geschichte) ist auf unterhaltsamere – und zugleich so angenehm diskrete, nicht auftrumpfende – Weise kaum vorstellbar. Menschings Romane, Short Storys und Kriminalgeschichten erschienen seit 1982 (ein Debütant, der also kurz vor seinem 50. Geburtstag stand) in produktiver Eile und Rasanz. Und zwar im hierfür trefflich ausgewählten Haffmanns-Verlag, beinahe alle auch in mehreren Auflagen: Löwe in Aspik. Roman (1982), Rotkäppchen und der Schwan. Drei erotische Humoresken (1984), Der Bauch der schönen Schwarzen. Kriminalroman (1988), Die violetten Briefe. Drei kriminelle Novellen (1989), E.T.A. Hoffmanns letzte Erzählung. Roman (1989), Die abschaltbare Frau. Roman (1991). Der mit Abstand voluminöste Roman Menschings trägt ein nicht unbedeutendes Vorbild des Schreibens in und über Masken, Täuschungen, Verwechselungen und (imaginativen) Überschrei- tungen bereits im Titel: E.T.A. Hoffmann, der Meister des Phantastischen in der deutschen Romantik.

In den Erzählungen Gerhard Menschings geht das Mysteriöse, Geheimnisvolle und Groteske eine lustvoll-respektlose Mesalliance mit dem Erotischen in all seinen vor- und unvorstellbaren Dimensionen ein – ohne plump, ordinär, verkrampft komisch oder germanistisch belehrend zu wirken. Wie spannend, erheiternd und zugleich fesselnd Mensching derartige (Text-)Bindungen literarisch zu inszenieren wusste, mag folgendes Beispiel – eine durchaus eigenwillige Entführung einer schönen Fremden ins Waldhaus eines Buchautors – aus der „erotischen Humoreske“ Kochrezpte demonstrieren:

 

„Du willst weiter mit verbundenen Augen …?“
Keine Antwort. – Lächeln.
„Und du willst auch nicht reden?“
Lächelndes Kopfschütteln.
„Kannst du überhaupt reden? Oder bist du stumm?“
Ein amüsiertes Mündchen, das ich sofort küssen mußte.
Es blieb dabei. Sie sagte nichts, und wenn sie lachte, dann lachte sie nur mit dem Spiel ihrer Lippen, ihrer Hände. So konnte sie mir auch nicht sagen, daß sie mich liebe, während ich es ihr hundertmal am Tage gestand. Sie blieb bei mir, und ich redete nicht davon, ob sie gehen müsse, ob sie jemand erwarte. Sie könnte es ja sagen, dachte ich. Sie ist bestimmt nicht stumm. Oder etwa doch? Würde sie je gehen wollen? Das ist doch absurd: als künstliche Blinde in einem unbekannten Haus mit einem Mann zusammenleben, den man noch nie gesehen hat.
Ich schloß die Haustür nicht mehr ab, fuhr auch gelegentlich für kurze Zeit zu kleinen Besorgungen in den nächsten Ort. Salate und Obst sollten frisch auf den Tisch. Jedesmal, wenn ich das Haus wieder betrat, hatte ich Herzklopfen: ob sie gegangen war? Nein, sie war da, im Hause oder draußen auf einem Gartenstuhl, die Binde vor den Augen.
Sie fand sich jetzt gut zurecht und trug im Haus den Kimono oder lief nackt herum. Ihre Blindheit ausnutzen und sie mal überraschend anfassen: an den Brüsten, zwischen den Beinen. Ob sie da nicht mal überrascht aufschreien würde? Nein. Sie zuckte zusammen und lächelte dann, aber kein Ton war ihrer Kehle zu entlocken.
Wir tafelten uns durch alle Berühmtheiten hindurch, die ich ins Freß- und Ärztebüchlein aufnehmen wollte: Aal in Bordeaux à la Balzac, Zwiebel- suppe à la Dumas, Montesquieu-Suppe, Rostbraten Esterházy, Rump- steak Meyerbeer, verlorene Eier à la Maupassant. Und dazu kramte ich aus, was mir nur zum Erzählen einfiel. Lauter Sachen von anderen Leuten, nie etwas aus meinem Leben. Der Versuchung, mir eine Biographie zu erfinden, wäre ich fast erlegen. Schon war ich drauf und dran, mich zu einem Schriftsteller zu machen, der ein Buch schreiben wollte über eine Entführung. Ja, aber was weiß denn ein Schriftsteller davon! Das hat er doch nie erlebt. Das denkt er sich doch alles nur aus, saugt es sich aus den Fingern, stellt es sich vor. Und dann sollen die Leute das auch noch glauben. Um nun wirklich zu wissen, was in einem Mann vorgeht, wenn er ganz aberwitzigerweise … Nein, das habe ich nicht erzählt. Nimm dies Glück, dies ganz vergängliche, dies deshalb so schöne, und erklär keine Ursachen und Hintergründe und frag nicht, ob’s weitergeht und wie. Es wird enden, das weißt du selber, bald, bald wird es enden. Mach den Augenblick zur Ewigkeit, nur so kannst du ihn halten! Anekdotische Sommertage, durchzogen von Braten-und Weingeruch, verliebter Hummerduft an Fingern und Lippen, Kirschen, Himbeeren, Champagnersorbet. Praesente amore

 

Überblick und Einladung zur ausschweifenden Lektüre bietet das nun erschienene Gerhard Mensching Lesebuch. Neben Auszügen aus allen sechs Büchern sowie den postum in Komm rüber veröffentlichten Erzählungen präsentiert ein ausführ- liches Nachwort Kontexte, Antworten und Nachfragen zu Autor und Werk.

Arnold Maxwill

Gerhard Mensching Lesebuch. Zusammengestellt und mit einem Nachwort von Walter Gödden. Bielefeld: Aisthesis 2013, 175 S., 8,50 €

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