„Ich wollte … immer schreiben.“
Michael Klaus (1952-2008)
Schriftsteller und Drehbuchautor
Er war einer der eigenwilligsten, schrägsten und schrillsten Autoren der deutschen Literaturszene. Dass Gelsenkirchen sein Schicksal war, hat er nie laut ausgesprochen und seinen Wohnort auch nie wirklich verteufelt (aber angemerkt, dass Gelsen- kirchen-Buer „nachts erleuchtet sei von der Panik seiner Bewohner“). Dennoch wurde Michael Klaus das Schicksal zuteil, zu sehr in die Schublade „Ruhri-Autor“ gesteckt zu werden. Zugegeben, seine Themen fand er bevorzugt vor der eigenen Haustür, auf dem Gelsenkirchener Wochenmarkt beispielsweise. Doch was er aus seinen Themen machte, war wirkliche Literatur und hätte überall in Deutschland mehr Leser verdient gehabt. Michael Klaus wurde Opfer jener Klischees, die man in der Öffentlichkeit noch immer mit der Literatur des Potts in Verbindung bringt: Witz und Chuzpe, aber auch irgendwie eher etwas für den Moment, fürs Tagesgeschäft. Klaus schrieb gegen solche Vorurteile an. Seine Stoffe sind zwar oft witzig und bizarr, aber auch hintersinnig und voller Melancholie. Und vor allem: Es macht höllischen Spaß, Michael Klaus zu lesen.
„1973 machte ich Ernst. Ich ging in die Stadtbücherei, durch die Glastür, am Tresen vorbei, geradeaus bis zu den Fenstern, dann etwas nach rechts und setzte mich an einen kleinen grauen Tisch und wollte Schriftsteller werden. Mit dem Rücken saß ich zur Gelsenkirchener Lyrik, vor mir alphabetisch die Romane der Weltliteratur. Also Josef Büscher im Nacken und vor der Brust Balzac. Ich packte Papier und Kugelschreiber aus und schaute aus dem Fenster. Es war eine merkwürdige Zeit. Die Lehramtsstudenten wollten Arbeiterdichter werden. Die Arbeiterdichter wollten natürlich die Arbeiterklasse befreien. Aber viel lieber wollten sie ins Große Deutsche Gedichtbuch von Karl Otto Conrady. Und die eine Frauenbefreiungslyrikerin, die ich kannte, ging erst dann in ihrem Polarfuchsjäckchen auf die Straße, wenn sie zu Hause ihrem Mann die Häschenpantoffeln angewärmt hatte.“
Das Michael Klaus Lesebuch (Aisthesis Verlag 2012, 176 Seiten für 8,50 €) lässt nun noch einmal die wichtigsten literarischen Stationen des Autors Revue passieren. Klaus begann mit politischer Agit-Prop-Lyrik, bevor er sich der Kurzgeschichte und Satire zuwandte. Zwischen 1981 und 2000 entstanden in rascher Folge 25 Hörspiele für den WDR. Hervorzuheben ist seine Beteiligung an dem innovativen Hörspiel-Format Black Box B1. Auch in seinen Romanen und Jugendbüchern fand der Autor einen eigenen Ton zwischen Slapstick und Tragikomödie. Sein Roman Nordkurve (1982) wurde von Adolf Winckelmann verfilmt. Weitere Spielfilme folgten, auch ein „Schimanski“.
Klaus war Alltagsbeobachter aus Passion. Ein besonderes Faible hegte er für das Submilieu, das, scheint’s, im Ruhrgebiet besonders urige Typen und Themen hervorbringt. Klaus’ Protagonisten sind bevorzugt Typen mit liebenswerten Macken, kleine Helden des Alltags, die groß sind in ihrem Wollen und manchmal hilflosen Streben. Am liebsten aber schrieb Klaus über sich selbst. Das gilt auch für seine letzten Bücher, in denen er seine Krebserkrankung literarisch zu bewältigen versuchte. Er starb 2008 im Alter von nur 56 Jahren.
Die Literaturkommission für Westfalen plant, im nächsten Jahr Klaus’ Hörspiele, Lesungen und seine Produktionen aus dem Bereich „Jazz & Lyrik“ neu herauszubringen. Hinzu kommt zahlreiches unveröffentlichtes Ton-Material aus dem Nachlass des Autors. Damit soll das Andenken an einen Autor lebendig gehalten werden, der ein geborener Erzähler und Dramatiker war.
Walter Gödden
Michael Klaus, 1952 in Brilon geboren, aufgewachsen in Gelsenkirchen, starb nach Krankheit am 1. Juni 2008. Studium der Germanistik und Kunst. Er lebte und arbeitete in Gelsenkirchen-Buer und veröffentlichte Gedicht- und Erzählbände, Satiren, Romane sowie Hörspiele. Er schrieb zudem Drehbücher zu Fernsehspielen und zur Verfilmung seines Romans Nordkurve und veröffentlichte Buchbesprechungen, Glossen und Kurzgeschichten. Er war Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller VS, hielt Gastdozenturen an der Universität Essen und an der Internationalen Filmhochschule Köln und wurde 2003 Vizepräsident des deutschen P.E.N. und Writers-in-Exile-Beauftragter.



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