Am 12. Dezember wird der Westfälische Literaturpreis an die in Schwelm geborene Autorin Judith Kuckart verliehen.
In ihrer Begründung hebt die Jury hervor, Judith Kuckart verstehe es, historisch und politisch wichtige Themen durch fein gezeichnete Figurenkonstellationen auf außergewöhnliche und beeindruckende Weise für den Leser konkret erfahrbar und zugleich Körperlichkeit im literarischen Raum lebendig werden zu lassen.
Judith Kuckart stammt aus Schwelm, ist aber in der Welt zu Hause. Sie besitzt Wohnsitze in Berlin und Zürich und ist darüber hinaus, bedingt durch ihre Projekte, viel unterwegs. Im letzten Jahr war sie beispielsweise Stipendiatin in London und Essen. Der Aufenthalt in Essen hat ihr besonders zugesagt, „weil ich ja von hier komme“. Auf ihr Nomadenleben angesprochen, antwortete sie: „Also diese großartigen Städtenamen, London, Zürich und Berlin und so: das klingt alles ganz toll, aber ich bin auch ganz oft in Wuppertal und Gütersloh.“ Und demnächst in Nottbeck. Dort wird die Autorin am 12. Dezember den Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis entgegennehmen. Nach dem Margarete-Schrader-Preis der Uni Paderborn 2006, dem Literaturpreis Ruhr 2009 ist es der dritte Literaturpreis aus hiesigen Breiten für Judith Kuckart.
Im Rahmen des Video-Projekts „Ich schreibe, weil…“, das im Zusammenhang mit dem Nottbecker Museum für Westfälische Literatur realisiert wurde, gab Judith Kuckart im vergangenen Jahr bereitwillig Auskunft über ihr literarisches Schaffen. Unter anderem sagte sie: „Ich schreibe, weil ich Geld verdienen muss. Und: Ich schreibe, weil ich sterben muss.“ Wie die Autorin schildert, nehmen ihre Stoffe Besitz von ihr: „Es gibt, glaube ich, Geschichten, die sind so frei flottierende Teilchen und die warten eigentlich nur darauf, dass sie jemand erzählt. Und da ich ganz gerne erzähle, kommen die zu mir wahrscheinlich schneller als zu anderen Leuten.“
Diese Stoffe haben viel mit Selbst- vergewisserung zu tun. Einmal aus spezifisch weiblichem Blickwinkel, zum anderen in gesellschaftlich-kulturgeschichtlicher Hinsicht. Aus der Globalperspektive betrachtet, arbeitet die Autorin, Jahrzehnt für Jahrzehnt, Panoramen deutscher Mentalitätsgeschichte ab. „Das ist mir wichtig, vor allem in diesem Zeitraum, der kurz vor meiner Geburt liegt. Weil ich denke, in den 1950er Jahren war so viel in der Luft, was ich nicht mehr mitgekriegt habe. ich habe das Gefühl, – das mag auch eine Idealisierung sein –, dass da alles anders gerochen hat, die Farben anders ausgesehen haben, die Frauen andere Strümpfe anhatten, das Wetter heftiger war.“
Kuckarts Bücher sind kein leichter Lesestoff. Ihre Romane handeln vom Nationalsozialismus und der Shoah (Die schöne Frau, 1994; Lenas Liebe, 2002), vom Terrorismus (Wahl der Waffen, 1990) und von Traumata der deutschen Nachkriegsgeschichte (Kaiserstraße, 2006), um nur einige Aspekte zu benennen. Gespiegelt werden diese Themen in gebrochenen Persönlichkeiten, die oft an ihren Sehnsüchten scheitern. Es geht um gestörte Beziehungen, verletzte Gefühle, misslungenes Leben, zärtliche und gewaltsame Berührungen – und letztlich um versäumte Liebe. Kuckarts Akteure sind ruhelose Existenzen, die in kaputten Welten leben und oft eine unerbittliche Bürde mit sich herumtragen oder an der Unfähigkeit scheitern, ihre Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Menschen sind, glauben wir der Autorin, oft getriebene Geschöpfe. Sie laufen vielleicht lebenslang einem Trugbild, einem Fetisch nach.
Auch stilistisch macht es die Autorin dem Leser nicht leicht. Sie erzählt filmisch, mit vielen Brüchen und Rückblenden. Die Handlung löst sich in eindringlichen Szenen und Bildern auf, denen eine starke sinnliche Emphase innewohnt. Judith Kuckarts Werke besitzen dabei einen ganz spezifischen „Ton“, der schon auf den ersten Seiten eines Romans oder einer Erzählung anklingt: ein starker Kompo- sitionswillen, gepaart mit einer Diktion, die auf der einen Seite oft spröde und lakonisch daherkommt, auf der anderen Seite mit überraschenden poetischen Wendungen und körperlich-sinnlichen Bildern operiert. Es sind diese Qualitäten ihrer Formulierungskunst, die neue, ungewöhnliche Perspektiven eröffnet.
Man darf also gespannt sein: auf Laudatio und Lesung anlässlich der Verleihung des Annette-von-Droste-Hülshoff-Preises an Judith Kuckart. Der Ort: Museum für Westfälische Literatur Kulturgut Haus Nottbeck. Die Zeit: Mittwoch, 12.12.2012 um 19 Uhr. Der Eintritt ist frei.
Walter Gödden
Judith Kuckart wurde in Schwelm bei Wuppertal geboren und lebt als Schriftstellerin und Regisseurin in Berlin und Zürich. Das Studium der Literatur- und Theaterwissenschaften in Köln und Berlin schloss sie mit einer Magisterarbeit über Else Lasker-Schüler ab. Zum Schreiben kam Judith Kuckart nicht in erster Linie über das Literaturstudium, sondern über Tanz und Theater. Nach dem Unterricht in klassischem Ballett und modernem Tanz in Düsseldorf und Essen und nach prägenden Theaterbesuchen bei Pina Bausch gründete sie mit vier Ensemblemitgliedern das Tanztheater Skoronel. Zusammen mit Jörg Aufenanger leitete Kuckart das Ensemble bis 1998. Oft in Koproduktion mit großen Theatern entstanden insgesamt 17 Produktionen, für die sie Stoffe und Choreografien entwickelte und später auch Libretti und Stücke schrieb, die sie selbst inszenierte. Seit der Auflösung von Skoronel arbeitet sie als freie Regisseurin, veröffentlicht seit ihrem Debüt Waffengang (1990) regelmäßig Romane und wurde mit zahlreichen Auszeichnungen und Stipendien geehrt.



[…] und Regisseurin mitwirkte. Seit Beginn der 1990er Jahre veröffentlicht sie regelmäßig Romane und Erzählungen – und wurde hierfür vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis […]