Was war!

Virtuoser Chronist seiner Zeit

Vor 127 Jahren, am 28. Oktober 1885, in Schermbeck geboren: Gustav Sack.

Expressionist, Einzelgänger, Frühverstorbener.

Mit diesen Schlagworten ist nur eine Annäherung möglich. Doch sie signalisieren bereits: Sack ist als Schriftsteller häufig nur am Rande beachtet worden; prominente Fürsprecher für seine Prosa gab es jedoch durchaus, u.a. Erich Maria Remarque, Thomas Mann und Theodor W. Adorno. Damit ist über Sacks Werk zwar noch kaum Näheres benannt, aber es zeigt eine mehr als bloß zeitweilige Wertschätzung an.

2010 wurde im Museum für Westfälische Literatur der Versuch unternommen, Gustav Sack mit Werk und Leben (und allen darin enthaltenen Spannungen und Widersprüchen) als einen zwar weitgehend vergessenen, aber nichtsdestotrotz spannenden Autor zu präsentieren. Seine kritischen Zeitdiagnosen der turbulenten Jahre vor und während des Ersten Weltkriegs, sein Hang zum Romantischen und Mythischen, der immer wieder von einem radikalen Skeptizismus gegenüber einer allzu direkten intellektuellen Zeitgenossenschaft aufgefangen wurde – all das spielt in den drei großen Romanen (der letzte blieb Fragment), auch in der Lyrik Sacks und seinen späten Kriegsnovellen zusammen.Der postume publizistische Erfolg seines Romandebüts Ein verbummelter Student ist wohl eindeutiges Indiz dafür, dass Gustav Sacks hochpeitschende Sprache, die kühne, enttabui- sierte Figurenzeichnung sowie die im produktiven Sinne dilettantische Deregulierung konformer Erzählweisen die Fragen und Krisen der Zeit seismographisch erfasst hatten. Die nicht geringe Dosis an Leidenschaft, Erotik, Rausch und Todesnähe wird sicherlich auch zur Beliebtheit des Romans beigetragen haben…

Wie ließe sich Gustav Sack noch besser charakterisieren? In seinem Tagebuch findet sich folgende, durchaus mit Selbstironie verfasste Selbstbeschreibung:

Ich bin nun 25 Jahre, meine Beine haben eine kleine Neigung, ein O zu bilden, Bauch ist zu stark gewölbt, die Hände zu groß, insbesondere der Ballen zu stark, der Hals zu dünn, zwar nicht dünner als bei andern, eher stärker, aber durch unsere verfluchte Kragenmode eingeengt, das Kinn zu klein, die Ohren viel zu lang, das rechte gut, da auf der Mensur die Spitze flöten ging, die Nase zu klein, Augen zu klein und zu tiefliegend, dadurch Backenknochen zu vorstehend, zu viel Schmisse, Stirn gut, Haar etwas besser als gewöhnlich, Neigung zur Schorfbildung. Kleine Zehe zu klein, Zähne leidlich, nur zu tabakgelb. Fingernägel erträglich, nur der am rechten Daumen nicht, da er der vierte ist. Gang zu hastig, Wesen linkisch – doch nicht immer. Mund gut, müßte viel mehr geküßt werden. Phantasie verrückt und nicht wenig eitel, Intellekt unruhig, zuweilen scharf, ohne jede Ausdauer, Willen überhaupt nicht vorhanden. Mut aber da, wenigstens, wenn es andere oder ich sehen, Geist zu beeinflussen, besonders durch Freundlichkeit, leicht gekränkt, im höchsten Grade mißtrauisch, hier im Dorf beneidet – worum? –, draußen meistens beliebt, weil gut zu brauchen am Biertisch – Stimmung meistens verteufelt. Liebhaber von Geld, Wein, Mädchen, Tabak, Säbeln und Pistolen, Kaltem Braten, Starkem Kaffee, Äpfeln und Walnüssen, Reisen, Baden, Scharteken, wie selbstgemachte Pfeifenköpfen, Aschenbechern etc., Versteinerungen, Planzen und Blumen, Büchern weniger, Musik und Mädchen und Wein und Geld, Geld, Geld, um es mit vollen Händen zu zerstreuen, Küsse und Wein und lustige Freunde mir einzutauschen, lustig zu leben und lustig zu sterben.

Zur Ausstellung „Gustav Sack – Ein verbummelter Student“ erschien 2010 ein materialreich aufgemachter Ausstellungskatalog; 2011 folgte die Herausgabe seiner Gesammelten Werke.

Arnold Maxwill

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