„Mit der apodiktischen Gewißheit, dass keiner unserer Verlegernarren es druckt.“
Austellung: Gustav Sack – Ein ver
bummelter Student. Enfant terrible und Mythos der Moderne im Museum für westfälische Literatur in Nottbeck“.
Nachlässe von Dichtern wie Gustav Sack sind weltvergessen und trotzen dem literarischen Tagesbetrieb. Fast ein Frevel, solch lichtempfindliche Wesen ihre Einsamkeit zu rauben, nur um sie fremden, flüchtigen Blicken auszusetzen. Das Museum für Westfälische Literatur verwandelte sich deshalb anlässlich seiner großen Gustav-Sack Retrospektive in ein begehbares Archiv – der packpapiernen Innenwelt eines großen hölzernen Überseekoffers, dem ursprünglichen Aufbewahrungsortes des Nachlasses, nachempfunden. Hier sind sie nun versammelt, Sacks Skizzen, Manuskripte und Briefe. So, als hätte sie der Dichter gerade dort verstaut, um – zeitlebens blieb ihm das versagt – irgendwann doch noch mal einen Verleger für sie zu finden.
Sein früher Tod im Winter 1916 auf den Schlachtfeldern Rumänien hatte dies verhindert. Und natürlich der tragische Misserfolg zu Lebzeiten. In einer aufwühlenden Rezension über Sacks postume Werke stilisierte Erich Maria Remarque Sack als Inbild des verkannten künstlerischen Genius: „Die großen Werke wurden abgelehnt. Tränen würgen einem die Kehle, wenn man es hört. Hunger, Ablehnung, Verkanntwerden, Selbstqual, Spott – hört denn dieser Weg des Künstlers nie auf?“
Remarque war nicht der einzige, der Sacks Leben und Werk als Audruck kraftgenialischen Außenseitertums verklärte: Für Richard Dehmel war er ein „Dichter vom Geschlecht Jean Pauls“, der Feuilletonist Hans Harbeck beschwor ihn als „großen Sohn der Einsamkeit“ und der Expressionist Franz Theodor Csokor verglich ihn mit Georg Büchner. Wild, entfesselt und rücksichtslos schrieb und lebte Sack wirklich, ein radikaler Grenzgänger – wie die literarischen Nachrufer zu Recht beteuern: Als Verfasser „schwarzer“, sprachmächtig-monströser Romane , als Draufgänger, Schnorrer und empfindsam Liebender, später dann als Deserteur und „Vaterlandsverräter“, und noch später als verzweifelter Weltkriegssoldat. Literatur verstand er immer als Ventil, als Katalysator für unstete, verzweifelte Existenzen.
Schon Sacks Romandebut „Ein verbummelter Student“ – 1909 nach gescheitertem Studium in der elterlichen Dachkammer verfasst – war so etwas wie ein literarischer Zornausbruch, stilistisch ganz eigene Horizonte erkundend. Endlose Tiraden gegen Wissenschaft und Gesellschaft, Gott und die Welt verschmolz Sack mit rauschhaft surrealen Schilderungen der niederrheinischen Landschaft. Der Romanheld Erich ist aus dem Fleisch des Autors geschnitten, ein sinnsuchender Skeptiker, ein Doktor Faustus des frühen Industriezeitalters, der in seitenfüllenden Monologen und phantastisch anmutenden Zwiegesprächen mit einer blauen Blume der Romantik die Paradoxien menschlicher Erfahrung verhandelt.
Verleger wie Albert Langen schreckten vor Sacks monströsem Cocktail aus avantgardistischem Reflexionsirrsinn und märchenhaften Romantizismus zurück. Zu philosophisch hieß es im Ablehnungsschreiben. Doch Sack ließ sich nicht beirren und schrieb seinen literarischen Existenzialismus fort. Der Erzähler des zweiten Romans, „Ein Namenloser“, charakterisiert sich als „Höhlengrübeltier“ und monologisiert in Endlosschleifen – hypermoderne Stilmittel wie den Stream of Consciousness inkludierend – über die Sinnlosigkeit des Daseins in einer entzauberten Moderne.
Um der Enge der Provinz zu entfliehen, zog Sack 1913 mit seiner großen Liebe Paula Harbeck nach München. Der erhoffte literarische Erfolg wollte sich auch hier nicht einstellen. Der großstädtisch ironische Lebensstil der Münchener Boheme bleibt ihm fremd. Allen Enttäuschungen zum Trotz folgte im Herbst 1913 die Arbeit an „Paralyse“, einem Roman über den Wahnsinn. Bar aller Zweifel über die Qualität des Werks brüstete er sich nun mit der Radikalität von Stoff und Form, eingedenk der „apodiktischen Gewißheit, dass keiner unserer Verlegernarren es druckt“.
Sacks persönliche Misere war ein harmloses lebensgeschichtliches Vorspiel gegenüber dem, was 1914 mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs folgen sollte. Auf einer Recherchereise ins Schweizer Hochgebirge wurde der Autor vom Kriegsausbruch überrascht. Wie wenige andere Literaten blieb er seinem anarchischen Individualismus treu und verweigerte sich als Fahnenflüchtiger der deutschen Kriegshysterie. Eines der frühesten Antikriegsdramen, „Der Refraktär“, entstand, in dem Sack seine marternden Sinnfragen im Schatten des Weltkriegs aktualisiert. Von Abschiebung bedroht, ließ sich Sack amnestieren und wurde an die Westfront versetzt.
Sack wurde zum Chronisten eines Alltags aus „Regen, Dreck, Hunger, Schlaflosigkeit“ und Tod. In seinen letzten Novellen weicht der nietzeanisch-elitäre Ton seiner Romane einer zarten, einfühlenden Empathie mit dem Leben und Sterben einfacher Menschen. Für Erich Mühsam stand fest, dass aus Sack ein großer Humanist geworden wäre. Dem kam aber sein Tod zuvor; am 5. Dezember 1916 starb Gustav Sack in Finta Mare, Rumänien.
Die Modernität dieses Autors fußt auf seinem radikal-existentialistischen Subjektivismus. Er könne nicht anders schreiben, sagte er einmal. Im Literaturbetrieb hatte es ein Außenseiter wie er naturgemäß schwer, passte in keine Schublade. Und dann war da noch die Bürde der Herkunft: Aus Schermbeck, einem ruhrgebietsnahen Bauerndorf, stammte er; den Gepflogenheiten des zeitgenössischen literarischen Betriebs stand er immer fremd gegenüber. Dem blitzartigen Erfolg seines Werks und sein Aufstieg zum Kultautor in der Weimarer Republik folgte ein rasches Vergessen. Bis Alfred Soergel ihn 1925 in seiner „Geschichte des Expressionismus“ würdigte. Kein anderer habe wie er den nihilistischen Zeitgeist eingefangen. Dann wurde es trotz unermüdlicher Lobbyarbeit seiner Gattin Paula Sack still um den Autor.
Die Nottbecker Ausstellung führt den Besucher mithilfe eines Zeitstrahls durch die verschiedenen durch Nachlassobjekte illustrierten Lebensphasen des Dichters: von seiner Schermbecker Kindheit und Jugend über sein literarisches Intermezzo in München bis zu seinem Tod auf den Schlachtfeldern des Weltkriegs. Die zum ersten Mal in der Ausstellung präsentierten Tagebücher, Werkskizzen und Zeichnungen zeigen, wie intensiv Sack seine eigene Situation – ob als „verbummelter“ sinnsuchender Student oder als verfolgter Refraktär – verstofflichte. Tragisch waren die einzelnen Lebensabschnitte eigentlich immer.
Die Ausstellung belegt: Gustav Sack ist ein Fall für jeden, der sich mit seiner Zeit beschäftigt, sei es literarisch, historisch oder mentalitätsgeschichtlich. Der 125. Geburtstag des so eminent spannenden Dichters war deshalb ein Ansporn, ihn wieder im Kanon der Nordrheinwestfälischen Literaturgeschichte zu verankern. Die Ausstellung wird vom 14. April bis zum 22 Mai 2011 im Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf gezeigt. Ein umfangreicher Katalog mit Aufsätzen zu Biografie und Werk ist im Aisthesis-Verlag erschienen. 2011 plant die Literaturkommission für Westfalen eine neue Gustav Sack Werkausgabe.



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