Bücher

„Regelmäßig kleinere Wunder“

Cover Jägersberg zehn Pferde

Otto Jägersberg überrascht nach mehrjähriger Veröffentlichungsabstinenz mit einem neuen Gedichtband.

Andere schreiben eine mehrere hundert Seiten dicke Biografie. Nicht so Otto Jägersberg, denn – so wird er vielleicht gedacht haben –, es geht doch auch anders. Sagen wir’s lieber in Versen. Nun liegt „Keine zehn Pferde“, sein erster Lyrikband seit 1985, vor. Bestens und üppig ausgestattet,122 Gedichte auf rund 200 Seiten, erschienen im renommierten Diogenes-Verlag, einer firstclass-Adresse für Literatur also.

Und worum geht’s? Der Autor bietet ein breites Panorama all dessen, was ihn umtreibt und bewegt. „Wo blieb Otto Jägersberg“, fragte schon 1979 Jürgen Lodemann in der ZEIT. Hier erhält er eine späte Antwort. Denn im Mittelpunkt der Gedichtsammlung steht Jägersbergs „ganz normaler“ Alltag mit allem, was dazugehört – kleine Freuden, Widrigkeiten, Stimmungen, die mal hierhin, mal dorthin auspendeln. Jägersberg spricht also bevorzugt über das, was gemeinhin literarisch verpönt ist: die eigene Befindlichkeit.

Alles kann zum Gegenstand eines Gedichts werden, sagt er uns durch die Blume. Der Blick aus dem Fenster seiner Baden-Badener Wohnung zum Beispiel. Der Ärger über eine schlechte „Tatort“-Folge. Der Diebstahl seines Fahrrads. Oder der Gang zum Arzt, der ihm partout kein Potenzmittel verschreiben will. Genussgifte sind ihm, auch das verrät er, inzwischen strikt untersagt. Es quält ihn, mitansehen zu müssen, wie ihm der Autor Arnold Stadler eine „Montecristo Especial“ vorqualmt („Er raucht / Ich nicht / Er darf / ich nicht“). Er bilanziert: „Ein halbes Jahrhundert / Geraucht wie ein Türke / Getrunken wie nur einer / Herz im Eimer / Aber mit Amiodaron läufts / Wie als wär nix // Früher wär ich jetzt längst tot“.

Kurzum: Hier präsentiert sich ein Autor ungeschminkt, privat und mit einer so entwaffnenden Offenheit, als wolle er sagen, dass das ganze Bemühen um Versakrobatik irgendwann nicht mehr ist als Pose, Tand und Flitter. Der Alltag überlagert doch alles. Und da gibt es nichts zu beschönigen und erst recht nichts zu idealisieren.

Doch es gibt ja „Trost, in all dem Jammer“ (um die Droste zu zitieren, die Jägersberg genauestens gelesen hat). Es gibt gelegentliche „göttliche Tage“, Streifzüge durch die Natur, die sich plötzlich als überraschend vollkommen präsentiert. Und es gibt natürlich die Literatur, bevorzugt nächtliche Lektüren, die für Entschädigung sorgen. Jägersberg liest, wie wir erschließen können, die Literaturgeschichte bevorzugt quer und gegen den Strich. Er pickt sich heraus, was ihm merkwürdig, kurios und sonderbar erscheint. Das reicht bis in den Bereich des Politischen hinein und weist den Autor als skeptischen, kritischen Zeitgenossen aus.

Überhaupt ist man vor Überraschungen nicht gefeit. Beim Anprobieren eines Second-Hand-Mantels freut sich das lyrische Ich, wie tadellos ihm das Modell passt. Doch dann findet er in der Manteltasche eine Hakenkreuzbinde und ist erschreckt: „Wie er passte / der Mantel / wie angegossen.“ An anderer Stelle sinniert der Autor über die Entwicklung der Feinstrumpfhose, die auf eine Anordnung Adolf Hitlers zurückgeht.

Viele Verse sind Mitbringsel von unterwegs. Überhaupt ist das Unterwegssein eine Lieblingsbeschäftigung des Autors. Ebenso wie das Wandern, Pilzesammeln und Fahrradfahren. Immer dabei: die Kladde für Beobachtungen und Notizen: „es ist ein gutes gefühl / Mit einem gedicht in der hosentasche // Man kanns rausziehen / Lesen // Man kanns drinlassen / Bewahren // Gut versorgt / Mit wort und weise in der tasche“.

So lässt uns der Autor teilhaben an seinen Reflexionen, Gedankenspaziergängen und Erinnerungen. Existentielles steht neben Besinnlichem, Heiteres neben berührenden Tönen – grad’ so, wie es kommt. Alles ist bunt durcheinander gemischt, ohne aufgestülpten Kunstzwang, ohne ambitioniert ausgestellten ästhetischen Anspruch. Manchmal zoomt der Autor so nah an Gegenstände heran, dass sie fast fremd und unwirklich erscheinen. Daneben gibt es so etwas wie eine Sehnsuchtsperspektive (Weitwinkel) und schließlich Texte im komischen Gestus. Das Gedicht „Drei Brillen“ spricht diese Blickwinkel indirekt an:

Meine drei Brillen
immer da
wo sie nicht
hingehören

Es sollte so sein
dass sie einsatzbereit
auf dem Tisch liegen
für jede Entfernung
eine

Manchmal such ich herum
drei Brillen auf der Nase
wo ist der Tisch

Der Band „Keine zehn Pferde“ enthält zahlreiche Reminiszenzen an Kindheit und Jugend in der westfälischen Provinz. Gleich im Eingangsgedicht „Mit hohen Schuhen“ preist der Autor das elementare Bedürfnis, auch im gestandenen Mannesalter noch – wie als Kind – durch Matsch und Morast zu waten. Aber er lässt gleich wissen: „Ich bin nicht unterwegs / die Heimat zu loben.“ Seine Erinnerungen sind nicht nostalgisch verklärt, sondern lassen wiederholt die martialischen Seiten des dörflichen Landlebens anklingen.

Jägersbergs neue Gedichte lesen sich kurzweilig, weil der Autor den launigen Ton pflegt und ein Meister der Pointierung ist. Es sind oft Kleinigkeiten, die diese Gedichte so kostbar machen: Der genaue Blick fürs Detail, die stets originelle Perspektive, das Überraschende im Einerlei, die Mutwilligkeit bei der Stoffwahl.

Ob’s jeder mag? Dem Autor scheint’s schnuppe. Jägersberg war und ist Verweigerer aus Prinzip. Nach dem grandiosen Erfolg von „Weihrauch und Pumpernickel“ 1964 blieb er nicht auf der kommerziell einträglichen Spur, sondern wandte sich anderen Stoffen zu. Er ließ sich auch später nicht verbiegen, weder bei seiner Arbeit fürs Fernsehen, noch im Filmbetrieb. Aus dem „Literaturgetöse“ stieg er früh aus, offensichtlich, weil es ihn anödete. Heute widmet sich Jägersberg zudem der Malerei und der Collage- und Objektkunst. Seine dortigen hintersinnigen Quertreibereien haben viel mit seinem Schreiben zu tun. Auch mit den zehn Pferden, die dem vorliegenden Gedichtband ihren Namen gaben:

Keine zehn Pferde

Zwischen Kneipe und Lotterbett
zerren sie an dir rum
die zehn Pferde des Sprichworts
aber du weichst nicht
bis du die Füße voran
in die Kiste kommst
sicher vor Pferden

Otto Jägersberg:
Keine zehn Pferde. Gedichte, Diogenes 2015. 19,90€

Walter Gödden
(eine längere Fassung des Textes ist erschienen im Westfalenspiegel 04/2015)

Diskussion

Hinterlassen Sie einen Kommentar oder setzen Sie einen Trackback.

Kommentare abonnieren.

Bitte fair bleiben. Wir behalten uns vor, gegebenenfalls Kommentare zu löschen.

Sie können diese Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*Notwendige Angaben