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1-2-3 Miniaturen

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„Unsichtbare Übungen. 123 Phantasien“, das aktuelle Buch von Klaus Johannes Thies, führt auf kafkaeske Nebenwege.

Erster Eindruck: Ein schön aufgemachtes Buch. Endlich mal wieder ein schön aufgemachtes Buch. Auf dem Verlagsprospekt steht: „Lesen macht unsicher.“ Das passt bestens zu Klaus Johannes Thies‘ Band „Unsichtbare Übungen“, im Frühjahr dieses Jahres bei „Azur“ in Leipzig erschienen. Über Thies erfahren wir im Verlagsprospekt, dass er seit Mitte der 1980er Jahre an der perfekten Geschichte schreibe. Jeden Tag eine Seite, nicht mehr. Macht, wenn ich Adam Riese richtig verstanden habe, rund 10.000 Erzählminiaturen. Im Buch selbst lese ich dann etwas von einem Tagebuch. Also daher weht der Wind. Kein Tag ohne eine Zeile, wie schon Plinius wusste. Und das lesende Auge fällt auf Franz Kafka, der bei der Abfassung der Stories mit am Tisch gesessen haben könnte. Sind diese doch verstörend, surreal-verschroben und – eine Thies’sche Spezialität – voll frivoler Melancholie. Ein Buch vollkommen in seiner Art, vollkommen in seinem Autismus. Wir verfluchen den Autor, der einfach macht, was er will. Der uns 1000 Rätsel stellt, immer neue Mosaiksteinchen auswirft. Die dann nicht einmal zu einem, sondern zu ganz unterschiedlichen Puzzeln gehören. Wir verfluchen und bewundern ihn. Ob seiner Mutwilligkeit, seiner Chutzpe, seiner Offensivqualitäten (oft geht es um das Thema „Fußball“). Nicht sechs aus 39, nicht sechs aus 49, sondern 123 aus 10.000. Welch großer Wurf!

Walter Gödden

„Unsichtbare Übungen. 123 Phantasien“ bei der Edition Azur, 148 S., Broschur, 19,00 EUR

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