In der Reihe „roterfadenlyrik Edition Haus Nottbeck“ erhält die westfälische Gegenwartsdichtung mehrmals jährlich eine Präsentationsfläche zur Ausstellung ihrer Vielgestaltigkeit. Jetzt erscheint Siegfried J. Schmidts Gedichtband längst sind die Leitern von den Mauern weggerückt. Hier einige Auszüge:
für e. a. havelock
kann ein text sprechen?
dass wir uns der sprache bedienen müssen
um sprache zu verstehen
aber texte wurden zum sprechen gebracht
durch die wölbung des gaumens
durch die beweglichkeit der augen
wird die muse eingeführt
eine zusammenziehung von neun schwestern
im gedämpften widerhall ihres gesangs
der in uns allen
geheime saiten anschlägt
unterschiedslos
die einzige garantie
dass es die außenwelt noch gibt
dass man die sprache zum nachdenken braucht
die sprache ist stets prosa
ist angedenken oder erinnern
spricht immer ihre letzte zeile
zeitlose gegenwart
(S. 8)
für f. nietzsche
gedanken sind die schatten unserer empfindungen
immer dunkler leerer einfacher als diese
dein leben klingt dem menschen nicht in den ohren
o nachmittag meines lebens
zur stunde da alles licht stiller wird
meine vergangenheit brach ihre gräber
die welt selber ist ein kotiges ungeheuer und
aller guten dinge ursprung ist tausendfältig
staat heißt das kälteste aller kalten ungeheuer
und um krieg zu führen
muß man feind sein können
(wie als ob es zur zukunft
noch einen steg gäbe)
alle welt improvisiert ihren tag
das leben da ist ein
langer tod
und langeweile
jene unangenehme windstille der seele
(S. 12)
end gültig
wenn quelle dann mündung
wenn samen dann frucht
wenn abend dann morgen
wenn frühling dann winter
wenn jugend dann alter
wenn anfang dann ende
wenn ende dann anfang
in unserer welt
des denkens und redens
dagegen
könnnte alles auch anders sein
(S. 20)
wer wohnt in deinem fleisch
und sagt
er sei du
wer denkt in deinem hirn
und sagt
ich bins gewesen
wer rüttelt deine zunge
und sagt
ich habs gesagt
was fließt durch deine adern
und prahlt
ich bin dein leben
kennst du einen von all diesen?
(S. 28)
Beim diesjährigen LesArt.Festival Dortmund stellen einige Autoren dieser Reihe ihre Texte vor. S. J. Schmidt liest dabei im Rahmen des 16. Dortmunder Lyriktages, am 13.11.2014 ab 19.30 Uhr im literaturhaus.dortmund. Außerdem dabei sind: Angelika Janz und Marius Hulpe. Und es wird der Band von Jürgen Wiersch vorgestellt.
Ort: literaturhaus.dortmund, Neuer Graben 7
Eintritt: 7,00€
Siegfried J. Schmidt: längst sind die Leitern von den Mauern weggerückt. roterfadenlyrik Edition Haus Nottbeck. Oelde/Dortmund: vorsatz verlag. Gefördert von der Nyland-Stiftung, Köln. 32 Seiten. ISBN 978-3-943270-11-2. Preis: 5,00 Euro.




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