Lang ersehnt und herbeigefiebert: Freitag, der 13. Juni, Eröffnungstag des auf zwei Tage angelegten Tagebuchfestivals auf dem Kulturgut Haus Nottbeck – endlich! Vortragende Künstler, Musiker, Schauspieler, Autoren und Besucher trudelten bei bestem Festivalwetter ein und machten es sich auf dem idyllisch in Ostwestfalen gelegenem Landsitz gemütlich.
Ein Tagebuch (6–20) 6. Sinnkrisenhausen (26.05.2014) Das Erwartbare ist eingetreten, ich bin verloren im Tagebuchsein. Nicht in der Lage, nicht diszipliniert genug, um täglich Notizen zu machen. Dafür zu zweifelnd an dem, was ich hier mache: Ein öffentliches Tagebuch, dessen Inhalt ich von Vornherein für belanglos halte, weil ich gerade und derzeit meinen Belang (gibt […]
Ein Tagebuch (3–5) 3. Enten (18.05.2014) Eva und ich sitzen auf einer Treppe, es ist spät geworden. Sie wollte schon um Mitternacht nach Hause, aber wir sitzen immer noch in der Brooklyner Nacht (die in der Tat einen bemerkenswerten Mond anzubieten hat) und reden über Dinge, über die man normalerweise nicht nach kurzer Bekanntschaft redet. […]
Ein Tagebuch (2) 2. Angst und Bange am Stück (17.05.2014) Andy sagt: Ja, es ist tatsächlich so, als müsse man eine pflegebedürftige Person betreuen. Andy sagt: Die ganze Zeit fragt man sich, ob Martin gerade wieder Angst hat oder nicht. Andy sagt: Du bist wie diese Ziegenart (Anmerkung: Es handelt sich dabei um die sogenannte […]
Der Tagebuchbeauftragte legt los (1) Noch rund vier Wochen, dann ist es soweit. Erstmals findet – unter Kurator Tom Liwa – am 13. und 14. Juni auf dem Kulturgut Nottbeck ein Tagebuch-Festival statt. Renommierte Künstler wie Gisbert zu Knyphausen, Barbara Morgenstern, Cäthe, Tim Isfort, Tom Liwa, Thomas Hoeveler und die Band Messer widmen sich namhaften […]
August Stramm Brief an seine Frau Else Krafft 21. 3. 15 Frühlingsanfang! Sonntag! Sonne! Lerchen! Schüsse! Granaten! Flieger! Lehm! Halme! Gluten! Kühle! Man findet nicht mehr recht aus und ein! Lieb! Es ist eine seltsame Zeit. Schau ich übers Feld, so sehe ich grünen, wachsen, Hasen hupfen, Rebhühner streichen, Zwitschern, Singen, Jubilieren! Und dann pfeifen […]
August Stramm Brief an seine Frau Else Krafft 5. 3. 15 Nacht um mich! Ich sitze in einer Erdhöhle, kauere! Genannt Unterstand! Draußen klatschen die Kugeln und schleichen meine Patrouillen! Ich habe sie ermahnt: bringt mir einen tot oder lebendig! Ich muß auskundschaften, was für Truppen vor uns liegen! tot oder lebendig! […]
August Stramm Briefe an Nell und Herwarth Walden 30. 6. 15 Ihr Lieben Lieben. […] Urlaub gibt es nicht. Keine Möglichkeit. Und Krankheit heuchele ich nicht. Ich halte das eines deutschen Soldaten nicht für würdig. Und ein deutscher Dichter darf auch nicht fahnenflüchtig werden. Ihr kennt ja meine Auffassung. Ein Dichter kann wohl […]
August Stramm Kampfflur Glotzenschrecke Augen brocken wühles Feld Auf und nieder Nieder auf Brandet Sonne Steinet Sonne Und Verbrandet.
Paul Zech Brief an Stefan Zweig Nordfrankreich, den 12/7 1916 Mein lieber Freund, ich hatte nie geglaubt, daß die Hölle von Verdun noch zu überbieten gewesen wäre. Ich litt dort furchtbar. Nun es vorbei ist, darf es ausgesprochen werden. Aber nicht genug: nun sind wir an die Somme verschickt worden. Und hier ist alles gesteigert: […]
Paul Zech Genug … Genug! Belaubung sproßt … der Wald gilbt alt, aus blauem Licht wird weißes Wehn. Wir waren jung und sind schon kalt im rasenden Vorüberdrehn der Jahre zwischen Krieg und Krieg. Wir haben kein Einander mehr, der Alb, der unsern Schlaf bestieg, fraß unsere Seele mitleidleer, der Tag, der uns […]
Welche literarische Bedeutung kommt Paul Zech (1881–1946) zu? Paul Zechs literarisches Werk ist nur schwer greifbar. Bekannt wurde Zech vor allem durch seine Nachdichtungen aus dem Französischen von Werken Rimbauds und Villons. Viele kennen Kinskis Ich bin verrückt nach deinem Erdbeermund – das ist eine Nachdichtung Zechs. Daneben wird er als expressionistischer Arbeiterlyriker rezipiert. Aber […]