{"id":832,"date":"2012-03-27T13:25:38","date_gmt":"2012-03-27T12:25:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=832"},"modified":"2025-11-05T09:01:02","modified_gmt":"2025-11-05T08:01:02","slug":"832","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=832","title":{"rendered":"100 Dinge\/Das Mixtape"},"content":{"rendered":"<p><em> von Tobias Wimbauer<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Peter Probst hatte vorhin ein Photo auf seiner Facebookpinnwand. Darauf eine Musikkassette und\u00a0 ein Bleistift. Drunter stand: \u00bbunsere Kinder werden den Zusammenhang nie verstehen.\u00ab Und es entspann sich eine Diskussion dar\u00fcber, dass man sich ja noch nicht ganz alt f\u00fchlen m\u00fcsse, solange\u00a0 da \u00bbunsere Kinder\u00ab und nicht \u00bbunsere Enkel\u00ab stehe, und dass die Kinder erst recht verwirrt w\u00e4ren, wenn die Kassette \u00fcber den L\u00f6chern oben auch noch Tesastreifen aufweisen w\u00fcrde.<br \/>\nDas brachte mich darauf, dass ich von Mixtapes schreiben wollte. Doch erst noch eines zu dem Bleistift und der Kassette: Also, mit Kulis oder Stabilos ging das manuelle Spulen viel besser als\u00a0 mit Bleistiften. Die waren nach exzessivem Spulen irgendwann abgenuddelt, das war dann beim\u00a0 Draufrumkauen (ich bin ein alter Bleistiftkauer beim Schreiben oder Korrekturlesen) unangenehm, weil die Lackierung abbl\u00e4tterte. Und man immer (\u00bbpfff-t pfff-t\u00ab) die Lacksplitter ausspucken musste.<!--more--><br \/>\nGekaufte bespielte Kassetten hatten einen \u00dcberspielschutz, da war ein Loch oben rechts und eines oben links. Wenn das Loch offen war, konnte man auch im Suff radioh\u00f6renderweise auf den Kassettenrekorder fallen (das Abspielger\u00e4t wurde n\u00e4mlich paradoxerweise immer Rekorder\u00a0 genannt, obwohl man haupts\u00e4chlich abspielte und zwar auch aufnahm, aber eben weniger als dass\u00a0 man abspielte), und es passierte nichts. Man konnte aber die Kassettenl\u00f6cher oben abkleben und\u00a0 dann konnte man aufnehmen, man konnte astrein dr\u00fcberspielen, alles wurde 1:1 gel\u00f6scht und \u00fcberschrieben. Wie viele Sonntagabende sass ich am Rekorder, hatte eine abgeklebte Benjamin-Bl\u00fcmchen-Kassette drin, auf die Sekunde genau zurechtgespult, und h\u00f6rte die SWF3-Hitparade mit Elmi (doof wurde Elmar H\u00f6rig erst, als er ins Fernsehen kam) und Stephanie\u00a0 T\u00fccking. Und da\u00a0 kamen fabelhafte Sachen, die ich aufnahm. Die besten Mixtapes \u2013 die damals freilich noch nicht Mixtapes hiessen, sondern einfach \u00bbKassetten\u00ab \u2013 h\u00f6rte ich immer und immer wieder, und manche\u00a0 Lieder\u00a0 waren\u00a0 unterbrochen von Verkehrsnachrichten \u2013 Falschfahrer f\u00fcr die Ewigkeit.<br \/>\nEinmal waren wir auch in der Hitparade. Man rief da ja an und sagte Interpret und Titel und das wurde irgendwie gez\u00e4hlt und ausgewertet. Mit meinem damals besten Freund Jon stieg ich immer\u00a0 mal wieder in das historische Taufbecken vor der Kirche, in das die ausw\u00e4rtigen Pilger die Spendegroschen warfen, und wir r\u00e4umten das Kleingeld aus. Davon kauften wir Eis oder Schokolade im \u00bbR\u00f6ssle\u00ab, so hiess die Dorfpinte in St. Ulrich im Schwarzwald s\u00fcdlich von Freiburg. Und damit konnten wir ganz oft von der Telefonzelle aus in Baden-Baden anrufen und einen v\u00f6llig abwegigen B-Side-Titel von Elvis f\u00fcr eine Sendung in die Top-50 w\u00e4hlen. \u00bbDa hat sich aber einer\u00a0 angestrengt\u00ab, sagte Elmi in der Anmoderation.<br \/>\n\u00dcberhaupt die Telephonzelle. Die stand mitten in St. Ulrich. Sonst gab es ja nichts. Jon und ich haben da recht viel Schindluder mit getrieben. Da hingen diese riesigen dicken Telephonb\u00fccher in einem Schwenkst\u00e4nder. Da konnte man seinen Pimmel mitten zwischen die Seiten halten und\u00a0 losstrullen und es tropfte nicht runter, weil das viele Papier sofort alles aufsog. Wenn man das zwei-, dreimal gemacht hatte, waren die Telephonb\u00fccher doppelt so dick wie vorher\u00a0 und sie hingen nicht mehr gerade, sondern kegelf\u00f6rmig. Wir wussten ganz genau, wann die neuen Telephonb\u00fccher rauskamen und aufgeh\u00e4ngt wurden, und dann wussten wir, was wir zu tun hatten.<br \/>\nMit dieser Telephonzelle konnte man auch noch ganz andere Sachen machen, aber lassen wir das besser. Ich habe in dieser Telephonzelle auch das erste Mal eine Zigarette geraucht und bin halb verreckt vor Husten, aber das war egal, denn Coolness z\u00e4hlte nicht in Sankt Ulrich, wir waren allein, es gab ja nur alte Leute in dem Dorf. In der einen Strasse gab\u2019s zwar gleichaltrige M\u00e4dels, aber die waren komisch, die T\u00f6chter von Professor O. und von der Familie J., wo die Mutter immer\u00a0 diese riesigen Basthausschuhe anhatte. Die T\u00f6chter zogen sich gern bei vollem Licht abends aus und um. Als wir das wussten, hatten wir unsern sp\u00e4tabendlichen Sitzplatz auf der Kuhwiese von Bauer G. mit ausgezeichneter Sicht auf ihr Schlafzimmer.<br \/>\nIn einem Winter zogen wir von Haus zu Haus, schaufelten den Schnee in den Einfahrten weg und\u00a0 klingelten dann und lobten unser Wegschaufeln, und wenn wir Gl\u00fcck hatten, bekamen wir f\u00fcnf Mark daf\u00fcr. Da war so viel Schnee, dass wir G\u00e4nge graben konnten auf der Wiese vom\u00a0 Nachbarbauern. Wir haben auch Dinge aus den Vorg\u00e4rten geklaut, die wir beim Gemeindediener abgaben als Fundsachen. Der lobte uns als brave und vorbildliche Jungs und gab uns Schokolade oder ein Markst\u00fcck, und im n\u00e4chsten Gemeindebl\u00e4ttle stand die Fundsache dann drin, fand also rasch wieder heim.<\/p>\n<p>Mirko Kussin | Tobias Wimbauer: Hundert Dinge.<br \/>\nHagen-Berchum: Eisenhut Verlag, 2012, 144 Seiten,<\/p>\n<p>ISBN 978-3-942090-20-9, Br., 14,90 \u20ac (= Bibliotope, Band 9)<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D832&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Tobias Wimbauer Peter Probst hatte vorhin ein Photo auf seiner Facebookpinnwand. Darauf eine Musikkassette und\u00a0 ein Bleistift. 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