{"id":801,"date":"2012-02-01T10:03:47","date_gmt":"2012-02-01T09:03:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=801"},"modified":"2025-11-05T09:00:21","modified_gmt":"2025-11-05T08:00:21","slug":"was-man-weis-was-man-wissen-sollte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=801","title":{"rendered":"Was man wei\u00df, was man wissen sollte"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Roland E. Kochs Roman \u00fcber Kardinal von Galen provoziert, aber polemisiert nicht. <\/strong>Die westf\u00e4lische Literatur ist nicht gerade reich an Literaturskandalen. Wir erinnern uns: 1956 probten in Schmallenberg junge Rebellen um Hans Dieter Schwarze und Paul Schall\u00fcck den Aufstand gegen die etablierten, vielfach NS-infizierten Heimatdichter und fragten: Darf\/kann\/soll es nicht auch in Westfalen eine andere Literatur geben als schwerbl\u00fctige Bauerndichtung? Im Jahr darauf brachen St\u00fcrme der Entr\u00fcstung los, als der moderne, aber &#8222;unwestf\u00e4lische&#8220; Ernst Meister mit dem westf\u00e4lischen Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Ende der 1970 Jahre emp\u00f6rte Josef Redings &#8222;Krippenrede&#8220; viele Leser. Der als blasphemisch gebrandmarkte Text wurde in \u00fcber zwanzig Periodika abgedruckt und gab Stoff f\u00fcr eine ganze Dokumentation des &#8222;Falls&#8220; ab (Josef Reding: Krippenrede f\u00fcr die 70er Jahre. Skandal um ein Gedicht. Neukirchen: Neukirchener Verlag 1978). Das war&#8217;s aber dann auch schon mit Aufruhr und Entr\u00fcstung. Die westf\u00e4lische Literatur bewegt(e) sich in eher ruhigem Fahrwasser. Im letzten Herbst sorgte jedoch ein Roman \u00fcber Kardinal von Galen f\u00fcr Z\u00fcndstoff. In &#8222;Dinge, die ich von ihm wei\u00df&#8220; unterstellt der Hagener Autor Roland E. Koch dem selig gesprochenen M\u00fcnsterer Bischof eine Liaison mit seiner Haush\u00e4lterin und ein Kind, das aus dieser Verbindung hervorging. Dass diese &#8222;Ungeheuerlichkeit&#8220; in M\u00fcnster f\u00fcr Furore sorgen w\u00fcrde, war leicht auszurechnen. Und so kam es denn auch: Der Bischof rief zum Boykott auf, das Buch verschwand aus den Auslagen der M\u00fcnsterschen Buchhandlungen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Liebschaft des geistigen W\u00fcrdentr\u00e4gers ist jedoch nur eine Seite des Buchs. Eine andere ist: Von Galen wird durch Kochs Ann\u00e4herung menschlich greifbar, zu einer Person aus Fleisch und Blut, mit St\u00e4rken, Schw\u00e4chen, Selbstzweifeln. Auch wird das geistige Klima der NS-Zeit an einem Fallbeispiel nachvollziehbar. Hierf\u00fcr waren viele Leser dem Autor dankbar. Kochs Lesungen aus dem Buch trafen in M\u00fcnster \u00fcberwiegend auf Zustimmung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Inzwischen haben sich die Wogen wieder gegl\u00e4ttet, die Emp\u00f6rung scheint abgek\u00fchlt. Eine gute Gelegenheit, ein halbes Jahr nach Erscheinen des Buches Bilanz zu ziehen. Aus diesem Grund lud das Museum f\u00fcr Westf\u00e4lische Literatur Koch zum Abschluss seiner Lesetournee nach Nottbeck ein. Erneut wurde kontrovers und teilweise hochemotional diskutiert. Zur Sprache kamen Fragen wie: Darf ein Autor Realit\u00e4t und Fiktion auf diese Weise vermengen und muss er dabei so weit gehen? Darf er in Kauf nehmen, dass ehrbare religi\u00f6se Gef\u00fchle verletzt werden? Braucht ein Buch heutzutage einen &#8222;Skandal&#8220;, um wahrgenommen zu werden. Spielte die Kritik am Buch dem Autor nicht wunderbar in die Karten? Oder, weniger erfolgs- und verkaufsstrategisch gedacht: Birgt die Form des Romans nicht gute M\u00f6glichkeiten, eine historische Person einmal auf ganz andere Weise wahrzunehmen? Die gegenseitigen und oft unvers\u00f6hnlichen Positionen wurden noch einmal deutlich. Mit dem Ergebnis, dass sich letztlich jeder Leser sein eigenes Urteil \u00fcber Kochs Roman bilden muss. Der Autor hatte das Streitgespr\u00e4ch ausdr\u00fccklich begr\u00fc\u00dft. Es geh\u00f6rt in gewisser Hinsicht zu seinem Buch mit dazu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit der Einladung Kochs kn\u00fcpfte das Museum an die oben skizzierte Tradition des Dialogs an. Manche Dinge m\u00fcssen einfach auf den Tisch, man muss \u00fcber sie reden. Literatur kann \u2013 im besten Sinne \u2013 zum produktiven Diskurs anregen \u2013 beim Schmallenberger Dichterstreit war das der Fall und bei den Diskussionen \u00fcber Ernst Meister oder Redings &#8222;Krippenrede&#8220; war es nicht anders.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Walter G\u00f6dden<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D801&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roland E. Kochs Roman \u00fcber Kardinal von Galen provoziert, aber polemisiert nicht. Die westf\u00e4lische Literatur ist nicht gerade reich an Literaturskandalen. 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