{"id":773,"date":"2012-01-06T16:21:36","date_gmt":"2012-01-06T15:21:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=773"},"modified":"2025-11-04T15:50:34","modified_gmt":"2025-11-04T14:50:34","slug":"life-on-mars-fur-kinderseelen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=773","title":{"rendered":"Life on Mars f\u00fcr Kinderseelen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">All denjenigen, die auch heute noch beim Stichwort \u201eWeihnachtsserie\u201c in Erinnerungen an gl\u00fccklichere Kindheitstage schwelgen, sei kurz nach den Feiertagen eine Neu-Edition der Verfilmung der<strong> \u201eVorstadtkrokodile\u201c <\/strong>von<strong> Max von der Gr\u00fcn<\/strong> ans Herz gelegt. Die Erstausstrahlung flimmerte 1977 \u00fcber die Bildschirme.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Grau der von der Gr\u00fcn\u2019schen Staublungenliteratur ist in \u201eVorstadtkrokodile\u201c dem \u201eMulticolor\u201c der Siebziger Jahre gewichen. T-Shirts, Autos, Markisen leuchten so knallig Orange und Gr\u00fcn, als sei die Ruhrgebiets-Wirklichkeit vor dem Dreh mit fettesten Buntstiften ausgemalt worden. Die Handlung ist \u2013 wie von der Gr\u00fcns Vorlage \u2013 Jugendbuch-like: Die \u201eKrokodiler\u201c, eine Kinderbande, die einer k\u00e4stnerisch wirkenden Vorstadtsiedlung entstammt, erleben ein detektivisches Abenteuer im F\u00fcnf-Freunde-Stil. F\u00fcr alle Erinnerungsjunkies der Generation-Golf ist die Rahmenhandlung aber nebens\u00e4chlich. Schon den ersten Bildern haftet die Wirkung verbotener Substanzen an, unerbittlich werden die Nostalgie-Rezeptoren der Erinnerungszonen befallen. Nach nur wenigen Filmsekunden wird man \u00fcberw\u00e4ltigt und findet sich zur\u00fcckversetzt in die Zeit der gro\u00dfen Ferien, die im Film wie ein Life on Mars f\u00fcr leidgepr\u00fcfte Kinderseelen wirkt.<br \/>\nMan wohnt einer Kunst des produktiven Nichtstuns bei, die in ihrer dargebotenen Formvollendung nur Kindern eigen ist, und dessen Gl\u00fcckverhei\u00dfungen uns Erwachsene in tiefste Melancholie katapultiert. Die Zeit zieht sich wie Kaugummi, m\u00e4andert \u00e4hnlich ziellos wie die Handlungen der \u201eKrodiler\u201c, die in Schlangenlinien mit ihren R\u00e4dern durch die sommerliche Siedlung kurven oder beim Popeln gedankenverloren ihre Zeigefinger in den eigenen Nasenl\u00f6chern vergessen.<!--more--> Der Elternwelt \u2013 von der heutigen paternalistischen Sorgenkultur noch Lichtjahre entfernt \u2013 entziehen sich die \u201eKrokodiler\u201c wo und wann immer es geht. Computerspiele gibt es noch nicht. Im Konflikt befinden sich die abenteuerlustigen Kids mit \u201eb\u00f6sen\u201c erwachsenen Autorit\u00e4ten, die die letzten Reservate gelebter Kindheit \u2013 z.B. eine Baumh\u00fctte als Homebase der \u201eKrokodiler\u201c \u2013 zu kolonialisieren trachten. Gl\u00fccklicherweise erweist sich der Strukturwandel im Revier als Kindheitssegen: brachliegende Industrieareale er\u00f6ffnen immer neue R\u00fcckzugsorte vor den feindlichen Linien der Erwachsenenwelt.<br \/>\nDie Solidarisierung des Films mit der rotzn\u00e4sigen Haltung der Vorstadtkids, mit ihrem Hinwegsetzen \u00fcber Verbote und Konventionen, ging mit dem damaligen Zeitgeist konform. Ein bisschen Wehmut bef\u00e4llt einen schon, wie progressiv man einmal im \u00f6ffentlich-rechtlichen Kinderfilm-Sektor dachte. In den Hochzeiten freigeistiger Erziehungskultur, als man in Kinderl\u00e4den und auf Abenteuerspielpl\u00e4tzen Kinder zur Selbstverwirklichung ermunterte, verk\u00f6rpern die \u201eKrokodiler\u201c ein Beispiel f\u00fcr gelungene kindliche Selbstverwaltung. Tritt anf\u00e4nglich ein autokratischer Anf\u00fchrer das Banden-Ethos mit F\u00fc\u00dfen und verficht ein intolerantes und unmoralisches Regime, entwickeln sich alsbald progressive Gegenkr\u00e4fte. Nach einigen Konflikten n\u00e4hrt sich die Bandenpolitik schon bald der universalen Menschenrechtscharta und den Errungenschaften der heutigen \u201eAffirmative Action\u201c an. Behinderte werden integriert, Ausl\u00e4nderkids geduldet. Deutlich erkennt man die Handschrift Max von der Gr\u00fcns. Weil mit Wolfgang Becker ein altgedienter Krimispezialist und kein Sympathisant der Heimkinderbewegung regietechnisch am Werke war, dominiert am Schluss aber ein traditioneller Krimiplot, der die proletarisch-anarchistischen Selbstverwaltungsideale, deckelt. Zuletzt: Gewarnt sei vor den grauenvollen Folge-Verfilmungen des Stoffs, die von der Gr\u00fcns klassenspezifische und kritische Intentionen auf den Kopf stellen, indem sie die Story in ein Mittelklasse-Milieu verlegen. Die Vorstadtkrokodile. Das Original aus den 70ern. Fernsehverfilmung aus dem Jahr 1977. DVD mit Hintergrundmaterial, EUR 16.95, Artikelnummer: D 16051.<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D773&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>All denjenigen, die auch heute noch beim Stichwort \u201eWeihnachtsserie\u201c in Erinnerungen an gl\u00fccklichere Kindheitstage schwelgen, sei kurz nach den Feiertagen eine Neu-Edition der Verfilmung der \u201eVorstadtkrokodile\u201c von Max von der Gr\u00fcn ans Herz gelegt. Die Erstausstrahlung flimmerte 1977 \u00fcber die Bildschirme. 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