{"id":715,"date":"2011-11-12T13:00:31","date_gmt":"2011-11-12T12:00:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=715"},"modified":"2025-11-04T15:49:17","modified_gmt":"2025-11-04T14:49:17","slug":"715","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=715","title":{"rendered":"die geschichte der b\u00e4ume \/ die geschichte  der w\u00f6rter"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 1. November verstarb mit Siegfried Kessemeier ein Autor und Literaturfreund, der ma\u00dfgeblich an der Konzeption unseres Museum mitgewirkt hat. Sein Tod hinterl\u00e4sst eine bleibende L\u00fccke im westf\u00e4lischen Kulturleben. Es ist gerade einmal ein Jahr her, da hatten wir mit Siegfried Kessemeier ein Interview im Rahmen des Projekts \u201eIch schreibe weil&#8230;\u201c, in dem er auch von seinen aktuellen literarischen Pl\u00e4nen erz\u00e4hlte. Und das waren nicht wenige. Siegfried Kessemeier steckte immer voller Tatendrang, was auch mit seinen vielen (Neben-)-Berufen zu tun hat. Er war gelernter Publizist und Historiker, aber ebenso, wie er selbst sagte, \u201ebegeisterter Museumsmann\u201c und als solcher ein Freund der alten wie der modernen K\u00fcnste. Seine eigentliche Passion aber war die Literatur. Er gab drei eigene Gedichtsammlungen heraus, ist in zahllosen Anthologien vertreten und hatte keine Ber\u00fchrungs\u00e4ngste, mit jungen Jazzern zusammenzuarbeiten.<br \/>\nKessemeier war geradezu die Inkarnation eines homme de lettres.<!--more--><!--more--> Jemand, der fortw\u00e4hrend neue Lekt\u00fcrefr\u00fcchte auftat und eigene Eindr\u00fccke und Verse zu Papier brachte. Die Literatur war sein besonderes Lebenselixier: \u201eIch schreibe weil es ein Element meines Lebens ist, mich in Sprache auszudr\u00fccken\u201c, sagte er einmal, \u201eich k\u00f6nnte es nicht ungeschrieben lassen.\u201c Der Bleistift war sein st\u00e4ndiger Begleiter. Auch in Alltagssituationen entstanden Ideen und Skizzen f\u00fcr neue Texte: \u201cIch schreibe zwar nicht auf dem Fahrrad, aber ich mache Texte auf dem Fahrrad.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch als literarischer Vermittler erwarb sich Kessemeier gro\u00dfe Verdienste. Seine Hilfsbereitschaft war sprichw\u00f6rtlich. Der Verfasser dieser Zeilen kann dies aus eigener Erfahrung best\u00e4tigen. Bei der Konzeption des \u201eMuseums f\u00fcr Westf\u00e4lische Literatur\u201c leistete Kessemeier wertvolle Hilfestellungen. F\u00fcr ihn war so etwas eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Man konnte bei ihm anklopfen und sich sicher sein, dass ihm solche Anfragen nicht l\u00e4stig waren.<br \/>\nIm WESTFALENSPIEGEL erschienen 1969 seine ersten literarischen Texte. Sie waren kurz und knapp mit \u201eAcht Gedichte\u201c \u00fcberschrieben. Unpr\u00e4tenti\u00f6s war auch die Lyrik selbst. Kessemeiers Texte sind n\u00fcchtern, reduziert und lakonisch pointiert \u2013 ein Novum in der damaligen niederdeutschen Literaturszene, die eher vom harmlosen D\u00f6hnekes-Humor gepr\u00e4gt war. Neben Norbert Johannimloh war es Siegfried Kessemeier, der die niederdeutsche Sprache f\u00fcr die moderne westf\u00e4lische Literatur entdeckte. F\u00fcr J\u00fcrgen P. Wallmann z\u00e4hlte Kessemeier zu jenen Autoren, \u201edenen es gelungen ist, die Mundartdichtung vom Geruch nostalgischer Brauchtumspflege befreit und zum Bestandteil der literarischen Moderne gemacht zu haben.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kessemeier wandte sich dem Niederdeutschen zu, weil es, wie er sagte, \u201eeine literarisch unverbrauchte Sprache ist und weil sie in meiner Variante so klangvoll ist\u201c. Sp\u00e4ter trat die hochdeutsche Lyrik als gleichberechtigt hinzu. Die Themen- und Motivkreise aber blieben \u2013 Landschaft, Natur, Zeit, Verg\u00e4nglichkeit, die Auseinandersetzung mit Motiven aus der Bildenden Kunst. Paradigmatisch illustriert dies ein Text wie \u201eortschronik\u201c:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die geschichte der b\u00e4ume<br \/>\ndie geschichte der steine<br \/>\ndie geschichte der b\u00e4che<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die geschichte der stra\u00dfen<br \/>\ndie geschichte der h\u00e4user<br \/>\ndie geschichte der g\u00e4rten<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die geschichte der sommer<br \/>\ndie geschichte der herbste<br \/>\ndie geschichte der winter<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die geschichte der w\u00f6rter<br \/>\ndie geschichte der tr\u00e4ume<br \/>\ndie geschichte der tode<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die geschichte des kommens<br \/>\ndie geschichte des gehens<br \/>\ndie geschichte des vergessens<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn die westf\u00e4lische Mundartpoesie heute auch \u00fcberregional einen guten Klang hat, ist das ma\u00dfgeblich ein Verdienst Siegfried Kessemeiers. Die vielen Literaturpreise, die er erhielt, sprechen f\u00fcr sich. Hier sind unter anderem der Rottendorf-Preis, der Klaus-Groth-Preis, der Kulturpreis des Hochsauer- landkreises und der Wilhelmine-Siefkes-Preis zu nennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der nachfolgende Text Kessemeiers liest sich wie ein Verm\u00e4chtnis, wie ein Abschiedsgru\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">weg<br \/>\nhinweg<br \/>\nfliegt<br \/>\nder augenblick<br \/>\nzeit<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">jeder<br \/>\nhat seine<br \/>\nhandvoll<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">fest<br \/>\nzu halten<br \/>\nist nichts<br \/>\nals das<br \/>\nende<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">weg<br \/>\nhinweg<br \/>\nfliegt<br \/>\nder augenblick<br \/>\nzeit<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Walter G\u00f6dden<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D715&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 1. 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