{"id":704,"date":"2011-10-21T09:08:02","date_gmt":"2011-10-21T08:08:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=704"},"modified":"2025-11-04T15:48:24","modified_gmt":"2025-11-04T14:48:24","slug":"komm-ins-abenteuerland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=704","title":{"rendered":"Komm ins Abenteuerland"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Einst entsandte Grimmelshausen seinen Simplicissimus ins Reckenland Westfalen, um sich hier umzuschauen. Nun schl\u00fcpft der Poetry-Slammer Mischa-Sarim V\u00e9rollet in die Rolle eines bayerischen Aliens, um Westfalen mit neuem Blick kennen zu lernen.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leo ist Franke. Und hat einen sprechenden, st\u00f6rrischen Rucksack, Paul. Was er nicht mehr hat, ist Frida. Die hat ihm den Laufpass gegeben. Will eine Auszeit nehmen, weil\u2019s in der Beziehung kriselt. Aus ihrer Sicht. Leo sieht das ganz anders. Er will unbedingt mit Frida ein kl\u00e4rendes Gespr\u00e4ch f\u00fchren, das alles wieder ins rechte Lot r\u00fcckt. Doch Frida ist fort. Nicht im fernen Thailand, wohin ihre Flucht vor dem ungest\u00fcmen Leo zun\u00e4chst gehen sollte, sondern ausgerechnet in einer \u2013 f\u00fcr Franken \u2013 terra incognita: WESTFALEN. Und genau dorthin macht sich Leo auf, um Frida wieder in die Arme zu schlie\u00dfen. Doch er hat Pech. Immer kommt er einen Tick zu sp\u00e4t, um Frida zu erwischen. Wie Hase und Igel. Oder so \u00e4hnlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So ist Leo auf Manu, die gemeinsame Freundin, angewiesen. Sie versorgt ihn mit den aktuellen Koordinaten von Fridas jeweiligen Aufenthaltsorten. Und schwupps schultert Leo seinen Rucksack und nimmt die Witterung wieder auf, so blau\u00e4ugig wie einst Voltaires Candide, der nicht zuf\u00e4llig aus hiesigen Breiten stammt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So viel zur Rahmenhandlung. Die Binnengeschichte zeigt Leo The Conquerer. Er erobert Westfalen auf seine Weise: Erotisch (die Girls fliegen ihm nur so zu), kulinarisch (da hat es ihm vor allem die Currywurst angetan) und alkoholisch (bei seinem Beziehungsfrust l\u00e4sst er keine Biersorte und nichts Hochprozentiges aus).<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und da ist noch eine dritte Ebene, eine enzyklop\u00e4dische. Sie liefert \u2013 gestalterisch vom \u00fcbrigen Text abgehoben \u2013 die \u201ehard facts\u201c \u00fcber Land und Leute, f\u00fchrt Sehensw\u00fcrdigkeiten auf, bringt auch Statistik ins Spiel. Es kommen auch G\u00e4ste zu Wort, der Poetry Slammer Andy Strau\u00df beispielsweise, der seine Ausgehtipps und Lieblings Gourmet-Tempel aus M\u00fcnster verr\u00e4t. Auf \u00e4hnliche Weise werden auch die weiteren westf\u00e4lischen \u201eMetropolen\u201c Bielefeld, Dortmund, Paderborn und Bochum ins \u2013 vor allem \u2013 Night-Life-Licht ger\u00fcckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leo gef\u00e4llt es im \u201eLand der Schinken und W\u00fcrste\u201c ausgesprochen gut. Er schlie\u00dft schnell Bekanntschaften, wird \u00fcberall hin eingeladen, in eine quirlige WG zum Beispiel, zum Baden in der Ruhr. Er lernt Orte kennen, die ihn in Verz\u00fcckung geraten lassen \u2013 einmal abgesehen von den Bahnh\u00f6fen und Bahnhofsvorpl\u00e4tzen, die sich, so Leo, an H\u00e4sslichkeit gegenseitig \u00fcberbieten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leos Roadmovie f\u00fchrt ihn kreuz und quer durchs \u201eReckenland\u201c (um den Kart\u00e4userm\u00f6nch Werner Rolevinck aus dem 15. Jahrhundert zu zitieren) bzw. von Station to Station, wie einst David Bowie sang. Leo bereut seine Reise keine Minute. Auch wenn das Happy End mit Frida ausbleibt. Schlie\u00dflich ist da ja noch Ulli, eine seiner Reisebekanntschaften, mit der er sich eh besser versteht, die seine Roger-Cicero-Abneigung teilt und auch Verst\u00e4ndnis f\u00fcr seine Fu\u00dfball-Manie aufbringt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Schluss gibt\u2019s ein Res\u00fcmee \u201eWestfalen f\u00fcr Eilige\u201c und eine Art Ahnengalerie ber\u00fchmter Westfalen mit Annette von Droste-H\u00fclshoff auf der Pole Position. Und dann steht es schwarz auf wei\u00df auf Seite 246 unter \u201e10 Orte in Westfalen, die man unbedingt gesehen haben sollte\u201c: \u201eWestf\u00e4lisches Literaturmuseum (Oelde): Das Kulturgut Nottbeck bietet neben regelm\u00e4\u00dfigen Veranstaltungen und einer Dauerausstellung zur westf\u00e4lischen Literatur zudem ein wunderbares Setting f\u00fcr romantische Dates.\u201c Danke, das tut gut!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mischa-Sarim V\u00e9rollets \u201eWestfalen Heimatbuch\u201c ist in einer Reihe des Conbook-Verlags erschienen, in der bereits Reisef\u00fchrer zu Berlin, M\u00fcnchen, Ostfriesland, das Rheinland, Schwabenland und Wien herausgekommen sind. Die gew\u00e4hlte Form \u2013 Belletristik, vermischt mit dem Standardrepertoire \u00fcblicher Reisef\u00fchrer \u2013 ist originell und er\u00f6ffnet ebenso frische wie schr\u00e4ge Blicke auf eine Region, die man vermeintlich schon bestens zu kennen glaubte. V\u00e9rollet ist f\u00fcr so ein Unterfangen erste Wahl. Er schreibt unterhaltsam, leichtf\u00fc\u00dfig und spricht Leser seiner Generation (die twentysomethings) punktgenau an. Die unterhaltsamen Leo-Episoden sorgen jederzeit daf\u00fcr, dass das trockene Beiwerk (das erw\u00e4hnte Enzyklop\u00e4dische) nicht die Oberhand beh\u00e4lt. Er erz\u00e4hlt, was alles passieren kann, wenn man sich auf das Abenteuer Westfalen einl\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Paul aber, der sprechende Rucksack, zieht sich nach dem Westfalen-Trip auf sein Altenteil zur\u00fcck. Ihm reicht\u2019s. Time to settle down. Und was Leo angeht: Da war er sowie der Schlauere. \u201eNimm doch Ulli\u201c, hatte er ihm schon immer geraten. Doch Leo blieb st\u00f6rrisch. Er musste erst durchs westf\u00e4lische Fegefeuer, um die Wahrheit dieser Worte zu begreifen. H\u00e4tte er doch eher auf seinen Rucksack geh\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Walter G\u00f6dden<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D704&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einst entsandte Grimmelshausen seinen Simplicissimus ins Reckenland Westfalen, um sich hier umzuschauen. Nun schl\u00fcpft der Poetry-Slammer Mischa-Sarim V\u00e9rollet in die Rolle eines bayerischen Aliens, um Westfalen mit neuem Blick kennen zu lernen. Leo ist Franke. Und hat einen sprechenden, st\u00f6rrischen Rucksack, Paul. Was er nicht mehr hat, ist Frida. Die hat ihm den Laufpass gegeben. 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