{"id":699,"date":"2011-10-14T14:56:21","date_gmt":"2011-10-14T13:56:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=699"},"modified":"2025-12-15T12:55:15","modified_gmt":"2025-12-15T11:55:15","slug":"ortungsversuch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=699","title":{"rendered":"Ortungsversuch"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Beckumer_Berge\">Beckumer Berge<\/a>, Stromberger Schweiz. Erstaunlich, was das als so flach geltende M\u00fcnsterland topographisch und toponymisch so zu bieten hat. Sogar eine <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Burg_Stromberg\">H\u00f6henburg<\/a> gibt es hier ganz in der N\u00e4he von Haus Nottbeck, das mich zur Zeit f\u00fcr einige Tage beherbergt und mir einen Raum (und Gegend!) zum Schreiben bietet. Die h\u00f6chste Kuppe dieses Massivs befindet sich auf \u00fcbersichtlichen 174,4 m \u00fcber N.N. In unmittelbarer N\u00e4he meines Wohnortes Aachen liegt der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Vaalserberg\">Vaalserberg<\/a>, die h\u00f6chste Erhebung der Niederlande, mit 332,7 m \u00fcber N.N ist sie \u00e4hnlich \u00fcppig.[1] Dort treffen Belgien, die Niederlande und Deutschland aufeinander. In diesem Umfeld liegt meine, wie man landl\u00e4ufig sagen w\u00fcrde, \u2018zweite Heimat\u2019. Vor mehr als 12 Jahren bin ich dem Bindestrich NRWs (in entgegengesetzte Richtung) entlang dorthin umgezogen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn es soetwas wie eine zweite Heimat gibt, dann muss es auch eine erste geben. Ob die Ordnungszahl eine chronologische Angabe ist oder etwas \u00fcber die Priorit\u00e4ten aussagen soll, bleibt offen. Fast immer spricht man von Heimat in der Einzahl, sehr viel seltener hingegen von \u2018Heimaten\u2019. Vermutlich w\u00fcrde es das aber sehr viel eher treffen. Gerne &#8211; und nicht ganz ohne Koketterie &#8211; bezeichne ich mich als einen Exilwestfalen im Rheinland. F\u00fcr den indigenen Oecher, wie der Aachener sich selbst nennt, ist wohl auch kaum zu \u00fcberh\u00f6ren, wo ich wechkomme. Auch wenn sich nach \u00fcber einer Dekade Leben im Rheinland sprachlich einiges verschliffen und anderes eingeschlichen hat, l\u00e4sst sich nicht leugnen, dass ich den oecher Singsang h\u00f6chstens nachahmen kann, aber nicht spreche.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich spiele nur zu gern mit den Gegens\u00e4tzlichkeiten von Rheinl\u00e4ndern und Westfalen und dazu geh\u00f6ren: Mund- und Lebensart, Landschaft, Menschen, Mentalit\u00e4t, Sch\u00fctzenfest und Karneval und vor allen Dingen: Klischees. Doch ganz offenbar muss es ja Gr\u00fcnde daf\u00fcr geben, dass ich als \u2018bekennender Westfale\u2019 immer noch hier lebe. Die Gr\u00fcnde f\u00fcr den damaligen Umzug hierher sind vielf\u00e4ltig und vermutlich an dieser Stelle eher langweilig bis banal. Was mich bislang im Rheinland gehalten hat, ist vielleicht, neben den Freundschaften, die entstanden sind, und neben den vielen \u00e4sthetischen und historischen Reizen dieser Stadt, die zudem in unmittelbarer Grenzn\u00e4he gleich zweier L\u00e4nder liegt, sowohl eine gesunde Distanz zur \u2018ersten Heimat\u2019 als auch eine gewisse literarische Randlage.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beides erm\u00f6glicht eine Art Au\u00dfensicht, ja vielleicht sogar eine gewisse Draufsicht aus flacher H\u00f6he. Das Zentrum des dt. Literaturbetriebs ist Aachen sicherlich nicht<a href=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-admin\/post-new.php#_ftn2\">[2]<\/a><sup>. <\/sup>Ohnehin steht man als Lyriker eher nicht in diesem Zentrum &#8211; was man manchmal beklagt, oft genug aber auch zu sch\u00e4tzen wei\u00df. Die \u2018poetischen Zentren\u2019 sind vielmehr Berlin und Leipzig &#8211; hier ist nicht nur die Autorendichte hoch, hier sind auch relevante Verlage, Veranstalter, Institutionen, Zeitschriften, freie Initiativen usw. Doch weiter weg vom Westrand kann es fast nicht sein. Inmitten dieser Dichte w\u00fcrde ich, das ist meine Bef\u00fcrchtung, wahrscheinlich \u00dcberblick und Orientierung verlieren, vielleicht nicht gleich im w\u00f6rtlichen Sinne, aber vermutlich im Sinne der Literatur, des eigenen Schreibens. (Gelegentlich schaut man doch etwas neidisch hin\u00fcber und w\u00fcnscht sich, die dortigen Freunde und Bekannten \u00f6fter zu sehen und Veranstaltungen vor Ort besuchen zu k\u00f6nnen.) Diese Randlage l\u00e4sst mich tats\u00e4chlich ein wenig gelassener schreiben, ein wenig unaufgeregter wahrnehmen, was die Kolleginnen und Kollegen in der Ferne entwickeln,\u00a0 veranstalten und schreiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von einer Un\u00fcbersichtlichkeit Westfalens, der es zu fliehen gelte, kann man hingegen wohl kaum sprechen. Am verzweigtesten und dichtesten ist wohl der westf\u00e4lische Teil des Ruhrgebietes &#8211; an dessen \u00f6stlichem Rand wiederum, dort wo das Ruhrgebiet jenseits der Lippe ins M\u00fcnsterland \u00fcbergeht, in Hamm, bin ich geboren und aufgewachsen. Hier ist es \u00fcbersichtlich, zum Teil \u00fcberraschend weitl\u00e4ufig und gr\u00fcn. Dass ich von hier nach Abitur und Zivildienst weggezogen bin, hatte sicher auch etwas mit Abnabelung zu tun, mit Emanzipation. Vor allem aber bildet die neue, \u2018zweite\u2019 Heimat mittlerweile eine Art Kontrastfolie, die das Vertraute in ein anderes Licht taucht. Ein neues (oder sagen wir ein zumindest leicht verschobenes) Raster, durch das man auf die Heimatregion blickt und so Vieles deutlicher zu sehen imstande ist. Das ist auch und insbesondere literarisch, ja poetisch, \u00e4u\u00dferst produktiv. Erst aus dieser Perspektivverschiebung, dieser leichten \u00c4nderung des Blickwinkels haben sich mir Westfalen und das Ruhrgebiet als auch als poetische Topographien erschlossen, aus denen (und auf denen) Gedichte erwachsen k\u00f6nnen wie auf der begr\u00fcnten Abraumhalde einer l\u00e4ngst stillgelegten westf\u00e4lischen Zeche &#8211; oder: auf den Beckumer Bergen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Christoph Wenzel<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1979 in Hamm\/Westf. geboren, dort aufgewachsen; Studium der Germanistik und Anglistik; arbeitet als Autor, Verleger und Universit\u00e4tsangestellter in Aachen; gemeinsam mit Daniel Ketteler betreibt er den [SIC] \u2013 Literaturverlag<sup>, in dem neben Einzeltiteln auch die\u00a0 Literaturzeitschrift <em>[SIC]<\/em> erscheint; verschiedene literarische Auszeichnungen und Stpiendien; zahlreiche Ver\u00f6ffentlichungen in Zeitschriften (z.B. <em>Edit<\/em>, <em>Belletristik, Das Gedicht<\/em>, <em>intendenzen<\/em>, <em>mare<\/em>) und Anthologien (z.B. <em>Jahrbuch d. Lyrik<\/em>, <em>Lyrik von JETZT zwei<\/em>, <em>Neubuch,<\/em> <em>Quellenkunde<\/em>, <em>Der Deutsche Lyrikkalender<\/em>, <em>K\u00f6lner Kneipenbuch<\/em>). <\/sup><sup>2005 erschien der Lyrikband <em>zeit aus der karte<\/em> (Rimbaud Verlag), 2010 erschien der Band <em>tagebr\u00fcche<\/em> (yedermann Verlag).<\/sup><\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<hr size=\"1\" \/>\n<div>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-admin\/post-new.php#_ftnref1\"><sup><sup>[1]<\/sup><\/sup><\/a> Eigentlich m\u00fcsste es hei\u00dfen: die h\u00f6chste Erhebung des europ\u00e4ischen Teils der Niederlande, denn mit der Eingliederung der Niederl\u00e4ndischen Antillen im Oktober 2010 ist der 877 m hohe Vulkan Mount Scenery der h\u00f6chste niederl\u00e4ndische Berg.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-admin\/post-new.php#_ftnref2\"><sup><sup>[2]<\/sup><\/sup><\/a> Dennoch hat der Raum AC eine ganze Reihe ausgezeichneter Autoren, insbesondere Lyriker vorzuweisen.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D699&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beckumer Berge, Stromberger Schweiz. 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