{"id":652,"date":"2011-10-10T09:37:05","date_gmt":"2011-10-10T08:37:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=652"},"modified":"2025-11-04T15:47:23","modified_gmt":"2025-11-04T14:47:23","slug":"geister-der-vergangenheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=652","title":{"rendered":"Geister der Vergangenheit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>An dieser Stelle m\u00f6chten wir passend zum B\u00fccherherbst neue Romane westf\u00e4lischer Autoren vorstellen. Den Anfang macht der schon im letzten Jahr erschienene Roman &#8222;Katzenberge&#8220; der in M\u00fcnster lebenden Autorin Sabrina Janesch.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es spukt in Sabrina Janeschs Deb\u00fctroman \u201eKatzenberge\u201c. Gespenster allenthalben: im D\u00e4mmerlicht erobern sie die Lichtungen und Felder und tanzen den Gro\u00dfeltern der Erz\u00e4hlerin vor der Nase herum. Die Gegend der Katzenberge im ehemaligen Schlesien, in die es jene nach ihrer Vertreibung aus Galizien verschlug, strahlt eine unheimliche, be\u00e4ngstigende Atmosph\u00e4re aus. Bis klar wird, dass hier keine echten Kobolde und Geister hausen, drohen auch uns Lesern die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Geisterwelt auf beunruhigende Weise zu verschwimmen. Diese Erfahrung teilen wir mit den entwurzelten Gro\u00dfeltern, die verzweifelt im ostpolnischen Volkglauben die Erkl\u00e4rung f\u00fcr die \u00fcbersinnlich anmutenden Erscheinungen suchen. Man \u00fcbt sich in Exorzismen, nagelt Eulen an die Haust\u00fcr, bedeckt die Dielen mit Kr\u00e4utermischungen. Die Ursache f\u00fcr die r\u00e4tselhaften Geschehnisse erweist sich schlie\u00dflich als profaner, doch nicht weniger kompliziert. Es sind die sprichw\u00f6rtlichen Geister einer unbew\u00e4ltigten Vergangenheit, die die Alten seit Jahrzehnten in Atem halten. <!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als die Erz\u00e4hlerin, eine junge Berliner Journalistin, anl\u00e4sslich der Bestattung ihres Gro\u00dfvaters in das kleine schlesische Dorf reist, wird sie selbst von den D\u00e4monen der Vergangenheit erfasst. Sie beschlie\u00dft, den famili\u00e4ren Traumata von Flucht und Vertreibung auf den Grund zu gehen, die unseligen Geister endlich zu bannen. Als erste der Familie \u00fcberhaupt bricht sie in die verlorene Heimat, nach Ostgalizien auf. Auf ihrer Reise macht sie Bekanntschaft mit skurrilen Verwandten, holprigen ukrainischen Stra\u00dfen und bestechlichen Grenzern, bevor sie am Ziel, im gro\u00dfv\u00e4terlichen Geburtsort, anlangt. Hier, im vergreisten Dorf, das sich zwischen wogenden Kornfeldern versteckt, findet sie endlich die Antworten, die sie sucht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dramaturgisch erinnert Janeschs familienbiografischer Roadmovie, in den lange historische R\u00fcckblenden von der Flucht des Gro\u00dfvaters eingeflochten sind, an Jonathan Safran Foers \u201eAlles ist erleuchtet\u201c. Mit dem Unterschied, dass Janesch auf dessen comichafte, auf Pointen schielende Erz\u00e4hlweise verzichtet. Die Autorin w\u00e4hlt einen anderen Weg: mithilfe der Schilderung der r\u00e4tselhaften Erscheinungen evoziert sie eine unheimliche, bedrohliche Atmosph\u00e4re, die die existentielle Unsicherheit der entwurzelten und durch Krieg und Familienzerw\u00fcrfnissen traumatisierten Gro\u00dfeltern widerspiegelt. Die Doppelb\u00f6digkeit des Geschehens evoziert auch beim Leser ein unbehagliches Gef\u00fchl. Ferner sind die erdenschweren, poetischen Landschaftsschilderungen hervorzuheben, ein Vergleich zu fr\u00fchen Hertha-M\u00fcller-Erz\u00e4hlungen dr\u00e4ngt sich hier auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eKatzenberge\u201c ist ein wichtiger Debut-Roman, der aus der Masse der j\u00fcngeren Familienliteratur heraussticht. Janesch bringt eine andere Geschichte der Vertreibung zu Geh\u00f6r, die in Deutschland so gut wie unbekannt ist. \u201eWenn man vergisst\u201c, hei\u00dft es an einer Stelle des Romans \u201e begeht man den gleichen Fehler wieder und wieder\u201c. Gegen das Vergessen erz\u00e4hlt der Roman an. In teilweise drastischen Bildern. Die R\u00fcckblenden der gro\u00dfv\u00e4terlichen Odyssee durch die \u201eBloodlands\u201c des Zweiten Weltkrieg ist \u2013 entschuldigen Sie das Wort \u2013 ergreifend. Eine erschreckende Einsicht, die die Lekt\u00fcre dieses Romans lehrt, ist: wie erfolgreich die deutschen Vertriebenenverb\u00e4nde es bis heute vermocht haben, den Begriff der Vertreibung zu besetzen. Die Literatur, zeigt sich, hat die einseitigen, um die \u201edeutschen Opfer\u201c zentrierten, Diskurse gl\u00fccklicherweise l\u00e4ngst \u00fcberwunden. In einem multi-kulturellen Europa sollte dies aber eigentlich eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sabrina Janesch: Katzenberge. Roman. Aufbau Verlag, 2010, Gebunden. \u20ac 19,95 ISBN 978-3-351-03319-4.<\/p>\n<p>Steffen Stadthaus<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D652&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An dieser Stelle m\u00f6chten wir passend zum B\u00fccherherbst neue Romane westf\u00e4lischer Autoren vorstellen. Den Anfang macht der schon im letzten Jahr erschienene Roman &#8222;Katzenberge&#8220; der in M\u00fcnster lebenden Autorin Sabrina Janesch. Es spukt in Sabrina Janeschs Deb\u00fctroman \u201eKatzenberge\u201c. 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