{"id":610,"date":"2011-09-01T14:54:34","date_gmt":"2011-09-01T13:54:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=610"},"modified":"2025-11-04T15:45:56","modified_gmt":"2025-11-04T14:45:56","slug":"von-dichtern-mit-staublungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=610","title":{"rendered":"Von Dichtern mit Staublungen"},"content":{"rendered":"<p>2011 ist das Jahr der Arbeiterliteratur und -dichtung. Nach der hier gezeigten Ausstellung zur Gruppe 61 und ihrer Erkundung eines untergegangenen Jahrzehnts, in denen Staublungen auf Farbfernsehen trafen und die Arbeit vor Kohle in den symbolischen Raum der Literatur abwanderte, hat die LWL-Literaturkommission nun noch einen Meilenstein der hiesigen Bergarbeiterdichtung aus den lichtlosen f\u00fcnfziger Jahren ans Tageslicht bef\u00f6rdert: Uwe-K. Ketelsen gibt die Neuauflage der Anthologie \u201eWir tragen ein Licht durch die Nacht\u201c von 1960 heraus. Der vorliegende Band wurde damals von einer p\u00e4dagogisch-paternalistisch wirkenden, um hochkulturelle Bildung, bergbauliches Ethos und politische Mobilisierung bem\u00fchten Gewerkschaft initiiert.<br \/>\nIm Unterschied zur \u201emodernen\u201c, zeitkritischen Schreibe vieler Autoren der Gruppe 61, trifft man neben \u201cKlassikern\u201c wie Paul Zech und Josef Winckler auch auf manch unbekannten j\u00fcngeren Autor und auf einen Untertage-Existentialismus, der tief in die erste Jahrhunderth\u00e4lfte zur\u00fcckweist.<!--more--> Bergbau wird besungen als ein ewiger, mystischer Kampf zwischen Mensch und Erdgewalten, Tod und Ungl\u00fcck lauern dem Kumpel auf Schritt und Tritt. Das O-Mensch Pathos der Ersten Weltkriegsdichtung hallt in vielen Gedichten nach, ein Umstand, der zeigt, dass die Arbeiterdichtung in den f\u00fcnfziger Jahren noch um eine eigene Formensprache rang. Otto Wohlgemuth beschreitet teilweise andere Wege: Seine Poetisierung des Siedlungsalltags erinnert in den besten Momenten an die neusachlich- melancholische Berliner Hinterhof-Lyrik Erich K\u00e4stners. Auch im Leben der \u201eKumpels\u201c \u2013 das lie\u00df die \u201eSchlagwetter\u201c-Dichtung fast vergessen \u2013 keimt die Sehnsucht nach dem kleinen G\u00fcck. Wohlgemuth zeigt, dass man, um dieses zu erleben, nicht, wie der Heile-Welt-Kitsch der Heimatfilme und Schlager suggerierte, in die Alpen oder an die Adria reisen musste. Als ein hellwach-melancholischer Beobachter, f\u00e4ngt Wohlgemuth die melancholischen Stimmungen abendlicher Bergmannssiedlungen in seinen Gedichten ein. Seine Liebeserkl\u00e4rung an das Revier kann sich dabei durchaus mit Gr\u00f6nemeyers \u201eBochum\u201c messen:<\/p>\n<p>Liebste am Abend<\/p>\n<p>Wenn bei uns zu Hause,<br \/>\nin Gelsenkirchen oder in Buer,<br \/>\njunge M\u00e4dchen mit ihrem Liebsten<br \/>\ndes Abends ziehn \u00fcber Flur,<br \/>\nach so schw\u00e4rmen sie.<br \/>\nSpricht das M\u00e4dchen:<br \/>\nDu, schau doch,<br \/>\no sieh nur, wie von den Zechen<br \/>\ndie Kokereien leuchten,<br \/>\nwie die Schachtanlagen aufbrechen,<br \/>\nund wie die Lichterb\u00e4ume von den St\u00e4dten<br \/>\naufsteigen in den Himmel<br \/>\nwie ein m\u00e4rchenhafter Girlandenhimmel.<br \/>\nIch glaube, Liebster,<br \/>\nes ist nirgendwo in Deutschland<br \/>\nso sch\u00f6n.<br \/>\n[&#8230;]<\/p>\n<p>In seinem ausf\u00fchrlichen Nachwort rundet Uwe K. Ketelsen den Band mit einer fundierten historischen und literaturtheoretischen Kontextualisierung ab und betont \u201edie erhebliche sozial-und kulturwissenschaftliche Bedeutung\u201c. Erg\u00e4nzt wird das Ganze durch ein \u00fcbersichtliches bio-bibliographisches Verzeichnis der Autoren sowie kommentierten Anmerkungen. Auch f\u00fcr alle Nicht-Arbeiter ein Muss.<br \/>\nUwe-K. Ketelsen (Hrsg.): Wir tragen ein Licht durch die Nacht. Gedichte aus der Welt des Bergmanns.<br \/>\nLiteraturkommission f\u00fcr Westfalen. Reihe Texte Band 21.<br \/>\nAisthesis Verlag, Bielefeld 2011.<\/p>\n<p>Stef Stadthaus<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D610&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2011 ist das Jahr der Arbeiterliteratur und -dichtung. 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