{"id":57,"date":"2010-12-21T12:55:03","date_gmt":"2010-12-21T11:55:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/?p=57"},"modified":"2024-05-22T13:37:02","modified_gmt":"2024-05-22T12:37:02","slug":"mit-der-apodiktischen-gewisheit-dass-keiner-unserer-verlegernarren-es-druckt-%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=57","title":{"rendered":"Ein verbummelter Student"},"content":{"rendered":"<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Mit der apodiktischen Gewi\u00dfheit, dass keiner unserer Verlegernarren es druckt.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Austellung: Gustav Sack \u2013 Ein ver<\/em><a href=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/Sack-Portrait-19145.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-174 alignleft\" title=\"Sack Portrait 1914\" src=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/Sack-Portrait-19145-210x300.jpg\" alt=\"\" width=\"210\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/Sack-Portrait-19145-210x300.jpg 210w, https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/Sack-Portrait-19145.jpg 397w\" sizes=\"auto, (max-width: 210px) 100vw, 210px\" \/><\/a><em>bummelter Student. Enfant terrible und Mythos der Moderne im Museum f\u00fcr westf\u00e4lische Literatur in Nottbeck\u201c.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachl\u00e4sse von Dichtern wie Gustav Sack sind weltvergessen und trotzen dem literarischen Tagesbetrieb. Fast ein Frevel, solch lichtempfindliche Wesen ihre Einsamkeit zu rauben, nur um sie fremden, fl\u00fcchtigen Blicken auszusetzen. Das Museum f\u00fcr Westf\u00e4lische Literatur verwandelte sich deshalb anl\u00e4sslich seiner gro\u00dfen Gustav-Sack Retrospektive in ein begehbares Archiv \u2013 der packpapiernen Innenwelt eines gro\u00dfen h\u00f6lzernen \u00dcberseekoffers, dem urspr\u00fcnglichen Aufbewahrungsortes des Nachlasses, nachempfunden. Hier sind sie nun versammelt, Sacks Skizzen, Manuskripte und Briefe. So, als h\u00e4tte sie der Dichter gerade dort verstaut, um \u2013 zeitlebens blieb ihm das versagt \u2013 irgendwann doch noch mal einen Verleger f\u00fcr sie zu finden.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein fr\u00fcher Tod im Winter 1916 auf den Schlachtfeldern Rum\u00e4nien hatte dies verhindert. Und nat\u00fcrlich der tragische Misserfolg zu Lebzeiten. In einer aufw\u00fchlenden Rezension \u00fcber Sacks postume Werke stilisierte Erich Maria Remarque Sack als Inbild des verkannten k\u00fcnstlerischen Genius: \u201eDie gro\u00dfen Werke wurden abgelehnt. Tr\u00e4nen w\u00fcrgen einem die Kehle, wenn man es h\u00f6rt. Hunger, Ablehnung, Verkanntwerden, Selbstqual, Spott \u2013 h\u00f6rt denn dieser Weg des K\u00fcnstlers nie auf?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Remarque war nicht der einzige, der Sacks Leben und Werk als Audruck kraftgenialischen Au\u00dfenseitertums verkl\u00e4rte: F\u00fcr Richard Dehmel war er ein \u201eDichter vom Geschlecht Jean Pauls\u201c, der Feuilletonist Hans Harbeck beschwor ihn als \u201egro\u00dfen Sohn der Einsamkeit\u201c und der Expressionist Franz Theodor Csokor verglich ihn mit Georg B\u00fcchner. Wild, entfesselt und r\u00fccksichtslos schrieb und lebte Sack wirklich, ein radikaler Grenzg\u00e4nger \u2013 wie die literarischen Nachrufer zu Recht beteuern: Als Verfasser \u201eschwarzer\u201c, sprachm\u00e4chtig-monstr\u00f6ser Romane , als Draufg\u00e4nger, Schnorrer und empfindsam Liebender, sp\u00e4ter dann als Deserteur und \u201eVaterlandsverr\u00e4ter\u201c, und noch sp\u00e4ter als verzweifelter Weltkriegssoldat. Literatur verstand er immer als Ventil, als Katalysator f\u00fcr unstete, verzweifelte Existenzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon Sacks Romandebut \u201eEin verbummelter Student\u201c \u2013 1909 nach gescheitertem Studium in der elterlichen Dachkammer verfasst \u2013 war so etwas wie ein literarischer Zornausbruch, stilistisch ganz eigene Horizonte erkundend. Endlose Tiraden gegen Wissenschaft und Gesellschaft, Gott und die Welt verschmolz Sack mit rauschhaft surrealen Schilderungen der niederrheinischen Landschaft. Der Romanheld Erich ist aus dem Fleisch des Autors geschnitten, ein sinnsuchender Skeptiker, ein Doktor Faustus des fr\u00fchen Industriezeitalters, der in seitenf\u00fcllenden Monologen und phantastisch anmutenden Zwiegespr\u00e4chen mit einer blauen Blume der Romantik die Paradoxien menschlicher Erfahrung verhandelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verleger wie Albert Langen schreckten vor Sacks monstr\u00f6sem Cocktail aus avantgardistischem Reflexionsirrsinn und m\u00e4rchenhaften Romantizismus zur\u00fcck. Zu philosophisch hie\u00df es im Ablehnungsschreiben. Doch Sack lie\u00df sich nicht beirren und schrieb seinen literarischen Existenzialismus fort. Der Erz\u00e4hler des zweiten Romans, \u201eEin Namenloser\u201c, charakterisiert sich als \u201eH\u00f6hlengr\u00fcbeltier\u201c und monologisiert in Endlosschleifen \u2013 hypermoderne Stilmittel wie den Stream of Consciousness inkludierend \u2013 \u00fcber die Sinnlosigkeit des Daseins in einer entzauberten Moderne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um der Enge der Provinz zu entfliehen, zog Sack 1913 mit seiner gro\u00dfen Liebe Paula Harbeck nach M\u00fcnchen. Der erhoffte literarische Erfolg wollte sich auch hier nicht einstellen. Der gro\u00dfst\u00e4dtisch ironische Lebensstil der M\u00fcnchener Boheme bleibt ihm fremd. Allen Entt\u00e4uschungen zum Trotz folgte im Herbst 1913 die Arbeit an \u201eParalyse\u201c, einem Roman \u00fcber den Wahnsinn. Bar aller Zweifel \u00fcber die Qualit\u00e4t des Werks br\u00fcstete er sich nun mit der Radikalit\u00e4t von Stoff und Form, eingedenk der \u201eapodiktischen Gewi\u00dfheit, dass keiner unserer Verlegernarren es druckt\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sacks pers\u00f6nliche Misere war ein harmloses lebensgeschichtliches Vorspiel gegen\u00fcber dem, was 1914 mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs folgen sollte. Auf einer Recherchereise ins Schweizer Hochgebirge wurde der Autor vom Kriegsausbruch \u00fcberrascht. Wie wenige andere Literaten blieb er seinem anarchischen Individualismus treu und verweigerte sich als Fahnenfl\u00fcchtiger der deutschen Kriegshysterie. Eines der fr\u00fchesten Antikriegsdramen, \u201eDer Refrakt\u00e4r\u201c, entstand, in dem Sack seine marternden Sinnfragen im Schatten des Weltkriegs aktualisiert. Von Abschiebung bedroht, lie\u00df sich Sack amnestieren und wurde an die Westfront versetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sack wurde zum Chronisten eines Alltags aus \u201eRegen, Dreck, Hunger, Schlaflosigkeit\u201c und Tod. In seinen letzten Novellen weicht der nietzeanisch-elit\u00e4re Ton seiner Romane einer zarten, einf\u00fchlenden Empathie mit dem Leben und Sterben einfacher Menschen. F\u00fcr Erich M\u00fchsam stand fest, dass aus Sack ein gro\u00dfer Humanist geworden w\u00e4re. Dem kam aber sein Tod zuvor; am 5. Dezember 1916 starb Gustav Sack in Finta Mare, Rum\u00e4nien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Modernit\u00e4t dieses Autors fu\u00dft auf seinem radikal-existentialistischen Subjektivismus. Er k\u00f6nne nicht anders schreiben, sagte er einmal. Im Literaturbetrieb hatte es ein Au\u00dfenseiter wie er naturgem\u00e4\u00df schwer, passte in keine Schublade. Und dann war da noch die B\u00fcrde der Herkunft: Aus Schermbeck, einem ruhrgebietsnahen Bauerndorf, stammte er; den Gepflogenheiten des zeitgen\u00f6ssischen literarischen Betriebs stand er immer fremd gegen\u00fcber. Dem blitzartigen Erfolg seines Werks und sein Aufstieg zum Kultautor in der Weimarer Republik folgte ein rasches Vergessen. Bis Alfred Soergel ihn 1925 in seiner \u201eGeschichte des Expressionismus\u201c w\u00fcrdigte. Kein anderer habe wie er den nihilistischen Zeitgeist eingefangen. Dann wurde es trotz unerm\u00fcdlicher Lobbyarbeit seiner Gattin Paula Sack still um den Autor.<a href=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/Manuskript-Olof-R\u00fcckseite-Aquarell-.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-176 aligncenter\" title=\"Manuskript Olof R\u00fcckseite Aquarell\" src=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/Manuskript-Olof-R\u00fcckseite-Aquarell--300x232.jpg\" alt=\"\" width=\"289\" height=\"223\" srcset=\"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/Manuskript-Olof-R\u00fcckseite-Aquarell--300x232.jpg 300w, https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/Manuskript-Olof-R\u00fcckseite-Aquarell-.jpg 567w\" sizes=\"auto, (max-width: 289px) 100vw, 289px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Nottbecker Ausstellung f\u00fchrt den Besucher mithilfe eines Zeitstrahls durch die verschiedenen durch Nachlassobjekte illustrierten Lebensphasen des Dichters: von seiner Schermbecker Kindheit und Jugend \u00fcber sein literarisches Intermezzo in M\u00fcnchen bis zu seinem Tod auf den Schlachtfeldern des Weltkriegs. Die zum ersten Mal in der Ausstellung pr\u00e4sentierten Tageb\u00fccher, Werkskizzen und Zeichnungen zeigen, wie intensiv Sack seine eigene Situation \u2013 ob als \u201everbummelter\u201c sinnsuchender Student oder als verfolgter Refrakt\u00e4r \u2013 verstofflichte. Tragisch waren die einzelnen Lebensabschnitte eigentlich immer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Ausstellung belegt: Gustav Sack ist ein Fall f\u00fcr jeden, der sich mit seiner Zeit besch\u00e4ftigt, sei es literarisch, historisch oder mentalit\u00e4tsgeschichtlich. Der 125. Geburtstag des so eminent spannenden Dichters war deshalb ein Ansporn, ihn wieder im Kanon der Nordrheinwestf\u00e4lischen Literaturgeschichte zu verankern. Die Ausstellung wird vom 14. April bis zum 22 Mai 2011 im Heinrich-Heine-Institut in D\u00fcsseldorf gezeigt. Ein umfangreicher Katalog mit Aufs\u00e4tzen zu Biografie und Werk ist im Aisthesis-Verlag erschienen. 2011 plant die Literaturkommission f\u00fcr Westfalen eine neue Gustav Sack Werkausgabe.<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D57&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Mit der apodiktischen Gewi\u00dfheit, dass keiner unserer Verlegernarren es druckt.\u201c Austellung: Gustav Sack \u2013 Ein verbummelter Student. Enfant terrible und Mythos der Moderne im Museum f\u00fcr westf\u00e4lische Literatur in Nottbeck\u201c. 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