{"id":5511,"date":"2026-04-07T14:23:47","date_gmt":"2026-04-07T13:23:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=5511"},"modified":"2026-04-07T14:23:47","modified_gmt":"2026-04-07T13:23:47","slug":"thorsten-nagelschmidt-nur-fuer-mitglieder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=5511","title":{"rendered":"Thorsten Nagelschmidt &#8211; Nur f\u00fcr Mitglieder"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Cover-Nagelschmidt-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"776\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Cover-Nagelschmidt-776x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5508\" srcset=\"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Cover-Nagelschmidt-776x1024.jpg 776w, https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Cover-Nagelschmidt-227x300.jpg 227w, https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Cover-Nagelschmidt-768x1013.jpg 768w, https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Cover-Nagelschmidt-1165x1536.jpg 1165w, https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Cover-Nagelschmidt-1553x2048.jpg 1553w, https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Cover-Nagelschmidt-scaled.jpg 1941w\" sizes=\"auto, (max-width: 776px) 100vw, 776px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eICH BRAUCH DEFINITIV KEINE THERAPIE. ICH MUSS EINFACH NUR NACH GRAN CANARIA\u201c (S. 5) zitiert Nagelschmidt zu Beginn von <em>Nur f\u00fcr Mitglieder<\/em> den Druck eines Souvenir-T-Shirts und nimmt damit Teile des Inhalts ironisiert vorweg.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Protagonist von Thorsten Nagelschmidts Roman ist ein Thorsten Nagelschmidt, der wie Thorsten Nagelschmidt der Autor in Rheine aufgewachsen ist, aber in Berlin lebt, Mitglied der gleichen Band Muff Potter und \u00fcberdies Autor mehrerer Romane ist. Er ertr\u00e4gt die Vorweihnachtszeit des fortschreitenden Dezembers nicht mehr und bucht im \u201eVersuch seinem allj\u00e4hrlichen Ungl\u00fcck zu entkommen\u201c (Klappentext) 13 Tage in einem All-Inclusive-Hotel auf Gran Canaria. Um diese Zeit produktiv verbringen zu k\u00f6nnen, beschlie\u00dft er, statt gew\u00f6hnliche touristische Aktivit\u00e4ten zu unternehmen, alle 86 Folgen der Serie <em>The Sopranos<\/em> auf einem mitgebrachten DVD-Player allein im Hotelzimmer zu schauen. Damit m\u00f6chte er nicht nur eine kulturelle Bildungsl\u00fccke schlie\u00dfen, sondern m\u00f6glicherweise auch ein neues Buch \u00fcber diese Erfahrung schreiben. Er rechnet mit t\u00e4glichen acht Stunden sogenannten Binge-Watchings, einem exzessiv-pausenlosen Zusehen, das damit gewisserma\u00dfen einem Vollzeit-Job gleicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;Nach einer Zeit etabliert sich eine Routine zwischen dem Konsum zahlreicher Episoden, dem Essen im ressorteigenen Restaurant <em>La Palapa<\/em> und den einzelnen wenigen Freizeitaktivit\u00e4ten, die der Protagonist sich selbst zugesteht. Je n\u00e4her das Weihnachtsfest r\u00fcckt, desto h\u00e4ufiger wird diese Routine durch Reflexionen vergangener Weihnachten, der eigenen, fest damit verbundenen Familiengeschichte und den mentalen Folgesch\u00e4den durchbrochen. So wird berichtet, dass sich vor einem Jahr ein v\u00f6lliger Zusammenbruch ereignete, dem eine Therapie folgte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Nie wieder Weihnachten in Deutschland hatte ich mir geschworen, als ich wieder halbwegs beieinander war, nie wieder Weihnachten ohne eine Aufgabe. Noch einmal w\u00fcrde ich einen solchen Zusammenbruch nicht wegstecken, und es gab schlicht keinen Grund, mich dieser f\u00fcr mich so schwierigen Zeit weiterhin Jahr f\u00fcr Jahr ungesch\u00fctzt auszusetzen. (S.10)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nur augenscheinlich geht es dem Roman um die <em>Sopranos <\/em>selbst, eigentlich nehmen diese eine \u00fcberschaubare Rolle ein. Stattdessen werden Themen wie Einsamkeit und Depression ergr\u00fcndet und das Ganze immer vor einem autobiografischen Hintergrund. Das Weihnachtsfest ist dabei der allj\u00e4hrliche Ausl\u00f6ser, jedoch lassen sich die Depressionen des Protagonisten nicht darauf reduzieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Beim H\u00f6ren oder Lesen der Nachrichten erfasste mich jedes Mal gro\u00dfer Weltschmerz, die Gesellschaft von Menschen war anstrengend geworden. Innere Unruhe und die st\u00e4ndige Angst, es k\u00f6nne jeden Moment etwas Schreckliches passieren. Unsicher war ich geworden und hypersensibel. Ich f\u00fchlte mich fett, dumm und alt, und langsam d\u00e4mmerte mir, dass da etwas Gr\u00f6\u00dferes im Anmarsch war. (S. 193)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Depressionen sind komplexe, von zahlreichen Diskursen begleitete Ph\u00e4nomene, deren Darstellung in der Kunst und insbesondere in der Literatur immer wieder problematisiert und kritisiert wurde. Nagelschmidt gelingt jedoch eine nachvollziehbare und intime Darstellung, die das Krankheitsbild in seiner Dynamik erfasst und sich nicht mit \u00fcberkommenen, banalen Klischees begn\u00fcgt. <em>Nur f\u00fcr Mitglieder <\/em>l\u00e4sst nicht die Depression wie von Zauberhand verschwinden, sondern zeigt eine realistische Umgangsform mit dieser \u2013 wenngleich 13 Tage <em>The<\/em> <em>Sopranos<\/em> auf Gran Canaria m\u00f6glicherweise f\u00fcr die meisten Menschen nicht die optimale Strategie sein d\u00fcrfte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nagelschmidt hat mit diesem Roman nicht das autofiktionale Rad neu erfunden: So bestehen in der \u00c4hnlichkeit des Protagonisten mit dem Autor Parallelen zu <em>Eurotrash<\/em> von Christian Kracht sowie <em>In Pl\u00fcschgewittern<\/em> von Wolfgang Herrndorf, anderen Leser:innen m\u00f6gen hier weitere Werke einfallen. Worin f\u00fcr mich aber eine markante Besonderheit Nagelschmidts besteht, ist die Bew\u00e4ltigung statt einer konsequenten Auserz\u00e4hlung von Tragik, die auf eben jene Bew\u00e4ltigung verzichten w\u00fcrde: Der Protagonist geht nicht an seiner anhaltenden Depression zugrunde, sondern es gelingt ihm \u2013 vor allem auch aufgrund der Unterst\u00fctzung durch seine Freundin \u2013 mit dieser umgehen und leben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein gro\u00dfes Finale bleibt in der Erz\u00e4hlung aus. Dennoch ist im Epilog das Unterfangen des Protagonisten gegl\u00fcckt: Die (Vor-)Weihnachtszeit wurde bis auf einen gebrochenen Backenzahn unbeschadet \u00fcberstanden und mit <em>Nur f\u00fcr Mitglieder<\/em> liegt nun auch der Roman eines Thorsten Nagelschmidts vor, der einen Binge-Marathon der <em>Sopranos<\/em> thematisiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fazit: \u201eUnd das erstaunt mich immer wieder: dass man auch in solchen Phasen noch gute Momente haben und lachen oder sogar andere zum Lachen bringen kann\u201c (S. 194). Insgesamt ist <em>Nur f\u00fcr Mitglieder<\/em> ein Roman, der manchmal am\u00fcsant, manchmal bedr\u00fcckend und manchmal auch hoffnungsvoll sein kann. Insbesondere die Entwicklung der Erz\u00e4hlung von einer fast zynischen Beschreibung des Alltags im Hotel zu einer intimen Betrachtung der eigenen Gef\u00fchlswelt, Krankheit und Einsamkeit hat mir sehr gefallen. Und auch f\u00fcr Leser:innen, die <em>The Sopranos<\/em> nicht gesehen haben, halte ich den Roman f\u00fcr sehr empfehlenswert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lutz Zimmermann<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D5511&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eICH BRAUCH DEFINITIV KEINE THERAPIE. ICH MUSS EINFACH NUR NACH GRAN CANARIA\u201c (S. 5) zitiert Nagelschmidt zu Beginn von Nur f\u00fcr Mitglieder den Druck eines Souvenir-T-Shirts und nimmt damit Teile des Inhalts ironisiert vorweg. 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