{"id":489,"date":"2011-05-24T10:26:35","date_gmt":"2011-05-24T09:26:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=489"},"modified":"2025-11-04T15:35:13","modified_gmt":"2025-11-04T14:35:13","slug":"zuruck-zur-politischen-schwarz-weis-literatur-max-von-der-gruns-irrlicht-im-feuer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=489","title":{"rendered":"\u201eIrrlicht und Feuer\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">In der Gattung der Schwarz-Wei\u00df-Literatur, soviel ist sicher, h\u00e4tte sich Max von der Gr\u00fcn ebenso wie als Arbeiterschriftsteller einen Klassikerstatus redlich verdient. Seine B\u00fccher wirken, als sei die Farbschriftstellerei erst lange nach ihnen erfunden worden. Aber \u00e4hnlich wie die Meister des Schwarz-Wei\u00df-Films wusste er gekonnt mit der Farbreduktion umzugehen und entdeckte sie als Stilmittel f\u00fcr seine hyperrealistische und protestlerische Arbeiterliteratur. In seinem Roman \u201eIrrlicht und Feuer\u201c von 1962, der j\u00fcngst in einer verdienstvollen neuen Max von der Gr\u00fcn-Werkausgabe des Pendragon-Verlags erschienen ist, kommt von der Gr\u00fcn ganz ohne Farben aus. Virtuos bespielt er hingegen die Klaviatur der Graut\u00f6ne und entwirft eine desillusionierende Innenansicht der industriellen Arbeitswelt der fr\u00fchen sechziger Jahre. Die konsequent schmutzige Grauzeichnung der Gesichter, des Himmel, der Siedlungen, Fabrikhallen und B\u00e4ume, die Ankn\u00fcpfung an einen kompromisslosen Realismus mit Mut zur H\u00e4sslichkeit war ein literarisches St\u00f6rfeuer; sein illusionslos-verloren wirkender Held Fohrmann ein Wiederg\u00e4nger des Borchert\u2018schen Beckmanns in Wirtschaftswunderzeiten. <!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es nimmt kein Wunder, dass dieses desillusionierende Buch \u00fcber die modernen Arbeitswelten in den fr\u00fchen sechziger Jahren erschienen ist. Die ersten Risse des Wirtschaftswunders wurden sichtbar. Die Krise der Montanindustrie nahm ihren Lauf und die Protestkulturen und Wandlungsprozesse der siebziger lie\u00dfen sich noch nicht erahnen. In Dortmund gr\u00fcndete Fritz H\u00fcser die Dortmunder Gruppe 61, einen Zusammenschluss schreibender Arbeiter, und entdeckte Max von der Gr\u00fcn, einen Ruhrkumpel mit schriftstellerischen Ambitionen. Von der Gr\u00fcn war talentiert und \u2013 geschult an trivialer, plot-orientierter Unterhaltungsliteratur \u2013 sehr pragmatisch im Hinblick auf Formfragen. Er war sich im Klaren dar\u00fcber, dass er der erz\u00e4hlerischen Opulenz eines Grass nicht das Wasser reichen konnte, sein Thema dies aber auch gar nicht verlangte. Von der Gr\u00fcn orientierte sich deswegen an der Kahlschlagliteratur der Nachkriegsjahre und ihrer knappen, pathoslosen Diktion und short-storyhaften Erz\u00e4hl\u00f6konomie. Seine Sprache ist n\u00fcchtern, manchmal wirkt sie unbeholfen, auch trivial, man merkt ihr an, dass sie dem eigenen harten Arbeitsalltag abgerungen worden ist. Dem Spannungsbogen und den d\u00fcsteren Milieuschilderungen tut dies aber keinen Abbruch, im Gegenteil: es verb\u00fcrgt ihre Authentizit\u00e4t. Von den Tr\u00fcmmer-Autoren beeinflusst, teilte er mit ihnen auch die existentialistische Haltung. F\u00fcr von der Gr\u00fcn dauerte der von ihnen geschilderte Betrug, die Verlorenheit und der \u00dcberlebenskampf des Einzelnen noch an. \u201eWas soll es, die Zeit der Blutz\u00f6lle hat nie aufgeh\u00f6rt, sie ging 1945 nicht zuende\u201c, ruft er uns zu. Sein Held Fohrmann ist ein verloren wirkender Einzelk\u00e4mpfer, der kopflos durch die als verlogen erkannte Zeit des Wirtschaftswunders und der Sozialpartnerschaften taumelt, der Verlust des Glaubens an die Arbeiterbewegung ist evident.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im ersten Teil des Romans, der im Bergbau spielt, ist die Welt f\u00fcr Fohrmann anfangs noch in Ordnung. Doch der kameradschaftlich-ehrliche Gemeinschaftsethos der Kumpels, der nicht zuf\u00e4llig der idealisierten Haltung der Frontgemeinschaften in der Tr\u00fcmmerliteratur \u00e4hnelt, wird durch Kohlekrise und Konsumgesellschaft ersch\u00fcttert. Rationalisierungsbestrebungen und technische Innovationen wie der Kohlehobel f\u00fchren zu einer eklatanten H\u00e4ufung von schweren Arbeitsunf\u00e4llen \u2013 von den Bergwerksdirektoren zynisch als Kollateralsch\u00e4den miteinkalkuliert. Schlie\u00dflich wird die Zeche ganz geschlossen. Als ungelernter Arbeiter sieht sich Fohrmann nun gezwungen, seine Ware \u201eArbeitskraft\u201c auf dem Markt feilzubieten. Er verdingt sich in mittleren Industriebetrieben und emanzipiert sich zwischenzeitlich vom Blaumann zum \u201eWei\u00dfkittel\u201c, aber eigentlich m\u00f6chte Fohrmann aus der tristen Welt der Lohnarbeit ganz ausbrechen. Er wei\u00df nur nicht wie, zermartert sich das Hirn, \u201ewar sich klargeworden, da\u00df sein Leben nicht so weiterlaufen konnte\u201c. Spontan begehrt er gegen die entfremdeten und ausbeuterischen Verh\u00e4ltnisse auf, bep\u00f6belt seine Vorgesetzten, beleidigt seine konformistischen Kollegen, die ihre Klassensolidarit\u00e4t den Fallstricken Ratenzahlung opfern. Ihren grauen Alltag mit ein paar Konsumg\u00fctern aufh\u00fcbschen. Ihm gelingt es aber nicht, seine Kritik an den Verh\u00e4ltnissen, an Entfremdung und Scheinhaftigkeit der Konsumgesellschaft auf Betriebsratsversammlungen \u00fcberzeugend zu artikulieren. \u201eWieder wollte ich reden, kam aber nicht dazu, ich hatte meine Kameraden beleidigt, hatte ihnen meine Wahrheit gesagt, die nicht ihre Wahrheit war. Und Wahrheit ist strafbar, wenn sie in die verrunzelte Blase der Tr\u00e4gheit und Bequemlichkeit st\u00f6\u00dft.\u201c Dienstverweise und \u2013 viel schlimmer \u2013 Spott seiner Kameraden sind die Folge. Selbst seine Ehefrau, die im Unterschied zu Fohrmann, dem Konsumversprechen und seinen Tr\u00e4umen aufsitzt, wendet sich von ihm ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fohrmann f\u00fchlt sich zunehmend ohnm\u00e4chtiger und ertr\u00e4nkt seinen Frust und Lebens\u00fcberdruss in heftigen Saufgelagen und stolpert, wie Beckmann, durch die Stra\u00dfen des Reviers. In diesen Szenen wird die existentialistische Perspektive des Romans deutlich: von der Gr\u00fcn hatte die glorreichen Zeiten der Arbeiterbewegung bei Abfassung des Romans schon verabschiedet. Fohrmann sieht zwar ziemlich klar \u2013 Entfremdung und Ausbeutung bleiben die Grunderfahrungen des Lohnarbeiters \u2013, aber die Solidarit\u00e4t der Arbeiterschaft scheint unwiderruflich zerbr\u00f6ckelt. Der letzte \u00dcberlebende einer solidarischen Arbeiterkultur ist sein Freund Karl. Er war im Nationalsozialismus Hitlergegner und wurde von der Gestapo gefoltert. Karl ist ein gebrochener Mensch, seit Kriegsende verstummt, und mit den Jahren zu einem geistig umnachteten Pflegefall geworden, den N\u00e4chstens die dunklen Schatten der NS-Zeit verfolgen. Von der Gr\u00fcn gelingt in der Figur des Karl eine subtile Verk\u00f6rperung der Geschichte der Arbeiterbewegung, die ihre mutigsten und besten K\u00f6pfe im Nationalsozialismus verloren hatte und dadurch in der restaurativen Wiederaufbauphase mehr schw\u00e4chlicher Patient als ernst zu nehmender Gegner einer Wohlstandsgesellschaft war. In bewegenden Momenten sucht Fohrmann in seiner einsamen Verzweiflung beim verwirrten Karl Antworten auf seine Daseinsfragen. Am Ende bleibt nur noch resignativer Gleichmut. Fohrmann gelingt es nicht, eine eigene individuelle emanzipative Perspektive zu entwickeln, einen Ausstieg aus der Arbeitsgesellschaft zu wagen. Zu verwurzelt ist er im Milieu der Arbeiterklasse, zu entfremdet ist er durch die Monotonie der Akkordarbeit. Ihr Arbeitsgang formt als \u201eRaaaa-itsch raaaa-itsch raaa-itsch\u201c fortan Fohrmanns ganzes Erleben. \u201eJeden Tag die dasselbe, dieselbe Hand- und Armbewegung, dasselbe Ger\u00e4usch im Saal, eint\u00f6nig, H\u00e4nde und Arme trennten sich vom K\u00f6rper, der Kopf f\u00fchrt sein eigenes Leben, das mit dem Leben im Saal nichts zu tun hat. Hier ist der Mensch kein Ganzes mehr:\u201c Als Einzelnem bleibt Fohrmann nur noch die Hoffnung auf privates Gl\u00fcck. \u201eIch habe Sorge um das Einerlei meines Lebens und Sehnsucht nach einem Kind.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIrrlicht und Feuer\u201c ist eine bedr\u00fcckende Zeitreise in die Schwarz-Wei\u00df-Welt der Nachkriegszeit. Ein literarischer Stachel im Biedermeier der Aufbaujahre und radikaler Widerpart zur kitschigen Heimatromantik in Film und Fernsehen. Von der Gr\u00fcn beleuchtet die dunklen Seiten des gefeierten Konsenskapitalismus und brach damit in den fr\u00fchen sechziger Jahren zahlreiche Tabus, f\u00fcr die er pers\u00f6nlich mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen und einem Ausschluss aus der Gewerkschaft bezahlte. Angesichts eines affirmativen Paradigmenwechsels in der Historisierung der Nachkriegszeit, ist dieses Buch eine heilsame Lekt\u00fcre. Aktuell ist dies in Zeiten der Prekarisierung der Arbeitswelt sowieso. Neben seiner zeithistorischen Bedeutung ist \u201eIrrlicht im Feuer\u201c aber auch ein kompromissloser schmutziger Heimatroman, dessen spannungsvoller Realismus und existentialistischer Nihilismus den Klassikern der Tr\u00fcmmerliteratur in nichts nachsteht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Steffen Stadthaus<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D489&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Gattung der Schwarz-Wei\u00df-Literatur, soviel ist sicher, h\u00e4tte sich Max von der Gr\u00fcn ebenso wie als Arbeiterschriftsteller einen Klassikerstatus redlich verdient. 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