{"id":4738,"date":"2020-10-28T10:10:40","date_gmt":"2020-10-28T09:10:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=4738"},"modified":"2025-11-12T12:16:31","modified_gmt":"2025-11-12T11:16:31","slug":"nichts-wirklich-nichts-kann-den-direkten-kontakt-zu-meinen-leserinnen-ersetzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=4738","title":{"rendered":"&#8222;Nichts, wirklich nichts, kann den direkten Kontakt zu meinen Leser*innen ersetzen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em>Heute interviewen wir <strong>Renate Behr<\/strong> f\u00fcr unsere Reihe <strong>\u201eKreativit\u00e4t in der Krise\u201c<\/strong>.<\/em><\/p>\n<p><strong>Bevor wir auf die eigentliche Thematik zu sprechen kommen, ein paar Fragen zum Einstieg. Auf Ihrer Homepage steht als Banner folgender Spruch geschrieben: \u201eEin spannendes Buch ist Urlaub vom Alltag\u201c. Wie definieren Sie ein spannendes Buch und welches lesen Sie selbst aktuell?<\/strong><\/p>\n<p>Ein Buch ist f\u00fcr mich pers\u00f6nlich spannend, wenn der\/die Autor*in es schafft, Bilder in meinem Kopf zu erzeugen. Dann lese ich nicht nur, sondern erlebe die Story mit. Zurzeit lese ich \u201eMessepartner\u201c aus der Mainhattan-Krimi-Reihe von Dietmar Cuntz.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p><strong>Unter dem Branding Ronda Baker \u2014 History Crime ver\u00f6ffentlichen Sie historische Kriminalromane. Wie kam es zu diesem Pseudonym, gab es Einfl\u00fcsse oder Ideengeber?<\/strong><\/p>\n<p>Das Branding RBHC \u2013also Ronda Baker History Crime \u2013 hat der Brighton Verlag geschaffen f\u00fcr eine vierteilige Romanreihe, die dort vor einigen Jahren neu erschienen ist. Das ist kein Pseudonym, sondern die vier B\u00e4nde erscheinen unter meinem Namen.<\/p>\n<p><strong>Zwei Ihrer Krimireihen spielen in Werne und Th\u00fcringen. Wie haben Sie diese beiden Regionen ausgew\u00e4hlt? Sind sie dorthin gereist und haben sich von Orten dort inspirieren lassen?<\/strong><\/p>\n<p>In Werne habe ich sechs Jahre gewohnt, jetzt wohne ich immer noch ganz in der N\u00e4he. Auf die Th\u00fcringen-Krimis bin ich gekommen, weil man Mann dort geboren wurde und wir h\u00e4ufig unseren Urlaub am Rennsteig verbringen.<\/p>\n<p><strong><br \/>\nNun zum Aspekt \u201eKreativit\u00e4t in der Krise\u201c. Die Nachrichten aus der Literaturbranche sind zurzeit sehr ambivalent. Zun\u00e4chst wurden Lesungen, Workshops sowie die gro\u00dfen Buchmessen zu Beginn der Pandemie abgesagt, danach entwickelte sich eine Welle digital stattfindender Veranstaltungen und von Bund und L\u00e4ndern wurden Soforthilfen ausgezahlt. Nun entstehen hybride L\u00f6sungen, sodass die rein digitalen Formate wieder zu Events mit Pr\u00e4senz, nat\u00fcrlich unter Einhaltung der aktuell g\u00fcltigen Hygiene- und Sicherheitsbestimmungen, umgewandelt werden. Dies erweist sich bisher auch als voller Erfolg. Wie geht es Ihnen in der aktuellen (Corona-)Situation?<\/strong><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal zu Ihrer Aussage \u201eund von Bund und L\u00e4ndern wurden Soforthilfen ausgezahlt\u201c: Auch ich habe einen Antrag gestellt \u2013 um zumindest meine ganz realen Verluste 2020 geltend zu machen. Geplant waren diverse Lesungen hier in der Region und eine Lesereise durch Th\u00fcringen zur Vorstellung meines neuen Romans \u201eTod am Dreiherrenstein\u201c. Diese Veranstaltungen wurden wegen der Pandemie alle abgesagt vonseiten der Veranstalter. Au\u00dferdem fanden einige regionale M\u00e4rkte, die ich sonst immer besuche, nicht statt. Mein Antrag wurde abgelehnt. Begr\u00fcndung: Ich k\u00f6nne ja keine Vertr\u00e4ge \u00fcber die Lesungen vorlegen. Bei Lesungen in Buchhandlungen gibt es aber keine schriftlichen Vertr\u00e4ge, das wird alles m\u00fcndlich vereinbart, einschlie\u00dflich der Honorarabsprachen. Was mir an Buchverk\u00e4ufen entgangen ist, konnte ich ebenfalls nur sch\u00e4tzen. Das hat nicht gereicht. Und ganz nebenbei, wir reden hier davon, dass ich einen Ausgleich von ca. 700 Euro beantragt habe, der mir aber nicht gew\u00e4hrt wurde. Unterst\u00fctzung von notleidenden Autoren sieht f\u00fcr mich anders aus. Mein tats\u00e4chlicher Verlust, auch durch Absagen von Messen etc. ist deutlich h\u00f6her. Also verstehen Sie bitte, dass meine Ansicht zu den Hilfsleistungen f\u00fcr Kreative nicht mehr ganz so gut ist.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich nutze ich Social Media intensiv. Mein Verlag hat Trailer f\u00fcr mich auf YouTube geschaltet und ich habe eigene Lesungen aufgenommen und online gestellt. Mein Verlag tut ein \u00fcbriges, um seine Autoren intensiv zu unterst\u00fctzen. Aber nichts, wirklich nichts, kann den direkten Kontakt zu meinen Leser*innen ersetzen. Insofern ist diese Pandemie nat\u00fcrlich eine Katastrophe.<\/p>\n<p><strong>Wie beeinflusst die aktuelle Situation Ihr eigenes Schreiben? Inwiefern nehmen Sie die letzten Monate als (Schreib-)Krise wahr und inwiefern eventuell auch als inspirierende Zeit?<\/strong><\/p>\n<p>Hierzu kann ich nur sagen, dass ich das, was Sie als Schreib-Krise bezeichnen, gar nicht kenne. F\u00fcr mich hat sich in der Corona-Zeit \u2013 abgesehen von der Tatsache, dass \u00f6ffentliche Veranstaltungen nicht oder nur sehr begrenzt m\u00f6glich sind \u2013 nicht viel ge\u00e4ndert. Mein Mann und ich leben ohnehin zur\u00fcckgezogen. Ich habe in den letzten Monaten einen weiteren Werne-Krimi geschrieben und arbeite derzeit an zwei weiteren Romanen. Auch ein neuer Th\u00fcringen-Krimi ist bereits geplant und f\u00fcr den n\u00e4chsten Werne-Krimi beginne ich gerade mit den Recherchen. Es wird der 14. Teil dieser Reihe werden und im 4. Quartal 2021 erscheinen. Das ist \u00fcbrigens ein ganz normales Arbeitspensum f\u00fcr mich und hat sich durch die Corona-Krise nicht ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, eine solche Pandemie, bei der sehr viele Menschen sterben, als Inspiration zu betrachten. Es ist einfach nur schrecklich und jeder von uns steht meiner Meinung nach in der Verantwortung, durch sein eigenes Handeln daf\u00fcr zu sorgen, sich und andere zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p><strong>Die Einteilung in systemrelevante und -irrelevante Jobs zu Beginn der Krise hat f\u00fcr Kontroversen gesorgt. Insbesondere Verb\u00e4nde von Kunst- und Kulturschaffenden warnten immer wieder eindringlich vor einer Vernachl\u00e4ssigung ihrer Branche. Wie sehen Sie Ihre Rolle in der Gesellschaft? F\u00fchlen Sie sich vernachl\u00e4ssigt \u2013 im allgemeinen Bewusstsein, aber auch bei der Verteilung der oben genannten Gelder zur Soforthilfe? Warum ist Literatur (und andere Kunst) ebenfalls wichtig f\u00fcr eine Gesellschaft, vielleicht gerade in einer Krise?<\/strong><\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich ist Kultur systemrelevant. Und ja, ich finde, dass freie Autor*innen, Veranstalter*innen etc. durchaus vernachl\u00e4ssigt werden. Als Autor*in wird man da gar nicht mehr richtig wahrgenommen. Du schreibst ja nur B\u00fccher. Dass aber das geschriebene Wort eines der h\u00f6chsten Kulturg\u00fcter einer zivilisierten Gesellschaft ist, will niemand so richtig wahrnehmen. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Meine Hochachtung gilt all denjenigen, die sich in dieser schwierigen Zeit f\u00fcr das Allgemeinwohl und das Wohl einzelner Menschen einsetzen. Und ich bin auch der Ansicht, dass dies gef\u00f6rdert und honoriert werden muss. Aber ich finde eben auch, dass man trotz allem nicht eine ganze Branche nach hinten stellen darf, sodass sie am Ende zur Bedeutungslosigkeit verdammt wird. Gerade in schwierigen Zeiten sind kulturelle Veranstaltung wichtig, um den Menschen positive Emotionen zu verschaffen, die sie die Krise besser durchstehen lassen.<\/p>\n<p><strong>Mit welchen Gedanken blicken Sie in die Zukunft? Was w\u00fcnschen Sie sich zur\u00fcck, was kann Ihrer Meinung nach auch bei der R\u00fcckkehr zur \u201ealten Normalit\u00e4t\u201c beibehalten werden (z. B. gelockerte Regelungen zum Thema Homeoffice usw.)?<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin grunds\u00e4tzlich ein positiver Mensch und versuche, aus jeder Situation das Beste zu machen. Eine R\u00fcckkehr zur \u201ealten Normalit\u00e4t\u201c wird es meiner Meinung nach auf lange Sicht nicht geben. Solange keine wirksamen Medikamente gegen Covid-19 zur Verf\u00fcgung stehen \u2013 und die halte ich f\u00fcr viel wichtiger als einen Impfstoff, bei dem Wirkung und Risiken noch gar nicht absehbar sind \u2013 werden wir mit Einschr\u00e4nkungen leben m\u00fcssen. Vorbeugung ist sicher gut, aber Heilung von Betroffenen w\u00e4re besser.<br \/>\nWas mich pers\u00f6nlich anbelangt, werde ich mein Leben so weiterleben wie bisher. Ich hoffe darauf, dass meine Mitmenschen vern\u00fcnftig genug sind, sich an die Regeln zu halten, auch wenn es manchmal unangenehm ist. Nur so k\u00f6nnen wir die Krise in geordnete Bahnen lenken. Wenn das f\u00fcr mich pers\u00f6nlich bedeutet, keine oder nur sehr kleine Lesungen halten zu k\u00f6nnen, dann werde ich mich damit abfinden. Das ist in meinem Alter (66 Jahre) sicher etwas einfacher als bei j\u00fcngeren Kolleg*innen.<br \/>\nIch w\u00fcrde es aber durchaus w\u00fcnschenswert finden, wenn sich die Kulturbranche im Rahmen der gesetzlichen M\u00f6glichkeiten wieder mehr \u00f6ffentlich pr\u00e4sentieren d\u00fcrfte. Virtuell ist das zwar m\u00f6glich, aber nicht jeder hat die M\u00f6glichkeit, das auch zu nutzen. Wie gesagt, der pers\u00f6nliche Kontakt zu meinen Leser*innen, die Spannung in den Gesichtern, wenn ich vorlese \u2013 das alles l\u00e4sst sich nicht per Video r\u00fcberbringen. Ich bin aber trotzdem guter Hoffnung, dass sich Wege finden werden, wie auch Autoren oder freischaffende K\u00fcnstler wieder ihrem Beruf nachgehen k\u00f6nnen, der f\u00fcr viele mehr als ein Job ist, sondern eine Berufung.<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D4738&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute interviewen wir Renate Behr f\u00fcr unsere Reihe \u201eKreativit\u00e4t in der Krise\u201c. 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