{"id":4733,"date":"2020-10-26T10:46:15","date_gmt":"2020-10-26T09:46:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=4733"},"modified":"2025-11-12T12:16:11","modified_gmt":"2025-11-12T11:16:11","slug":"aber-ohne-literatur-musik-schauspiel-oder-bildende-kuenste-fehlen-raeume-in-denen-menschen-auftanken-koennen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=4733","title":{"rendered":"&#8222;Ohne Literatur, Musik, Schauspiel oder bildende K\u00fcnste fehlen R\u00e4ume, in denen Menschen auftanken k\u00f6nnen.&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em>Heute interviewen wir <strong>Christiane Dieckerhoff <\/strong>f\u00fcr unsere Reihe <strong>\u201eKreativit\u00e4t in der Krise\u201c<\/strong>.<\/em><\/p>\n<p><strong>Zu Anfang eine Frage der Pr\u00e4ferenz: Sie haben vor Kurzem auf Ihrer Facebook-Seite einen Beitrag geteilt, der zeigt, dass Sie Ihre Texte handschriftlich vorschreiben. Hilft Ihnen das im Schreibprozess? Was halten Sie f\u00fcr Ihr kreatives Schaffen ertragreicher, handschriftliches Schreiben oder das Tippen am Laptop? Und warum sehen Sie das so?<\/strong><\/p>\n<p>Eigentlich schreibe ich alles bis auf Kurzgeschichten am Computer. Meine Schrift tendiert dazu, mit jeder Seite unleserlicher zu werden. Au\u00dferdem bin ich ein Kreuz- und Querschreiber. W\u00e4hrend des Tippens passiert etwas zwischen meinem Gehirn und meinen Fingern, was ich nicht wirklich verstehe. Oft wei\u00df ich nicht, was ich gedacht habe, bis ich es geschrieben vor mir sehe.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Anne Beckenbridge und Nelly Fahrenbach \u2013 unter diesen Pseudonymen schreiben Sie historische Romane und Liebesromane, w\u00e4hrend Sie unter ihrem echten Namen Krimis verfassen. Wie kam es dazu? Und wie haben sich diese Pseudonyme entwickelt, gab es Einfl\u00fcsse oder Ideengeber?<\/strong><\/p>\n<p>Irgendwie herrscht in der Buchbranche die Meinung, man k\u00f6nne nicht unter gleichem Namen in unterschiedlichen Genres schreiben. Ich wei\u00df nicht, ob das wirklich so stimmt, aber nat\u00fcrlich vertraue ich da auf das geballte Branchenwissen. Anne Breckenridge war die Idee meiner damaligen Agentin. Sie war der Ansicht, ein englisch klingender Name w\u00fcrde besser zu historischen Romanen passen. Ich habe lange gegr\u00fcbelt und dann meine Tochter gefragt, die in Amerika verheiratet ist, ob ich ihren Nachnamen verwenden darf. Das hat sie erlaubt. So wurde Anne Breckenridge geboren. Der Name Nelly Fehrenbach ist eine Gemeinschaftsentwicklung des Krimistammtisches Ruhrgebiet. Wir dachten, der Name passt sowohl zu mir, als auch zu Frauenb\u00fcchern.<\/p>\n<p><strong>In Ihren Romanen unter dem Pseudonym Nelly Fahrenbach spielen Krankheit und Schicksalsschl\u00e4ge eine zentrale Rolle. Sie haben vor Ihrer T\u00e4tigkeit als Autorin als Kinderkrankenschwester auf einer Station f\u00fcr Fr\u00fchgeborene gearbeitet. Verarbeiten Sie in den Geschichten somit sch\u00f6ne und traurige Erfahrungen und Erinnerungen aus ihrem alten Beruf?<\/strong><\/p>\n<p>Meine Zeit als Kinderkrankenschwester hilft mir bei all meinen B\u00fcchern. Die Begegnung mit Krankheit und Tod ist eine sehr intensive Erfahrung. Au\u00dferdem hat mir die Arbeit mit den Familien die unterschiedlichsten Lebenswelten er\u00f6ffnet und mir erm\u00f6glicht, Menschen in schwierigen, zum Teil existenziell bedrohlichen Lebensphasen zu begleiten. Das ist ein reicher Erfahrungsschatz, der nat\u00fcrlich mein Schreiben beeinflusst.<\/p>\n<p><strong>Mit Krimis, historischen Romanen und Liebesromanen decken Sie drei gro\u00dfe Genres ab. Gibt es weitere Genres, die Sie zuk\u00fcnftig in Romanen thematisieren m\u00f6chten? M\u00f6glicherweise unter einem weiteren Pseudonym?<\/strong><\/p>\n<p>Das kann durchaus sein, gerade eben habe ich ein Herzensprojekt beendet, das zu keinem der von Ihnen genannten Genres geh\u00f6rt. Als Autorin begreife ich mich als Geschichtenerz\u00e4hlerin. Und mit Geschichten ist es, wie mit dem Wasser. Sie finden Ihren Weg.<\/p>\n<p><strong>Die Nachrichten aus der Literaturbranche sind zurzeit sehr ambivalent. Zun\u00e4chst wurden Lesungen, Workshops sowie die gro\u00dfen Buchmessen zu Beginn der Pandemie abgesagt, danach entwickelte sich eine Welle digital stattfindender Veranstaltungen und von Bund und L\u00e4ndern wurden Soforthilfen ausgezahlt. Nun entstehen hybride L\u00f6sungen, sodass die rein digitalen Formate wieder zu Events mit Pr\u00e4senz, nat\u00fcrlich unter Einhaltung der aktuell g\u00fcltigen Hygiene- und Sicherheitsbestimmungen, umgewandelt werden. Dies erweist sich bisher auch als voller Erfolg. Wie geht es Ihnen in der aktuellen (Corona-)Situation?<\/strong><\/p>\n<p>P\u00fcnktlich zum Lockdown kam mein aktuelles Buch \u201eVermisst\u201c heraus. Das war nat\u00fcrlich ein Desaster: geschlossene Buchhandlungen, selbst Amazon hat die B\u00fccher aus den Lagern genommen, abgesagte Lesungen. Es f\u00fchlte sich an, wie eine Operation am offenen Herzen. Seit M\u00e4rz f\u00fchlt sich das Leben etwas neben der Spur an. Gleichzeitig sind die Verlage sehr z\u00f6gerlich, was neue Projekte angeht und das macht nat\u00fcrlich Angst. Auch wenn ich durchaus andere Formate ausprobiert habe, wie Onlinebuchvorstellungen, fehlen mir die Lesungen und die Fixpunkte des Jahres, wie Buchmesse, Criminale, Mord am Hellweg. Aber vor allem fehlen mir die Gespr\u00e4che mit den KollegInnen.<\/p>\n<p>Aber es gibt kleine Hoffnungsschimmer: Im August konnte ich dann die f\u00fcr Ende M\u00e4rz geplante Premierenlesung unter Coronaschutzbedingungen nachholen. Sehr dankbar bin ich f\u00fcr die Coronahilfe des Landes NRW, die wirklich zum richtigen Zeitpunkt kam, nachdem zun\u00e4chst viele K\u00fcnstler durchs F\u00f6rderungsraster gefallen sind.<\/p>\n<p><strong>Wie beeinflusst die aktuelle Situation Ihr eigenes Schreiben? Inwiefern nehmen Sie die letzten Monate als (Schreib-)Krise wahr und inwiefern eventuell auch als inspirierende Zeit?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn ich nicht schreibe, bin ich unruhiger. Mein Schreiben hilft mir, mit der Situation zurechtzukommen. Ich bin sehr dankbar f\u00fcr die M\u00f6glichkeit, der Realit\u00e4t zu entfliehen. Inspirierend ist diese Zeit nat\u00fcrlich auch. Man lernt neue Facetten an seinen Mitmenschen kennen. Allerdings kann ich mir bis jetzt noch nicht vorstellen, diese Zeit in einem Roman zu thematisieren. Mir fehlt dazu die n\u00f6tige Distanz.<\/p>\n<p><strong>Die Einteilung in systemrelevante und -irrelevante Jobs zu Beginn der Krise hat f\u00fcr Kontroversen gesorgt. Insbesondere Verb\u00e4nde von Kunst- und Kulturschaffenden warnten immer wieder eindringlich vor einer Vernachl\u00e4ssigung ihrer Branche. Wie sehen Sie Ihre Rolle in der Gesellschaft? F\u00fchlen Sie sich vernachl\u00e4ssigt \u2013 im allgemeinen Bewusstsein, aber auch bei der Verteilung der oben genannten Gelder zur Soforthilfe? Warum ist Literatur (und andere Kunst) ebenfalls wichtig f\u00fcr eine Gesellschaft, vielleicht gerade in einer Krise?<\/strong><\/p>\n<p>Als irrelevant betrachtet zu werden, tat schon weh. Allerdings bedeutet das nicht, dass ich nicht die Arbeit der Verk\u00e4uferinnen, Krankenschwestern und -pflegern, Angestellten der Gesundheits\u00e4mter, M\u00fcllwerkern und Post- und Paketboten wertsch\u00e4tze. Sie waren und sind wichtig, um den reibungslosen Betrieb zu gew\u00e4hrleisten. Aber ohne Literatur, Musik, Schauspiel oder bildende K\u00fcnste fehlen R\u00e4ume, in denen Menschen auftanken k\u00f6nnen. Auch das geh\u00f6rt dazu, um den reibungslosen Betrieb zu gew\u00e4hrleisten. Dazu braucht es manchmal nur wenig. Mir hat beispielsweise der Song \u201eHappy\u201c von Bukahara, der zuf\u00e4lligerweise zeitgleich mit meinem letzten Kriminalroman erschienen ist, \u00fcber die Wochen des Lockdown hinweggeholfen, und auch heute noch f\u00fchle ich mich besser, wenn ich ihn h\u00f6re.<\/p>\n<p><strong>Mit welchen Gedanken blicken Sie in die Zukunft? Was w\u00fcnschen Sie sich zur\u00fcck, was kann Ihrer Meinung nach auch bei der R\u00fcckkehr zur \u201ealten Normalit\u00e4t\u201c beibehalten werden (z. B. gelockerte Regelungen zum Thema Homeoffice usw.)?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe drei Enkelt\u00f6chter auf zwei Kontinenten und deshalb hoffe ich, dass mehr Menschen in den Industrienationen begreifen, dass wir nicht einfach so weitermachen k\u00f6nnen. Wir m\u00fcssen loslassen k\u00f6nnen und es akzeptieren, wenn Industrien, die nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df sind, verschwinden. Ich bin ein Kind des Ruhrgebietes. Ich wei\u00df, was das bedeutet. Arbeitspl\u00e4tze in Industrien oder Unternehmen, die umweltsch\u00e4dlich sind, nutzen niemandem, wenn es keine Umwelt mehr gibt, die es uns erlaubt, in ihr zu leben. Der Virus ist ja nur ein Symptom einer zunehmend kranken Welt. Die wirkliche Gefahr f\u00fcr die Menschheit, sind nicht Viren, sondern wir Menschen.<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D4733&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute interviewen wir Christiane Dieckerhoff f\u00fcr unsere Reihe \u201eKreativit\u00e4t in der Krise\u201c. Zu Anfang eine Frage der Pr\u00e4ferenz: Sie haben vor Kurzem auf Ihrer Facebook-Seite einen Beitrag geteilt, der zeigt, dass Sie Ihre Texte handschriftlich vorschreiben. Hilft Ihnen das im Schreibprozess? 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