{"id":4725,"date":"2020-10-21T10:54:34","date_gmt":"2020-10-21T09:54:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=4725"},"modified":"2025-11-12T12:15:53","modified_gmt":"2025-11-12T11:15:53","slug":"gerade-in-zeiten-in-denen-wir-so-sehr-auf-uns-zurueckgeworfen-sind-in-denen-kontakte-nur-eingeschraenkt-moeglich-sind-in-denen-fuer-manch-einen-das-eigene-zuhause-zum-gefaengnis-wird-ist-kunst-wic","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=4725","title":{"rendered":"&#8222;Gerade in Zeiten, in denen wir so sehr auf uns zur\u00fcckgeworfen sind, in denen Kontakte nur eingeschr\u00e4nkt m\u00f6glich sind, in denen f\u00fcr manch einen das eigene Zuhause zum Gef\u00e4ngnis wird, ist Kunst wichtig.&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em>Heute interviewen wir <strong>Sarah Meyer-Dietrich<\/strong>\u00a0f\u00fcr unsere Reihe <strong>\u201eKreativit\u00e4t in der Krise\u201c<\/strong>.<\/em><\/p>\n<p><strong>\u201eAuch wenn Corona uns allen einiges an Distanz abverlangt: Wir lassen uns nicht bremsen.\u201c Dieses motivierende Zitat l\u00e4sst sich in einem Post auf Ihrer Facebook-Seite in Bezug auf einen Schreibworkshop finden. W\u00fcrden Sie sich als positiven Menschen bezeichnen, f\u00fcr den die Corona-Pandemie keine berufliche und privat unl\u00f6sbare Herausforderung ist?<\/strong><\/p>\n<p>Definitiv bin ich Optimistin. Manchmal irrt mein Optimismus allerdings. Als Anfang des Jahres die ersten Corona-Meldungen kamen und mein Mann einen Notvorrat in der Speisekammer anlegte, habe ich das noch f\u00fcr v\u00f6llig \u00fcbertrieben gehalten. Wenig sp\u00e4ter war ich froh \u00fcber den Vorrat, auch wenn wir ihn letztlich doch nicht gebraucht haben, da wir nicht in Quarant\u00e4ne mussten. Aber grunds\u00e4tzlich bin ich immer erst einmal der Ansicht, dass wir die Dinge schon irgendwie hinkriegen werden \u2013 zur Not mit einem Plan B oder C oder D.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p><strong>Neben Ihrer T\u00e4tigkeit als Autorin sind sie auch Dozentin f\u00fcr kreatives Schreiben mit Kindern und Jugendlichen. Wie stehen Sie zu den aktuellen Debatten um m\u00f6glicherweise erneute Schulschlie\u00dfungen aufgrund steigender Infektionszahlen und fehlender Ressourcen f\u00fcr digitale Lehre?<\/strong><\/p>\n<p>Als im M\u00e4rz alle Workshops, die ich halten sollte, abgesagt wurden, habe ich \u2013 wie viele Kolleginnen und Kollegen \u2013 spontan reagiert und gemeinsam mit den jeweiligen Organisatoren Online-Alternativen gesucht und gefunden. Das klappte viel besser, als ich zuerst erwartet hatte. Ich habe deutlich gemerkt, wie sehr den Teilnehmerinnen und Teilnehmern in dieser ersten Zeit des Kontaktverbots und der Schulschlie\u00dfungen die Decke auf den Kopf fiel. Insofern kamen die Workshops da genau richtig. Ich bin aber auch \u00fcberzeugt davon, dass digitale Lehre den Pr\u00e4senzunterricht nicht ersetzen kann. Onlineunterricht ersetzt auch die pers\u00f6nlichen Begegnungen nicht. Das Quatschen der Kindern und Jugendlichen in den Pausen f\u00e4llt weg. Genauso wie die M\u00f6glichkeit, einfach mal schnell \u00fcber einen Text zu gucken. Onlineunterricht versch\u00e4rft au\u00dferdem die Unterschiede in den Bildungschancen. Wer Eltern hat, die die M\u00f6glichkeiten und die Zeit haben, ihre Kinder zu unterst\u00fctzen, wer einen eigenen Laptop oder ein eigenes Tablet und ein eigenes Zimmer hat, in dem er in Ruhe arbeiten kann, ist klar im Vorteil. Aktuell leite ich in Herne einen analogen Schreibworkshop mit Viertkl\u00e4sslern, die gr\u00f6\u00dftenteils keine gro\u00dfen Schreibvorerfahrungen haben \u2013 die w\u00fcrde ich mit einem Online-Angebot wahrscheinlich nicht erreichen.<\/p>\n<p><strong>Sie konnten Teile Ihrer Workshops digital abhalten und waren somit Kindern und Jugendlichen im regen Austausch. Was glauben Sie, welchen Stellenwert haben die Literatur und das eigene, kreative Schreiben f\u00fcr diese? Wurde die aktuelle Situation von diesen in eigens verfassten Texten ggfs. auch aufgegriffen?<\/strong><\/p>\n<p>Das eigene kreative Schreiben ist f\u00fcr Kinder und Jugendliche eine wichtige Ausdrucksm\u00f6glichkeit. Fernab von Benotungen und strengen Vorgaben, k\u00f6nnen sie sich hier ausprobieren. Aber auch Worte finden f\u00fcr ihre eigene Lebenssituation, f\u00fcr Hoffnungen und \u00c4ngste, f\u00fcr alle Formen von Gef\u00fchlen. Immer wieder merke ich, wie wichtig das f\u00fcr viele Kinder und Jugendliche ist, und freue mich f\u00fcr jeden Teilnehmer und jede Teilnehmerin, der\/die das Schreiben f\u00fcr sich entdeckt. Das Thema Corona tauchte interessanterweise nur am Rande auf in meinen \u201eCorona-Workshops\u201c. Im Zentrum standen, wie auch in den Workshops vor Corona, einerseits fantastische Themen und Krimihandlungen, andererseits jugendrelevante Themen wie Liebe, Freundschaft, Verlust und Trauer oder Mobbing.<\/p>\n<p><strong>Die Nachrichten aus der Literaturbranche sind zurzeit sehr ambivalent. Zun\u00e4chst wurden Lesungen, Workshops sowie die gro\u00dfen Buchmessen zu Beginn der Pandemie abgesagt, danach entwickelte sich eine Welle digital stattfindender Veranstaltungen und von Bund und L\u00e4ndern wurden Soforthilfen ausgezahlt. Nun entstehen hybride L\u00f6sungen, sodass die rein digitalen Formate wieder zu Events mit Pr\u00e4senz, nat\u00fcrlich unter Einhaltung der aktuell g\u00fcltigen Hygiene- und Sicherheitsbestimmungen, umgewandelt werden. Wie geht es Ihnen in der aktuellen (Corona-)Situation?<\/strong><\/p>\n<p>Workshops leite ich aktuell zwar \u2013 siehe oben \u2013 auch wieder analog, aber viele Angebote sind vorsichtshalber doch im Digitalen geblieben. Das ist f\u00fcr meinen Arbeitsalltag ziemlich praktisch, weil die Anfahrtszeiten von Workshops wegfallen. Wenn \u2013 ebenfalls siehe oben \u2013 eine komplette Umstellung auf Online-Angebote nicht in jedem Fall f\u00fcr einen Teil der Kinder und Jugendlichen die Teilhabe schwer bis unm\u00f6glich machen w\u00fcrde, w\u00e4re das also eine sch\u00f6ne neue Arbeitswelt f\u00fcr mich. Um ehrlich zu sein, habe ich ansonsten an der Vielzahl der Online-Events noch nicht teilgenommen. Auch wenn ja Lesungen und Konferenzen online abgehalten werden. Ich selbst bin als Zuh\u00f6rerin bei Lesungen einfach am liebsten immer noch life dabei. Ich gehe gern mit einem signierten Buch nach Hause &#8230; Was meine eigenen Lesungen betrifft: Da merke ich im Gegensatz zu den Workshops die Corona-Situation immens. Trotz Werkproben-Stipendium und trotz Nominierung f\u00fcr den Literaturpreis Ruhr habe ich fast keine Lesungsanfragen f\u00fcr den Herbst.<\/p>\n<p><strong>Wie beeinflusst die aktuelle Situation Ihr eigenes Schreiben? Inwiefern nehmen Sie die letzten Monate als (Schreib-)Krise wahr und inwiefern eventuell auch als inspirierende Zeit?<\/strong><\/p>\n<p>Eine inspirierende Zeit war es f\u00fcr mich nicht. Zu Beginn des Lockdowns schw\u00e4rmten ja viele von der Verlangsamung und dem Besinnen auf sich selbst und so weiter. Das kann theoretisch ja viel Raum f\u00fcrs eigene Schreiben geben. War bei mir aber nicht der Fall, weil es keine Entschleunigung gab. Die Umwandlung der Workshops in Online-Angebote f\u00fchrte in der hei\u00dfen Corona-Phase zeitweise sogar zu mehr Arbeitsauslastung als vorgesehen. Und ich habe ein kleines Kind, das zu der Zeit noch nicht in der Betreuung war \u2013 und dem Entschleunigung v\u00f6llig fremd ist. Vor dem Hintergrund macht mir der Gedanke Sorge, dass Kitas und Tagesm\u00fctter wieder schlie\u00dfen k\u00f6nnten. Dann w\u00e4re ich in der \u2013 derzeit eigentlich sehr intensiven \u2013 Arbeit an meinem neuen Roman ziemlich beschr\u00e4nkt. Aber ich bleibe optimistisch &#8230;<\/p>\n<p><strong>Sie sind Tr\u00e4gerin des Werkproben-Stipendiums des NRW KULTURsekretariats und des Kultursekretariats NRW G\u00fctersloh, welches aufgrund der aktuellen Situation um ein Jahr verl\u00e4ngert wurde. Haben Sie daneben weitere Unterst\u00fctzungsprogramme (Fonds, Darlehen, Kredite\u2026] wahrgenommen? Wie beurteilen Sie diese?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe ein Stipendien fu\u0308r Ku\u0308nstlerinnen und Ku\u0308nstler zur F\u00f6rderung der ku\u0308nstlerischen T\u00e4tigkeit im Zusammenhang mit dem Ausbruch von Covid-19 im Jahr 2020 bewilligt bekommen. Das ist wunderbar, weil es mir konzentriertes Arbeiten am Roman erm\u00f6glicht. Und es war wirklich leicht zu beantragen. Da hat das Land ganze Arbeit geleistet und unterst\u00fctzt K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler toll. F\u00fcr diejenigen Kolleginnen und Kollegen, die nicht wie ich noch Workshops oder \u00e4hnliches als zweites Standbein haben, oder die ihre Angebote nicht mal eben schnell digitalisieren konnten, und deren Verdienstausfall deshalb viel umfassender ist als bei mir, ist so ein Stipendium aber vielleicht nur ein Tropfen auf den hei\u00dfen Stein.<\/p>\n<p><strong>Die Einteilung in systemrelevante und -irrelevante Jobs zu Beginn der Krise hat f\u00fcr Kontroversen gesorgt. Insbesondere Verb\u00e4nde von Kunst- und Kulturschaffenden warnten immer wieder eindringlich vor einer Vernachl\u00e4ssigung ihrer Branche. Wie sehen Sie Ihre Rolle in der Gesellschaft? F\u00fchlen Sie sich vernachl\u00e4ssigt \u2013 im allgemeinen Bewusstsein, aber auch bei der Verteilung der oben genannten Gelder zur Soforthilfe? Warum ist Literatur (und andere Kunst) ebenfalls wichtig f\u00fcr eine Gesellschaft, vielleicht gerade in einer Krise?<\/strong><\/p>\n<p>Ich ganz pers\u00f6nlich f\u00fchle mich nicht vernachl\u00e4ssigt. Weil ich eben verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gro\u00dfes Gl\u00fcck hatte. Ich hatte zwar eigentlich gehofft, mal ein paar weniger Workshops geben und mehr von Lesungen und Co leben zu k\u00f6nnen \u2013 daf\u00fcr war 2020 definitiv nicht das richtige Jahr. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Ich verstehe aber auch, dass manche Kolleginnen und Kollegen von einem Berufsverbot gesprochen haben. Denn letztlich war es das ja f\u00fcr viele, die allein von Lesungen oder anderen Formen \u00f6ffentlicher Pr\u00e4sentation leben. Gerade in Zeiten, in denen wir so sehr auf uns zur\u00fcckgeworfen sind, in denen Kontakte nur eingeschr\u00e4nkt m\u00f6glich sind, in denen f\u00fcr manch einen das eigene Zuhause zum Gef\u00e4ngnis wird, ist Kunst wichtig. Als Mittel, um einen Ausdruck zu finden f\u00fcr die Krise. Aber auch als Mittel, um der Welt, die einem gerade so zusetzt, einfach mal eine Weile zu entfliehen.<\/p>\n<p><strong>Mit welchen Gedanken blicken Sie in die Zukunft? Was w\u00fcnschen Sie sich zur\u00fcck, was kann Ihrer Meinung nach auch bei der R\u00fcckkehr zur \u201ealten Normalit\u00e4t\u201c beibehalten werden (z.B. gelockerte Regelungen zum Thema Homeoffice usw.)?<\/strong><\/p>\n<p>Home Office ist f\u00fcr mich pers\u00f6nlich immer schon eine gute Sache gewesen, weil ich da wesentlich effizienter bin. Da ich aber als Freiberuflerin ohnehin \u2013 abgesehen von analogen Workshops \u2013 im Home Office arbeite, betrifft mich da der Wandel nicht mehr. Ich glaube aber, dass es k\u00fcnftig \u00fcblicher sein wird, dass Besprechungen mit mehreren einfach als Videokonferenz statt vor Ort stattfinden. Das ist aus meiner Sicht eine gute Sache. Auch in \u00f6kologischer Hinsicht. Und ich w\u00fcrde mir w\u00fcnschen, dass die Erkenntnis, dass Solidarit\u00e4t uns letztlich \u2013 hoffentlich \u2013 durch die Krise bringen wird, haften bleibt. Im dem Punkt bin ich allerdings weniger optimistisch, wenn ich mich so umschaue.<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D4725&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute interviewen wir Sarah Meyer-Dietrich\u00a0f\u00fcr unsere Reihe \u201eKreativit\u00e4t in der Krise\u201c. \u201eAuch wenn Corona uns allen einiges an Distanz abverlangt: Wir lassen uns nicht bremsen.\u201c Dieses motivierende Zitat l\u00e4sst sich in einem Post auf Ihrer Facebook-Seite in Bezug auf einen Schreibworkshop finden. 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