{"id":4721,"date":"2020-10-12T15:24:19","date_gmt":"2020-10-12T14:24:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=4721"},"modified":"2025-11-12T12:15:24","modified_gmt":"2025-11-12T11:15:24","slug":"sind-halt-miese-zeiten-fuer-menschen-die-eigentlich-von-der-buehne-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=4721","title":{"rendered":"&#8222;Sind halt miese Zeiten f\u00fcr Menschen, die eigentlich von der B\u00fchne leben.&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em>Heute interviewen wir <strong>Andy Strau\u00df<\/strong> f\u00fcr unsere Reihe <strong>\u201eKreativit\u00e4t in der Krise\u201c<\/strong>.<\/em><\/p>\n<p><strong>Zum Einstieg einige Fragen zu Ihrer Person. In Ihrer Facebook-Info haben Sie folgendes \u00fcber sich selbst geschrieben: \u201eSchriftsteller und Kram. Wirrsch. Halb Mensch, halb Pony. Endlich Nichtraucher.\u201c Wie definieren Sie das \u201eund Kram?\u201c. Und warum ausgerechnet \u201ehalb Pony\u201c?<\/strong><\/p>\n<p>Oha, ja, dieses Facebook&#8230; Ich glaube, dass die Informationen dort so veraltet sind wie die Plattform selbst. Auch wenn ich den \u00bbendlich Nichtraucher\u00ab-Passus erst j\u00fcngst hinzugef\u00fcgt habe. Fr\u00fcher stand dort Raucher. Da ich aber seit 27 Tagen nicht mehr rauche war es mir wichtig, das zu kommunizieren. Vorbildfunktion und so. Die anderen S\u00e4tze aus der Facebook-Infospalte sind mindestens 6 Jahre alt. Seit dem war ich f\u00fcr 1,5 Jahre festangestellt als Fr\u00fchst\u00fccksfernsehenmoderator im Internet, habe als Technojesus Ravemessen auf diversen Festivals veranstaltet, bin als Poetry Slammer aufgetreten, habe obskure Kulturbusfahrten moderiert und dies und das gemacht. Kram eben. Das definiere ich gar nicht, das definiert sich immer neu, aber es ist meist irgendwas, bei dem einem eine pfiffige Nutzung von Sprache zu gute kommt. Und das mit dem \u00bbHalb Pony\u00ab ist wohl meiner damaligen Frisur geschuldet. Im \u00bbechten Leben\u00ab habe ich eine Pferdehaar-Allergie und bin vermutlich weder Pony noch anderes Reittier.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Neben Ihrem neuen Nichtraucher-Dasein berichten Sie bei Facebook auch \u00fcber einen schweren Schicksalsschlag: Ihr geliebtes Auto, liebevoll \u201eMidlife-Chrysler\u201c getauft, wurde zu Schrott gefahren. Wie kommen Sie mit beiden Situationen momentan klar?<\/strong><\/p>\n<p>Das Nichtrauchen ist hart, wird aber immer besser \u2013 hoffe ich zumindest. Ich glaube nach 24 Jahren als Raucher, davon circa 10 Jahre als das, was man wohl einen Kettenraucher nennen mag, werde ich wohl niemals ein richtiger Nichtraucher, sondern immer eher ein trockener Raucher bleiben. Ich muss mir immer die positiven Seiten vor Augen f\u00fchren und viel \u00bbSchmecken\u00ab, denn das ist etwas, das ohne Zigaretten wirklich sehr viel besser funktioniert. Und das zerst\u00f6rte Auto? Ja, da sagst du was. Habe die Reste gerade f\u00fcr 400 Euro auf eBay verkauft. Es fehlt mir, ein Auto zu haben, einfach weil es so viel spontane Mobilit\u00e4t bietet. Aber ich kann mir gerade auch keins leisten, obwohl ich dank des Nichtrauchens 300 Euro im Monat spare. Sind halt miese Zeiten f\u00fcr Menschen, die eigentlich von der B\u00fchne leben.<\/p>\n<p><strong>Die Nachrichten aus der Literaturbranche sind zurzeit sehr ambivalent. Zun\u00e4chst wurden Lesungen, Workshops sowie die gro\u00dfen Buchmessen zu Beginn der Pandemie abgesagt, danach entwickelte sich eine Welle digital stattfindender Veranstaltungen und von Bund und L\u00e4ndern wurden Soforthilfen ausgezahlt. Nun entstehen hybride L\u00f6sungen, sodass die rein digitalen Formate wieder zu Events mit Pr\u00e4senz, nat\u00fcrlich unter Einhaltung der aktuell g\u00fcltigen Hygiene- und Sicherheitsbestimmungen, umgewandelt werden. Dies erweist sich bisher auch als voller Erfolg. Wie geht es Ihnen in der aktuellen (Corona-)Situation?<\/strong><\/p>\n<p>Puuuh,&#8230;. also erstmal zu den sogenannten \u00bbSoforthilfen\u00ab. Da will ich gerade mal ganz ehrlich sein. F\u00fcr K\u00fcnstler*Innen sind die eigentlich ein Witz. Gerade kann ich \u00fcberleben, weil ich mit dem Rauchen aufgeh\u00f6rt und mein Atelier gek\u00fcndigt habe, quasi drastisch an meinen Fixkosten gearbeitet habe. Dabei lebe ich zum gr\u00f6\u00dften Teil von meinem sp\u00e4rlichen Ersparnissen \u2013 die zugegebenerma\u00dfen bald auch aufgebraucht sind. Denn mit den Veranstaltungen ist es so: Man hat gerade vielleicht ein Viertel seiner normalen Auftr\u00e4ge, bekommt daf\u00fcr dann aber auch nur ein Drittel des Geldes, weil nicht so viel Publikum reingelassen werden kann. Und das war in der Outdoor-Saison, die jetzt vorbei ist. F\u00fcr den anstehenden Herbst und Winter sehe ich schwarz und mich selbst ALG 2 beantragen. Dass sich da irgendwas als \u00bbvoller Erfolg\u00ab erweist, kann ich so nicht nachvollziehen.<\/p>\n<p><strong>Sie haben ebenfalls auf Ihrer Facebook-Seite dar\u00fcber berichtet, dass Sie die Soforthilfen des Staats in Anspruch genommen haben, der diese jedoch bereits im September von Ihnen \u201ezum gr\u00f6\u00dften Teil [\u2026] zur\u00fcck[wollte]\u201c. Haben Ihnen die Gelder etwas gebracht, wenn der Staat diese scheinbar so schnell zur\u00fcckfordert?<\/strong><\/p>\n<p>Bis auf die 2000 Euro, die der Staat K\u00fcnstler*Innen dediziert zum Deckeln von Verdienstausf\u00e4llen zur Verf\u00fcgung gestellt hat, haben mir die Soforthilfen gar nichts gebracht. Eher im Gegenteil. Das Geld hat mir eine falsche Sicherheit gegeben, die ich lieber nicht gehabt h\u00e4tte.<\/p>\n<p><strong>Die Einteilung in systemrelevante und -irrelevante Jobs zu Beginn der Krise hat f\u00fcr Kontroversen gesorgt. Insbesondere Verb\u00e4nde von Kunst- und Kulturschaffenden warnten immer wieder eindringlich vor einer Vernachl\u00e4ssigung ihrer Branche. Wie sehen Sie Ihre Rolle in der Gesellschaft? F\u00fchlen Sie sich vernachl\u00e4ssigt \u2013 im allgemeinen Bewusstsein, aber auch bei der Verteilung der oben genannten Gelder zur Soforthilfe? Warum ist Literatur (und andere Kunst) ebenfalls wichtig f\u00fcr eine Gesellschaft, vielleicht gerade in einer Krise?<\/strong><\/p>\n<p>Meine Rolle in der Gesellschaft sollte eigentlich sein, eben jene Gesellschaft auf ihre Fehler hinzuweisen oder ihr sogar Wege aufzuzeigen, sich selbst zu \u00fcberwinden. Deswegen ist es nur logisch, dass sich die Gesellschaft vor ihren K\u00fcnstler*Innen sch\u00fctzt und sie etwas verhungern l\u00e4sst. Andererseits leben wir auch in Zeiten, in denen jede*r die M\u00f6glichkeit hat, Kunst zu behaupten. Das ist toll und gut, aber der Geist der Revolution ist aus der Kunst an sich weitestgehend heraus geschwebt. Wo er sich niedergelassen hat? Keine Ahnung. Aber solange die Kunst eher ihre Selbsterhaltung zum Thema hat und nicht irgendwas umwerfen m\u00f6chte, ist sie vielleicht auch nicht relevant innerhalb einer Gesellschaft. Aus mir spricht aber gerade auch etwas zynisches, das im Anbetracht dieser Frage gerne eine Zigarette rauchen oder irgendwen anschreien m\u00f6chte.<\/p>\n<p><strong>Wie beeinflusst die aktuelle Situation Ihr eigenes Schreiben und Ihre Kreativit\u00e4t? Inwiefern nehmen Sie die letzten Monate als (Schreib-)Krise wahr und inwiefern eventuell auch als inspirierende Zeit?<\/strong><\/p>\n<p>Ich f\u00fchle mich innerhalb dieser Pandemie eher eingefroren. Wirklich was geschrieben habe ich nicht, auch anderweitig k\u00fcnstlerisch aktiv war ich nicht. Mir fehlt daf\u00fcr der Kontakt zu Menschen, die N\u00e4he, das progressive einander schw\u00e4ngern des Kopfes. Gut, ein Musikvideo habe ich gemacht, Angela GmbH, ein Filmchen \u00fcber Verschw\u00f6rungstheorien. Aber den will kaum jemand schauen. Mir scheint eh: Ich bin in eine tiefe Depression gefallen. Ab und zu tauche ich auf, schaue mich um, aber dann ist immer alles noch so dunkel und dann tauche ich wieder unter. Aber ich denke, dass wird auch irgendwann wieder.<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D4721&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute interviewen wir Andy Strau\u00df f\u00fcr unsere Reihe \u201eKreativit\u00e4t in der Krise\u201c. Zum Einstieg einige Fragen zu Ihrer Person. In Ihrer Facebook-Info haben Sie folgendes \u00fcber sich selbst geschrieben: \u201eSchriftsteller und Kram. Wirrsch. 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