{"id":4708,"date":"2020-08-31T13:43:43","date_gmt":"2020-08-31T12:43:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=4708"},"modified":"2024-05-22T10:30:13","modified_gmt":"2024-05-22T09:30:13","slug":"schwimme-nicht-gegen-den-strom-sondern-steige-aus-dem-fluss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=4708","title":{"rendered":"\u201eSchwimme nicht gegen den Strom, sondern steige aus dem Fluss.\u201c"},"content":{"rendered":"<p><em>Heute interviewen wir <strong>Oliver Uschmann<\/strong> f\u00fcr unsere Reihe \u201e<strong>Kreativit\u00e4t in der Krise<\/strong>\u201c.<\/em><\/p>\n<div id=\"attachment_4709\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Foto_Oliver-Uschmann-c-Sylvia-Witt.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-4709\" class=\"wp-image-4709 size-medium\" src=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Foto_Oliver-Uschmann-c-Sylvia-Witt-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Foto_Oliver-Uschmann-c-Sylvia-Witt-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Foto_Oliver-Uschmann-c-Sylvia-Witt.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4709\" class=\"wp-caption-text\">Oliver Uschmann auf dem Kulturgut Haus Nottbeck. (c) Sylvia Witt<\/p><\/div>\n<p><strong>Herr Uschmann, bei der Recherche \u00fcber Sie st\u00f6\u00dft man immer wieder auf Franz Kafka \u2013 in Interviews, in Ihrer Magisterarbeit, Sie haben ihn auch schon als Idol Ihrer Jugend bezeichnet und als Lieblingsautor. Die aktuelle Situation mutet ja durchaus kafkaesk an, noch gruseliger war es w\u00e4hrend des sogenannten Lockdowns. Doch Kafka hatte, wie Sie selbst immer wieder betonen, durchaus eine komische Ader. Hilft sein Humor in der Krise? <\/strong><\/p>\n<p>Definitiv. Guter, absurder Humor kann alles \u201ezur Kenntlichkeit entstellen\u201c und zugleich dagegen immunisieren, sich irgendeiner geschlossenen Erz\u00e4hlung anzuschlie\u00dfen. Unser Romanheld Hartmut hat dem das Motto gegeben: \u201eSchwimme nicht gegen den Strom, sondern steige aus dem Fluss.\u201c Das ist die Essenz nicht des kafkaesken, sondern des hartmutesken Denkens. Meine Frau Sylvia Witt und ich sind ja die Sch\u00f6pfer der sogenannten \u201eHui-Welt\u201c, die man einst auf dem Kulturgut Haus Nottbeck bewohnen und mit allen Sinnen erleben konnte: \u201e<a href=\"https:\/\/youtu.be\/VK8VXMsB8Vg\">Ab ins Buch!<\/a>\u201c feiert dieses Jahr sein zehnj\u00e4hriges Jubil\u00e4um! H\u00e4tte uns damals jemand bei einem sanft aufziehenden W\u00e4rmegewitter unter den Pflaumenb\u00e4umen vor dem Gartenhaus gesagt, wie der Sommer 2020 sich gestaltet \u2013 uns h\u00e4tte ein kafkaesker Schauer durchzogen. Mitten im Lockdown haben wir \u00fcbrigens mit \u201eLost Levels\u201c den siebten \u201eHartmut und ich\u201c-Roman herausgebracht, als erste Publikation in unserem eigenen Verlag Edition Hombrede. Das Buch hat einige Fans mit kathartischem Lachen durch den Sommer gebracht und entlastet sehr von den derzeitigen Sorgen, da es sich mit einer Erz\u00e4hlzeit von 1995 bis 2005 als Fundament unter die ersten Werke schiebt und feine Nostalgie erm\u00f6glicht.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Die Nachrichten aus der Literaturbranche sind zurzeit wenig hoffnungsvoll. Lesungen und Workshops werden abgesagt, ganz zu schweigen von den gro\u00dfen Buchmessen, und die sogenannten Soforthilfen von Bund und L\u00e4ndern liefen zun\u00e4chst nur tr\u00e4ge an. Wie geht es Ihnen beruflich mit der aktuellen (Corona-)Situation? Gibt es eine Ver\u00e4nderung seit den ersten Monaten der Krise, dem \u201eLockdown\u201c? Haben Sie die unterschiedlichen Unterst\u00fctzungsprogramme (Fonds, Darlehen, Kredite\u2026) wahrgenommen? Wie beurteilen Sie diese? <\/strong><\/p>\n<p>\u00dcber Geld spricht man bekanntlich nicht, doch k\u00f6nnen wir zumindest best\u00e4tigen, dass die B\u00fcrokratie in der Krise einerseits tats\u00e4chlich kafkaesk ist, andererseits aber auch zug\u00e4nglicher und weitaus besser erreichbar. Um es weiter in Kafkas Worten auszudr\u00fccken: Es ist m\u00f6glich, den Beamten Klamm direkt im Schloss anzurufen und um Kl\u00e4rung zu bitten. Irre, oder? Das Leben selbst hat sich radikal gewandelt. Um es mal so auszudr\u00fccken: Ich habe in den vergangenen sechs Monaten nur insgesamt drei Mal getankt \u2013 und noch nicht einmal voll! Der Musterbogen, auf dem man als Freiberufler seine betrieblichen Fahrten \u00fcber acht Stunden Dauer oder mit \u00dcbernachtung eintr\u00e4gt, ist leer. Daf\u00fcr gl\u00fchen die Rechner und die Menschen sitzen auf unseren Schreibtischen in den Konferenz-Fenstern von Skype, Cisco oder Zoom. Sie sprechen immerfort aus unseren Telefonen in Messenger-Gruppen bei Whatsapp oder Signal. Ich habe \u00fcber drei\u00dfig Impulsvortr\u00e4ge aus dem Wohnzimmer produziert, die ich seit April f\u00fcr diverse Lehrauftr\u00e4ge nutze, um meine Seminare zu entzerren, die ich etwa an der Ruhr-Uni Bochum gebe. Studierende schauen sich die Videos in einem vorgegebenen Zeitraum an, stellen Fragen per Messenger und senden ihre Arbeiten per eMail. F\u00fcr die insgesamt drei B\u00fccher, die dieses Jahr von uns erschienen sind und die ausgefallenen Auftritte bei den Messen, entstanden ebenfalls viele Videos.<\/p>\n<p><strong>Wie beeinflusst die aktuelle Situation Ihr Schreiben selbst? Inwiefern nehmen Sie die letzten Monate als (Schreib-)Krise wahr und inwiefern eventuell auch als inspirierende Zeit?<\/strong><\/p>\n<p>Die Krise hat daf\u00fcr gesorgt, dass auf dem stiefm\u00fctterlich behandelten YouTube-Kanal <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/user\/Hartmutundich\"><em>hartmutundich<\/em><\/a> nun regelm\u00e4\u00dfig Leben herrscht. Meine Frau arrangierte die Illustrationen eines kommenden Jugendromans zu einem liebevoll erz\u00e4hlten Trailer. Ich filmte mich spontan bei der Restauration des Gartenteichs und machte daraus eine Allegorie \u00fcber Textarbeit. Wir \u00fcbersetzen gerade unsere Webseite ins Englische, erarbeiten Drehbuchstoffe f\u00fcrs Fernsehen, verhandeln neue Romane mit den Verlagen und arbeiten Herzensprojekten, die wir erst in die M\u00fchlen des Gesch\u00e4fts geben werden, wenn sie bereits vollst\u00e4ndig existieren und gegen \u00e4u\u00dfere Einfl\u00fcsse vollst\u00e4ndig gefeit sind. Vieles davon sind also initiative Arbeiten, sorgsame Pflanzungen, f\u00fcr die irgendwann einmal Geld flie\u00dft, f\u00fcr die man sich aber sonst selten Zeit nimmt, wenn man immer nur durch die Gegend rast. Auftritte sind sch\u00f6n, selbst bei kleinem Publikum, aber es ist gut und das Gegenteil einer Schaffenskrise, dass fruchtlose Meetings wegfallen oder Stunden um Stunden auf der Autobahn beim Pendeln in die Universit\u00e4t. Wobei wir das Gl\u00fcck eines H\u00e4uschens mit Garten in einem M\u00fcnsterl\u00e4nder Dorf haben, was in Kombination mit Berufen, die sich teilweise virtualisieren lassen, ein Privileg ist.<\/p>\n<p><strong>Die Einteilung in systemrelevante und -irrelevante Jobs zu Beginn der Krise hat f\u00fcr Kontroversen gesorgt. Insbesondere Verb\u00e4nde von Kunst- und Kulturschaffenden warnten immer wieder eindringlich vor einer Vernachl\u00e4ssigung ihrer Branche. Wie sehen Sie Ihre Rolle in der Gesellschaft? F\u00fchlen Sie sich vernachl\u00e4ssigt \u2013 im allgemeinen Bewusstsein, aber auch bei der Verteilung der oben genannten Gelder zur Soforthilfe? Warum ist Literatur (und andere Kunst) ebenfalls wichtig f\u00fcr eine Gesellschaft, vielleicht gerade in einer Krise? <\/strong><\/p>\n<p>Ich nehme grunds\u00e4tzlich nie eine Opferrolle ein, das gibt Sodbrennen. Ich wei\u00df allerdings, wie tief es viele Kolleginnen und Kollegen getroffen hat, wenn es drauf ankommt, im Grunde gesagt zu bekommen: \u201eKindchen, das habe ich dir doch immer gesagt, dass das nix ist mit dem Kunst-Kokolores! Immer unsicher, immer nur von der Hand in den Mund. Dann gehe doch lieber zum Onkel Werner in die Werkstatt, der gibt dir eine Festanstellung, wenn du ihn darum bittest.\u201c Kunst gibt dem Leben Sinn und Seele, gerade weil sie sich von dem Zweckdenken losl\u00f6st, das auch im Begriff der \u201eSystemrelevanz\u201c steckt. Schauen Sie sich etwa mal die Rubrik \u201e<a href=\"https:\/\/hombrede.de\/pages\/zweihundertwerke.html\">200 heimliche Werke<\/a>\u201c im Bereich Bildkunst auf unserer Webseite an. Sylvia offenbart dort erstmals Kunst und Aktionen im \u00f6ffentlichen Raum, die sie \u00fcber Jahre hinweg ganz bewusst so betrieben hat, dass sie niemand direkt bemerken konnte. Und wenn doch \u2013 durch Zufall oder den ganz sensiblen Blick \u2013, dann hat der Betrachter einen Hauch jener tiefen Freiheit gesp\u00fcrt, die darin steckt, etwas aus sich selbst heraus machen zu m\u00fcssen. Wof\u00fcr leben wir, als Menschen? Nur, um zu \u00fcberleben? Oder, um aus unserer Zeit auf Erden ein wenig w\u00fcrdevolle Freude zu ziehen?<\/p>\n<p><strong>Insbesondere w\u00e4hrend des \u201eLockdowns\u201c scheint sich bei einigen durch die dazugewonnene Zeit eine pl\u00f6tzliche Produktivit\u00e4t entwickelt zu haben. W\u00e4hrend manche zwischen Kinderbetreuung und gleichzeitigem Homeoffice kaum mehr zur Ruhe kamen, fanden andere die Zeit, sich mit Heimwerken, Gartenarbeit oder Kochen selbst zu verwirklichen. Wie war das bei Ihnen? Hatten Sie beispielsweise mehr Zeit f\u00fcr neue Themen, Experimente? Vielleicht auch f\u00fcr alternative Formate, etwa Online-Lesungen? <\/strong><\/p>\n<p>Beruflich habe ich die Frage ja bereits beantwortet. Privat hat sich das Aufkommen von Telefonaten mit Familie und Freunden erh\u00f6ht und teils auch die Gartenpflege, aber nur in einzelnen Vorst\u00f6\u00dfen. Ach ja, und wir haben nach vielen Jahren endlich mal den Dachgiebel streichen lassen, der nun stolz in friesischem Wei\u00df erstrahlt. Witzig ist immer, wie auf dem Dorf alle Nachbarn augenblicklich nachziehen, wenn man eine Hecke kappt oder frische Farbe ans Haus bringt. Kaum sind die Leitern eingeklappt und die S\u00e4ge verstaut, z\u00fccken sie rundum ihre Telefone\u2026 und nur wenige Tage sp\u00e4ter erklimmen \u00fcberall die Maler die D\u00e4cher oder rumpeln die Pick-up-Trucks der Gartenhilfsdienste \u00fcber den H\u00fcgel.<\/p>\n<p><strong>Durch Homeoffice und Reiseverbot waren die meisten in der letzten Zeit ungew\u00f6hnlich viel zuhause. Was bedeutet \u201eZuhause\u201c f\u00fcr Sie \u2013 den Ort, an dem Sie sich aufhalten, oder etwas ganz Anderes? Hat sich diese Wahrnehmung in den letzten Monaten ver\u00e4ndert? Wie denken Sie jetzt \u00fcber Reisen und Auslandsaufenthalte in der Vergangenheit? Wonach bzw. wohin sehnen Sie sich? <\/strong><\/p>\n<p>Zuhause ist dort, wo man in Geheimsprache reden kann und einem die Katze auf dem Bauch herumstampft. Als jemand, der sich beruflich wie privat viel mit Musikfestivals und mit Fu\u00dfball befasst, vermisse ich die Parallelwelten aus Zelten und B\u00fchnen, die sich jeden Sommer auftun und das Publikum im Stadion. Ich mache mir Sorgen, dass viele Veranstalter pleitegehen und will dem Profigesch\u00e4ft im Fu\u00dfball zurufen: \u201eTrotz Corona immer noch Transfersummen in H\u00f6he des Bruttoinlandsprodukts mancher Staaten? Habt ihr sie noch alle?\u201c Was das Reisen angeht, bin ich zwiesp\u00e4ltig. Einerseits war die Ruhe auf den Stra\u00dfen und am Himmel w\u00e4hrend des harten Lockdowns paradiesisch. Schon diese kurze Vollbremsung des menschlichen Gewusels auf der Welt hatte, wie wir alle wissen, massive \u00f6kologische Auswirkungen. Jeder, der die Natur von ganzem Herzen liebt, wei\u00df, wie heilsam es w\u00e4re, hier auch in Zeiten ohne Lockdown Zur\u00fcckhaltung zu \u00fcben. Wobei Reisen ja nicht gleich Reisen ist. Wenn Reisen bedeutet, gesch\u00e4ftliche Treffen \u00fcber Tage zu ziehen, deren Essenz per Videokonferenz in zwei Stunden zu kl\u00e4ren w\u00e4re, sollten wir uns das dem Planeten zuliebe sparen. Auch wenn Reisen bedeutet, m\u00f6glichst billig an einen m\u00f6glichst dionysischen Ort zu fliegen, an dem man nichts anderes sieht als den Grund eines Glases. Das kann man auch zu Hause haben. Wenn Reisen dagegen bedeutet, dass Menschen sich aufrichtig neugierig andere L\u00e4nder und Lebensweisen anschauen und einfach ihrem Recht nachgehen, sich das Erdenrund auch mal anzuschauen, auf dem ihnen ein Leben geschenkt wurde, f\u00fchrt das zu Gelassenheit, Gl\u00fcck und V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung. Es ist wichtig, die Welt w\u00f6rtlich zu er-fahren. Wenn wir alle nur als Monaden vor dem Rechner in unseren Filterblasen hocken, ist das der Untergang.<\/p>\n<p><strong>Mit welchen Gedanken blicken Sie in die Zukunft? <\/strong><\/p>\n<p>Mit der Hoffnung darauf, dass die Menschen L\u00f6sungen finden und den gr\u00f6\u00dften Virus \u00fcberwinden, der sich in den vergangenen Jahren ausgebreitet hat: Den der Spaltung und der Vorverurteilung, des Redens \u00fcber andere statt mit ihnen und der Abschaffung jeder gemeinsamen Wirklichkeit. Wom\u00f6glich w\u00e4re schon viel gewonnen, wenn wir die sozialen Netzwerke abschalten. Au\u00dferdem habe ich Bef\u00fcrchtungen, dass die fatale Dreieinigkeit aus Big Business, Big Data und Big Pharma mittels geschickten kleinen Schritten, viel Marketing und subtilem Nudging tats\u00e4chlich eine Zukunft ansteuert, wie sie Dave Eggers in \u201eThe Circle\u201c, Marc-Uwe Kling in \u201eQualityLand\u201c oder wir selbst in \u201eFeindesland\u201c prognostiziert haben. Da gilt es, sehr wachsam zu bleiben. Kurzfristig wiederum regt es mich auf, dass ich mich f\u00fcr die Vorsicht, die von Ende M\u00e4rz bis Ende Mai absoluter Konsens war, mittlerweile wieder rechtfertigen muss. Die gesamte Welt wurde nahezu einhellig heruntergefahren und damit die apokalyptische Relevanz der Pandemie unterstrichen. Und auch, wenn die quantitative Verbreitung des Virus weit unter den Erwartungen bleibt, scheint die Qualit\u00e4t des Schadens, den Covid-19 als Erkrankung anrichten kann, immens und noch l\u00e4ngst nicht ausreichend erforscht. Ich bleibe also vorerst allein aus Trotz im Apokalypse-Modus. Man sagt mir nicht vor wenigen Wochen \u201eAb in den Bunker, drau\u00dfen rattern die Flakgesch\u00fctze\u201c, um mir jetzt zu sagen: \u201eKomm wieder raus, du Neurotiker, es sitzen nur noch Scharfsch\u00fctzen auf den H\u00fcgeln, die werden dich schon nicht treffen.\u201c Es ist absurd, sich in gewissen Situationen nicht selbst sch\u00fctzen zu d\u00fcrfen und in anderen dazu verpflichtet zu sein. Angesichts von Superspreadern, die ihre Aerosole verbreiten, welche sich in nur einer Minute in einem Raum verteilen, ist es z.B. absolut fahrl\u00e4ssig, Schulunterricht oder Gerichtsverhandlungen in geschlossenen R\u00e4umen abzuhalten, egal ob mit Maskenpflicht oder Plexiglasscheiben. Das ist so, als w\u00e4re man verpflichtet, bei den Demonstrationen mitzulaufen, auf denen alle Teilnehmerinnen aus Prinzip keine Maske tragen. In der Schule d\u00fcrfen die Kinder nicht mal mehr im selben Buch bl\u00e4ttern, aber nach der Pausenglocke gibt\u2019s auf der Stra\u00dfe nat\u00fcrlich Umarmungen und K\u00fcsschen. In den Imbissbuden stehen die Betreiber zu f\u00fcnft neben D\u00f6nerspie\u00df und Pizzaofen und atmen kr\u00e4ftig aus der Nase in die Salate hinein, da sie ihre Masken alle so tragen, als h\u00e4tten sie eine Studie gelesen, dass der Virus vor allem \u00fcber die Hautporen am Kinn in den K\u00f6rper eindringt. Andererseits ist es haneb\u00fcchen, in leeren Parks auch nur mit Maske rumlaufen zu d\u00fcrfen oder dass sie weltweit Menschen von den Str\u00e4nden verjagen, wo Abstand ohne Ende m\u00f6glich ist und die salzige Meerluft samt Wind alles verweht. Ich bin folglich f\u00fcr konsequentere Vorsicht, wenn man von der Apokalypse ausgeht, aber zugleich kommt mir auch kein mRNA-Impfstoff in den K\u00f6rper, der ja als eine der m\u00f6glichen Methoden erforscht wird. Bislang wollen wir in Europa nicht einmal gentechnisch ver\u00e4nderte Nahrungsmittel zu uns nehmen, nun aber ziehen wir eine Impfung aus dem Bereich der roten Gentechnik in Betracht? Eine Methode, die seit Beginn der 90er-Jahre erforscht wird und aus deren Bereich dennoch bis heute kein Arzneimittel die Zulassung bekommen konnte? Sie sehen, es ist kompliziert und anstrengend, \u00fcber die Zukunft nachzudenken und f\u00fchrt auch gerne mal zu Migr\u00e4ne.<\/p>\n<p><strong>Wie, glauben Sie, wird sich die Literatur in n\u00e4chster Zeit inhaltlich mit Corona auseinandersetzen? Wann wird man anfangen, die Krise zu thematisieren? Was bedeutet das evtl. f\u00fcr zuletzt popul\u00e4re Genres wie Endzeitszenarien, Apokalypse etc.? Planen Sie selbst, Ihr Erleben der Corona-Zeit literarisch zu verarbeiten?<\/strong><\/p>\n<p>Schon w\u00e4hrend der allerersten Phase der Krise haben Verlage die ersten Titel zum Thema auf den Markt gedroschen, meistens popul\u00e4re Sachb\u00fccher mit angeblichen \u201eAntworten\u201c auf die dr\u00e4ngenden Fragen oder mit wohlfeilen Reflexionen zur Krise. Es wird eine Flut an B\u00fcchern dazu geben, aus allen Bereichen. Ganz vorne sehe ich den lakonisch-zynischen Alltagsbericht als \u201eCorona-Tagebuch\u201c sowie die Dystopie eines totalit\u00e4ren Systems, indem wir \u201ezu unserem eigenen Besten\u201c in allen Belangen \u00fcberwacht, ausgewertet und freundlich zum \u201erichtigen Verhalten\u201c angeleitet werden. Ich wette, dass in diesem Augenblick ein paar hundert Tastaturen in dieser Richtung klackern. Und sicher wird das eines Tages auch bei uns Einzug finden\u2026 aber doch nicht so schnell! Wer wei\u00df denn schon, in welche Gesellschaftsordnung und welche riesigen Reformvorhaben die kommenden Monate m\u00fcnden? Wie und ob der Virus aus der Welt geschafft wird? Wo die Unkenrufer Recht haben und wo die Optimisten? Wozu genau die Initiative \u201eThe Great Reset\u201c, die das Weltwirtschaftsforum offiziell ausgerufen hat, um, ich zitiere, \u201eden Zustand der Welt zu verbessern\u201c, tats\u00e4chlich f\u00fchren wird? Ein Neustart der Welt, das ist kein Pappenstiel! Und der soll nicht irgendwann stattfinden, sondern in den kommenden Monaten und Jahren, als Konsequenz aus Corona. Wie soll man dar\u00fcber schreiben, w\u00e4hrend noch alles im Fluss ist? Jetzt hei\u00dft es: Beobachten, genau hinsehen, Ruhe bewahren und schauen, wann es absurd kafkaesk wird \u2013 auf Seiten der Zukunftsmacher genauso wie auf Seiten der Untergangsgurus.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">&#8211; Interview: Hannah von Legat<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"Default\">Oliver Uschmann wurde geboren, als seine Eltern es f\u00fcr angebracht hielten. Der Niederrheiner ist Germanist, Schriftsteller, Journalist, Dozent und zielgerichtet Zerstreuter. Gemeinsam mit Sylvia Witt erschafft er Romane, Jugendliteratur sowie erz\u00e4hlende Sachb\u00fccher auf dem holistischen Heimath\u00fcgel \u201e<a href=\"https:\/\/hombrede.de\">Hombrede<\/a>\u201c im M\u00fcnsterland. Die Kulissen der Erfolgsreihe \u201eHartmut und ich\u201c bauten sie auf dem Kulturgut Haus Nottbeck als <a href=\"https:\/\/youtu.be\/VK8VXMsB8Vg\">Erlebnispark<\/a> auf.<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D4708&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute interviewen wir Oliver Uschmann f\u00fcr unsere Reihe \u201eKreativit\u00e4t in der Krise\u201c. Herr Uschmann, bei der Recherche \u00fcber Sie st\u00f6\u00dft man immer wieder auf Franz Kafka \u2013 in Interviews, in Ihrer Magisterarbeit, Sie haben ihn auch schon als Idol Ihrer Jugend bezeichnet und als Lieblingsautor. 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