{"id":4689,"date":"2020-08-24T09:42:15","date_gmt":"2020-08-24T08:42:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=4689"},"modified":"2025-12-17T11:02:37","modified_gmt":"2025-12-17T10:02:37","slug":"zur-not-ein-wellensittich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=4689","title":{"rendered":"Zur Not ein Wellensittich"},"content":{"rendered":"<p><em>Heute setzen wir unsere Interviewreihe <strong>&#8222;Kreativit\u00e4t in der Krise&#8220;<\/strong> fort. Unser Interviewpartner diesmal ist <strong>Martin Becker<\/strong>.<\/em><\/p>\n<p><strong>\u201eMartin Becker. Macht Radio. Schreibt B\u00fccher. Mag Hunde.\u201c, so begr\u00fc\u00dft Ihre Homepage die Leserinnen und Leser. In Ihrer Vita \u2013 mit Hundebild \u2013 steht auch etwas \u00fcber Ihre Vorliebe f\u00fcr Gefl\u00fcgel-\u00a0<\/strong><strong>und Kaninchenausstellungen. Erst k\u00fcrzlich haben Sie sich Wellensittiche zugelegt, deren Umgang mit dem Ausnahmezustand dem des Menschen \u00fcberraschend \u00e4hnlich ist, wie Sie in \u201eKatastrophentouristen\u201c schreiben. Helfen Haustiere in der Krise?<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Auf jeden Fall. Sie haben was Beruhigendes und Gleichm\u00fctiges, das hilft durchaus \u2013 bei kleinen Krisen wie in der nun erlebten gro\u00dfen. Mit einem Ger\u00fccht muss ich allerdings aufr\u00e4umen: Entgegen anders lautender Meldungen besitze ich nach wie vor keine Wellensittiche! Ich schw\u00f6re, ich war nach dem Schreiben meiner Erz\u00e4hlung \u201eKatastrophentouristen\u201c kurz davor und hatte schon ein entz\u00fcckendes Paar Wellensittiche in den Kleinanzeigen entdeckt \u2013 aber ich begn\u00fcge mich nun doch einstweilen mit dem Anblick der Halsbandsittiche in den B\u00e4umen vor dem Fenster meiner K\u00f6lner Arbeitswohnung.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Die Nachrichten aus der Literaturbranche sind zurzeit wenig hoffnungsvoll. Lesungen und Workshops werden abgesagt, ganz zu schweigen von den gro\u00dfen Buchmessen, und die sogenannten Soforthilfen von Bund und L\u00e4ndern liefen zun\u00e4chst nur tr\u00e4ge an. Wie geht es Ihnen beruflich mit der aktuellen (Corona-)Situation? Gibt es eine Ver\u00e4nderung seit den ersten Monaten der Krise, dem \u201eLockdown\u201c? Haben Sie die unterschiedlichen Unterst\u00fctzungsprogramme (Fonds, Darlehen, Kredite\u2026) wahrgenommen? Wie beurteilen Sie diese?<\/strong><\/p>\n<p>Die Situation f\u00fcr viele meiner Kolleginnen und Kollegen ist wirklich schlimm, manche der B\u00fccher aus dem Fr\u00fchjahr sind komplett untergegangen und durch fehlende Lesungen brach oft dann auch die Existenzgrundlage weg \u2013 das mit den Unterst\u00fctzungsprogrammen scheint mittlerweile ganz gut zu funktionieren, gerade in NRW habe ich schon von einem Kollegen geh\u00f6rt, dass er sehr unb\u00fcrokratisch k\u00fcrzlich Hilfe bekommen hat. Ich selbst hatte in dieser Hinsicht Gl\u00fcck: F\u00fcr das Fr\u00fchjahr war bei mir ohnehin eine etwas isolierte Schreibzeit geplant, zugleich war ich fast w\u00f6chentlich mit Kolumnen f\u00fcr WDR3 besch\u00e4ftigt (f\u00fcr die ich das Haus auch nicht verlassen musste) \u2013 insofern kann ich wirklich froh und dankbar sein, keine Hilfe ben\u00f6tigt zu haben, da ich im Prinzip meinem \u201enormalen\u201c Arbeitsalltag weiter nachgehen konnte.<\/p>\n<p><strong>Wie beeinflusst die aktuelle Situation Ihr Schreiben selbst? Inwiefern nehmen Sie die letzten Monate als (Schreib-)Krise wahr und inwiefern eventuell auch als inspirierende Zeit?<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Der Ausnahmezustand hatte schon Einfluss auf mein Schreiben \u2013 aber nicht im positiven Sinne! Das deckt sich mit dem, was mir etliche Freundinnen und Freunde erz\u00e4hlt haben: Nach dem \u201eLockdown\u201c, obwohl man doch eigentlich so viel Zeit gehabt h\u00e4tte zum Schreiben, setzte eine ungeheure Verlangsamung ein beim kreativen Arbeiten. Vielleicht war das dann doch die Auswirkung der omnipr\u00e4senten Anspannung? Ich kann es mir selbst nicht so genau erkl\u00e4ren. Mittlerweile habe ich aber wieder Normaltempo erreicht \u2013 das ist auch gut so, mein neuer Roman muss alsbald in einer ersten Fassung fertig sein, weil er im Herbst 2021 erscheinen wird.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><strong>Die Einteilung in systemrelevante und -irrelevante Jobs zu Beginn der Krise hat f\u00fcr Kontroversen gesorgt. Insbesondere Verb\u00e4nde von Kunst- und Kulturschaffenden warnten immer wieder eindringlich vor einer Vernachl\u00e4ssigung ihrer Branche. Wie sehen Sie Ihre Rolle in der Gesellschaft? F\u00fchlen Sie sich vernachl\u00e4ssigt \u2013 im allgemeinen Bewusstsein, aber auch bei der Verteilung der oben genannten Gelder zur Soforthilfe? Warum ist Literatur (und andere Kunst) ebenfalls wichtig f\u00fcr eine Gesellschaft, vielleicht gerade in einer Krise?<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Wie gesagt, ich selbst bin da in einer wirklich gl\u00fccklichen Doppelrolle: Wenn es mit dem Schreiben gerade etwas mager aussieht, dann mache ich viel Radio \u2013 und wenn es mit dem Rundfunk zwischenzeitlich etwas schleppend l\u00e4uft, dann kann ich mich ins Schreiben st\u00fcrzen. Grunds\u00e4tzlich sind die Debatten um den Wert der kulturellen Arbeit nat\u00fcrlich sehr wichtig, einerseits. Andererseits kenne ich diese Vernachl\u00e4ssigungsdiskussionen seit mittlerweile anderthalb Jahrzehnten \u2013 eben seit ich allein vom B\u00fccherschreiben und von der Radioarbeit lebe. Ich wei\u00df nicht, ob es da eine wirkliche Patentl\u00f6sung gibt \u2013 ich selbst f\u00fchlte und f\u00fchle mich nicht vernachl\u00e4ssigt (au\u00dfer nat\u00fcrlich dann punktuell, wenn ich Preise oder Auftr\u00e4ge nicht bekomme \u2013 dann ist die ganze Welt zeitweise einfach nur ungerecht, aber wer kennt das nicht?), ich wusste ja von Anfang an, worauf ich mich einlasse. Und sollte es so gar nicht mehr laufen, dann w\u00fcrde ich mir tats\u00e4chlich sagen: Es war eine gro\u00dfartige Zeit, aber dann lassen wir das eben, dann wird es auch eine andere tolle Arbeit geben, an der ich Freude habe.<\/p>\n<p><strong>Insbesondere w\u00e4hrend des \u201eLockdowns\u201c scheint sich bei einigen durch die dazugewonnene Zeit eine pl\u00f6tzliche Produktivit\u00e4t entwickelt zu haben. W\u00e4hrend manche zwischen Kinderbetreuung und gleichzeitigem Homeoffice kaum mehr zur Ruhe kamen, fanden andere die Zeit, sich mit Heimwerken, Gartenarbeit oder Kochen selbst zu verwirklichen. Wie war das bei Ihnen? Hatten Sie beispielsweise mehr Zeit f\u00fcr neue Themen, Experimente? Vielleicht auch f\u00fcr alternative Formate, etwa Online-Lesungen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Ich hatte insgesamt viel zu wenig Zeit, erst recht keine Zeit f\u00fcr Experimente: Da gab es einen gr\u00f6\u00dferen Umzug gerade zum Beginn des \u201eLockdowns\u201c, au\u00dferdem ist seit Ende Oktober mein kleiner Sohn Rudi auf der Welt \u2013 sofern Breikochen, Baukl\u00f6tze bauen und st\u00e4ndiges Rumalbern zur Selbstverwirklichung geh\u00f6rt, dann: Ja, ich habe mich sehr selbst verwirklicht, wobei die Corona-Zeit da eher eine untergeordnete Rolle spielte.<\/p>\n<p><strong>Durch Homeoffice und Reiseverbot waren die meisten in der letzten Zeit ungew\u00f6hnlich viel zuhause. Was bedeutet \u201eZuhause\u201c f\u00fcr Sie \u2013 den Ort, an dem Sie sich aufhalten, oder etwas ganz Anderes? Hat sich diese Wahrnehmung in den letzten Monaten ver\u00e4ndert? Wie denken Sie jetzt \u00fcber Reisen und Auslandsaufenthalte in der Vergangenheit? Wonach bzw. wohin sehnen Sie sich?<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Eine gute Frage, die ich mir seit Jahren stelle. Fr\u00fcher h\u00e4tte ich gesagt: Zuhause ist und bleibt mein Elternhaus in Plettenberg, da komme ich her, da gehe ich irgendwie immer hin, auch literarisch. Nun ist mein Vater seit fast zw\u00f6lf Jahren tot, letztes Jahr ist meine Mutter gestorben und das Reihenhaus meiner Kindheit geh\u00f6rt jetzt einer anderen Familie. Ich habe es mit dem Zuhause in Prag versucht, wo ich eine Wohnung hatte, ich habe meine Bude in K\u00f6ln, wo ich arbeite, mit meiner Familie wiederum lebe ich in Halle\/Saale \u2013 wo bin ich wirklich daheim? Vielleicht doch tats\u00e4chlich da, wo mein Sohn ist, w\u00fcrde ich mittlerweile sagen. Und nat\u00fcrlich in den Z\u00fcgen der Deutschen Bahn, die ich schmerzlich selten nutzen konnte in den letzten Monaten \u2013 ich glaube n\u00e4mlich, dass ich in Wahrheit ein wenig in der Sehnsucht daheim bin, irgendwo anzukommen \u2013 und das kann man mit der Deutschen Bahn tagt\u00e4glich in ausgedehnter Form ausleben&#8230;<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><strong>Mit welchen Gedanken blicken Sie in die Zukunft?<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Ich bin sehr verhalten optimistisch im Rahmen meiner M\u00f6glichkeiten. Ich hoffe auf einen Impfstoff alsbald, ich hoffe, dass die Idiotie nicht die Oberhand behalten wird, dass die heillos verlorenen Coronaleugner, Neu-Rechten oder Klimakaputtmacher zur Vernunft kommen. \u201eWahrheit und Liebe m\u00fcssen siegen \u00fcber L\u00fcge und Hass\u201c, hat V\u00e1clav Havel gesagt \u2013 ich w\u00fcnschte, ich k\u00f6nnte an diesen Satz noch so glauben wie noch vor einigen Jahren.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><strong>Wie, glauben Sie, wird sich die Literatur in n\u00e4chster Zeit inhaltlich mit Corona auseinandersetzen? Wann wird man anfangen, die Krise zu thematisieren? Was bedeutet das evtl. f\u00fcr zuletzt popul\u00e4re Genres wie Endzeitszenarien, Apokalypse etc.? Planen Sie selbst, Ihr Erleben der Corona-Zeit literarisch zu verarbeiten?<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Ich f\u00fcrchte, die Auseinandersetzungen werden nicht ausbleiben. Bitte, bitte, bitte keine Corona-Romane, raunt es ja schon berechtigerweise \u00fcberall \u2013 wir werden ihnen zwar nicht entgehen, aber ich hoffe auf eine zumindest interessante Form. Und ich selbst ? Werde m\u00f6glicherweise am Rande auch nicht literarisch an der Krise vorbeikommen, aber zur Not kann man sich ja immer noch einen Wellensittich erfinden, der die Sache nicht ganz so dr\u00f6ge macht.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">&#8211; Interview: Hannah von Legat<\/p>\n<p>Martin Becker nimmt ebenfalls an der aktuellen Ausstellung\u00a0<a href=\"https:\/\/www.kulturgut-nottbeck.de\/ausstellungen\/go-east-heimat-anders-denken-westfaelische-autorinnen-unterwegs\/\">Go East! Heimat anders denken. Westf\u00e4lische AutorInnen unterwegs<\/a>\u00a0in Haus Nottbeck teil. Seine j\u00fcngste Corona-Geschichte &#8222;Katastrophentouristen&#8220; gibt es auch als <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=oCsMSKcXlVc\">Online-Lesung<\/a>\u00a0zum Nachh\u00f6ren auf YouTube.<\/p>\n<p>In unserem n\u00e4chsten Beitrag der Interviewreihe sprechen wir mit <strong>Thorsten Nagelschmidt<\/strong>.<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D4689&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute setzen wir unsere Interviewreihe &#8222;Kreativit\u00e4t in der Krise&#8220; fort. Unser Interviewpartner diesmal ist Martin Becker. \u201eMartin Becker. Macht Radio. Schreibt B\u00fccher. 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