{"id":4566,"date":"2019-10-23T13:32:55","date_gmt":"2019-10-23T12:32:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=4566"},"modified":"2025-12-17T10:56:47","modified_gmt":"2025-12-17T09:56:47","slug":"vom-menschenexperiment-zum-buehnenexperiment","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=4566","title":{"rendered":"Vom Menschenexperiment zum B\u00fchnenexperiment"},"content":{"rendered":"<p><em>August Zirner und das Spardosen-Terzett setzen Mary Shelleys \u201eFrankenstein\u201c zum 200-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4um neu in Szene<\/em><\/p>\n<p>Im d\u00fcsteren Sommer des Jahres 1816 mit seinen endlosen Regenf\u00e4llen und schauderhaften Gewittern l\u00e4dt der namhafte britische Dichter Lord Byron zu einer geschichtstr\u00e4chtigen Zusammenkunft in der Villa Diodati an den Ufern des Genfersees. Unter den G\u00e4sten befinden sich Byrons Leibarzt John William Polidori, die prominenten Literaten Gregory Lewin und Percy Bysshe Shelley sowie dessen zuk\u00fcnftige Ehefrau, die angehende Schriftstellerin Mary Godwin, sp\u00e4ter weltbekannt als Mary Shelley. Angeregt durch gotische Gespensterlegenden und den seinerzeit nicht un\u00fcblichen Gebrauch von Laudanum, verabreden die Anwesenden einen literarischen Wettstreit im Schreiben von Schauergeschichten. W\u00e4hrend Polidori mit \u201eDer Vampyr\u201c (1816) eine Erz\u00e4hlung entwirft, die Bram Stoker die Vorlage f\u00fcr seinen Bestseller \u201eDracula\u201c (1897) liefern wird, legt Mary Shelley den Grundstein f\u00fcr ihren Sensationserfolg \u201eFrankenstein oder Der moderne Prometheus\u201c, der im Jahr 1818 anonym erscheint<em>.<\/em><\/p>\n<p>Der Deb\u00fctroman der damals erst 21 Jahre alten britischen Schriftstellerin erz\u00e4hlt die Geschichte des jungen, ambitionierten Schweizer Medizinstudenten Victor Frankenstein, der in seinem hochm\u00fctigen Versuch, gottgleich in die Sch\u00f6pfung einzugreifen, einen k\u00fcnstlichen Menschen erschafft. Nachdem sein aus entwendeten Leichenteilen zusammengesetztes Gesch\u00f6pf unter konvulsiven Bewegungen erwacht ist, ergreift er jedoch voller Entsetzen \u00fcber den Anblick der erschaffenen Kreatur die Flucht. In seiner Verlassenheit begibt sich das Monster auf eine vergebliche Suche nach N\u00e4he und Akzeptanz, die ihn auf einen Pfad des Mordes und der Zerst\u00f6rung f\u00fchrt, dem letztlich auch sein Erschaffer zum Opfer f\u00e4llt. <!--more--><\/p>\n<p>Mit Frankensteins Monster hat Shelley eine mythische Figur weltweiter Bekanntheit erschaffen, dessen kulturelle Resonanz bis heute ungebrochen ist. Bereits zu ihren Lebzeiten eroberte die au\u00dfer Kontrolle geratene Schreckgestalt erfolgreich die Theaterb\u00fchne. Durch Boris Karloffs Darstellung in der Verfilmung von 1931 wurde dem Monster ein ikonenhaftes Gesicht verliehen. Heute z\u00e4hlt \u201eFrankenstein\u201c mit weit \u00fcber 200 Produktionen zu den meistverfilmten Stoffen der Weltliteratur.<\/p>\n<p>Neben dem ber\u00fcchtigten Ungeheuer entwarf Shelley mit Victor Frankenstein zugleich den Archetyp des \u00fcbertrieben ehrgeizigen Wissenschaftlers. Ihre Inspiration fand die junge Autorin sehr wahrscheinlich in den naturphilosophischen Str\u00f6mungen des beginnenden 19. Jahrhunderts, als die Menschheit in Anbetracht der aufsehenerregenden Experimente des italienischen Arztes Luigi Galvani, der durch das Anlegen elektrischer Spannung einen frischen Leichnam erbeben lassen konnte, tats\u00e4chlich kurz davor zu stehen schien, die Herrschaft \u00fcber das Leben zu erlangen. Anhand der Figur Frankensteins thematisiert Shelley die Fragen nach der ethischen Verantwortung der Wissenschaft\u00a0und den drohenden Konsequenzen eines bis zur Hybris reichenden Wissenschaftsstrebens.<\/p>\n<p>\u201eAus guten Absichten wurde durch Eitelkeit und Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung eine Katastrophe. Shelleys Warnung an die Wissenschaftler, das Machbare nicht ohne Moral und Ethik zu tun, hat ihre Wirkung nicht verloren.\u201c \u2013 (Christiane B\u00f6hm, G\u00f6ttinger Tageblatt 2018) In den Zeiten von Gendiagnostik und k\u00fcnstlicher Intelligenz wirkt ihr Warnruf hingegen so pr\u00e4sent wie vielleicht nie zuvor. Heute steht die Menschheit wohl tats\u00e4chlich vor der Schwelle, in die tiefsten Geheimnisse der Sch\u00f6pfung vorzudringen. Im Lichte potenziell transgressiver Experimente, wie z. B. der Entwicklung von KI f\u00fcr milit\u00e4rische Zwecke oder der embryonalen Genmanipulation mittels Crispr, die jeglicher moralischer Verantwortung enthoben erscheinen, er\u00f6ffnet sich erneut das gravierende Risiko, den dienstbaren Geistern, die wir rufen, letzten Endes nicht mehr Herr werden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund wird im Rahmen der Ausstellung \u201eAliens Welcome! Science-Fiction-Literatur aus Westfalen 1904-2018\u201c am 2. November 2019 ein weiteres Kapitel der imposanten Adaptionsgeschichte des \u201eFrankenstein\u201c geschrieben. Anl\u00e4sslich des 200-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4ums des Romans setzt der \u00f6sterreichisch-amerikanische Schauspieler August Zirner den traditionsreichen Stoff zusammen mit dem Essener Spardosen-Terzett neu in Szene. Mit einer harmonischen Symbiose aus literarischer Lesung, dramatischem Schauspiel und Livemusik erwecken sie den gegenwartsnahen Klassiker zu neuem Leben und bereiten dem Publikum anderthalb Stunden schaurig-wohlige Unterhaltung.<\/p>\n<p>Durch den Abend f\u00fchrt Zirners zutiefst bewegende Inszenierung des Victor Frankenstein. Begleitet durch sein eigenes Querfl\u00f6tenspiel tr\u00e4gt er eindringliche Passagen aus \u201eFrankenstein\u201c mit gro\u00dfen Gef\u00fchl vor. Er schl\u00fcpft hierbei gekonnt in die Rolle des von Shelley erdachten Wissenschaftlers und bef\u00f6rdert die von ihr aufgeworfene Frage danach, wie weit die Wissenschaft gehen darf, in die Aktualit\u00e4t. Internationale Aufmerksamkeit erlangte Zirner durch zahlreiche Auftritte in Kino- und Fernsehfilmen, 2007 wurde er f\u00fcr den Film \u201eWut\u201c mit dem Adolf-Grimme-Preis als bester Schauspieler ausgezeichnet. Seit 2011 steht er auf der B\u00fchne des Residenztheater M\u00fcnchen, seit 2015 spielt er \u201eNathan den Weisen\u201c im M\u00fcnchener Volkstheater.<\/p>\n<p>Seine leidenschaftliche Darbietung wird bravour\u00f6s erg\u00e4nzt von den Instrumentalkl\u00e4ngen des Spardosen-Terzetts (Rainer Lipski, Kai Struwe, Micky Neher), das den Schauspieler schon oft bei seinen Produktionen begleitet hat, zuletzt im Rahmen des B\u00fchnenprogramms \u201eDiagnose: Jazz\u201c (2009). Neben zahlreichen Vorstellungen in diversen Clubs in ganz Deutschland tritt das Spardosen-Terzett regelm\u00e4\u00dfig im Essener Grillo-Theater mit ihrer eigenen Show \u201eNeues aus Vogelheim\u201c an der Seite von Kom\u00f6dianten und Kabarettisten wie Fritz Eckenga auf.<\/p>\n<p>von Michael Giebel<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D4566&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>August Zirner und das Spardosen-Terzett setzen Mary Shelleys \u201eFrankenstein\u201c zum 200-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4um neu in Szene Im d\u00fcsteren Sommer des Jahres 1816 mit seinen endlosen Regenf\u00e4llen und schauderhaften Gewittern l\u00e4dt der namhafte britische Dichter Lord Byron zu einer geschichtstr\u00e4chtigen Zusammenkunft in der Villa Diodati an den Ufern des Genfersees. 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