{"id":4301,"date":"2017-09-18T09:21:21","date_gmt":"2017-09-18T08:21:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=4301"},"modified":"2024-05-22T11:35:22","modified_gmt":"2024-05-22T10:35:22","slug":"sozusagen-paris-sozusagen-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=4301","title":{"rendered":"Sozusagen Paris \u2013 Sozusagen Leben"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Der renommierte Orientalist und Autor zahlreicher Romane und Essays, Navid Kermani, wurde in Siegen geboren und lebt als freier Schriftsteller in K\u00f6ln. Er ist unter anderem Tr\u00e4ger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, des Heinrich von Kleist-Preises und des Hannah Arendt-Preises. 2016 erschien sein aktueller Roman <em>Sozusagen Paris<\/em> im Hanser Verlag.<em>\u00a0 <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/SozusagenParis.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-4302 alignleft\" src=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/SozusagenParis-183x300.jpg\" alt=\"\" width=\"183\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/SozusagenParis-183x300.jpg 183w, https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/SozusagenParis-768x1258.jpg 768w, https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/SozusagenParis-625x1024.jpg 625w, https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/SozusagenParis.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 183px) 100vw, 183px\" \/><\/a>Paris \u2013 sp\u00e4testens seit Victor Hugos <em>Der Gl\u00f6ckner von Notre-Dame<\/em> ist die Stadt als Sinnbild der romantischen Liebe ein immer wiederkehrender Topos sogenannter Liebes-Romane. In seinem im Herbst 2016 ver\u00f6ffentlichten Roman <em>Sozusagen Paris<\/em> setzt sich der Schriftsteller Navid Kermani kritisch und nicht ohne einen Hauch Ironie mit dem Konzept der romantischen Liebe auseinander und pr\u00e4sentiert einen Liebesroman der etwas anderen Art. Doch die Liebe die er beschreibt, ist nicht nostalgisch verkl\u00e4rt oder \u00fcberh\u00f6hend, der Ort des Geschehens ist nicht Paris, sondern die Provinz. Paris eben \u2013 aber nur sozusagen.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Handlung ist schnell erz\u00e4hlt: Nach einer Lesung seines neuesten Romans trifft der Autor-Protagonist auf seine gro\u00dfe Jugendliebe Jutta, die er nach all den Jahren zu seiner Romanfigur gemacht hat. Das letzte Treffen liegt mittlerweile \u00fcber drei\u00dfig Jahre zur\u00fcck \u2013 sie ist inzwischen verheiratet, Mutter dreier Kinder und engagierte Lokalpolitikerin, hat jedoch nichts von ihrer damaligen Anziehungskraft f\u00fcr den Ich-Erz\u00e4hler verloren. Nachdem er seine fr\u00fchere Angebetete zun\u00e4chst kaum wiedererkennt, verbringen die beiden den Abend zusammen und auch die Nacht zusammen \u2013 nachdem Jutta den Autor in das kleinb\u00fcrgerliche Idyll ihres Familienhauses einl\u00e4dt. Doch anstelle eines erotischen Abenteuers \u2013 von dem man als Leser aufgrund der Konstellation zweier ehemaliger Liebender ausgehen k\u00f6nnte \u2013 entwickelt sich \u201elediglich\u201c eine lange und intensive n\u00e4chtliche Unterhaltung der beiden Protagonisten \u00fcber Juttas br\u00fcchige Ehe, \u00fcber die Dinge des Lebens und \u00fcber die Natur der Liebe. Jegliche Hoffnungen auf das Wiederaufkeimen verlorener Gef\u00fchlswelten fallen noch w\u00e4hrend ihres zaghaften Aufbaus in sich zusammen. Es wird schnell klar, dass <em>Sozusagen Paris<\/em> die altbekannten Muster eines traditionellen romantischen Plots lediglich andeutet, um hinter der strukturellen Fassade einen philosophisch inspirierten Diskurs \u00fcber die menschliche Existenz und das Wesen der Liebe zu entwickeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">2014 hat Kermani den Roman <em>Gro\u00dfe Liebe<\/em> ver\u00f6ffentlicht, worin er eine zumeist autobiographische Jugendliebe in den Mittelpunkt der Erz\u00e4hlung stellt. Sein Folgeroman <em>Sozusagen Paris<\/em> setzt nun \u2013 drei\u00dfig Jahre sp\u00e4ter \u2013 an ein Wiedersehen mit dieser Geliebten an und bedient sich dabei allen Mitteln postmodernen Erz\u00e4hlens, insbesondere in puncto metafiktionale Selbstreflexion. Angefangen von zahlreichen philosophischen und literarischen Referenzen \u2013 etwa seitenweise Zitate aus Prousts <em>Recherche<\/em>, Adornos <em>Minima Moralia<\/em> und vielen weiteren bekannten Gr\u00f6\u00dfen \u2013 welche den romantischen Plot aufbrechen und unterf\u00fcttern, h\u00e4ufigen Reflexionen \u00fcber das Schaffen von Literatur, bis hin zu fiktiven (und \u00e4u\u00dferst humorvollen) Streitgespr\u00e4chen des Autor-Protagonisten mit seinem Lektor, ist Kermanis Roman gespickt von Elementen, die auf das Wesen und die Konstruiertheit literarischer Texte hinweisen. Wenngleich dem Text mittels dieser Strategien eine gewisse Doppelb\u00f6digkeit anhaftet, m\u00fcndet die Erz\u00e4hltechnik doch immer wieder in einen Diskurs \u00fcber die erlebte Realit\u00e4t beider Protagonisten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Navid Kermanis <em>Sozusagen Paris<\/em> ist ein Roman, der vieles in sich vereint und an manchen Stellen vielleicht auch einfach zu viel sein m\u00f6chte. Er zeigt das Aufflammen einer alten Leidenschaft, den st\u00fcckweisen Verfall einer Ehe im Kontext b\u00fcrgerlicher Verh\u00e4ltnisse und die philosophische Reflexion individueller Lebens- und Liebesentw\u00fcrfe. Zugleich ist der Text jedoch auch ein Streifzug durch die moderne Literatur und Philosophie, durch den der Autor der Thematik eine anspruchsvolle inhaltliche Komplexit\u00e4t und Reflexivit\u00e4t verleiht. Mit einer Leichtigkeit die ihres gleichen sucht, flicht der Autor eine Reihe von literarischen Referenzen in den Rahmen einer mutma\u00dflich romantisch aufgeladenen Szenerie mit ein und durchbricht die Struktur einer linearen Narration. In Verbindung mit den erz\u00e4hltechnischen Eigenarten des Textes entsteht so ein teils tiefgr\u00fcndiger, teils verspielter Exkurs \u00fcber verflossene Leidenschaften und ein reflexiver Diskurs \u00fcber das was es hei\u00dft, zu leben und zu lieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Andreas Peters<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D4301&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der renommierte Orientalist und Autor zahlreicher Romane und Essays, Navid Kermani, wurde in Siegen geboren und lebt als freier Schriftsteller in K\u00f6ln. 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