{"id":401,"date":"2011-03-31T14:19:13","date_gmt":"2011-03-31T13:19:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=401"},"modified":"2025-11-04T15:31:11","modified_gmt":"2025-11-04T14:31:11","slug":"poetry-splits-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=401","title":{"rendered":"Poetry Splits"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\">\n<p>Christoph Wenzel liest Adrian Kasnitz<\/p>\n<p><strong>Pils<\/strong><\/p>\n<p>Eine einzige Silbe, ein Fremder in diesem Landstrich<br \/>\nauf schmalem Fu\u00df.<br \/>\nEin goldner Leib, der sich unter den Griffen windet<br \/>\nein junges M\u00e4dchen vor seiner Zeit.<br \/>\nAn den Stra\u00dfen, den Schienen liegt abgestreift die Haut.<br \/>\nEine B\u00fcchse, eine Scherbe gen\u00fcgt<br \/>\num die Taubheit aus den Fingern zu jagen. Mach ihn auf<br \/>\nden Kopf, f\u00fcll ihn ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Klischee sagt: Der Westfale ist wortkarg, st\u00f6rrisch, muffig. Die Gedichte aus Adrian Kasnitz\u2019\u00a0 Band Den Tag zu langen Dr\u00e4hten sind westf\u00e4lisch, und dies nicht nur insofern, als sie sich alle in Westfalen, seiner Landschaft, seinen Orten und seinen Eigenheiten bewegen. <!--more-->Sie sind auch spr\u00f6de, sollen und wollen es sein, sind lakonisch und vielleicht bisweilen auch von einer gewissen Lethargie durchdrungen. Dass diese Texte viel mehr sind als blo\u00dfes Lokalkolorit, beweist nicht zuletzt das Gedicht Pils, das seinerseits keine blo\u00dfe Hommage an westf\u00e4lische Kulinarik ist, sondern weite Bedeutungsr\u00e4ume aufspannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es lie\u00dfe sich vermuten, man habe es mit einer Art R\u00e4tselgedicht zu tun. Doch dadurch, dass seine L\u00f6sung bereits im Titel vorweggenommen wird, w\u00e4re der Witz verloren. Wenn man den Vergleich ziehen m\u00f6chte, handelt es sich eher um ein Dinggedicht, wie es im sp\u00e4ten 19. Jahrhundert Konjunktur hatte: ein Gedicht, das dem Wesen des Gegenstandes nachzusp\u00fcren und ihn symbolisch auszudeuten sucht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Pils in Kasnitz\u2019 Gedicht wird zun\u00e4chst als ein sprachliches Ph\u00e4nomen aufgerufen: \u201eEine einzige Silbe\u201c. So wenig?, m\u00f6chte man fragen und gleich antworten, ja, so wenig gen\u00fcgt. Es gen\u00fcgt, eine einzige Silbe zum Gegenstand eines Gedichtes zu machen und wie nebenbei auch noch die sprichw\u00f6rtliche Einsilbigkeit, die unterstellte Wortkargheit der Westfalen anklingen zu lassen. Dieses den Westfalen so bekannte Pils ist nun \u201eein Fremder in diesem Landstrich\u201c. In der Tat: Das Lieblingsgetr\u00e4nk der Westfalen ist \u201eein Fremder\u201c im Westf\u00e4lischen, tr\u00e4gt es doch im Namen noch seine b\u00f6hmische Herkunft. (Und auch der bayrische Braumeister Josef Groll, der Mitte des 19. Jahrhunderts eigens nach Pilsen berufen wurde und dort die Pilsener Brauart entwickelte, war seinerseits ein Fremder in B\u00f6hmen.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hierin ruft das Gedicht nicht nur eine kleine Kulturgeschichte des Bieres auf, sondern auch eine Westfalens: Denn seit Beginn der (Hoch-)Industrialisierung ist die Bev\u00f6lkerungsstruktur insbesondere auch im westf\u00e4lischen Teil des Ruhrgebietes von Arbeitsmigration gepr\u00e4gt. Wurden die Migranten lange mit dem hochproblematischen Begriff \u201aGastarbeiter\u2019 bezeichnet, unterl\u00e4uft Kasnitz\u2019 Gedicht die Konstrukte von \u201aheimisch\u2019 und \u201afremd\u2019: Das den Westfalen so vertraute Getr\u00e4nk erweist sich historisch als \u201eFremder\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Gedicht betreibt damit gleich im ersten Vers eine Aufl\u00f6sung von Stereotypen. Mit der Umkehrung der Redensart \u201eauf gro\u00dfem Fu\u00df leben\u201c stellt der Text im Anschluss nicht nur das Pilsglas auf seinen Fu\u00df (und ruft damit gar eine Anatomie des Bieres auf), sondern l\u00e4sst auch die kargen wirtschaftlichen Lebensumst\u00e4nde der Arbeiter der Montan- und Verh\u00fcttungsindustrie aufscheinen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEin goldner Leib\u201c: die Anatomie des Pilses wird als Bild weitergef\u00fchrt, der Leib ist der \u201eK\u00f6rper\u201c des Bieres, seine geschmackliche Dichte und Beschaffenheit. Das k\u00fchle Blonde, frisch gezapft, wird zu einem \u201ejunge[n] M\u00e4dchen vor seiner Zeit\u201c, dessen Unber\u00fchrtheit und Unschuld gef\u00e4hrdet ist, das \u201esich unter den Griffen windet\u201c. Dem anerkennend pr\u00fcfenden Blick des Biergenie\u00dfers, der das Pilsglas vor den Augen dreht, wohnt hier etwas Sexistisches, Bedrohliches inne, worin der Text auf seine zweite Strophe vorausweist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAn den Stra\u00dfen, den Schienen liegt abgestreift die Haut\u201c, hei\u00dft es dort und der Text bewegt sich damit weiter im anatomischen Bildfeld. Wessen Haut liegt hier abgestreift? Die eigene, die des jungen M\u00e4dchens? Aus dem Bierglas wird eine Bierdose und eine Bierflasche, die zerdr\u00fcckt bzw. zerbrochen am Wegesrand liegen. Aus Genuss wird Konsum. Im Zeilensprung werden B\u00fcchse und Scherbe nun zum Werkzeug, \u201eum die Taubheit aus den Fingern zu jagen.\u201c Keineswegs sind hier die Finger kurzzeitig taub von der eiskalten Dose oder Flasche Bier. Vielmehr scheint es die l\u00e4ngst chronisch gewordene Durchblutungsst\u00f6rung des Alkoholikers zu sein, der sich an der zerdr\u00fcckten und scharfkantigen Dose, an der Scherbe einer zerbrochenen (oder zerschlagenen?) Bierflasche schneidet, sich selbst verletzt, um dem K\u00f6rper, dessen Haut er ja zuvor abgestreift hat, nur f\u00fcr eine kurze Zeit eine Empfindung, und sei es ein Schmerz, zu entlocken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In direkter Ansprache richtet sich der Text zum Finale an den Trinker, der Trinker an sich selbst, und beide sich an den Leser. Die (vors\u00e4tzliche?) Verletzung des Fingers, das Aufrufen einer Empfindung, wirkt nur kurz. Drastisch und schnell folgt die Forderung: \u201eMach ihn auf den Kopf\u201c, \u00f6ffne schnell die Flasche (die Dose), \u00f6ffne deinen Kopf, dies aber nicht in einem mentalen, spirituellen Sinne, sondern: \u00f6ffne den Mund. Das Gedicht schlie\u00dft: \u201ef\u00fcll ihn ab\u201c, den Kopf des Trinkers, und am Rande schwingt die optimierte Technik industrieller Bierabf\u00fcllung mit. In diesem kurzen, imperativischen Satz wird deutlich: Es soll, es muss schnell gehen: Flasche auf, Mund auf, Bier rein, Flasche leer, wirf sie weg und lass sie liegen, die Flasche, die B\u00fcchse, das k\u00fchle Blonde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Christoph Wenzel<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Essay ist zuerst auf www.culturmag.de in der Reihe \u201eNeuer Wortschatz\u201c erschienen. Dank geht an Christoph Wenzel und Gisela Thrams.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Gedicht ist erschienen in:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Adrian Kasnitz: Den Tag zu langen Dr\u00e4hten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Parasitenpresse 2009.<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D401&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Wenzel liest Adrian Kasnitz Pils Eine einzige Silbe, ein Fremder in diesem Landstrich auf schmalem Fu\u00df. Ein goldner Leib, der sich unter den Griffen windet ein junges M\u00e4dchen vor seiner Zeit. 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