{"id":3949,"date":"2016-04-12T08:51:58","date_gmt":"2016-04-12T07:51:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=3949"},"modified":"2025-12-17T10:42:08","modified_gmt":"2025-12-17T09:42:08","slug":"ein-unterhaltsamer-und-kritischer-chronist-dortmunds","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=3949","title":{"rendered":"Ein unterhaltsamer und kritischer Chronist Dortmunds"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Grisar_Ruhrstadt_Cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-medium wp-image-3951 alignleft\" src=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Grisar_Ruhrstadt_Cover-218x300.jpg\" alt=\"Grisar_Ruhrstadt_Cover\" width=\"218\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Grisar_Ruhrstadt_Cover-218x300.jpg 218w, https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Grisar_Ruhrstadt_Cover-745x1024.jpg 745w, https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Grisar_Ruhrstadt_Cover.jpg 786w\" sizes=\"auto, (max-width: 218px) 100vw, 218px\" \/><\/a><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Im Aisthesis Verlag ist ein weiterer bisher unver\u00f6ffentlichter Roman des Schriftstellers Erich Grisar erschienen: \u201eRuhrstadt\u201c ist ein Panorama Dortmunds w\u00e4hrend der 1920er-Jahre, wie Herausgeber Arnold Maxwill erkl\u00e4rt.<\/em><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Worum geht es in Erich Grisars Roman <\/strong><em><strong>Ruhrstadt<\/strong><\/em><strong>?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.aisthesis.de\/epages\/63645342.sf\/de_DE\/?ObjectPath=\/Shops\/63645342\/Products\/978-3-8498-1127-3\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ruhrstadt<\/a> liefert ein pr\u00e4zises Portr\u00e4t der Stadt Dortmund in den sp\u00e4ten 1920er-Jahren sowie der sozialen Konflikte innerhalb der Stadtgesellschaft. Aber der Roman erz\u00e4hlt auch von ganz allt\u00e4glichen Begebenheiten innerhalb der Arbeitersiedlung im Dortmunder Norden. Eingebunden sind diese Beschreibungen \u2013 hier zeigt sich der Journalist Grisar ganz in seinem Element \u2013 in Episoden, welche die Auswirkungen der Weltwirtschafts- und Finanzkrise auf die Arbeiterschaft (Massenentlassungen, Lohnk\u00fcrzungen) nachzeichnen. Der Roman, 1931 geschrieben, entwirft so ein zum Zeitpunkt seiner Entstehung hochaktuelles Panorama der Stadt Dortmund und ihrer Bewohner. Fragen der Stadtgestaltung sind dabei ebenso relevant wie die Positionierung der Arbeiter gegen\u00fcber Avancen der zunehmend bei B\u00fcrgern und Industriellen an Zuspruch gewinnenden NSDAP.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wie Grisars <\/strong><em><a href=\"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=3888#more-3888\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>C\u00e4sar <\/strong><strong>9<\/strong><\/a><\/em><strong> musste auch \u201e<\/strong><em><strong>Ruhrstadt<\/strong><\/em><strong> bis heute auf seine Ver\u00f6ffentlichung warten. Warum?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Grisar hatte gewisserma\u00dfen Pech: Seine Foto-Text-Reportage <em>Mit Kamera und Schreibmaschine durch Europa <\/em>als Sammlung von Reiseberichten konnte 1932 noch erscheinen. Und erregte auch Aufsehen, nicht zuletzt, weil sie im renommierten sozialdemokratischen Verlag <em>Der B\u00fccherkreis <\/em>erscheinen konnte. Dort waren Grisars kritische Reportagen auch genau richtig aufgehoben. Am <em>Ruhrstadt-<\/em>Roman, der als Typoskript nahezu zeitgleich entstand, zeigte die Berliner B\u00fcchergemeinschaft allerdings kein Interesse. Das ist aber nicht als Indiz f\u00fcr Qualit\u00e4tsm\u00e4ngel zu verstehen, sondern hat wohl vor allem mit dem Lokalcharakter des Romans zu tun, der im dortigen Programm wohl schlecht aufgehoben gewesen w\u00e4re. Grisar gelang noch der Vorabdruck eines Kapitels in der Dortmunder Lokalpresse. Weiter sind seine Ma\u00dfnahmen aber nicht mehr gediehen; andere schriftstellerische Projekte dr\u00e4ngten; die Arbeit als Journalist musste das t\u00e4gliche Brot einspielen; und sp\u00e4testens ab Februar 1933 war f\u00fcr <em>Ruhrstadt <\/em>verst\u00e4ndlicherweise keine Publikationsgelegenheit mehr sichtbar. \u2013 Weshalb aber hat er den Roman nach 1945 nicht nochmals Verlagen angeboten? Vermutlich ahnte er, dass die Probleme und Sorgen der Nachkriegsgesellschaft eines ganz gewiss nicht verlangten: eine dezidierte Auseinandersetzung mit den Krisen um 1930.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Inwiefern kann man Grisars Schreibstil als kritisch oder politisch bezeichnen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da w\u00e4re ich vorsichtig \u2013 was das schriftstellerische Gesamtwerk betrifft. Sicher ist der Grisar der 1920er-Jahre ganz fraglos als Arbeiterdichter zu verstehen. Auch der <em>Ruhrstadt-<\/em>Roman ist ein eindeutiges Bekenntnis zu \u201eseiner Klasse\u201c, wie Grisar es mit dem notwendigen Pathos formuliert. Doch sichtet man alle weiteren publizierten Romane, Erz\u00e4hlungen und Gedichte, ist von einem dezidiert kritischen oder gar politischen Autor nur mit einigen Einschr\u00e4nkungen zu sprechen \u2013 das aber an dieser Stelle nicht zur Diskreditierung, sondern zur Feinjustierung. Aber in Bezug auf den Roman <em>Ruhrstadt<\/em> ist die Antwort ganz eindeutig: hier liegt ein ebenso kritisches wie dokumentarisches Darstellungsinteresse vor. Die journalistische T\u00e4tigkeit wird dabei seine Formulierungssch\u00e4rfe ebenso beeinflusst haben wie die regelm\u00e4\u00dfige T\u00e4tigkeit als Bildreporter. Die Verelendung der Arbeitermassen in den Siedlungen ist in <em>Ruhrstadt <\/em>ebenso Thema wie die strukturelle Ungleichheit und forcierte Umverteilung von G\u00fctern zugunsten der ohnehin schon Privilegierten. Grisars Empathie gilt immer den Ausgegrenzten und Benachteiligten. \u2013 Die Passagen, in denen der Roman sich zu politischen Exkursen hinrei\u00dfen l\u00e4sst, \u00fcberzeugen allerdings nicht vollst\u00e4ndig; hier h\u00e4tte Grisar an der einen oder anderen Stelle durchaus mehr seinem Erz\u00e4hlen vertrauen d\u00fcrfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Im Untertitel bezeichnet Grisar seinen Roman als \u201ePortr\u00e4t einer Stadt\u201c. Inwieweit ist er auch als Portr\u00e4t der Ruhrregion zu verstehen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ruhrstadt <\/em>ist in erster Linie ein Dortmund-Roman. Der Untertitel macht es ja deutlich. Andererseits war nat\u00fcrlich auch Grisar bewusst, dass <em>Ruhrstadt<\/em> eher mit St\u00e4dten wie Essen oder der gesamten Region in Verbindung gebracht werden d\u00fcrfte. Und so ist die These, dass Grisar mit seinem Roman zugleich eine verallgemeinerte Perspektive auf das gesamte Revier beanspruchte, nicht abwegig. Als Grisar an <em>Ruhrstadt <\/em>arbeitete, erschienen zeitgleich mehrere relevante Ruhrgebietsreportagen und -romane, die damals eine enorme Aufmerksamkeit f\u00fcr sich beanspruchen konnten und in den einschl\u00e4gigen Literaturgeschichten bis heute vertreten sind. Ich nenne exemplarisch die beiden prominentesten Protagonisten: Erik Reger und Heinrich Hauser. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Grisar in diesem pr\u00e4genden Diskurs zum Ruhrgebiet ebenfalls vertreten sein wollte. Und wie der <em>Ruhrstadt-<\/em>Roman zeigt, bringt Grisar tats\u00e4chlich gen\u00fcgend eigene Facetten sowie ein genuin eigenes Schreiben hervor, was ihn gegen\u00fcber den \u00fcbrigen Schriftstellern gen\u00fcgend profiliert.<\/p>\n<div id=\"attachment_3950\" style=\"width: 353px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Grisar.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3950\" class=\"wp-image-3950 \" src=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Grisar-300x230.jpg\" alt=\"Grisar\" width=\"343\" height=\"263\" srcset=\"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Grisar-300x230.jpg 300w, https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Grisar.jpg 694w\" sizes=\"auto, (max-width: 343px) 100vw, 343px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3950\" class=\"wp-caption-text\">Erich Grisar: Industrieanlage mit Hochbeh\u00e4lter (Stadtarchiv Dortmund)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Im Nachwort finden sich Dortmund-Fotografien Grisars. In welchem Zusammenhang stehen sie mit dem Roman?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Konnex ist prim\u00e4r ein temporaler: Grisar arbeitete von 1928 bis 1933 nicht nur als Journalist, sondern verdiente sein Geld zunehmend auch als Bildreporter. Zahlreiche seiner Artikel erschienen also mit seinen eigenen Bildern. Doch Grisar \u2013 das hat erst die Sichtung des Fotonachlasses im Stadtarchiv Dortmund gezeigt \u2013 war auch dar\u00fcber hinaus als Fotograf enorm produktiv. Und jetzt die Verbindung zum <em>Ruhrstadt-<\/em>Roman: Liest man den Roman und geht zugleich mit wachem Blick durch die Ausstellung im Essener Ruhr Museum, die Grisars Foto-Nachlass erstmals pr\u00e4sentiert, wird man feststellen: Die einzelnen erz\u00e4hlerischen Szenen in <em>Ruhrstadt <\/em>lassen sich oftmals auf den Bildern wiederfinden. Das zeigt: Der Fotograf und der Schriftsteller Grisar verfolgten in diesen wenigen Jahren dieselben Darstellungsabsichten. Die beiden medialen Systeme \u2013 Bild und Text \u2013 erm\u00f6glichen wechselseitig neue Perspektiven. 1933 bricht dies alles weg; Grisar versucht auf nicht sehr r\u00fchmliche Weise unter den \u201aneuen Bedingungen\u2018 weiterhin publizistisch aktiv zu sein \u2013 sehr zum Schaden seiner in den vorangegangenen vier Jahren entwickelten Schreibweise. Aber das ist ein anderes Thema.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Zur Person: Arnold Maxwill, geb. 1984, Studium der Germanistik, Geschichte, Philosophie und Kunstgeschichte in M\u00fcnster und Wien. Er lebt und arbeitet als Lektor und Literaturwissenschaftler in Dortmund.<br \/>\n<em>Die Fragen stellte Sonja Lesniak, wissenschaftliche Volont\u00e4rin der LWL-Literaturkommission f\u00fcr Westfalen.<\/em><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die Ausstellung <\/em><em>Erich Grisar. Ruhrgebietsfotografien 1928\u20131933<\/em><em> im Essener Ruhr Museum ist noch bis zum 28.8.2016 zu sehen.<\/em><br \/>\n<em>Eine Sendung von WDR5 \u00fcber Grisars Fotografien, die Ausstellung und \u201eRuhrstadt\u201c kann man <a href=\"https:\/\/www1.wdr.de\/fernsehen\/west-art\/sendungen\/erich-grisar-102.html\">hier<\/a> nachh\u00f6ren.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D3949&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Aisthesis Verlag ist ein weiterer bisher unver\u00f6ffentlichter Roman des Schriftstellers Erich Grisar erschienen: \u201eRuhrstadt\u201c ist ein Panorama Dortmunds w\u00e4hrend der 1920er-Jahre, wie Herausgeber Arnold Maxwill erkl\u00e4rt.<\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2},"jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-3949","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher"],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p4EYft-11H","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3949","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3949"}],"version-history":[{"count":14,"href":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3949\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5478,"href":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3949\/revisions\/5478"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3949"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3949"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3949"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}