{"id":3888,"date":"2016-01-12T15:39:30","date_gmt":"2016-01-12T14:39:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=3888"},"modified":"2025-12-17T10:34:11","modified_gmt":"2025-12-17T09:34:11","slug":"dortmund-und-die-stunde-null","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=3888","title":{"rendered":"Dortmund und die \u201aStunde Null\u2018"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><a href=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Cover-Grisar-C\u00e4sar9.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"  wp-image-3889 alignleft\" src=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Cover-Grisar-C\u00e4sar9-218x300.jpg\" alt=\"Cover Grisar C\u00e4sar9\" width=\"180\" height=\"248\" srcset=\"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Cover-Grisar-C\u00e4sar9-218x300.jpg 218w, https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Cover-Grisar-C\u00e4sar9.jpg 727w\" sizes=\"auto, (max-width: 180px) 100vw, 180px\" \/><\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Vor Kurzem ist im Aisthesis Verlag Erich Grisars Roman &#8222;C\u00e4sar 9&#8220; \u00fcber das Leben in Dortmund in den Jahren 1943 bis 1946 erschienen. Das Buch musste knapp 70 Jahre auf seine Ver\u00f6ffentlichung warten und zeigt sowohl die Schrecken des Bombenkrieges als auch die Schwierigkeiten des Neubeginns nach 1945, wie Herausgeber Arnold Maxwill im Interview erl\u00e4utert.<\/em><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Wer ist Erich Grisar?<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erich Grisar, noch ganz knapp im 19. Jahrhundert geboren, gestorben 1955, war ein Dortmunder Schriftsteller, Journalist und Fotograf. Letzteres ist erst seit wenigen Jahren n\u00e4her erforscht worden \u2013 im M\u00e4rz pr\u00e4sentiert das Ruhr Museum Essen eine empfehlenswerte Ausstellung zur Ruhrgebietsfotografie Grisars in den 1920er- und 1930er-Jahren. Auch der Autor Grisar wird dort seinen Platz finden. Also eine hervorragende Gelegenheit, den Allrounder und Arbeiterdichter Erich Grisar kennenzulernen. Es erscheint ein umfangreicher Katalog, der einen sehr guten Einblick ins Gesamtwerk bietet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Worum geht es in Grisars Roman &#8222;C\u00e4sar 9&#8220;? Was bedeutet der Titel?<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.aisthesis.de\/Grisar-Erich-Caesar-9-Roman\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Der Roman<\/a> erz\u00e4hlt von den Katastrophen und Umbr\u00fcchen der Jahre 1943 bis 1946 in der Stadt Dortmund. Grisar ist hier Augenzeuge, Chronist und Erz\u00e4hler. Nicht nur vom Bombenkrieg, auch von Wohnungsnot, Zwangsarbeitern, Kriegsheimkehrern, Massenermordungen und der widerst\u00e4ndigen Hoffnung auf eine bessere Zukunft berichtet <em>C\u00e4sar 9<\/em>. In der Zusammenschau entsteht ein historisches Panorama vom Leben und \u00dcberleben in Dortmund w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs und der Zeit unmittelbar danach. Doch das nahende Kriegsende und die absehbare Niederlage bergen noch neue Gefahren. Neben Wohnungs- und Hungersnot kommt es in den letzten Kriegswochen zu w\u00fctenden Vergeltungsakten an Systemkritikern und Kriegsgefangenen. Auch der Frieden nach dem Einmarsch der Amerikaner f\u00fchrte zu der bitteren Erkenntnis, dass im Rathaus oft diejenigen das Sagen haben, die schon mit den bisherigen Machthabern gut kooperierten. \u2013 Und wie der Titel sich erkl\u00e4rt? Eigentlich recht naheliegend: Die Stadt Dortmund lag w\u00e4hrend der alliierten Luftangriffe im Planquadrat C 9, also: C\u00e4sar 9 (ganz nach dem bekannten Buchstabieralphabet: Anton, Berta, C\u00e4sar, Dora \u2026).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Warum sollte man &#8222;C\u00e4sar 9&#8220; lesen?<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Niemand soll und alle m\u00fcssen nichts, nur dies vielleicht: freundlich zu seinen Mitmenschen sein \u2013 damit w\u00e4re schon viel gewonnen \u2026 Eine seri\u00f6sere Antwort borge ich mir von Fritz H\u00fcser (1908\u20131979), dem f\u00fcrs Ruhrgebiet so wichtigen Initiator und F\u00f6rderer der damaligen Gegenwarts- und Arbeiterliteratur (auch Grisar verdankt ihm Einiges, so beispielsweise seinen Posten als Bibliotheksmitarbeiter): \u201eDer Roman von der Zerst\u00f6rung der Stadt Dortmund im letzten Weltkrieg enth\u00e4lt grandiose und dokumentarische Szenen \u2013 er ist leider immer noch ungedruckt!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Warum erscheint der Roman gerade jetzt?<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine berechtigte Frage; sie m\u00fcsste allerdings eher lauten: Warum erscheint der Roman <em>erst <\/em>jetzt? Bekannt war er Multiplikatoren und Mentoren wie Fritz H\u00fcser n\u00e4mlich bereits schon sehr fr\u00fch. Als Grisar die endlosen Fassungen des Romans in einer endg\u00fcltigen Version zusammenzustellen versuchte, gab er bereits erste Ausz\u00fcge an Freunde und F\u00f6rderer zur kritischen Lekt\u00fcre. Dazu wird nicht zuletzt auch H\u00fcser geh\u00f6rt haben. Anders l\u00e4sst sich der zitierte Aufruf H\u00fcsers aus dem Jahr 1968 nicht erkl\u00e4ren. Mit H\u00fcser gab es also durchaus einen wortgewaltigen F\u00fcrsprecher, der sich um die Aufbewahrung und Erschlie\u00dfung des sehr umfangreichen Nachlasses zu k\u00fcmmern versprach. Dies erledigte er auch souver\u00e4n. Doch alle weiteren Initiativen, aus diesem Nachlass nun postum Publikationen wie <em>C\u00e4sar 9 <\/em>zu realisieren, versandeten, fanden nicht das richtige Ohr. Sp\u00e4testens mit H\u00fcsers Tod geriet Grisar dann auch in Dortmund in v\u00f6llige Vergessenheit. Von der regionalen Literaturgeschichte einmal abgesehen nahm niemand mehr von ihm Notiz. Dies \u00e4nderte sich erst durch das 2012 von Walter G\u00f6dden herausgegebene <a href=\"http:\/\/www.aisthesis.de\/epages\/63645342.sf\/de_DE\/?ObjectPath=\/Shops\/63645342\/Products\/978-3-89528-902-6\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Erich Grisar Lesebuch<\/em><\/a> ein wenig. Gl\u00fcckliche F\u00fcgung: Zugleich besch\u00e4ftigte man sich in Dortmund bereits intensiv mit dem Fotonachlass Grisars. Man erinnerte sich also nach und nach an ihn, es mehrten sich die F\u00fcrsprecher, der im <a href=\"https:\/\/www.dortmund.de\/themen\/studium-wissenschaft-und-forschung\/fritz-hueser-institut\/index-2.html\">Fritz-H\u00fcser-Institut<\/a> deponierte Nachlass wurde n\u00e4her in Augenschein genommen: Neben <em>C\u00e4sar 9<\/em> fanden sich nach und nach zahllose weitere Prosaarbeiten Grisars, von denen zumindest der Roman <em>Ruhrstadt <\/em>(1931) hier genannt werden soll: Er wird in diesem Fr\u00fchjahr parallel zur Foto-Ausstellung in Essen erscheinen. \u2013 Schon jetzt die k\u00fchne Empfehlung: Unbedingt lesen! Sehr empfehlenswert!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Was waren die Herausforderungen bei der Herausgabe?<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M\u00fchsam war die Durchsicht und Bearbeitung der einzelnen Fassungen, die von <em>C\u00e4sar 9 <\/em>vorlagen. Das ist einerseits auf die Quantit\u00e4t zu beziehen, andererseits aber auch auf den furchtbar unaufger\u00e4umt-chaotischen Zustand, in dem sich die einzelnen Kapitel und Korrekturversionen (etc.) in den verschiedenen Kartons und Mappen im Nachlass befanden. Bei keinem anderen Projekt hat Grisar es sich derart schwer gemacht. Dabei war er eigentlich kein Schriftsteller, dem man Umst\u00e4ndlichkeit oder intellektuelle Verstiegenheit vorwerfen k\u00f6nnte, im Gegenteil: Grisar ist als Prosaist, Humorist und Journalist ein erz\u00e4hlerisches Naturtalent, wenn dies einmal so verknappt dargestellt werden darf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Problematisch war bei <em>C\u00e4sar 9 <\/em>mehr als bei allen anderen Projekten Grisars seine unmittelbare Zeitgenossenschaft: Mit diesem Roman wollte sich Grisar nach den Jahren des deutschen Faschismus als demokratisch gesinnter Autor, der sich vor allem als kritischer Beobachter verstand, etablieren. Das ist ihm nicht gegl\u00fcckt: der Roman blieb ungedruckt. Selbst einen Auszug konnte er nach 1945 in keiner der \u00fcberregionalen Tageszeitungen publizieren. Dass Grisar 1948 nach Zusammenstellung der Endversion des Romans verzagte, hatte aber auch mit einer generellen Unzufriedenheit zu tun: an keiner seiner Schreibarbeiten sa\u00df Grisar je so lange wie an <em>C\u00e4sar 9 <\/em>\u2013 und dennoch blieb bei ihm nach \u00fcber zweieinhalb Jahren ein mulmiges Gef\u00fchl zur\u00fcck; der Text schien sich nicht recht zu einem Ganzen zu f\u00fcgen. Ab einem gewissen Zeitpunkt \u2013 das ist jetzt nat\u00fcrlich die recht leicht einzunehmende Sichtweise des Herausgebers, der den zum Roman geh\u00f6rigen Nachlassbestand \u00fcberblickt \u2013 f\u00fchrten Grisars Umstellungen, Streichungen und Neuzusammenstellungen der Unterkapitel innerhalb der Kapitel auch nicht mehr zwingend zu einer Verbesserung. Dass es also im Roman an der einen oder anderen Stelle in den \u00dcberg\u00e4ngen ein wenig \u201aholpert\u2018, ist auf diese Genese zur\u00fcckzuf\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Was hat es mit den Dokumenten auf sich, die sich im Anhang des Buches finden?<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es handelt sich um einen Apparat mit zahlreichen Dokumenten zur unmittelbaren Nachkriegsgeschichte Dortmunds. Grisars Roman stellt nicht nur eine Auseinandersetzung mit dem Schrecken des Faschismus, der unvorstellbaren Gewalt der Bombenangriffe und der unausgesetzten N\u00f6te der Nachkriegszeit dar, sondern auch eine Einlagerung von Wissensbest\u00e4nden, Gef\u00fchlen, \u00c4ngsten, Zukunftsvisionen, die schon sehr bald darauf aus dem kollektiven Ged\u00e4chtnis nahezu gel\u00f6scht sein w\u00fcrden. So viel war Grisar als aufmerksamem Beobachter, Nachrichtenleser und langj\u00e4hrigem Journalisten bereits 1945 bewusst: Das Vergessen geht schnell \u2013 bewusst, unbewusst, gewollt und ungewollt. <em>C\u00e4sar 9 <\/em>sollte also durchaus ein Roman der Geschichte, insbesondere der Geschichte der Stadt Dortmund in den Jahren 1943 bis 1946 werden. Diesem Anspruch Grisars, auch die Historie in <em>C\u00e4sar 9 <\/em>zu repr\u00e4sentieren, musste der Herausgeber irgendwie gerecht werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viel wichtiger war aber f\u00fcr die Entscheidung f\u00fcr einen Apparat im Anhang das Bed\u00fcrfnis, die Romanlekt\u00fcre auf sinnvolle Weise anzureichern. Ohne historische Kenntnisse ist der Roman mit einem eindeutig geminderten Gewinn zu lesen; das war die Eingangspr\u00e4misse. Die abgedruckten Dokumente erf\u00fcllen jedoch auch einen weiteren, nicht minder wichtigen Zweck: sie dienen teils durchaus als Korrektiv, aber auch als faktische Best\u00e4tigung der Romandarstellung; das betrifft zumindest die rein historischen Quellen wie die Aufrufe zur Tr\u00fcmmerbeseitigung oder zur Selbstversorgung im heimischen Garten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deutlich wird bei alldem: <em>C\u00e4sar 9 <\/em>ist vor allem deshalb ein wichtiger Roman, weil er so unmittelbar wie kaum ein zweiter erz\u00e4hlerischer Text in diesen Jahren sowohl die Schrecken des Bombenkriegs als auch die Schwierigkeiten des Neubeginns nach 1945 nachzeichnet, dabei aber auch die unausweichlichen Verstrickungen innerhalb der \u201aZusammenbruchsgesellschaft\u2018 und das schwierige und dennoch irgendwie bew\u00e4ltigte Miteinander der T\u00e4ter und Opfer (und dem diffus gro\u00dfen Zwischenbereich!) in den Monaten nach der vermeintlichen \u201aStunde Null\u2018 demonstriert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Zur Person: Arnold Maxwill, geb. 1984, Studium der Germanistik, Geschichte, Philosophie und Kunstgeschichte in M\u00fcnster und Wien. Er lebt und arbeitet als Lektor und Literaturwissenschaftler in Dortmund.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die Fragen stellte Sonja Lesniak, wissenschaftliche Volont\u00e4rin der LWL-Literaturkommission f\u00fcr Westfalen.<\/em><\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D3888&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor Kurzem ist im Aisthesis Verlag Erich Grisars Roman &#8222;C\u00e4sar 9&#8220; \u00fcber das Leben in Dortmund in den Jahren 1943 bis 1946 erschienen. 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