{"id":3880,"date":"2015-12-15T11:19:48","date_gmt":"2015-12-15T10:19:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=3880"},"modified":"2025-12-17T10:32:53","modified_gmt":"2025-12-17T09:32:53","slug":"regelmaessig-kleinere-wunder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=3880","title":{"rendered":"\u201eRegelm\u00e4\u00dfig kleinere Wunder\u201c"},"content":{"rendered":"<p><em><a href=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Cover-J\u00e4gersberg-zehn-Pferde.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"  wp-image-3881 alignleft\" src=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Cover-J\u00e4gersberg-zehn-Pferde-192x300.png\" alt=\"Cover J\u00e4gersberg zehn Pferde\" width=\"176\" height=\"275\" srcset=\"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Cover-J\u00e4gersberg-zehn-Pferde-192x300.png 192w, https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Cover-J\u00e4gersberg-zehn-Pferde.png 219w\" sizes=\"auto, (max-width: 176px) 100vw, 176px\" \/><\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Otto J\u00e4gersberg \u00fcberrascht nach mehrj\u00e4hriger Ver\u00f6ffentlichungsabstinenz mit einem neuen Gedichtband.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Andere schreiben eine mehrere hundert Seiten dicke Biografie. Nicht so Otto J\u00e4gersberg, denn \u2013 so wird er vielleicht gedacht haben \u2013, es geht doch auch anders. Sagen wir\u2019s lieber in Versen. Nun liegt \u201eKeine zehn Pferde\u201c, sein erster Lyrikband seit 1985, vor.<!--more--> Bestens und \u00fcppig ausgestattet,122 Gedichte auf rund 200 Seiten, erschienen im renommierten Diogenes-Verlag, einer firstclass-Adresse f\u00fcr Literatur also.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und worum geht\u2019s? Der Autor bietet ein breites Panorama all dessen, was ihn umtreibt und bewegt. &#8222;Wo blieb Otto J\u00e4gersberg&#8220;, fragte schon 1979 J\u00fcrgen Lodemann in der <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/1979\/15\/wo-blieb-otto-jaegersberg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">ZEIT<\/a>. Hier erh\u00e4lt er eine sp\u00e4te Antwort. Denn im Mittelpunkt der Gedichtsammlung steht J\u00e4gersbergs \u201eganz normaler\u201c Alltag mit allem, was dazugeh\u00f6rt \u2013 kleine Freuden, Widrigkeiten, Stimmungen, die mal hierhin, mal dorthin auspendeln. J\u00e4gersberg spricht also bevorzugt \u00fcber das, was gemeinhin literarisch verp\u00f6nt ist: die eigene Befindlichkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alles kann zum Gegenstand eines Gedichts werden, sagt er uns durch die Blume. Der Blick aus dem Fenster seiner Baden-Badener Wohnung zum Beispiel. Der \u00c4rger \u00fcber eine schlechte &#8222;Tatort\u201c-Folge. Der Diebstahl seines Fahrrads. Oder der Gang zum Arzt, der ihm partout kein Potenzmittel verschreiben will. Genussgifte sind ihm, auch das verr\u00e4t er, inzwischen strikt untersagt. Es qu\u00e4lt ihn, mitansehen zu m\u00fcssen, wie ihm der Autor Arnold Stadler eine &#8222;Montecristo Especial&#8220; vorqualmt (&#8222;Er raucht \/ Ich nicht \/ Er darf \/ ich nicht&#8220;). Er bilanziert: &#8222;Ein halbes Jahrhundert \/ Geraucht wie ein T\u00fcrke \/ Getrunken wie nur einer \/ Herz im Eimer \/ Aber mit Amiodaron l\u00e4ufts \/ Wie als w\u00e4r nix \/\/ Fr\u00fcher w\u00e4r ich jetzt l\u00e4ngst tot&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kurzum: Hier pr\u00e4sentiert sich ein Autor ungeschminkt, privat und mit einer so entwaffnenden Offenheit, als wolle er sagen, dass das ganze Bem\u00fchen um Versakrobatik irgendwann nicht mehr ist als Pose, Tand und Flitter. Der Alltag \u00fcberlagert doch alles. Und da gibt es nichts zu besch\u00f6nigen und erst recht nichts zu idealisieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch es gibt ja &#8222;Trost, in all dem Jammer&#8220; (um die Droste zu zitieren, die J\u00e4gersberg genauestens gelesen hat). Es gibt gelegentliche &#8222;g\u00f6ttliche Tage&#8220;, Streifz\u00fcge durch die Natur, die sich pl\u00f6tzlich als \u00fcberraschend vollkommen pr\u00e4sentiert. Und es gibt nat\u00fcrlich die Literatur, bevorzugt n\u00e4chtliche Lekt\u00fcren, die f\u00fcr Entsch\u00e4digung sorgen. J\u00e4gersberg liest, wie wir erschlie\u00dfen k\u00f6nnen, die Literaturgeschichte bevorzugt quer und gegen den Strich. Er pickt sich heraus, was ihm merkw\u00fcrdig, kurios und sonderbar erscheint. Das reicht bis in den Bereich des Politischen hinein und weist den Autor als skeptischen, kritischen Zeitgenossen aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcberhaupt ist man vor \u00dcberraschungen nicht gefeit. Beim Anprobieren eines Second-Hand-Mantels freut sich das lyrische Ich, wie tadellos ihm das Modell passt. Doch dann findet er in der Manteltasche eine Hakenkreuzbinde und ist erschreckt: \u201eWie er passte \/ der Mantel \/ wie angegossen.\u201c An anderer Stelle sinniert der Autor \u00fcber die Entwicklung der Feinstrumpfhose, die auf eine Anordnung Adolf Hitlers zur\u00fcckgeht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viele Verse sind Mitbringsel von unterwegs. \u00dcberhaupt ist das Unterwegssein eine Lieblingsbesch\u00e4ftigung des Autors. Ebenso wie das Wandern, Pilzesammeln und Fahrradfahren. Immer dabei: die Kladde f\u00fcr Beobachtungen und Notizen: &#8222;es ist ein gutes gef\u00fchl \/ Mit einem gedicht in der hosentasche \/\/ Man kanns rausziehen \/ Lesen \/\/ Man kanns drinlassen \/ Bewahren \/\/ Gut versorgt \/ Mit wort und weise in der tasche&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So l\u00e4sst uns der Autor teilhaben an seinen Reflexionen, Gedankenspazierg\u00e4ngen und Erinnerungen. Existentielles steht neben Besinnlichem, Heiteres neben ber\u00fchrenden T\u00f6nen \u2013 grad\u2019 so, wie es kommt. Alles ist bunt durcheinander gemischt, ohne aufgest\u00fclpten Kunstzwang, ohne ambitioniert ausgestellten \u00e4sthetischen Anspruch. Manchmal zoomt der Autor so nah an Gegenst\u00e4nde heran, dass sie fast fremd und unwirklich erscheinen. Daneben gibt es so etwas wie eine Sehnsuchtsperspektive (Weitwinkel) und schlie\u00dflich Texte im komischen Gestus. Das Gedicht &#8222;Drei Brillen&#8220; spricht diese Blickwinkel indirekt an:<\/p>\n<p>Meine drei Brillen<br \/>\nimmer da<br \/>\nwo sie nicht<br \/>\nhingeh\u00f6ren<\/p>\n<p>Es sollte so sein<br \/>\ndass sie einsatzbereit<br \/>\nauf dem Tisch liegen<br \/>\nf\u00fcr jede Entfernung<br \/>\neine<\/p>\n<p>Manchmal such ich herum<br \/>\ndrei Brillen auf der Nase<br \/>\nwo ist der Tisch<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Band &#8222;Keine zehn Pferde&#8220; enth\u00e4lt zahlreiche Reminiszenzen an Kindheit und Jugend in der westf\u00e4lischen Provinz. Gleich im Eingangsgedicht &#8222;Mit hohen Schuhen&#8220; preist der Autor das elementare Bed\u00fcrfnis, auch im gestandenen Mannesalter noch \u2013 wie als Kind \u2013 durch Matsch und Morast zu waten. Aber er l\u00e4sst gleich wissen: &#8222;Ich bin nicht unterwegs \/ die Heimat zu loben.&#8220; Seine Erinnerungen sind nicht nostalgisch verkl\u00e4rt, sondern lassen wiederholt die martialischen Seiten des d\u00f6rflichen Landlebens anklingen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">J\u00e4gersbergs neue Gedichte lesen sich kurzweilig, weil der Autor den launigen Ton pflegt und ein Meister der Pointierung ist. Es sind oft Kleinigkeiten, die diese Gedichte so kostbar machen: Der genaue Blick f\u00fcrs Detail, die stets originelle Perspektive, das \u00dcberraschende im Einerlei, die Mutwilligkeit bei der Stoffwahl.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ob\u2019s jeder mag? Dem Autor scheint\u2019s schnuppe. J\u00e4gersberg war und ist Verweigerer aus Prinzip. Nach dem grandiosen Erfolg von &#8222;Weihrauch und Pumpernickel&#8220; 1964 blieb er nicht auf der kommerziell eintr\u00e4glichen Spur, sondern wandte sich anderen Stoffen zu. Er lie\u00df sich auch sp\u00e4ter nicht verbiegen, weder bei seiner Arbeit f\u00fcrs Fernsehen, noch im Filmbetrieb. Aus dem &#8222;Literaturget\u00f6se&#8220; stieg er fr\u00fch aus, offensichtlich, weil es ihn an\u00f6dete. Heute widmet sich J\u00e4gersberg zudem der Malerei und der Collage- und Objektkunst. Seine dortigen hintersinnigen Quertreibereien haben viel mit seinem Schreiben zu tun. Auch mit den zehn Pferden, die dem vorliegenden Gedichtband ihren Namen gaben:<\/p>\n<p>Keine zehn Pferde<\/p>\n<p>Zwischen Kneipe und Lotterbett<br \/>\nzerren sie an dir rum<br \/>\ndie zehn Pferde des Sprichworts<br \/>\naber du weichst nicht<br \/>\nbis du die F\u00fc\u00dfe voran<br \/>\nin die Kiste kommst<br \/>\nsicher vor Pferden<\/p>\n<p><strong>Otto J\u00e4gersberg:<\/strong><br \/>\n<strong> Keine zehn Pferde. Gedichte, Diogenes 2015. 19,90\u20ac<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Walter G\u00f6dden<br \/>\n(eine l\u00e4ngere Fassung des Textes ist erschienen im Westfalenspiegel 04\/2015)<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D3880&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Otto J\u00e4gersberg \u00fcberrascht nach mehrj\u00e4hriger Ver\u00f6ffentlichungsabstinenz mit einem neuen Gedichtband. Andere schreiben eine mehrere hundert Seiten dicke Biografie. Nicht so Otto J\u00e4gersberg, denn \u2013 so wird er vielleicht gedacht haben \u2013, es geht doch auch anders. Sagen wir\u2019s lieber in Versen. Nun liegt \u201eKeine zehn Pferde\u201c, sein erster Lyrikband seit 1985, vor.<\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2},"jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[11],"tags":[365,366,364],"class_list":["post-3880","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buecher","tag-gedichte","tag-keine-zehn-pferde","tag-otto-jaegersberg"],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p4EYft-10A","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3880","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3880"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3880\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5468,"href":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3880\/revisions\/5468"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3880"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3880"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3880"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}