{"id":374,"date":"2011-03-23T10:05:40","date_gmt":"2011-03-23T09:05:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=374"},"modified":"2025-11-04T15:30:42","modified_gmt":"2025-11-04T14:30:42","slug":"die-herren-in-den-grauen-anzugen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=374","title":{"rendered":"Die Herren in den grauen Anz\u00fcgen"},"content":{"rendered":"<p>Ab dem 19. Mai in diesem Theater: Die n\u00e4chste Nottbeck-Ausstellung blickt zur\u00fcck auf die Dortmunder \u201eGruppe 61\u201c, die vor 50 Jahren gegr\u00fcndet wurde. Sie hat noch heute einen guten Klang<\/p>\n<p>Man stelle sich das einmal vor: Ein aufrechter Dortmunder Bibliothekar trommelt am Karfreitag 1961, einem arbeitsfreien Tag, all jene Autoren zusammen, die a) im Ruhrgebiet leben und arbeiten und b) diesen ihren Arbeitsalltag literarisch gestalten. Es war eine kleine, fast handverlesene Schar Herren, die sich zu diesem Datum in ihre Anz\u00fcge geschmissen hatte, Herren meist schon \u00e4lteren Semesters, gr\u00f6\u00dftenteils langj\u00e4hrige Freunde und Weggenossen jenes umtriebigen Dortmunder Bibliothekars Fritz H\u00fcser, eines beispielhaften Organisators und Multiplikators, der in seinem \u201efr\u00fcheren Leben\u201c selbst im Bergbau und in Werkhallen gearbeitet hatte.<\/p>\n<p>Ohne seine Unerschrockenheit, ohne sein nimmerm\u00fcdes Talent als Motor und Inspirator, h\u00e4tte es die sp\u00e4ter legend\u00e4re Gruppe 61 nie gegeben. H\u00fcser war ihr Geburtshelfer, geistiger Vater, M\u00e4zen und Pate. <!--more-->Er besa\u00df, wie Hans Werner Richter bei der \u201eGruppe 47\u201c, ein besonderes Organisationstalent und Gesp\u00fcr f\u00fcr literarische Talente. Max von der Gr\u00fcn verglich ihn sp\u00e4ter einmal mit einem \u201eSp\u00fcrhund\u201c, der unentwegt auf der Suche nach neuen Talenten gewesen sei. Hierdurch habe er der Gruppe entscheidende Impulse verliehen.<\/p>\n<p>Es war damals noch niemandem klar, welche Folgen diese erste Sitzung zeitigen sollte. Ob bewusst oder unbewusst \u2013 wohl eher Letzeres \u2013 trafen die wohlmeinenden Herren in den grauen Anz\u00fcgen \u2013 haargenau den Nerv der Zeit. Sie traten \u2013 obwohl alles andere als Provokateure \u2013 in Opposition zum g\u00e4ngigen Literaturgeschmack jener Jahre. Und der hatte mit allem etwas zu tun, nur mit einem nicht: der Gegenwart, der Wirklichkeit und, auf unser Thema bezogen, mit der Realit\u00e4t der Arbeitswelt. Und so kam es zum Schulterschluss zwischen jener Gruppe Aufrechter, die eigentlich nur in Dortmund, vor der eigenen Haust\u00fcr also, allenfalls noch im Ruhr-Revier eine neue Literatur etablieren wollte, und der damaligen Intelligenzia.<\/p>\n<p>Walter Jens hatte schon im Jahr zuvor konstatiert: \u201eDie Welt, in der wir leben, ist noch nicht literarisch fixiert. Die Arbeitswelt zumal scheint noch nicht in den Blick ger\u00fcckt zu sein. Wo ist das Portr\u00e4t eines Arbeiters, wo die Zeichnung eines Maurers, wo agieren die M\u00e4dchen in der Fabrik, wo bewachen Roboter die r\u00f6tlichen Lampen\u2026 Man beschreibt\u2026 den Menschen im Zustand ewigen Feiertages, den Privatier f\u00fcr alle Zeiten. Arbeiten wir nicht? Ist unser t\u00e4gliches Tun so ganz ohne Belang?\u201c<\/p>\n<p>Martin Walser \u00e4u\u00dferte sich ganz \u00e4hnlich \u00fcber den Zustand der damaligen deutschen Literatur: \u201eArbeiter kommen in ihr vor wie G\u00e4nsebl\u00fcmchen, \u00c4gypter, Sonnenstaub, Kreuzritter und Kondensstreifen.\u201c<\/p>\n<p>Dass die Gruppe 61 dann so popul\u00e4r und in ganz Deutschland bekannt wurde, hat aus heutiger Zeit fast Z\u00fcge eines M\u00e4rchens. \u00dcberall wurde \u00fcber sie berichtet \u2013 ein Medienrummel, der nicht nur in der Journalistik, sondern auch in noch schwarzwei\u00dfen Fernsehwelten seinen Niederschlag fand. Es gab Einzellesungen, \u00f6ffentliche und interne Gruppenlesungen, Lesungen von Gastautoren, Tagungen, Filmdiskussionen und Vortr\u00e4ge. Insgesamt fanden im Laufe von 12 Jahren fast 60 Veranstaltungen statt.<\/p>\n<p>Mitte der 1960er Jahre befand sich die Gruppe auf dem H\u00f6hepunkt ihrer Popularit\u00e4t. Mit allgegenw\u00e4rtigen Konsequenzen auch f\u00fcr die Literatur. Hunderte schreibender Arbeiter schickten ihre Manuskripte ein und hofften, \u00fcber die Gruppe die M\u00f6glichkeit zur Publikation und zu Lesungen zu erhalten. Auch junge Literaten sandten Texte ein, darunter sp\u00e4tere Literaturgr\u00f6\u00dfen wie Dieter Forte, F.C. Delius oder G\u00fcnter Herburger.<\/p>\n<p>Heute haben viele Texte der Gruppe eine ungeahnte Aktualit\u00e4t erlangt. In Max von der Gr\u00fcns Roman \u201eStellenweise Glatteis\u201c wird beispielsweise beschrieben, wie eine Firma ihre Mitarbeiter per Gegensprechanlage ausspioniert\u2026<br \/>\nEin Grund mehr also, einen Blick in \u201eSchreibwelten \u2013 erschriebene Welten\u201c zu werfen. Die Ausstellung wird bis zum 3. Juli 2011 zu sehen sein. Zusammengestellt und kuratiert wurde sie von Gertrude Cepl-Kaufmann, Jasmin Grande und Hanneliese Palm vom Dortmunder Fritz-H\u00fcser-Institut.<\/p>\n<p>Walter G\u00f6dden<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D374&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ab dem 19. 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