{"id":3246,"date":"2014-12-17T09:39:21","date_gmt":"2014-12-17T08:39:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=3246"},"modified":"2025-12-17T09:50:30","modified_gmt":"2025-12-17T08:50:30","slug":"froehliche-weihnachten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=3246","title":{"rendered":"Fr\u00f6hliche Weihnachten"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Weihnachtsbaum_Wikimedia_Malene-Thyssen.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-3247 size-medium\" title=\"D\u00e4nischer Weihnachtsbaum   Foto: Malene Thyssen, Wikimedia; http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/User:Malene\" src=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Weihnachtsbaum_Wikimedia_Malene-Thyssen-218x300.jpg\" alt=\"Weihnachtsbaum_Wikimedia_Malene Thyssen\" width=\"218\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Weihnachtsbaum_Wikimedia_Malene-Thyssen-218x300.jpg 218w, https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/Weihnachtsbaum_Wikimedia_Malene-Thyssen.jpg 436w\" sizes=\"auto, (max-width: 218px) 100vw, 218px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir waren wieder mal umgezogen. Und zwar bewohnten wir jetzt eine sogenannte Dreizimmerwohnung, deren drittes Zimmer, das zwischen K\u00fcche und Schlafraum lag, kein Fenster hatte. Selbst, wenn man die T\u00fcr, die dieses Zimmer mit der K\u00fcche verband, oder die andere T\u00fcr zum Schlafzimmer, dessen einziges Fenster auf eine enge Gasse ging, \u00f6ffnete, war es in diesem Raum dunkel wie in einem Sack. Aber wenn dieses Zimmer auch sonst keinerlei Vorz\u00fcge aufzuweisen hatte, einen Vorzug hatte es: Man konnte hier wunderbar mit der Laterna magica spielen, jenem optischen Spielzeug, das vor der Erfindung des Heimkinos bei allen heranwachsenden Knaben sehr beliebt war. Eine Leinwand brauchte man nicht, denn die W\u00e4nde waren wei\u00df gekalkt und, da sie feucht waren, weder durch M\u00f6bel verstellt noch durch Bilder verh\u00e4ngt. Das einzige, was mir fehlte, war die Laterna magica. Und die sollte ich zum n\u00e4chsten Weihnachtsfest bekommen.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im sp\u00e4ten November war mein Bruder geboren worden. Ich sehe ihn noch zwischen Tisch und Ofen auf den zwei St\u00fchlen liegen, die mit Kissen bedeckt, im Hause des Arbeiters das Kinderbett ersetzen, und h\u00f6re, aber dann mu\u00df ich sehr genau hinh\u00f6ren, sein Geschrei. Mein Vater war damals nicht zu Hause. Er arbeitete wie meist auf Montage und schickte uns jede Woche soviel von seinem Lohn, da\u00df wir auskommen konnten. In der Woche vor Weihnachten jedoch blieb das Geld aus. Mag sein, da\u00df sich die Auszahlung verz\u00f6gert hatte oder da\u00df er den ganzen Lohn versoffen hatte und nun erst wieder ein paar Tage arbeiten mu\u00dfte, ehe er sich neuen Vorschu\u00df nehmen konnte, es \u00e4nderte nichts an der Tatsache, da\u00df wir kein Geld hatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zudem war meine Mutter krank. Ich wei\u00df nicht mehr genau, was ihr fehlte, aber sie war schon seit Tagen nicht aus dem Bett gekommen und das einzige, was sie zu tun vermochte, war, da\u00df sie mich immer wieder dar\u00fcber instruierte, was alles ich einzuholen h\u00e4tte, wenn das Geld k\u00e4me. Aber das Geld kam nicht. Als es auch am Tage vor Weihnachten nicht kam, rappelte meine Mutter sich auf und suchte ihre letzten Groschen zusammen. Dann ging sie fort. Vielleicht versuchte sie bei Bekannten etwas zu leihen, aber es gelang wohl nicht. Die Bekannten, die wir hatten, hatten selbst nichts. So wurde es Abend und wir hatten nichts als achtzig Pfennige. Mit denen gingen wir in ein Spielwarengesch\u00e4ft und lie\u00dfen uns den Preis von allerlei Spielzeug sagen. Aber da auch noch Geld f\u00fcr Brot \u00fcbrig bleiben sollte, konnten wir uns nicht zum Kauf entschlie\u00dfen. Schlie\u00dflich fand meine Mutter die L\u00f6sung. Auf dem Weihnachtsmarkt kaufte sie mir f\u00fcr 40 Pfg. einen Malkasten und f\u00fcr die andern 40 Pfennige kauften wir Kuchen. Wir gingen fr\u00fch ins Bett. Es war zu kalt in der Wohnung, als da\u00df man h\u00e4tte lange aufbleiben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am n\u00e4chsten Morgen war meine Mutter kr\u00e4nker denn je. Ich war aufgestanden und sa\u00df allein in der K\u00fcche, w\u00e4hrend mein Bruder wieder mal schrie was seine Lunge hergeben wollte. Drau\u00dfen auf der Stra\u00dfe trommelten die Kinder auf ihren Blechtrommeln, schnurrten die Federwerke ihrer Spielzeuge. Sah ich durchs Fenster, erblickte ich \u00fcberall hinter den Gardinen geputzte Weihnachtsb\u00e4ume. Blickte ich in die K\u00fcche, dann sah ich einen halbgeleerten Kohleneimer vor dem Herd stehen. Auf dem Tisch stand eine gro\u00dfe Sch\u00fcssel mit ungesp\u00fcltem Geschirr und daneben ein Spirituskocher, auf dem meine Mutter den Kaffee kochte und die Milch f\u00fcr meinen Bruder w\u00e4rmte. Vom Schlafzimmer aus h\u00f6rte ich die Mutter st\u00f6hnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Brieftr\u00e4ger kam und brachte eine Karte, von wem, wei\u00df ich nicht mehr: Fr\u00f6hliche Weihnachten stand darauf. Ich versuchte, den Tannenzweig, der auf der Karte abgebildet war, nachzumalen, und verga\u00df meine Umgebung. Pl\u00f6tzlich kam meine Mutter in die K\u00fcche gest\u00fcrzt und suchte nach einem Mantel, um das auf dem Treppenflur sich befindende Klosett aufzusuchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie mu\u00df wohl Dysenterie oder was \u00e4hnliches gehabt haben; denn ehe sie ihren Mantel fand, ging los, was sich nicht mehr halten lie\u00df und die unaufger\u00e4umte K\u00fcche war um eine Nuance des Elends reicher. Meine Mutter versuchte, was sie verunreinigt, wieder aufzuwischen, aber sie war zu schwach und so wurde aus ihrem Wischen nicht viel. Sp\u00e4ter schickte sie mich herunter zu den Leuten, die unter uns wohnten. Schmulowitz hie\u00dfen sie. Es waren stille und freundliche Leute. Frau Schmulowitz kam sogleich herauf und kochte Tee f\u00fcr meine Mutter. Sie brachte auch Milch f\u00fcr meinen Bruder. Am Nachmittag war dann auch alles besser. Ich w\u00fcrgte den trockenen Kuchen herunter und spielte mit meinem Malkasten, bis es dunkel wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am n\u00e4chsten Morgen sah es, wenn m\u00f6glich, noch trostloser aus. Gegen zehn Uhr jedoch kam der Paketbrieftr\u00e4ger und brachte ein gro\u00dfes Paket f\u00fcr mich. Darin waren die Spielsachen, die mein Vater f\u00fcr mich gekauft. Ein dickes M\u00e4rchenbuch und die versprochene Laterna magica. Ich baute sie sofort in der fensterlosen Stube auf, aber als ich sie anz\u00fcnden wollte, stellte sich heraus, da\u00df kein Petroleum im Hause war. Zum Gl\u00fcck jedoch kam auch der Geldbrieftr\u00e4ger an diesem Morgen und brachte meiner Mutter das ersehnte Geld. Sofort kleidete ich mich an, um es unter die Leute zu bringen. Aber, obwohl ich bei einem halben Dutzend Kolonialwarenh\u00e4ndler mein Gl\u00fcck versuchte, an diesem Tage wollte sich niemand die Finger mit Petroleum beschmutzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schlie\u00dflich kam ich auf die Idee. Ich holte mir die Flurlampe herein, die drau\u00dfen hing. Wem sie geh\u00f6rte, wei\u00df ich nicht. Es wohnten sechs oder acht Familien auf unserm Flur und jede Woche mu\u00dfte ein anderer die Flurbeleuchtung stellen. Ich versuchte, das Petroleum in das Lampengef\u00e4\u00df meiner Laterna magica umzukippen. Das gelang auch, aber der gr\u00f6\u00dfte Teil des Petroleums kam auf den Fu\u00dfboden, wodurch es bestimmt nicht weihnachtlicher in der K\u00fcche wurde. Aber das machte mir nun gar nichts mehr aus. Ich z\u00fcndete meine Laterne magica an und solange das Petroleum reichte, feierte ich Weihnachten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am n\u00e4chsten Tage holte ich ein, was ich schon ein paar Tage vorher h\u00e4tte einholen sollen und dann suchten wir in der Stadt einen \u00fcbriggebliebenen Weihnachtsbaum, den wir f\u00fcr einen Groschen bekamen. Den schm\u00fcckte meine Mutter mir am Nachmittag und da sie, als es ihr erst wieder besser ging, auch noch den obligatorischen Weihnachtsstuten backte, der gew\u00f6hnlich von Weihnachten bis Neujahr zu reichen hatte, diesmal aber bis in den halben Januar unsere Festtagsnahrung war, holten wir, was wir an den Feiertagen vers\u00e4umt, gr\u00fcndlich nach. Nur, da\u00df das Datum nicht mehr stimmte, aber dem halfen wir dadurch ab, da\u00df wir den Kalender einige Tage lang nicht abrissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus: Erich Grisar: <em>Kindheit im Kohlenpott<\/em>. In: Ders.: <em>Ausgew\u00e4hle Werke<\/em>. Hrsg. von Fiona Dummann, Walter G\u00f6dden, Kerstin Mertensk\u00f6tter. Bielefeld: Aisthesis 2014, S. 331\u2013333 (= <em>Ver\u00f6ffentlichungen der Literaturkommission f\u00fcr Westfalen<\/em>, Bd. 61; Reihe <em>Texte<\/em>, Bd. 29).<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D3246&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir waren wieder mal umgezogen. Und zwar bewohnten wir jetzt eine sogenannte Dreizimmerwohnung, deren drittes Zimmer, das zwischen K\u00fcche und Schlafraum lag, kein Fenster hatte. 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