{"id":3202,"date":"2014-11-19T11:21:45","date_gmt":"2014-11-19T10:21:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=3202"},"modified":"2024-05-22T13:19:54","modified_gmt":"2024-05-22T12:19:54","slug":"sag-mir-einfache-dinge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=3202","title":{"rendered":"sag mir einfache dinge"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Katharina-Bauer_Roter_Faden_vielleicht.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-3203 size-medium\" title=\"Katharina Bauer: ein ganzes vielleicht. Cover: vorsatz verlag 2014.\" src=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Katharina-Bauer_Roter_Faden_vielleicht-222x300.jpg\" alt=\"Katharina Bauer_Roter_Faden_vielleicht\" width=\"222\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Katharina-Bauer_Roter_Faden_vielleicht-222x300.jpg 222w, https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Katharina-Bauer_Roter_Faden_vielleicht.jpg 283w\" sizes=\"auto, (max-width: 222px) 100vw, 222px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Katharina Bauers <em>ein ganzes vielleicht<br \/>\n<\/em>zieht sich als roter faden durch das m\u00fchsame, ein normales leben zu f\u00fchren<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201esag mir einfache dinge\u201c, fordert Katharina Bauer und hat unm\u00f6gliches im sinn, n\u00e4mlich die \u00fcberwindung des geliebten wesens, endlich mit der sprache herauszur\u00fccken. zu wissen, \u201eich trage deine angst bei mir\u201c, wird es dem geliebten nicht einfacher machen, den mund wirklich aufzubekommen, vielleicht ist das aber auch garnicht notwendig. eventuell reicht es aus, das wetter vorherzusagen oder mit raubv\u00f6geln zu kommunizieren.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Katharina Bauer ist keine autorin, die im literaturbetrieb besonders auff\u00e4llt. das liegt daran, dass sie langsam schreibt, nach eigener auskunft neben ihrer brotarbeit an der philosophischen fakult\u00e4t der uni bochum zu selten zum schreiben kommt, sich ansonsten aber unbedingt als lyrikerin und nicht als allgemeinschreibende versteht. die dortmunderin ver\u00f6ffentlicht wenig. das darf jedoch kein kriterium sein, ihre gedichte nicht wahrzunehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">zuerst gelesen habe ich Bauers \u00fcbersetzungen der lyrik Bianca Boers in der anthologie <em>afspraken\/ verabredungen<\/em>, einem projekt des westf\u00e4lischen literaturmuseums haus nottbeck 2012, zu dem sich vier niederl\u00e4ndische mit vier deutschen dichter\/innen aufs abenteuer des \u00fcbersetzens einlieszen. auch wenn Boers poeme umfangreicher sind als Bauers eigene texte, merkt man doch eine verwandtschaft im tonfall. schlichtes parlando. alltag. \u201eich kenne einen mann der 150 kirschb\u00e4ume kaufte \/ weil er da lust drauf hatte\u201c. die ehefrau in Boers gedicht <em>neerwaarts\/ abw\u00e4rts<\/em> \u201eweigert sich marmelade draus zu machen\u201c, wir aber haben beim lesen den s\u00fcszen geschmack des absurden auf der zunge. \u201edie w\u00f6rter spielen verstecken\u201c, und stets mischt sich \u2013 bei der niederl\u00e4nderin wie in Katharina Bauers gedichten \u2013 das abwegige mit dem melancholischen: \u201ees sind die jahreszeiten gewesen \/ die uns mit regen tr\u00f6sten wollten\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">und trost braucht man, wenn man im westf\u00e4lischen literatur abseits von regionalkrimi und volkst\u00fcmelnder reimerei betreiben will. nach jahren, eigentlich jahrzehnten, haben sich erstmals wieder 2013 Adrian Kasnitz und Christoph Wenzel mit ihrer sammlung <em>westfalen, sonst nichts?<\/em> um ernstzunehmende lyrik in und aus dem kulturraum gek\u00fcmmert. schon der von der kunststiftung nrw 2014 herausgegebene nachfolger <em>stadtlandfluss<\/em> setzt wieder ein verw\u00e4sserndes \u201enordrhein\u201c vor den landesteil. obwohl oder vielleicht auch trotzdem man \u201eauf grosse namen, nat\u00fcrlich auf die Droste, aber auch auf Ernst Meister, Rolf Dieter Brinkmann oder Nicolas Born\u201c verzichtet hat, weil man die auswahl aus b\u00fcchern bezog, die nicht \u00e4lter als 25 jahre sein sollten, dr\u00e4ngt sich Ulla Hahn im nachwort die frage auf: \u201ewo bleibt da das spezifische?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kasnitz und Wenzel konzentrieren sich nicht nur geographisch genauer, sondern auch zeitlich, und finden daher mehr als die \u00fcblichen verd\u00e4chtigen und beispielsweise auch Katharina Bauer. \u201enoch einmal \/ kurz innehalten \/ dich vor mir warnen\u201c, endet ihr beitrag in der anthologie, und es ist eine jener warnungen, die man vernimmt, aber nicht versteht. erst als ich einige monate sp\u00e4ter auf ihre aktuelle publikation <em>ein ganzes vielleicht<\/em> stosze, bemerke ich, dass, was ich in <em>westfalen, sonst nichts?<\/em> f\u00fcr angenehme gedichte gehalten hatte, gleichzeitig gef\u00e4hrliche lyrik ist: viral, sich festsetzend. \u201enoch eben Anna Karenina lesen bis zu dem punkt \/ wo sie ungl\u00fccklich wird \/ das dauert nicht lange\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ich halte meinen studenten das lyrikheft mit dem roten faden unter die nase, ich schreibe zeilen von Katharina Bauer als motto \u00fcber meine liebesbriefe, und ich begeistere mich \u00fcber ein gedicht voller kinder, obwohl ich mit eiswaffeln kleckernde, wahrscheinlich nicht besonders leise g\u00f6ren absolut nicht ausstehen kann. die autorin schafft es aber, die sich in der umgebung der kleinen hilflos f\u00fchlende hilfsmutter nicht zu verkitschen; Katharina Bauer gelingt es, die worte zu reduzieren, oft auf einfache aussages\u00e4tze hin, ohne die aussage zu vereinfachen. denn was kann komplizierter sein als beispielsweise eine liebesbekundung nicht im schwelgerischen versacken zu lassen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">voranschlag<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ich w\u00fcrde<br \/>\ndie sch\u00f6ne armbanduhr hergeben<br \/>\nmit dem flachen goldenen geh\u00e4use<br \/>\ndie drei silbernen leuchter<br \/>\ndie kleine chinesische schale<br \/>\nich g\u00e4be zweidrittel meiner b\u00fccher<br \/>\ndie ergonomische tastatur<br \/>\ndie gesammelten postkarten<br \/>\nein oder zwei meiner besseren freunde<br \/>\nich k\u00f6nnte auf neue schuhe verzichten<br \/>\nauf das auto auf einen teil der stille am nachmittag<br \/>\nauf meine schmalen h\u00fcften<br \/>\noder das licht im september<br \/>\nich k\u00f6nnte dir etwas entgegengehen<br \/>\nf\u00fcrs erste<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">es ist nicht allein die selbstironische note oder das gerade noch als verschroben empfundene, absurde moment, das Katharina Bauers lyrik so lesenswert macht. vielmehr gewinnen die texte dadurch enorm, dass ihr thema keine so h\u00e4ufig bedichtete, ewig neue und angeblich unerfahrene liebe ist, sondern alltag, ehe, der charme des nur scheinbar angestaubten und das immer wieder interessant finden des auch nach jahren gleichen partners.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Crauss, november 2014<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bianca Boer, Tsead Bruinja, Els Moors, Menno Wigman: <strong>afspraken \/ verabredungen<\/strong>. gedichte. ins deutsche \u00fcbertragen von Katharina Bauer, Thomas Kade, Ralf Thenior, Ellen Widmaier. roterfadenlyrik, edition haus nottbeck. oelde\/ dortmund: vorsatz verlag 2012.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Adrian Kasnitz, Christoph Wenzel (hrsg.): <strong>westfalen, sonst nichts?<\/strong>. eine anthologie. aachen, z\u00fcrich, k\u00f6ln: edition [sic]\/ parasitenpresse 2013.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">J\u00fcrgen Nendza, Hajo Steinert (hrsg.): <strong>stadtlandfluss. 111 dichterinnen und dichter aus nordrhein-westfalen<\/strong>. eine lyrikanthologie. d\u00fcsseldorf: lilienfeld verlag 2014.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Katharina Bauer: <strong>ein ganzes vielleicht<\/strong>. gedichte. <a href=\"http:\/\/www.kulturgut-nottbeck.de\/14796.0.htmlhttp:\/\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">roterfadenlyrik, edition haus nottbeck<\/a>. oelde\/ dortmund: vorsatz verlag 2014.<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D3202&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" 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