{"id":3136,"date":"2014-10-10T10:33:25","date_gmt":"2014-10-10T09:33:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=3136"},"modified":"2025-11-06T14:17:01","modified_gmt":"2025-11-06T13:17:01","slug":"zwischen-witz-und-wehmut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=3136","title":{"rendered":"Zwischen Witz und Wehmut"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Der Ich-Erz\u00e4hler Bernd H\u00f6lzenbein \u00fcbt sich im \u201eJesuitenschl\u00f6\u00dfchen\u201c in der Kunst des Verkennens. Zwischen Lethargie und Ich-Bezogenheit entfaltet sich ein Text mit humanistischem (geisteswissenschaftlichem) Inventar und wirkt dennoch nicht \u00fcberfrachtet. Vielmehr schafft er die \u201eBalance zwischen Witz und Wehmut\u201c, die nicht in die Groteske abzurutschen wei\u00df, vollf\u00fchrt ein Spiel zwischen Ironie und Heiterkeit, changiert zwischen Allt\u00e4glichem und Versponnenem, Hoffnungen und Entt\u00e4uschungen. \u201eDas Jesuitenschl\u00f6\u00dfchen\u201c, das erstmals 1985 erschien, erf\u00e4hrt in diesen Tagen eine Neuauflage im Aisthesis-Verlag in der Reihe Nyland-Literatur (Bd. 10). Hier ein Auszug:<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Weg ging jetzt in einer langen Geraden \u00fcber eine sanft geschwungene Anh\u00f6he, hinter der, soweit ich mich erinnerte, das Je\u00adsuitenschl\u00f6\u00dfchen liegen mu\u00dfte. Auf einmal f\u00fchlte ich mich unsicher, unp\u00e4\u00dflich h\u00e4\u00dflich, indisponiert, wortlos leer, verraten und noch nicht verkauft. Jetzt komme ich, sagte ich laut. Meine Stimme klang wie die eines aufs\u00e4ssigen Hohlraumgurglers. Wenn man mich fragte, w\u00fcrde ich heftig nicken. Oder den Kopf sch\u00fctteln. Alle Anwesenden an\u00adstarren. Die Festigkeit meines Blicks. Niemand wu\u00dfte, was ich vorhatte. Ich auch nicht. Das mu\u00dfte mir eigentlich Aufmunterung genug sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da lag das Jesuitenschl\u00f6\u00dfchen. Komisch, es sah ganz anders aus, als ich es in Erinnerung hatte. Was ich jetzt sah, war ein eher mickriges Geb\u00e4ude. Zur Linken eine gro\u00dfe Terrasse. Das Gartenlokal. Tische und St\u00fchle, umherschwirrende Wespen, trinkende, schwitzende, eis\u00adfressende Menschen, humpelnde Kellner. Kinder. Mindestens acht ungezogene Kinder. Das Gartenlokal sah aus wie eine sp\u00e4tmittelalterliche Flachdachburg. Dahinter das Hauptgeb\u00e4ude, eine von drei B\u00e4umen umstandene Wohn- und Residierstallung, die Fenster wie gro\u00dfe tote Augen. Da wohnte doch keiner mehr, kein Knecht, kein Chauffeur, kein G\u00e4rtner, und die Familie des allerletzten Deichgrafen war schon vor Generationen fein s\u00e4uberlich ausgestorben. In dieser Trutz- und Putzh\u00fctte sollte eine Stiftung untergebracht sein. Kaum zu glauben. Vielleicht war dies gar nicht das Jesuitenschl\u00f6\u00dfchen, sondern eine Wagenburg des Opus dei, ein Wegwerfschl\u00f6\u00dfchen f\u00fcr bed\u00e4chtig hantierende Filmgesellschaften und philosophische Regionalzirkel mit \u00dcberblickssatzung und kontinuierlichem Weinverbrauch. Alle Menschen, Nager und S\u00e4uger nach Hause, sagte ich laut und drohend. Und kr\u00e4chzend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Je n\u00e4her man an Gartenlokal und Jesuitenanwesen heranr\u00fcckte, desto mehr mu\u00dfte man sich zwischen wahllos im Gel\u00e4nde herumgeparkten Klein- und Protzautos seinen Weg bahnen. Von der Terrasse h\u00f6rte ich es laut schmatzen. Einer r\u00fclpste. Ein Glas fiel runter. Saubande. Ich ging auf das Hauptgeb\u00e4ude zu, lie\u00df das Gartenlokal links liegen, obwohl mir in diesem Moment wieder ein unmenschlicher Durst zusetzte. Unter den drei B\u00e4umen war es k\u00fchl, der L\u00e4rm von der Terrasse kaum noch zu h\u00f6ren. Tote Hose, totes Haus. Immerhin gab es eine Eingangst\u00fcr und eine protzige Klingel, unter der stand \u203aJ.-Ph.-H.-Stiftung\u2039 und \u203aLorenz Amalfo-Crossi, Maler (2x)\u2039. Ich dr\u00fcckte auf den Klingelknopf. Einmal. Nichts r\u00fchrte sich. Ich klingelte zweimal. Was f\u00fcr ein Ger\u00e4usch. Es h\u00f6rte sich an, als lie\u00dfe jemand im Keller kurze hei\u00dfe Signalf\u00fcrze nach oben steigen. Ich versuchte die T\u00fcr auf\u00adzumachen. Verschlossen. Vielleicht machte man bei dieser Stiftung p\u00fcnktlich Feierabend. Wenn nicht, w\u00fcrde ich mich daf\u00fcr einsetzen. Ich blickte auf meine Armbanduhr. Ich war nicht zu sp\u00e4t und nicht zu fr\u00fch. Aber es schien keinen zu geben, der mich erwartete. Ich klingelte wieder, r\u00fcttelte ratlos an der T\u00fcr. Auf einmal h\u00f6rte ich innen Schritte, schlurfende Schritte. Jemand fingerte an einem Schl\u00fcsselbund, brummelte, seufzte. Die T\u00fcr wurde aufgeschlossen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich komm nicht raus. Vor mir stand ein Mann, der siebzig oder f\u00fcnfundzwanzig Jahre alt sein konnte. Dunkle, mit grauen Str\u00e4hnen durchwirkte Haare standen ihm auf dem Kopf wie eine gut festgezurrte Spreizhaube. Darunter ein l\u00e4ngliches Gesicht mit Bussardnase und vierhundert Falten, das von einem Vollbart bekr\u00e4nzt wurde, der dazu geschaffen schien, die Teller abzuwischen, nach jeder Mahlzeit. Aber einen sch\u00f6nen Mund hatte der Mann, den sch\u00f6nen Mund eines noch jungen Mannes, der sich immer beim Sprechen geschont, die Kr\u00e4fte eingeteilt hatte.<br \/>\nIch komm nicht raus, wiederholte der Mann.<br \/>\nSie sollen auch gar nicht raus kommen, sagte ich, denn ich will rein.<br \/>\nWollen Sie zur Stiftung?<br \/>\nJa, wenn es die hier \u00fcberhaupt gibt.<br \/>\nDoch, doch. Die hocken alle hinten im Garten und saufen sich die Hucke voll, sagte der Mann.<br \/>\nWas saufen sie denn, fragte ich und leckte mir die ausged\u00f6rrten, wie mit winzigschmalen Sandgr\u00e4ben durchzogenen Lippen. Wein? Bier? Schnaps? Oder nur bitzelsaures Mineralwasser?<br \/>\nAlles, die saufen alles. Diese Stiftung ist ein einziges gro\u00dfes Getr\u00e4nkelager. Ohne Auslieferung.<br \/>\nH\u00f6rt sich vielversprechend an, sagte ich. H\u00e4tten Sie die G\u00fcte, mir den Weg in jenen Getr\u00e4nkegarten zu zeigen?<br \/>\nTreten Sie in meine Fu\u00dfstapfen, sagte der Mann. Ich hei\u00dfe \u00fcbrigens Lorenz Amalfo-Crossi.<br \/>\nSind Sie der bekannte Maler? Der Mann, der so viele gro\u00dfartige Bilder gemalt hat, Bilder, die in den Ausstellungsr\u00e4umen von Castrop-Rauxel bis Bad Salzuflen gezeigt werden, in den Museen zwischen Otterndorf, Schlangenbad und Katzenhausen, der ber\u00fchmte Alfons Grandolfo-Prassi? Ich hei\u00dfe, das soll nicht unerw\u00e4hnt bleiben, Bernd H\u00f6lzenbein.<br \/>\nIch darf meinen Namen wiederholen, sagte der Mann, Lorenz Amalfo-Crossi. Und ber\u00fchmt bin ich nicht, und meine Bilder h\u00e4ngen nirgendwo, denn ich bin zwar Maler, aber ich male nicht.<br \/>\nDas klingt einleuchtend, sagte ich, nur \u00fcber diese Gestalten kann man noch reden, die Maler, die nicht malen, und die Dichter, die nicht dichten. Auch die Musiker \u2013<br \/>\nAber Sie \u2013 der Mann stie\u00df einen langen d\u00fcnnen Zeigefinger auf meine Nase zu \u2013 Sie kenne ich. Holzmann, Bodo Holzmann, jener bekannte Erfinder des Laufstalls f\u00fcr Erwachsene und der literarischen Schweigepflicht, Bruno Holzhausen, der auch als erster jenes Holz entdeckte, das zuhauf nur vor ganz bestimmten H\u00fctten liegt.<br \/>\nSehr witzig, sagte ich, in der Tat sehr witzig, ich glaube, wir verstehen uns. Ich streckte ihm meine rechte Hand entgegen, und er dr\u00fcckte sie wie ein Kneteisen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir standen in einem recht d\u00fcsteren Flur. Muffig roch es und nach Weihrauchspray. Am Ende des Flurs stand ein Lichtstrahl wie auf\u00adgesteckt in den Boden.<br \/>\nFolge mir, mein Sohn, sagte Lorenz Amalfo-Crossi. Wir kamen an drei oder vier Zimmern vorbei, die alle offenstanden und irgendwie gleich aussahen, in der Mitte des Raumes jeweils ein dicker Schreibtisch mit unbequem aussehendem Stuhl dahinter, B\u00fccherregale an den W\u00e4nden und wahllos verstreute Manuskript- und Papierstapel; alle Fenster waren verh\u00e4ngt. Ich blieb vor einer T\u00fcr stehen und studierte das Namensschild. Dr. Adolf Schaar-Wenzel, las ich, und mir wurde wieder ganz anders. Auf einmal hatte ich Angst und auch Heimweh, und eine Hoffnung stieg in mir hoch, die wehtat wie der allt\u00e4gliche Sehnsuchtsschmerz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist die gr\u00f6\u00dfte Pflaume hier, sagte Amalfo-Crossi und deutete auf das Namensschild. Bist du der neue Vorsitzende?<br \/>\nWenn sie mich nehmen, sagte ich, aber in diesem Muffkabuff m\u00f6chte ich eigentlich gar nicht arbeiten.<br \/>\nDu sollst ja nicht arbeiten, sondern nur sitzen, vorsitzen. Und die nehmen dich, das kannst du mir glauben. Ich jedenfalls w\u00fcrde dich nehmen, wenn ich eine Stiftung w\u00e4r.<br \/>\nDanke, sagte ich, das zu h\u00f6ren ist wichtig und tut unendlich gut. Am Ende des Flurs ging linker Hand eine teppichbelegte Treppe ab.<br \/>\nDa oben wohn ich, sagte Amalfo-Crossi, und da kriegt mich keiner weg.<br \/>\nWieso, wer will dich denn weghaben?<br \/>\nDie Stiftung. Der geh\u00f6rt meine Wohnung, und sie klagt jetzt auf Eigenbedarf.<br \/>\nIch werde dieser seltsamen sogenannten Stiftung die Fl\u00fcgel stutzen, sagte ich. Eigenbedarf, wenn ich sowas schon h\u00f6re. Ein Mann wie ich kommt da zur rechten Zeit, denn ich wirke wie immer anregend und d\u00e4mpfend zugleich.<br \/>\nIch wei\u00df nicht, ob du da was machen kannst. Wenn die Stiftung meine Wohnung braucht, wer k\u00f6nnte ihr das Gegenteil beweisen.<br \/>\nDie Stiftung braucht deine Wohnung nicht, sagte ich, das ruft dir hier und jetzt der zuk\u00fcnftige Vorsitzende zu.<br \/>\nHoffentlich bleibt dein Ruf nicht ungeh\u00f6rt. Wenn du erst mal hier bist, mu\u00dft du mich besuchen.<br \/>\nJeden Tag, sagte ich, jeden Tag steige ich dir unters Dach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir standen vor einer gro\u00dfen T\u00fcr, die zur H\u00e4lfte von einem br\u00e4un\u00adlichen Vorhang bedeckt wurde. Dieser kackfarbene Riesenstoffh\u00e4nger kommt raus, sagte ich. Wir werden ihn im Garten verwenden.<br \/>\nIn den Garten kommen wir jetzt, sagte Amalfo-Crossi. Das ist der mit Abstand sch\u00f6nste Teil des gesamten Anwesens und nur den wenigsten bekannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die T\u00fcr f\u00fchrte ins Freie, und wir standen auf einer Terrasse, zu der sich ein Garten hochzog, ein wilder Garten, mit Sonnenblumen, ge\u00adbeugten B\u00e4umen, gr\u00fcnen Nischen, mit hohem Gras und einem kreisrunden T\u00fcmpel. Eine milchwei\u00dfe Helle lag \u00fcber allem, m\u00fcde V\u00f6gel zwitscherten und nahbei tuschelten Stimmen, so als sei irgendwo zwischen den B\u00e4umen eine Verschw\u00f6rung emeritierter G\u00e4rtner im Gange. Von der Terrasse aus sah man \u00fcber den Garten hinweg in ein mir unbekanntes Land; auf einmal war die Sicht klar wie nie, der Dunst hatte sich verzogen, was f\u00fcr ein Streifenlicht, und ich sah ein Tal; kleine bucklige Waldkuppen, wie eingedr\u00fcckt daliegende Kahlfl\u00e4chen, dahinter in unmittelbar zureichender Ferne die hohen schwarzen Berge und zur Rechten, ganz vorne, zugeschoben auf die letzte Baumgruppe des Gartens, ein H\u00fcgel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist ja toll hier, sagte ich, warum hat mir denn nie einer was davon erz\u00e4hlt, da\u00df es diesen Garten gibt; dieses Land dahinter. Wenn man die Fassade kennt, glaubt man gar nicht, da\u00df hinter dem Jesuitenschl\u00f6\u00dfchen eine solche Traumstatt liegt; angef\u00fcgt und zugeschoben aus einer andren Welt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(S. 62\u201367)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Otto A. B\u00f6hmer: Das Jesuitenschl\u00f6\u00dfchen. Roman<\/strong>. Herausgegeben und mit einem Nachwort und Autorengespr\u00e4ch von Arnold Maxwill. Bielefeld: <a href=\"http:\/\/www.aisthesis.de\/titel\/9783849810788.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Aisthesis<\/a> 2014. (= B\u00fccher der Nyland Stiftung, K\u00f6ln; Nyland Literatur Bd. 10)<br \/>\nISBN 978-3-8498-1078-8,<br \/>\n233 Seiten, kart. EUR 12,80<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D3136&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Ich-Erz\u00e4hler Bernd H\u00f6lzenbein \u00fcbt sich im \u201eJesuitenschl\u00f6\u00dfchen\u201c in der Kunst des Verkennens. Zwischen Lethargie und Ich-Bezogenheit entfaltet sich ein Text mit humanistischem (geisteswissenschaftlichem) Inventar und wirkt dennoch nicht \u00fcberfrachtet. 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