{"id":3022,"date":"2014-07-16T07:34:54","date_gmt":"2014-07-16T06:34:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=3022"},"modified":"2025-11-06T14:15:00","modified_gmt":"2025-11-06T13:15:00","slug":"wiederentdeckt-erich-grisar-teil-i","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=3022","title":{"rendered":"Wiederentdeckt \u2013 Erich Grisar"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Nun ist sie erschienen, die erste umfangreichere Werkausgabe des Dortmunder Autors Erich Grisar (1898\u20131955). Ein Band, der den Ausgangspunkt einer Wiederentdeckung dieses Schriftstellers bilden kann und soll, dessen Erz\u00e4hlungen mit Texten Heinrich B\u00f6lls, Siegfried Lenz\u2019 und Wolfgang Weyrauch verglichen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSein ureigenes Thema war die Industrie- und Arbeitswelt als Faszinosum und Fluch, als menschenzerst\u00f6rendes Ungeheuer. Er blickte in die Fabrikhallen, er schaute in die Gesichter der Arbeiter, er thematisierte privates Alltagsleben und Alltagsleid \u2013 aber, und das ist wichtig, ohne Sentiment, ohne aufgesetzte Attit\u00fcde. Sein begrenztes Stoffreservoir bedingte gleichzeitig eine eingeschr\u00e4nkte \u00fcberregionale Leserschaft.\u201c (Nachwort)<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Edition legt ihr Hauptaugenmerk auf seine Lyrik und die Sozialreportagen, die weit \u00fcber regionale Anekdoten hinausgehen; zudem enth\u00e4lt sie Gedichte, die \u2013 u.a. wegen kritischer Tendenzen \u2013 zu Lebzeiten Grisars unver\u00f6ffentlicht blieben. \u201eDie Wahrhaftigkeit des Erz\u00e4hlten \u2013 ein Signum all seiner Werke\u201c (Nachwort) ist auch hier zu finden.<\/p>\n<p>Gedicht aus dem Nachlass<\/p>\n<p><strong>Place Broucker\u00e9 <\/strong><\/p>\n<p>T\u00fcrensteher, Koffertr\u00e4ger.<br \/>\nAutos blitzen, Glas und Chrom.P<br \/>\nPackard, Opel, Peugeot, Ford.<br \/>\nMasken starren fahl wie Leichen<br \/>\n\u2013 aufgew\u00e4rmt durch Infrarot \u2013<br \/>\nauf die Wand der Lichtreklamen,<br \/>\nwei\u00df und blau und gr\u00fcn und rot:<br \/>\nMoulin rouge \u2013 Chronometre,<br \/>\nOlivetti \u2013 Oreol.<br \/>\nRolex Oyster \u2013 walon fr\u00e9res,<br \/>\nMonte Huile \u2013 Imperiale.<br \/>\nSnack Bar \u2013 Grill Room,<br \/>\ndancing \u2013 Cinema,<br \/>\nBieres Roelants \u2013 Aspirin.<br \/>\nAir France \u2013 Stella Artois.<br \/>\nStella? Stella! Und der Mond?<br \/>\nHinter Wolken, halbversteckt,<br \/>\nsucht ihn nur das tote Auge<br \/>\neines Bettlers.<br \/>\nUn pauvre Homme aveugle.<br \/>\nKaufen Sie Lose mein Herr!<br \/>\nLose der Loterie Coloniale!<br \/>\nSie k\u00f6nnen eine Million gewinnen<br \/>\nund die Welt daf\u00fcr kaufen.<br \/>\nOder sich begraben lassen.<br \/>\nFun\u00e9railles pompes.<br \/>\nWie Sie wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">S. 423<\/p>\n<p><strong>Ein St\u00fcck Wurst ging verloren<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damals ist auch die Geschichte mit der Wurst passiert. Ich sollte, wie schon oft, ein Pfund Wurst vom Metzger holen. Damit ich sie nicht verlor, gab mir meine Mutter die gro\u00dfe Markttasche, die damals in fast jedem Haushalt die Stelle der heute \u00fcblichen Einkaufsnetze einnahm, mit. Unsere Tasche war wie alle andern, nur mit dem einen Unterschied, da\u00df sie an einer Ecke ein Loch hatte. Nun war dieses Loch nicht so gro\u00df, da\u00df man eine Kartoffel dadurch h\u00e4tte verlieren k\u00f6nnen, aber mit einem St\u00fcck Wurst war das was anderes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Pfund Wurst besteht bekanntlich aus zwei St\u00fccken. Das eine dieser beiden St\u00fccke ist das lange St\u00fcck, das der Metzger auf den ersten Blick f\u00fcr ein Pfund h\u00e4lt und das er auch gerne daf\u00fcr hergeben w\u00fcrde, aber weil es sich auf der Waage als zu leicht erweist, legt er ein zweites St\u00fcck dazu. Es ist kein Wunder, da\u00df dieses zweite St\u00fcck leicht verloren geht. Es ist ja so winzig gegen\u00fcber dem gro\u00dfen St\u00fcck, dem es beigegeben wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer wei\u00df, wie gut Wurst, die frisch aus den H\u00e4nden des Metzgers kommt, einem Kinde schmeckt, wird das verstehen, und wenn der Metzger selbst das \u00fcbrige gro\u00dfe St\u00fcck f\u00fcr ein Pfund hielt, warum soll die Mutter, die keine Waage hat, es nicht daf\u00fcr halten?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diesmal jedoch hatte ich es eilig, und es war zu hoffen, ja, bestimmt anzunehmen, da\u00df die Beilage heil nach Hause kommen w\u00fcrde. Sie kam auch heil nach Hause, soda\u00df ich sehr erstaunt war, als meine Mutter mich trotzdem fragte: Wo ist denn das eine St\u00fcck?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Welches St\u00fcck, fragte ich ganz erstaunt. Gewohnheitsgem\u00e4\u00df f\u00fcgte ich hinzu: Das mu\u00df ich verloren haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hat\u2019s gut geschmeckt? fragte mich die Mutter weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So ehrlich entr\u00fcstet bin ich selten gewesen. Aber das ist der Lauf der Welt. Hundertmal hat man Unrecht und niemand kommt auf den Gedanken, es einem vorzuwerfen und das eine Mal, wo man recht hat und sich keiner Schuld bewu\u00dft ist, bekommt man Vorw\u00fcrfe. Ich begann zu weinen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Mutter versuchte zu tr\u00f6sten, aber sie blieb dabei, da\u00df ein St\u00fcck Wurst fehlte und so sagte sie: \u201eNa, das will ich dir jedenfalls sagen, wenn du schon die Wurst verlierst, dann verlier n\u00e4chstens wenigstens das kleine St\u00fcck, sonst verdirbst du dir den Magen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das war mir denn doch zuviel. Ich sagte, mehr war es doch nicht und es war sogar noch gut gewogen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber Junge, das ist doch kein Pfund Wurst, sagte meine Mutter nun wieder und nun erst blickte ich genauer hin. Da hatte ich doch wirklich und wahrhaftig ein St\u00fcck verloren und dazu noch das gro\u00dfe St\u00fcck, denn das kleine, das ich gew\u00f6hnlich verlor, lag noch friedlich in der Tasche, neben dem Papier, das sich durch das Schlenkern ge\u00f6ffnet hatte. Nachdem ich mich so von meiner Unschuld \u00fcberzeugte und auch meine Mutter soweit hatte, da\u00df sie mir glaubte, machte ich mich sogleich auf den Weg, um das verlorene St\u00fcck wiederzusuchen. Es war dunkel und die M\u00f6glichkeit bestand, da\u00df ich es wiederfand. Aber ich mu\u00df schon sagen, die Hunde hatten an diesem Abend mehr Gl\u00fcck als ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">(aus: <em>Kindheit im Kohlenpott <\/em>(1946), S. 334f.)<\/p>\n<p><strong>Erich Grisar: <em>Ausgew\u00e4hlte Werke<\/em>.<\/strong><br \/>\n<strong> Hrsg. von Fiona Dummann, Walter G\u00f6dden u. Kerstin Mertensk\u00f6tter.<\/strong><br \/>\n<strong> Bielefeld: <a href=\"http:\/\/www.aisthesis.de\/titel\/9783849810566.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Aisthesis <\/a>2014.<\/strong><br \/>\n<strong> <em>Ver\u00f6ffentlichungen der Literaturkommission f\u00fcr Westfalen<\/em> Bd. 61, Reihe <em>Texte<\/em> Bd. 29.<\/strong><\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D3022&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nun ist sie erschienen, die erste umfangreichere Werkausgabe des Dortmunder Autors Erich Grisar (1898\u20131955). 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