{"id":299,"date":"2011-02-23T17:31:56","date_gmt":"2011-02-23T16:31:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=299"},"modified":"2025-11-04T15:29:53","modified_gmt":"2025-11-04T14:29:53","slug":"peter-hille-bohemian-superstar-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=299","title":{"rendered":"Peter Hille. Bohemian Superstar"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Boh\u00e8me ist en vogue. Es scheint, als setze die als alternativlos betriebene Kapitalisierung der Lebensverh\u00e4ltnisse\u00a0 wieder Sehns\u00fcchte nach einer anderen, richtigen, wahren Existenz frei. Das Versprechen vom richtigen, im \u2013 noch \u2013 falschen Leben verk\u00f6rperten unz\u00e4hlige Boh\u00e8me-Generationen seit der fr\u00fchen Moderne. Zum Beispiel auch die amerikanische Beat-Generation, die gerade eine Wiederentdeckung erf\u00e4hrt: Jack Kerouacs klassisches literarisches Roadmovie \u201eOn the Road\u201c verlegte der Rowohlt Verlag in einem gro\u00df beworbenen \u00a0\u201eDirectors Cut\u201c neu und Allen Ginsberg wurde zum Helden des Biopic \u201eHowl\u201c. Der richtige Zeitpunkt also, um \u2013 \u00a0back to roots, quasi \u2013 \u00a0an den wahren K\u00f6nig aller Boh\u00e8miens, an den westf\u00e4lischen Autor Peter Hille, himself, zu erinnern. Im folgenden daher eine kleiner bohemistischer, ganz unliterarischer Leistungsvergleich, der f\u00fcnf Gr\u00fcnde auflistet, warum man sich 2011 statt Ginsberg und Kerouac noch einmal mit dem \u201eheiligen\u201c Dichter Peter Hille besch\u00e4ftigen sollte:<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Holy Beard:<\/span> Der Bartfrage kam unter spezifischen historischen Boh\u00e8me-Bedingungen ein nicht zu untersch\u00e4tzender Credibility-Faktor zu. Im direkten Vergleich der obig abgebildeten Bartgesichter Ginsberg und Hille erscheint mir \u2013 zugegebenerma\u00dfen ganz subjektiv \u2013 Hilles Haar-und Barttracht irgendwie heiliger. Die Urteile der Zeitgenossen \u00fcber \u00a0Hilles Haartracht und Gesamterscheinungsbild \u00a0untermauern mein diesbez\u00fcgliches Bauchgef\u00fchl aber nachdr\u00fccklich. Der Schriftsteller Ludwig W. Abels zeigte sich derart\u00a0fasziniert von Hilles geradezu au\u00dferirdischer Boh\u00e8me-Erscheinung, dass er\u00a0schrieb:\u00a0\u201eSchon in der ersten Zeit meines Berliner Aufenthaltes, in den Herbstmonaten 1893, war mir im Gew\u00fchl \u2013 besonders in der Potsdamerstra\u00dfe \u2013 ein b\u00e4rtiger Mann in \u201ah\u00e4renem Gewande\u2018 aufgefallen, der stets ernst nachdenklich, mit halbgeschlossenen Augen, zweifellos nach innen gerichteten Augen mitten durch die hastende gesch\u00e4ftige oder prominierende Masse steuerte, mit der instinktiven scheuen Sicherheit einer Fledermaus.&#8220; Und Stefan Zweig schrieb beeindruckt: \u201eInmitten dieser jungen Menschen, die sich bewu\u00dft als Boh\u00e8me geb\u00e4rdeten, sa\u00df r\u00fchrend wie ein Weihnachtsmann ein alter, graub\u00e4rtiger Mann, von allen respektiert und geliebt, weil ein wirklicher Dichter und wirklicher Boh\u00e8mien : Peter Hille.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Schreibstil<\/span>: Kerouac hackte seine \u201eOn the Road\u201c-Texte auf eine zwanzig Meter lange Papierrolle. Eine unkonventionelle, manische, an Actionpainting erinnernde Form des Schreibens, deren hoher Boh\u00e8me-Faktor nicht geleugnet werden soll. An Hilles kreative Praxis reicht Kerouac dennoch nicht heran: Der schrieb n\u00e4mlich nicht nur auf allen erdenklichen Materialien und an den ungew\u00f6hnlichsten Orten, sondern hortete und transportierte seine Manuskripte in \u2013 f\u00fcr literarische Verh\u00e4ltnisse \u2013\u00a0 merkw\u00fcrdigen Beh\u00e4ltnissen, in Leinens\u00e4cken n\u00e4mlich, mit denen er dann durch London, Paris, Amsterdam und Berlin stromerte. Manchmal verga\u00df er seine Manuskripts\u00e4cke in seinen Dichterstuben oder verpf\u00e4ndete sie gegen Mietschulden. Die D\u00fcsseldorfer K\u00fcnstlerin Theresia Sch\u00fcllner hat sich f\u00fcr eine Installation, die im Museums f\u00fcr Westf\u00e4lische Literatur zu sehen ist, von einem Hille\u2019schen Manuskripte-Sack inspirieren lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Erfolg:<\/span> W\u00e4hrend Ginsberg und Kerouac schon bald zu gefragten Gr\u00f6\u00dfen der Literaturgeschichte aufstiegen, Mainstream wurden, blieb Hille zeitlebens ein \u00a0Undergroundk\u00fcnstler. Seine Verehrer-Schar war daf\u00fcr erlesen: Else Lasker Sch\u00fcler sprach ihn heilig, widmete ihm Gedichte und Zeichnungen und verfasste sogar eine Hagiographie \u00fcber ihn. Ein bisschen pathetisch jubilierte sie darin \u00fcber ihn: \u201eOder wenn sich in einer Deiner wunderbaren Naturstimmungen Dein all-erf\u00fclltes Ich offenbart, wie in der \u201aWaldesstimme\u2019. \u2013 Halt, die muss hier folgen! Ich muss sie noch einmal vor mir sehen: Wie deine gr\u00fcngoldnen Augen funkeln, Wald, du moosiger Tr\u00e4umer! &#8230; Muss ich Dich denn nicht lieben, Peter Hille.\u201c Der Naturalist Detlev Liliencron \u2013 um nur ein weiteres Beispiel zu nennen \u2013 verfiel keinem derartig juvenilen Liebesrausch, sondern Muttergef\u00fchlen: er\u00a0 bildete \u00a0ein ganzes Korrespondentennetzwerk mit den ber\u00fchmtesten K\u00fcnstlern der Zeit, welches einzig der Sorge um den \u201earmen\u201c Peter Hille gewidmet war.\u00a0Wegen Hilles \u201eSohlenlosigkeit\u201c\u00a0erkl\u00e4rt er sich\u00a0zum Volksver\u00e4chter und \u201evaterlandslosen Gesellen\u201c: \u201eWei\u00dft Du, da\u00df ich einen Ha\u00df auf mein Volk habe jetzt, Peter Hille, der geistvollste Dichter der Jetztzeit stirbt zur Zeit aus Hunger und weil er keine Sohlen mehr hat; sich erk\u00e4ltet deshalb, Blut spukt; und sein Volk, ja dieses Skat- und Biervolk l\u00e4\u00dft ihn h\u00f6hnisch sterben. I Gitt, i Gitt, i Gitt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Vagabundieren: <\/span>Kerouac und Ginsberg trampten quer durch Amerika, durchquerten Texas, Kalifornien, die W\u00fcste und hausten in d\u00fcsteren Appartments in Downtown Manhattan. Das ist\u00a0 durchaus abenteuerlich zu nennen, reicht aber an Hilles Trampertum bei weiten nicht heran. Denn der heilige Peter vagubundierte nicht nur zu Fu\u00df quer durch Europa, sondern er kraxelte einmal mitsamt seinem Manuskripte-Sack im Schneesturm \u00fcber den Gotthard Pass und st\u00fcrzte ab: \u201eAuf Gotthard dem Tode nahe. Glitt von Schneebank ab, tessinw\u00e4rts rei\u00dfend, Nacht, ohne Stock, \u00fcber Pa\u00dfh\u00f6he hinaus, italienisch, schlug meine H\u00e4nde in den Schnee (das war bei [&#8230;?&#8230;]) hielt meinen Fall auf, w\u00fchlte mit blutenden H\u00e4nden die L\u00f6cher so tief, dass ich mich hineinheben und hineintreten konnte. Gotthardnacht \u00f6de, schaurig, gro\u00dfartig. Laut von Wassern, forstgr\u00fcne Bl\u00f6cke, kalte Gewitter, w\u00e4ssrige Sterne.\u201c \u00a0Ein andermal \u00a0\u00fcbernachtete er wochenlang im Berliner Tiergarten, weil er \u2013 ja das stimmt wirklich \u2013 seine Berliner Abstiege nicht mehr wiedergefunden, verloren\u00a0habe, wie Liliencron m\u00fctterlich verzweifelt mitteilt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Lesungen:<\/span> Die Howl-Lesung ist zweifellos legend\u00e4r und erinnert soundm\u00e4\u00dfig ein bisschen an die schlimmste Stelle im \u201eExorzisten\u201c. Aber die Howl-Lesung fand nur einmal statt. Hille hingegen trat\u00a0mit seinem Berliner Hille-Kabarett im Hinterzimmer eines italienischen Weinlokal regelm\u00e4\u00dfig auf und verlas seine mitgebrachten Manuskriptschnitzel so wirr-konfus, das keiner der Anwesenden verstand, warum es in ihnen eigentlich ging. Das Kabarett wurde trotzdem zu einem gro\u00dfen Erfolg. Zweig notierte: \u201eGerne lie\u00df er sich &#8230; von unserem Dr\u00e4ngen verleiten, aus seiner Rocktasche ganz zerkn\u00fcllte Manuskripte hervorzuholen und seine Gedichte vorzulesen. Er schrieb sie in der Stra\u00dfenbahn oder im Caf\u00e9 mit Bleistift hin, verga\u00df sie dann und hatte M\u00fche, beim Vorlesen in den verwischten Zettel die Worte zu finden.\u201c Der andere gro\u00dfe deutsche Boh\u00e8mien, Erich M\u00fchsam\u00a0 \u2013 und der muss es ja wissen \u2013, schrieb: \u201eIch liebe Dich, Peter Hille, weil Du der Duzfreund des Erdgeistes bist, das Musterkind des Himmels und der Weltseele, der wandelnde Anachronismus unsrer Tage; und weil Du uns den \u201aSohn des Platonikers\u2019 geschenkt hast und \u201aWilliams Abendr\u00f6te\u2019 und die vielen pr\u00e4chtigen Gedichte und Skizzen und Aphorismen, und das Cabaret \u201azum Peter Hille\u2019 bei Dalbelli in der K\u00f6nigin Augusta-Strasse, wo es den guten italienischen Wein giebt f\u00fcr billiges Geld, und wenn beg\u00fcterte Freunde da sind, sogar umsonst.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Staatsfeindlichkeit:<\/span> Dem Misstrauen\u00a0 der rechtschaffenen B\u00fcrger\u00a0war der Boh\u00e8mien von Anfang an ausgesetzt. Dem ihm eigenen antib\u00fcrgerlichen Lebensstil verdankt er seinen, den fahrenden b\u00f6hmischen Zigeunern nachempfundenen Namen. Ginsberg wurde wegen Obsz\u00f6nit\u00e4t verklagt und war zeitlebens den staatlichen Sittenw\u00e4chtern ein Dorn im Auge. Hille wurde \u00fcber mehrere Wochen von Spitzeln\u00a0der Berliner Geheimpolizei beschattet, die ihn auf seinen irrwegigen Spazierg\u00e4ngen\u00a0durch Berlin verfolgten und dem Polizeipr\u00e4sidenten Rapporte lieferten, deren ereignislos kafkaeske\u00a0Nonsensehaftigkeit die Vorlage f\u00fcr Paul Austers selbstreferentielle detektivische Komplotts in \u00a0\u201eNew York Trilogie\u201c\u00a0abgeliefert haben k\u00f6nnte. Ein\u00a0Beispiel:\u00a0\u201eBericht im Geheimen Staatsarchiv des K\u00f6nigl. Polizei-Pr\u00e4sidii betr. den Schriftsteller Peter Hille: \u201eNach einem \u00bd st\u00fcndigen Aufenthalt hier verlie\u00df er auch dieses Haus, jedoch ohne Koffer, durchkreuzte dann anscheinend ziel-und planlos den gr\u00f6\u00dften Teil der Stra\u00dfen Sch\u00f6nebergs, sowie mehrere Stra\u00dfen Berlins.\u201c\u00a0Irgendwann stellten die Polizeispitzel die Beschattung entnervt ein: &#8222;P. Hille sei &#8222;Unverd\u00e4chtig&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Steffen Stadthaus<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer mehr \u00fcber Hille erfahren m\u00f6chte, dem sei ein Besuch im Museum f\u00fcr Westf\u00e4lische Literatur, in dem neben B\u00fcchern und Manuskripten u.a. die Hille-Installation von Theresia Sch\u00fcllner zu sehen ist. Empfohlen seien auch die folgenden Hille-B\u00fccher der LWL-Literaturkommission, aus denen das obige Hille-Boh\u00e8me-Argument gestrickt worden ist:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Nils Rottsch\u00e4fer: Peter Hille (1854-1904). Eine Chronik zu Leben und Werk.<\/strong> Bielefeld: Aisthesis 2010.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Peter Hille. S\u00e4mtliche Briefe. Kommentierte Ausgabe.<\/strong> Herausgegeben und bearbeitet von Walter G\u00f6dden und Nils Rottsch\u00e4fer. Bielefeld: Aisthesis 2010.<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D299&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Boh\u00e8me ist en vogue. Es scheint, als setze die als alternativlos betriebene Kapitalisierung der Lebensverh\u00e4ltnisse\u00a0 wieder Sehns\u00fcchte nach einer anderen, richtigen, wahren Existenz frei. Das Versprechen vom richtigen, im \u2013 noch \u2013 falschen Leben verk\u00f6rperten unz\u00e4hlige Boh\u00e8me-Generationen seit der fr\u00fchen Moderne. 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