{"id":2982,"date":"2014-06-12T10:43:29","date_gmt":"2014-06-12T09:43:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=2982"},"modified":"2025-11-06T14:12:43","modified_gmt":"2025-11-06T13:12:43","slug":"im-bahnhof-gewesen-geweint","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=2982","title":{"rendered":"IM BAHNHOF GEWESEN. GEWEINT."},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><strong>Ein Tagebuch (6\u201320)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>6. Sinnkrisenhausen (26.05.2014)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Erwartbare ist eingetreten, ich bin verloren im Tagebuchsein. Nicht in der Lage, nicht diszipliniert genug, um t\u00e4glich Notizen zu machen. Daf\u00fcr zu zweifelnd an dem, was ich hier mache: Ein \u00f6ffentliches Tagebuch, dessen Inhalt ich von Vornherein f\u00fcr belanglos halte, weil ich gerade und derzeit meinen Belang (gibt es das Wort?) eigentlich st\u00e4ndig in Frage stelle \u2013 wem soll das also was bringen, diese melancholische und viel zu ausschweifende Nabelschau? Kurz und gut, herzlich willkommen in Sinnkrisenhausen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fassen wir mal zusammen: Ein Tagebuchbeauftragter, der sich, in Amerika sitzend, st\u00e4ndig selbst bejammert, ein Tagebuchbeauftragter, der zu viel s\u00e4uft und dadurch noch viel weniger zur Arbeit kommt, ein Tagebuchbeauftragter, der sich selbst das Wort auf dem Papier nicht mehr glaubt, ein Tagebuchbeauftragter mit Glaubenskrise, ein Tagebuchbeauftragter ohne Tagebuch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weil das Ganze aber doch irgendwie weitergehen muss (noch schlimmer als Jammerei ist n\u00e4mlich das Scheitern), treffe ich drakonische Entscheidungen, n\u00e4mlich: <!--more-->Alles muss k\u00fcrzer werden, viel k\u00fcrzer (denn so spannend sind MBs Abenteuer in Amerika nun auch nicht, um damit jeden Tag das Dokument zu f\u00fcllen). Die Jammerei wird gestrichen (andere Leute haben wahre Jammergr\u00fcnde, ich nicht). Und, ganz wichtig (ich h\u00f6re das entt\u00e4uschte Seufzen bei den Mitlesern), das Tagebuch wird erst dann ver\u00f6ffentlicht, wenn ich wieder deutschen Boden betreten habe. Das nimmt dem Ganzen doch von Vornherein das Schwere, das f\u00fchrt dazu, dass ich mich nicht st\u00e4ndig dauerhaft selbst zensiere und unter Druck setze, weil ich immer den n\u00e4chsten Tag, die n\u00e4chste Ver\u00f6ffentlichung vor Augen habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also, Tagebuch, versuchen wir es nochmals. Try again. Fail again. Fail better.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>7. Erinnerungen (26.05.2014)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heute ist Memorial Day. Amerika feiert. Fiebrige Aufregung auf den Stra\u00dfen. Fahnenmeere. Gro\u00dffamilien veranstalten immense Grillfeste im Prospect Park, wo wir lange sitzen und einem Vater und einem Sohn beim Baseball zusehen. Faszinierte Europ\u00e4er schauen stolzen Amerikanern zu. Man wird zu so einem Klischee hier, jeden Tag mehr. Sp\u00e4ter gehe ich allein zur\u00fcck zur Bahn, weil es mir in der Sonne zu warm wird. Im Zickzack zur\u00fcck, erst nach Manhattan, dann zur\u00fcck nach Bushwick, wo ich wohne. Gutes Unterwegssein. Vorfreude auf den Abend, an dem ich trinken werde. Denn ich trinke. Denn ich warte. Das ist gerade die Phase. Ich trinke und ich warte, auf eine Sensation, auf eine Rettung, auf etwas, das mich an die Grenze bringt. Das mich fordert. Das so stark ist, dass ich die alten Z\u00f6pfe gewisserma\u00dfen abschneiden kann. So bin ich ja immer. Immer weiter und weiter. \u00dcber die eigenen Ertragensgrenzen und \u00fcber die der anderen Leute. Ma\u00dflosigkeit, st\u00e4ndige Ma\u00dflosigkeit. Das Leben in den Adern f\u00fchlen wollen. Wie eine Sucht. Je me souviens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>8. Public Library (27.05.2014)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Woche werde ich an die Arbeit gehen. Ein Radiofeature muss geschrieben werden, ich schiebe es seit Monaten vor mir her. \u201eFlugangst\u201c hei\u00dft das St\u00fcck, es geht um meine \u00c4ngste beim Fliegen und um die junge Generation. In Wahrheit nat\u00fcrlich um Lady Rosebud und mich und Generationenkonflikte und Unverbindlichkeiten und die Frage, wie lange man braucht, um sich das Scheitern einer sturk\u00f6pfigen Liebe einzugestehen. Die \u201eNew York Public Library\u201c an der 5<sup>th<\/sup> Avenue ist ein fantastischer Ort. Gro\u00dfer Lesesaal. Archaische Gef\u00fchle. Knarzendes Holz der Tische. Gemischtes Publikum. Die Arbeit geht voran. Drau\u00dfe trinke ich Kaffee und mache einen langen Hals in Richtung der Wolkenkratzer. Keine Kulisse. Ich passe mein Schritttempo langsam dem der Einheimischen an. Von ordentlich schnell zu richtig schnell also. Ich schimpfe leise, wenn der M-Train mal wieder auf sich warten l\u00e4sst. Manchmal rede ich sogar im Untergrund leise vor mich hin, auch, wenn ich das schon nach einem Satz bemerke. Langsam kommt man an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>9. Wie das Wetter (28.05.2014)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die st\u00e4ndigen Stimmungsschwankungen (die meinen Mitreisenden furchtbar auf die Nerven gehen m\u00fcssen) passen auf eigenartige Weise in diese Stadt. Selten habe ich innerhalb von Minuten die schmutzigsten und tr\u00fcbsten, sch\u00f6nsten und atemberaubendsten Ecken gesehen. Skyline und M\u00fcllhaufen. Weinende Menschen und gl\u00fcckliche Verr\u00fcckte. Der gro\u00dfe Lesesaal der Bibliothek ist gesperrt, in der Nacht ist ein St\u00fcck vom Stuck von der Decke gefallen. Ich mache ein Foto vom kleinen und fensterlosen Raum, in dem ich jetzt arbeite, ich schicke es Lady Rosebud, und wir tauschen einige Nachrichten aus, die wieder am Wesentlichen vorbei gehen. Mitten in Manhattan, mitten im Hauptquartier des L\u00e4rms.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>10. Tolstoi (29.05.2014)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zuf\u00e4llig entdecke ich in den gesammelten Stories von Tennessee Williams eine unfassbare Geschichte, die ich in der U-Bahn lese und mit der ich nicht mehr aufh\u00f6ren kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSomething by Tolstoi\u201c, so hei\u00dft sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der junge Besitzer eines Buchladens liebt seine ebenfalls junge Frau \u00fcber alles. Er verehrt sie ganz und gar. Und sie liebt ihn auch. Aber doch zieht es sie fort, und er kann sie nicht halten. Es reicht ihr nicht, dieses Leben im schattigen Buchladen. Ihre Sehnsucht ist zu gro\u00df. Eines Tages bricht sie aus, sie packt ihre Sachen und schlie\u00dft sich einer Vaudeville-Tanztruppe an, die nach Europa geht. Ihr Mann, der junge Ladenbesitzer, kann ihr noch gerade den Zweitschl\u00fcssel zum Laden \u00fcbergeben, sagt, er w\u00fcrde f\u00fcr immer auf sie warten. F\u00fcr immer. Dann geht sie weg. Und er bleibt allein mit seiner Liebe zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und der Ladenbesitzer wird wunderlich. Und die Frau bleibt weg. Und der Ladenbesitzer wird noch wunderlicher und sitzt nur noch da und schl\u00e4ft kaum noch und redet nicht mehr und liest und liest und liest den ganzen Tag. F\u00fcnfzehn Jahre lang geht das so.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und dann, an einem Abend, kehrt die Frau zu ihm zur\u00fcck. Er scheint sie nicht zu erkennen, fragt, welches Buch sie denn suche. Sie glaubt an ein Spiel, sie begreift nicht, dass der arme Kerl offenbar den Verstand verloren hat oder eiskalt geworden ist oder beides zur gleichen Zeit. Schlie\u00dflich erz\u00e4hlt sie ihm ihre eigene Geschichte: Von einem jungen Ladenbesitzer und seiner jungen Frau. Dann erz\u00e4hlt sie ihm, dass die Frau glaubte, dies Leben w\u00fcrde ihr nicht reichen, dass sie jahrelang unterwegs war bis zu diesem Abend f\u00fcnfzehn Jahre sp\u00e4ter. Und so weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Ladenbesitzer aber verharrt vollkommen ausdruckslos, starrt seine einst so geliebte Frau nur an und sagt schlie\u00dflich: Klingt wie etwas von Tolstoi.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Ende bleibt er ertaubt und f\u00fchllos wie zuvor zur\u00fcck, sie flieht erschrocken aus dem schattigen Laden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Komik ist Tragik in Spiegelschrift.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>11. Am Fluss (30.05.2014)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich werde langsam ein Angstprofi, und ich bin stolz darauf. Ich laufe \u00fcber den Brooklyner Broadway (der gemeinhin und an manchen Ecken noch als kantige Gegend gilt) und schaue mich nicht mehr um in jeder Sekunde. Tag und Nacht laufe ich jetzt durch die Stadt und f\u00fchle mich nicht mehr panisch. Auch nicht in Dunkelheit. Ich sitze zum Beispiel am Abend am East River und schaue den aufglimmenden Lichtern von Manhattan zu. Einige Minuten stehe ich am Gel\u00e4nder. Flugzeuge \u00fcber mir. Tausende von Fenstern, ebenso viele Leute, die ihr Leben leben, deren Leben jetzt in den Abend \u00fcbergeht. Gef\u00fchle von Zugeh\u00f6rigkeit. Obwohl ich manchmal so \u00fcber die Menschen schimpfe (der Tagebuchbeauftragte hat ja ein Nervenkost\u00fcm aus Seidenpapier und f\u00fchlt sich viel zu rasch angegriffen), so f\u00fchle ich mich ihnen in manchen Momenten wie diesem ganz und gar zugeh\u00f6rig, f\u00fchle ich mich ihrem Charme erlegen, der in erster Linie aus reinem Existieren resultiert. East River-Romantik. Bekenntnisse eines Angstlosen. Auch sch\u00f6n, einfach mal nur euphorisch zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>12. Wanderungen (31.05.2014)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein herrliches, ein warmes Wochenende. Ich wei\u00df auch nicht, im Grunde war es auch in den letzten Tagen schon so warm, aber etwas ist anders. Irgendwas. Aus dem Fr\u00fchling ist ein Sommer geworden. Man sieht ein anderes Funkeln in den Augen der Leute auf der Stra\u00dfe. Vielleicht bilde ich mir das alles nur ein. Denn funkelt man selbst, dann funkeln die Entgegenkommenden zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei \u201eStrand\u201c gewesen, dem vollkommen zurecht legend\u00e4rsten Buchladen von ganz Manhattan. Kunden balancieren auf Leitern, um an die B\u00fccher in den bis an die Decke ragenden Regalen zu kommen. Ich suche nach m\u00f6glichst leichtgewichtigen Ausgaben der St\u00fccke von Tennessee Williams und finde sie. Eigentlich wollte ich kaum B\u00fccher mitbringen, mit leichtem Gep\u00e4ck kommen und mit leichtem Gep\u00e4ck gehen. Beim n\u00e4chsten Mal bestimmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Arbeit stockt \u00fcbrigens enorm, ich komme mit der \u201eFlugangst\u201c nicht vorw\u00e4rts. Eine Pause ist n\u00f6tig, das wird mir hier mehr und mehr klar. Gerade kann ich sie mir nicht erlauben, aber so bald wie m\u00f6glich. Ich habe so viele Radiost\u00fccke gemacht in den letzten Jahren und in zunehmender Frequenz, ich glaube mir selbst meine Euphorie nicht mehr. Und da ich nie zu den Leuten geh\u00f6ren wollte, die Sachen nur durchziehen, brauche ich eine Auszeit. Und wenn diese ganze Reise hier im Endeffekt keine gro\u00dfartigen Fortschritte bringen sollte, diese Erkenntnis ist doch schon was wert. Au\u00dferdem habe ich ja auch einen neuen Roman zu schreiben, und ich will Verlag und Agent nicht wieder um Jahre vertr\u00f6sten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>13. Puerto Rico (01.06.2014)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt sind unsere Nachbarn an der Reihe. Puerto Rico feiert, und wie. Eine Riesenparade zieht durch unser Viertel, Motorr\u00e4der, Autos, Tanzgruppen. Auch im Nachhinein wird nicht ganz klar, warum ausgerechnet an diesem Sonntag und warum ausgerechnet so \u2013 es ist gro\u00dfartig. Sie jubeln und singen und winken. Karibische Freude, unverstellt. Pl\u00f6tzlich die Idee, auf einen der Paradewagen zu springen und ganz w\u00fcst zu karibischer Musik zu tanzen. Es bleibt bei der Idee, andere sind besser in Tanz und Ausgelassenheit, meine ich, denke ich, wei\u00df ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>14. Beach Boys (01.06.2014)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und pl\u00f6tzlich meldet sich Eva, mit der ich Zigaretten geteilt habe vor der Bar, wir erinnern uns. Ich ging ja damals davon aus, dass wir nichts mehr voneinander h\u00f6ren (was nicht schlimm gewesen w\u00e4re), aber pl\u00f6tzlich also meldet sie sich, sie habe vergessen, mir von ihrer Irlandreise zu erz\u00e4hlen, sie sei nicht erreichbar gewesen, ganz ohne Internet, aber jetzt also, ob ich nicht gleich ins East Village kommen wolle, spontan, bevor wir uns gar nicht mehr sehen, und so weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sonnentrunken von der Parade der Puerto-Ricaner fahre ich also los. Sonnentrunken sitzen wir kurze Zeit sp\u00e4ter auf dem Dach von Evas Haus. Skyline und langsam schwindendes Licht. Ein Sixpack Bier und Zigaretten. Gespr\u00e4che ohne gro\u00dfartigen Anlauf, das Wunderbarste am Dasein: Dass da immer Leute sind, die man schon lange zu kennen glaubt, obwohl die Tatsachen eine andere Sprache sprechen. Ich f\u00fcrchte mich nicht mehr, sage ich irgendwann, und das will was hei\u00dfen, bei meiner Angst vor der H\u00f6he. Immer, wenn die Sonne verschwindet, sagt Eva irgendwann, dann kommt die Traurigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4ter in der Wohnung rupfen wir wahllos Schallplatten aus dem Regal und rauchen zu wahllos guter Musik. Dann kommen irgendwann die Beach Boys. Dann tanzen wir im Flur der Wohnung, die bald ger\u00e4umt sein muss. Vergessen wir die Zeit. Vergessen wir die Stunden. Wir holen noch mehr Bier und drehen noch mehr Zigaretten. Sere pes. Vergessen wir die Tatsache des Sonntagabends. Vergessen wir doch einfach mal alles, was uns \u00e4ngstigt. Ich war noch nie auf dem Dach eines Hauses, nicht so. Ich habe noch nie selbstvergessen im Flur getanzt, nicht so.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>15. Klaukatzen (02.06.2014)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vollkommen \u00fcberm\u00fcdet und verkatert im Central Park. Schlafwandlerisch sch\u00f6ner Morgen. Und ja, der Sommer l\u00e4sst sich nicht mehr aufhalten. Die bemerkenswerteste Tatsache ist, dass mein Smartphone verschwunden ist. Es ist irgendwo im East Village geblieben, irgendwo zwischen Dach und Tanzflur. Mein Verdacht und die einzig schl\u00fcssige Erkl\u00e4rung ist, dass Evas Katze es mir geklaut oder es weggeschleppt hat, dass sie es im unbeobachteten Moment in einer Katzenritze versteckt hat. Gut auf meinen Besuch zu sprechen war sie ja eh nicht, so sind sie, die Katzen. Was soll man machen, ich trage den Verlust mit Fassung, es ist ja eine Geschichte, wie man sie kaum erfinden kann: Ausgerechnet das ungeliebte Smartphone, das ich an dem Tag kaufte, als Lady Rosebud wegfuhr, ausgerechnet dieses bl\u00f6de Ding, das ich nie wirklich wollte, verschwindet ein Vierteljahr sp\u00e4ter spurlos und ist nicht mehr auffindbar. Soll wohl so sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>16. Der Reverend (02.06.2014)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von den vielen Konzerten und Musikern, die ich hier gesehen habe (viel mehr als in Leipzig, im Schnitt mindestens zwei Bands pro Woche!), beeindruckt mich nichts so sehr wie die Show vom Reverend. Der Reverend ist der Reverend, anders kann man das nicht sagen. Relativ am Anfang meiner Reise habe ich ihn auf der B\u00fchne gesehen: Reverend Vince Anderson. Seit anderthalb Jahrzehnten spielt der Mann jeden Montag ohne Eintritt mit seinem \u201elove choir\u201c, und es ist ein unglaubliches Erlebnis. Angeblich (so findet man es im Netz) wollte der Reverend wirklich mal Reverend werden, ist sogar ordiniert. Und tats\u00e4chlich predigt er auf der B\u00fchne, und er singt und er tanzt bis zum Umfallen \u2013 man kann es kaum in Worte fassen, ein kollektiver Rausch, ein zelebriertes Zusammensein. Jemand, der wirklich was zu sagen hat, jemand, der die Leute vor der B\u00fchne nicht unterh\u00e4lt, sondern sie mit einer \u00dcberw\u00e4ltigung in die Nacht entl\u00e4sst. Es br\u00e4uchte viel mehr Reverend Vince Andersons, dann w\u00e4re die Welt \u2013 wenigstens f\u00fcr zwei, drei Stunden an jedem Montag \u2013 doch deutlich sorgloser und liebevoller.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>17. Alltag (03.06.2014)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und da ereilt sie mich nun also, die Angst vor der R\u00fcckkehr. Und alles ist wie immer: Zuerst f\u00fcrchte ich mich an einem neuen Ort und sehne mich zur\u00fcck (in die Heimat, in die Vertrautheit, in die alten und vergangenen Dinge), dann kippt es irgendwann um und ich will nicht mehr gehen. W\u00e4sche waschen im Waschsalon. Den B\u00e4cker gr\u00fc\u00dfen wie einen alten Bekannten. Handschlag in der Stammkneipe. Gespr\u00e4che mit einem sehr vertrauten Bettler, der die ganze Nacht vor dieser einen Kneipe ausharrt und ganz gut im Gesch\u00e4ft ist \u2013 seine Idee, mit mir nach Deutschland zu kommen, sein Lachen dar\u00fcber. Und immer noch stockt die Arbeit. Und immer noch gibt es da die R\u00fcckschl\u00e4ge, die alten Zust\u00e4nde, die schlimmen Sch\u00fcbe von Melancholie, die simple Erkenntnis, dass ich meine letzten Monate in vollkommener Starre verschwendet und versoffen habe. Aber der Neuanfang liegt in der Luft. Und vielleicht geh\u00f6rt die Angst vor der R\u00fcckkehr dazu. Sollte ich New York bald wiedersehen (was so sein wird, das steht fest), dann werde ich schon in eine Art Alltag kommen, in einen eingebildeten oder \u2013 zumindest f\u00fcr mich \u2013 in Ans\u00e4tzen existierenden, und das beruhigt mich wiederum fast. Und was auch beruhigend ist: dass man wirklich immer anders zur\u00fcckkehrt von einer Reise. Dass ich so ganz anders zur\u00fcckkehren werde von dieser Reise.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>18. Only Lovers Left Alive (05.06.2014)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sogar das klappt noch: Meinen Lieblingsfilm des Jahres in einem amerikanischen Kino zu sehen. Jim Jarmuschs \u201eOnly Lovers Left Alive\u201c ist ja gar kein Vampirfilm, sondern ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr das leidenschaftliche Leben. Vielleicht sogar, Interpretation des Tagebuchbeauftragten, f\u00fcr das ma\u00dflose Leben. H\u00e4tte ich mein Smartphone noch gehabt, dann w\u00e4re ich mit der Musik des Films im Ohr noch eine Weile durch Brooklyn gelaufen, l\u00e4chelnd und verloren, aber im Guten Sinne verloren, selbstverloren n\u00e4mlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>19. Carlos (06.06.2014)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Carlos aus der Bronx hat es gemacht. Er hat f\u00fcr mich getan, was ich so sehr gewollt habe. Meine erste T\u00e4towierung habe ich mir vor vier Jahren stechen lassen, ein Flugzeug auf dem rechten Arm, das war nach meiner ersten Reise nach New York, das war, nachdem ich den Flug \u00fcberstanden hatte, das war, nachdem die d\u00fcstere Zeit in meinem Leben (die anderthalb Jahre nach dem Tod meines Vaters) vorbei war, nachdem ich wieder zu Atem kam. Auf das Flugzeug folgte ein Skorpion, auf den Skorpion folgte ein simpler Satz, und seitdem wusste ich nicht genau, was kommen w\u00fcrde. Aber ich ahnte vor meiner Reise, dass Brooklyn der richtige Ort zur richtigen Zeit sein w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">K\u00fcrzen wir es ab: Carlos hat mir vier W\u00f6lfe auf den rechten Unterarm t\u00e4towiert, eigentlich eine Bewegungsstudie, aber f\u00fcr mich ist es ein kleines Rudel. Ich bin unglaublich stolz darauf. Ich habe lange \u00fcberlegt, ob es ein Weglaufen oder ein Hinstreben ist, aber eigentlich ist das doch egal. Eine neue T\u00e4towierung nach drei Jahren. Und jede T\u00e4towierung kam immer mit einem Wendepunkt im Leben. Und so bin ich gerade wie meine W\u00f6lfe auf dem Arm: <em>On the run<\/em>. Nach hier oder dort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>20. N\u00e4chster Halt (11.06.2014)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt sitze ich also hier in dem Caf\u00e9, in dem ich vor einigen Wochen mit den Notizen angefangen habe. Und alles liest sich wie Unfertiges, wie Halbgares. Aber kann es anders sein bei einem Tagebuch, ist das alles nicht schon viel zu geschliffen, viel zu gedacht, viel zu geplant?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man wei\u00df ja hinterher immer erst, was passiert ist. Man kann ja hinterher erst sagen, was ein Monat mit dir gemacht hat. Viel sp\u00e4ter. Trotzdem reicht es f\u00fcr ein kleines Res\u00fcmee: Ein Monat hier ist viel zu wenig Zeit. Meine \u00c4ngste der ersten Tage kommen mir l\u00e4cherlich vor, ja, ich habe sie irgendwo in der U-Bahn vergessen, beispielsweise. Was nicht hei\u00dft, dass ich mich nicht an sie erinnere. Smartphones sind \u00fcbersch\u00e4tzt und man f\u00fchlt sich leichter, wenn man einfach mal nicht erreichbar ist. Die schweren Tr\u00e4ume verschwinden irgendwann, auch, wenn man selbst nicht mehr damit rechnet. Mein Konto ist \u00fcberzogen, ich werde einige Rechnungen im Briefkasten haben und habe nach Amerika jetzt viel Arbeit, sehr viel Arbeit, wie gesagt, die letzten Monate waren voll. Aber ich muss zur\u00fcck, und ich freue mich darauf. Die W\u00f6lfe auf meinem Arm sehnen sich so langsam dann doch danach, zu erfahren, wie es da dr\u00fcben in Europa eigentlich aussieht. Und ich wei\u00df, was ich verlange von diesem Europa, von diesem kommenden Sommer: Ich will weiter auf D\u00e4chern sitzen und noch mehr Schallplatten aus Regalen rupfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcbrigens sollte ich gestern schon im Flugzeug sein. Wegen der europ\u00e4ischen Unwetter ist der Flug allerdings gestrichen worden. Noch ein geschenkter Tag in Amerika also. Mit unendlichem Jetlag werde ich morgen zur\u00fcck nach Leipzig kommen. Und mit jenem Jetlag und den Erinnerungen an diesen Monat im Gep\u00e4ck fahre ich dann zu den Tagebuchtagen. Und dort k\u00f6nnen Sie, verehrte Leser, dann zumindest teilweise den Wahrheitsgehalt dieser seltsamen Skizzen pr\u00fcfen. Denn ich komme mit Tieren im Gep\u00e4ck. Ob ich will oder nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sch\u00f6n war es. Wild war es. Intensiv war es. In diesem Sinne: Machen wir weiter so, nur woanders. N\u00e4chster Halt: Tagebuchtage.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Martin Becker<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D2982&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Tagebuch (6\u201320) 6. Sinnkrisenhausen (26.05.2014) Das Erwartbare ist eingetreten, ich bin verloren im Tagebuchsein. Nicht in der Lage, nicht diszipliniert genug, um t\u00e4glich Notizen zu machen. Daf\u00fcr zu zweifelnd an dem, was ich hier mache: Ein \u00f6ffentliches Tagebuch, dessen Inhalt ich von Vornherein f\u00fcr belanglos halte, weil ich gerade und derzeit meinen Belang (gibt [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2},"jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[34,5],"tags":[58,33,31,56,32,127,398,63,126,125],"class_list":["post-2982","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-tagebuchtage","category-was-lauft","tag-brooklyn","tag-haus-nottbeck","tag-martin-becker","tag-new-york","tag-tagebuch","tag-tagebuchbeauftragter","tag-tagebuchtage","tag-tennessee-williams","tag-tolstoi","tag-woelfe"],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p4EYft-M6","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2982","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2982"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2982\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5270,"href":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2982\/revisions\/5270"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2982"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2982"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2982"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}