{"id":2887,"date":"2014-05-21T07:02:03","date_gmt":"2014-05-21T06:02:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=2887"},"modified":"2024-05-22T13:22:34","modified_gmt":"2024-05-22T12:22:34","slug":"im-bahnhof-gewesen-geweint-ein-tagebuch-3-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=2887","title":{"rendered":"IM BAHNHOF GEWESEN. GEWEINT."},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><strong>Ein Tagebuch (3\u20135)<\/strong><\/p>\n<p><strong>3. Enten (18.05.2014)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eva und ich sitzen auf einer Treppe, es ist sp\u00e4t geworden. Sie wollte schon um Mitternacht nach Hause, aber wir sitzen immer noch in der Brooklyner Nacht (die in der Tat einen bemerkenswerten Mond anzubieten hat) und reden \u00fcber Dinge, \u00fcber die man normalerweise nicht nach kurzer Bekanntschaft redet. Tote V\u00e4ter, gro\u00dfe und kleine \u00c4ngste, die Frage, was der Unterschied zwischen \u201elonely\u201c und \u201ealone\u201c ist. Wir rauchen eine Zigarette nach der anderen, wir sitzen auf der Treppe neben der Bar namens \u201eDuck Duck\u201c, und meine Panik hat sich f\u00fcr eine gewisse Zeit g\u00e4nzlich verabschiedet. Jetzt bin ich also wirklich hier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass mich jemand an der Bar angesprochen hat. Bist Du aus Schweden, welches Bier kann man trinken, so was eben. Eva hat Film studiert und danach f\u00fcr eine Produktionsfirma gearbeitet, die die gro\u00dfe Krise nicht \u00fcberstanden hat. Jetzt k\u00fcmmert sie sich in einer Beratungsstelle um Suizidgef\u00e4hrdete und leidet unter den steigenden Mieten. Ich vermute, dass sie diese Zeilen niemals lesen wird, ich vermute, dass unser Zusammentreffen auf diesen einen Abend in der Entenbar beschr\u00e4nkt bleiben wird, trotzdem muss es aufgeschrieben, muss er beschrieben werden, der Moment, in dem man das Gef\u00fchl hat, dass alles gut ist, dass man irgendwo angekommen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der anderen Seite ist da nat\u00fcrlich die alte Welt (ein Gl\u00fcck und ein Pech zugleich!), im wahrsten Sinne des Wortes, und sie l\u00e4sst mir keine Ruhe. Sie kommt zu mir jede Nacht im Traum. Es geht \u2013 der aufmerksame Leser des bisherigen Tagebuchs wird es erraten k\u00f6nnen \u2013 nat\u00fcrlich um Lady Rosebud. Das Erstaunliche ist, dass ich seit meiner Ankunft in Brooklyn wirklich jede Nacht von ihr tr\u00e4ume. Es ist ein in Variationen wiederkehrender und im Grunde vollkommen unspektakul\u00e4rer Traum, der seine Sch\u00e4rfe erst durch den Augenblick des Aufwachens erh\u00e4lt:<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich spreche mit Lady Rosebud, manchmal sind wir in derselben Stadt (manchmal sogar im selben Raum), manchmal nicht \u2013 wir planen unser Wiedersehen, was mitunter wirklich bizarr ist, besonders eben, wenn wir uns im gleichen Zimmer befinden. Etwas st\u00f6rt st\u00e4ndig, ich muss Dinge suchen oder ein neuer Verehrer aus Mayotte (!) singt ihr im Minutentakt volkst\u00fcmliche Lieder auf den Anrufbeantworter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und immer schaffen wir es nicht, unser Wiedersehen zu organisieren, mal hat sich ihr Vater als Besuch angek\u00fcndigt, dann wiederum bringen wir das Gespr\u00e4ch gar nicht erst auf den Punkt \u2013 das Schlimmste aber sind die Tr\u00e4ume, in denen Lady Rosebud ihren Besuch ank\u00fcndigt und bereits losgefahren ist, bereits unterwegs ist, im Grunde schon vor meiner T\u00fcr steht. Regelm\u00e4\u00dfig tr\u00e4ume ich davon, und dann wache ich mit dieser ungewissen Euphorie in der Kehle auf \u2013 und merke, dass ich auf der anderen Seite vom Atlantik bin, dass da kein Besuch zu erwarten ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bisher hatte ich nur eine einzige Traumserie, und auch sie begann sinnigerweise in der Zeit des Zusammenseins mit Lady Rosebud \u2013 fast zwei Jahre lang tr\u00e4umte ich mindestens jede Woche ein Mal davon, dass ich kurz vor der Abiturpr\u00fcfung stehe (obwohl ich auch im Traum wei\u00df, dass ich \u00fcber 30 bin und l\u00e4ngst meine Reifepr\u00fcfung abgelegt habe), ich wei\u00df aber auch, dass ich vergessen habe, alle n\u00f6tigen Kurse in Biologie zu belegen. Und niemandem ist es aufgefallen. Ich wei\u00df, dass es nichts geben kann als das Scheitern, da hilft auch kein guter Wille von keiner Seite.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Biologielehrer sind oftmals Rundfunkredakteure, f\u00fcr die ich im wachen Zustand arbeite \u2013 und ich denke \u00fcber Strategien nach, wie ich sie zu Vereinbarungen bewegen kann, zu Zugest\u00e4ndnissen, zu Hilfestellungen, die mir mein Abitur doch noch erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da sind Brooklyner N\u00e4chte mit einigerma\u00dfen besoffenem Kopf doch schon ein Schritt zur Besserung, wenn das m\u00fcde Hirn gar keine andere Chance hat, als die Tr\u00e4ume zugunsten einer veritablen Ausn\u00fcchterung zu verdr\u00e4ngen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Please, Mr. Freud, Mr. Freud, dance, dance, Mr. Freud, dance!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>4. Der Interessantmacher (19.05.2014)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Ph\u00e4nomen des Hipsters ist mittlerweile ziemlich durch \u2013 so viel ist \u00fcber ihn geschrieben, so viel ist \u00fcber ihn gesprochen worden. Der Hipster will cooler sein als der Rest, er ist ein ausgesprochener Egomane, und, so kann man durchaus unterstellen, ein mitunter recht dumpfer Zeitgenosse. Nat\u00fcrlich, Hipster ist nicht gleich Hipster, Klischees sind nicht immer wahr. Trotzdem ist Brooklyn immer noch einer der besten Orte der Welt zur Hipsterbeobachtung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gestern beim Fr\u00fchst\u00fcck lief ein Exemplar an uns vorbei, und das einzig besondere Merkmal an ihm war sein Haustier: Er f\u00fchrte einen Ozelot an der Leine. Ja, einen Ozelot. Ein Raubtier. Das Tier sah furchtbar ungl\u00fccklich aus und hat sich offenbar noch nicht an sein verordnetes Hipsterleben gew\u00f6hnt \u2013 der Ozelothalter hingegen stolzierte extra langsam an den Passanten vorbei und wartete, ja, wartete darauf, auf sein Tier angesprochen zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seitdem denke ich nicht so sehr \u00fcber den Hipster als solchen nach (wie gesagt, alles gesagt), sondern vielmehr \u00fcber seine Ozelotmotive. Und stelle dabei fest, dass sie mir im Grunde meines Herzens gar nicht so fremd sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Hipster mit dem Ozelot will sich interessant machen. Er will anders sein. Und auch, wenn ich seine Art und Weise des Interessantmachens in diesem Fall f\u00fcr ausgesprochen absto\u00dfend halte, im Grunde ist mir der Mechanismus doch nur allzu bekannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Interessantmacher. So w\u00fcrde Thomas Bernhard heute vielleicht eins seiner St\u00fccke nennen. Und ich weiche jetzt nicht ins \u00fcbliche \u201eWir\u201c aus (\u201eWir machen uns interessant, weil\u00a0\u2026\u201c, \u201eWir wollen spannend sein, denn\u00a0\u2026\u201c, \u201eWenn wir uns abgrenzen wollen, dann nur, um\u00a0\u2026\u201c), ich spreche allein von mir, denn sonst w\u00e4re das hier kein Tagebuch, sondern ein Konglomerat aus unvollendeten Essays.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich mache mich interessant, wenn ich neue Leute treffe, und ich bin mir im Moment des Interessantmachens genau dessen auch sehr bewusst. Sehr nahestehende Leute haben mir das sogar mal vorgeworfen: Immer in der Nische sein, immer anders sein zu wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In ganz schwachen Momenten denke ich mitunter sogar, dass diese ganze Schriftstellerei aus dem Impuls dieses Andersseins, dieses Abgrenzens entstanden ist. Um nicht ganz so schwach zu sein, vielleicht. Und da kommt der Kafka tats\u00e4chlich um die Ecke, an dessen Tagebucheintrag kurz vor seinem Tod ich bei diesem Thema oft denken muss:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eUnd was Du willst, hilft nur unmerklich wenig. Mehr als Trost ist: <em>Auch Du hast Waffen<\/em>.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darf man also diese St\u00e4rke ausspielen, die verbale Fertigkeit, die unb\u00e4ndige Aufmerksamkeit f\u00fcr das Gegen\u00fcber, die kalkulierte Bescheidenheit beim Berichten dar\u00fcber, was man tut (\u201eIch arbeite ein bisschen f\u00fcrs Radio und nebenbei schreibe ich auch ein bisschen.\u201c)? Ist es nicht von Vornherein ein falsches Spiel, ist das nicht die narzisstische St\u00f6rung par excellence, wenn man seinem eigenen Verfertigen des Interessantmachens beim Reden zusieht?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sicher, solche Gedanken kommen mir immer dann, wenn es um mein eigenes Selbstbewusstsein gerade nicht so gut bestellt ist. Wenn es um das eigene Interessantmachen folgerichtig auch gerade nicht so gut bestellt ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht widme ich dieser ganzen Interessantmacherei auch gerade einfach zu viel Aufmerksamkeit (und mache mich damit wiederum unn\u00f6tig interessant), vielleicht habe ich mich gerade vollkommen verstiegen (was ja in Tageb\u00fcchern erlaubt ist, wo, wenn nicht hier), vielleicht ist das alles auch gar nicht so schlimm, besonders, wenn man hinreichend Erfahrung damit hat, dass die Halbwertszeit des eigenen Interessantmachertums bei jeder Begegnung aufs Neue sehr begrenzt ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kennt man sich besser, kennt man sich nur gut genug, dann kann man sich eh nicht mehr hinter dem M\u00e4uerchen aus bravour\u00f6s dargebotener Interessantmacherei verstecken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann ist man genau so ein ohnm\u00e4chtiges W\u00fcrstchen wie jeder andere auch, dann ist man mitunter genau so peinlich wie ein Brooklyner Hipster, der von seinem Ozelot an der Leine herumgef\u00fchrt wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>5. Tennessee (19.05.2014)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gestern habe ich in einem Antiquariat in Williamsburg ein zum Aufenthalt passendes Buch entdeckt: \u201eCollected Stories\u201c von Tennessee Williams. Vor dem Einschlafen habe ich nur die Vorbemerkung von Williams selbst lesen k\u00f6nnen. Eine aufw\u00fchlende Abrechnung mit seinem schweigenden, schwierigen, saufenden Vater. Mich wiederum hat das Ganze so aufgew\u00fchlt, dass ich mit Kopfweh aufwachte. Vielleicht waren auch einfach nur die Nasennebenh\u00f6hlen in Verbindung mit den ewigen Klimaanlagen schuld. Die V\u00e4terabrechnung jedenfalls, die ist am Ende gar keine mehr. Sondern eine Liebeserkl\u00e4rung. Und man hat einen Klo\u00df im Hals beim Lesen der letzten Zeilen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eAunt Ella is gone now, too, but while I was in Knoxville for Dad&#8217;s funeral, she showed me a newspaper photograph of him outside a movie house where a film of mine, ,Baby Doll\u2018, was being shown. Along with the photograph of my father was his comment on the picture. What he said was: ,I think it&#8217;s a very fine picture and I&#8217;m proud of my son.\u2018\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Martin Becker<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D2887&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Tagebuch (3\u20135) 3. Enten (18.05.2014) Eva und ich sitzen auf einer Treppe, es ist sp\u00e4t geworden. Sie wollte schon um Mitternacht nach Hause, aber wir sitzen immer noch in der Brooklyner Nacht (die in der Tat einen bemerkenswerten Mond anzubieten hat) und reden \u00fcber Dinge, \u00fcber die man normalerweise nicht nach kurzer Bekanntschaft redet. 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