{"id":2878,"date":"2014-05-20T08:48:08","date_gmt":"2014-05-20T07:48:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=2878"},"modified":"2024-05-22T13:22:40","modified_gmt":"2024-05-22T12:22:40","slug":"im-bahnhof-gewesen-geweint-ein-tagebuch-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=2878","title":{"rendered":"IM BAHNHOF GEWESEN. GEWEINT."},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><strong>Ein Tagebuch (2)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2. Angst und Bange am St\u00fcck (17.05.2014)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Andy sagt: Ja, es ist tats\u00e4chlich so, als m\u00fcsse man eine pflegebed\u00fcrftige Person betreuen. Andy sagt: Die ganze Zeit fragt man sich, ob Martin gerade wieder Angst hat oder nicht. Andy sagt: Du bist wie diese Ziegenart (Anmerkung: Es handelt sich dabei um die sogenannte <em>Myotonic Goat <\/em>oder <em>Fainting Goat<\/em>), die bei Gefahr einfach erstarrt und st\u00fcrzt. Du k\u00f6nntest sogar immer schon umfallen, wenn uns im Dunkeln jemand \u00fcberholt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Reisen mit mir sind also kein Vergn\u00fcgen, Abendveranstaltungen mit mir sind kein Vergn\u00fcgen, vielleicht ist gar nichts mit mir ein Vergn\u00fcgen (selbstmitleidiger Einwurf, muss nicht stimmen).<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die offizielle Variante zur Begr\u00fcndung meiner st\u00e4ndigen Angst ist, dass ich letztes Jahr in Rio de Janeiro in einem Linienbus zur Mittagszeit im Zentrum der Stadt mit einem Messer (diesen Satz k\u00f6nnen meine Freunde mittlerweile im Schlaf mitsprechen) \u00fcberfallen worden, dass ich seitdem best\u00e4ndig auf Flucht eingestellt bin, weil ich Dinge eben nicht wegstecke, weil mein Angstged\u00e4chtnis so nachhaltig funktioniert wie bei Hunden und Wellensittichen. Andererseits: Wenn ich ein Wellensittich w\u00e4re, dann w\u00fcrde ich ja jeden Tag vor Schreck tot von der Stange fallen (was mich wiederum panisch werden l\u00e4sst, weil es mich an mein Hypochondertum und meine Angst vor Krankheiten erinnert).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Wahrheit (inoffizielle Variante f\u00fcr best\u00e4ndige Nachfrager) war ich nie anders. Als Kind hatte ich Angst vor Einbrechern und vor Ger\u00e4uschen in der Heizung, als Jugendlicher hatte ich Angst vor dem Sauerl\u00e4nder Wald und vor unserer Waschk\u00fcche, und egal, in welchem Alter, in welchem Dorf und in welcher Stadt: Wenn die Nacht da ist, dann bin ich wie ein Soldat im Gefecht, dann drehe ich mich st\u00e4ndig um und f\u00fcrchte jeden Passanten, jeden Schatten, jede l\u00e4rmende Katze. Dann ist da die Ohnmacht, dann ist da das Gef\u00fchl, mal nicht alles unter Kontrolle zu haben, und vielleicht ist das ja der N\u00e4hrboden, auf dem Angst und Bange herrlich wachsen und gedeihen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fakt ist, dem Angsthasen geht es gerade ganz gut. Spazierg\u00e4nge tags\u00fcber durch Brooklyn lassen den Puls etwas h\u00f6her schlagen und sind kleine Siege, n\u00e4chtliche Ausfl\u00fcge mit unversehrter R\u00fcckkehr (wie denn bitte auch sonst?) sind ein gro\u00dfer Triumph.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Selten war ich in letzter Zeit so euphorisiert wie vergangene Woche, als ich zuerst ein tolles Konzert im <em>Union Pool <\/em>sah (unter anderem spielten die \u201eCandy Boys\u201c, eine selbsternannte Boyband, die auf zweideutige Art nur und ausschlie\u00dflich \u00fcber S\u00fc\u00dfigkeiten singt und dessen traurigster und dramatischster Moment in der B\u00fchnenshow derjenige ist, in welchem der \u201eCandy Shop\u201c geschlossen hat) und dann nach mehreren Bieren durch die n\u00e4chtlichen Stra\u00dfen von Williamsburg nach Hause lief (ich gebe es zu, von meinem Betreuer Andy gest\u00fctzt).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die ersten Leute sind getroffen, die ersten vollen U-Bahnen bezwungen, die ersten Regenspazierg\u00e4nge unternommen, Bagels und Burger sind gegessen und es gibt davon noch so viel in n\u00e4chster Zeit. Ja, ich bin zwischendurch sogar sehr gl\u00fccklich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich merke, wie es mit Tag f\u00fcr Tag besser geht (ohne Rumjammerei, die letzten Wochen in Deutschland waren einfach m\u00fcde, nutzlos, verschwendet), und das wiederum ist ein herrliches, ein erhebendes Gef\u00fchl.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gerade rauchte ich vor dem Caf\u00e9, in dem ich gerade schreibe, eine Zigarette \u2013 und da war das, was man nicht erzwingen und nicht k\u00fcnstlich herstellen kann, so sehr man es mitunter auch herbeisehnt: Ich wollte singend \u00fcber die Stra\u00dfe laufen, voller Euphorie, Euphorie dar\u00fcber, genau jetzt genau das alles erleben zu d\u00fcrfen, genau hier zu sein in diesem Moment, auch, wenn wir jetzt endg\u00fcltig im Kitsch angelangt sind. Aber so ist das eben manchmal mit Tageb\u00fcchern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Au\u00dferdem hat auch die schreckhafteste Ziege mal ein St\u00fcck vom Entspannungskuchen verdient. Schiefes Bild, sollte man korrigieren. Aber warum eigentlich?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Sinne:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sch\u00f6nen Wochenanfang!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">P.S.: Was man gelesen haben muss: Allen Ginsberg, Wichita Vortex Sutra. Ein Gedicht f\u00fcr alle \u00c4ngstlichen. Danach geht es sogar besser!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Martin Becker<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D2878&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Tagebuch (2) 2. 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