{"id":2865,"date":"2014-05-19T08:59:45","date_gmt":"2014-05-19T07:59:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=2865"},"modified":"2025-11-06T14:04:12","modified_gmt":"2025-11-06T13:04:12","slug":"angekommen-der-tagebuchbeauftragte-legt-los-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=2865","title":{"rendered":"Angekommen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><strong>Der Tagebuchbeauftragte legt los (1)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch rund vier Wochen, dann ist es soweit. Erstmals findet \u2013 unter Kurator Tom Liwa \u2013 am 13. und 14. Juni auf dem Kulturgut Nottbeck ein Tagebuch-Festival statt. Renommierte K\u00fcnstler wie Gisbert zu Knyphausen, Barbara Morgenstern, C\u00e4the, Tim Isfort, Tom Liwa, Thomas Hoeveler und die Band Messer widmen sich namhaften Tagebuchautoren der Vergangenheit (Jack Kerouac, Else Lasker-Sch\u00fcler, Romy Schneider, Sylvia Plath, Laura Naukkarinen, Kurt Cobain) und lassen hieraus Neues entstehen \u2013 Literatur, Performance, Musik, Theater, Tanz, Kunst. Martin Becker, freier Autor und Kritiker, wird vor Ort sein und beide Tagebuchtage f\u00fcr die Medien und diesen Blog dokumentieren. Gewisserma\u00dfen als warm up beginnen seine Aufzeichnungen schon jetzt, w\u00e4hrend eines New-York-Trips, den Martin Becker gerade angetreten hat. Als Nottbeck-Korrespondent wird er uns regelm\u00e4\u00dfig hier\u00fcber berichten. Hier sein Premieren-Beitrag. (Walter G\u00f6dden)<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Martin Becker<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>IM BAHNHOF GEWESEN. GEWEINT.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Ein Tagebuch<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">\u00a0 \u201eDie Gleichg\u00fcltigkeit ein\u00fcben.\u201c<br \/>\nIlse Aichinger, \u201eKleist Moos Fasane\u201c (1972)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Er\u00f6ffnungsrede des Tagebuchbeauftragten (14.05.2014)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wertes Publikum,<br \/>\nKafka hat es getan (zitieren wir ihn nicht, es ist nur so erhebend, wenn das erste Wort einer neuen Arbeit \u201eKafka\u201c ist), Beckett hat es getan, Aichinger hat es getan. Wo Beckett, da muss kein Becker sein. Denke ich, meine ich, glaube ich, und fange nun also dieses Tagebuch an mit der Gewissheit, dass ich damit nun wirklich nichts zum Lauf der Welt beitragen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin kein Tagebuchschreiber. Aus mindestens f\u00fcnf Gr\u00fcnden. Erstens, weil mir die Disziplin fehlt, ganz und gar. Selbst eine halbe Stunde am Tag ist illusorisch, denn ich bin ein Zeitverschwender, ein Chaot erster G\u00fcte, ein komplett Asozialer mir selbst gegen\u00fcber. Ich vergeude Zeit und Geld, ich versurfe meine Jahre, ich verschwende den Luxus des sogenannten \u201efreien Lebens\u201c f\u00fcr nichts und wieder nichts. Au\u00dferdem bin ich (zweitens) viel zu ausschweifend f\u00fcr knackwurstige Zeilen, die sich im Laufe einer Zigarette weglesen lassen. Drittens, ich kann schriftstellernde Tagebuchschreiber und schriftstellernde Blogger nicht leiden (au\u00dfer Wolfgang Herrndorf, bis zum allerletzten Wort), ergo mag ich diese Art der Selbstbespiegelung auch nicht, obwohl ich alles in allem sehr narzisstisch bin (vgl. \u201eKindheit im Sauerland\u201c ff.). Viertens, mir passiert nichts Aufregendes. F\u00fcnftens, ich habe das noch nie gemacht, und ich bin ja \u2013 Selbstbespiegelung \u2013 von \u00c4ngsten, Neurosen und Phobien zersetzt, dazu mein saftiger Pessimismus, kurz und gut, ich bin davon \u00fcberzeugt, dass das alles hier nichts wird, nichts werden kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da das hier ja nun die Er\u00f6ffnungsrede des Tagebuchbeauftragten ist, muss ich mich dennoch bei den hohen Herren der Akademie f\u00fcr das Vertrauen bedanken, au\u00dferdem von Herzen auch bei meinem Kumpel Andy G\u00e4dt, der mein <em>Diary<\/em> mit vorz\u00fcglichen und hintersinnigen Malimalibildern bereichern wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erwarten Sie nichts, Sie werden dennoch entt\u00e4uscht sein. Es geht los. Hurra.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Was bisher geschah<\/strong> <strong>(14.05.2014)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wusste damals schon, dass es zwei Voraussetzungen gibt: Es muss radikal sein und es muss ehrlich sein.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Radikal und ehrlich also war auch der erste Eintrag meines Tagebuchs, aufgeschrieben am 6. M\u00e4rz 2014. Ich bin \u00fcber Wochen nicht \u00fcber ihn hinausgekommen, was ihm nat\u00fcrlich ein unbotm\u00e4\u00dfiges Gewicht verlieh, dass eine Verwurstung zum Gesamttitel dieses Projekts geradezu zwangsl\u00e4ufig wurde:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIm Bahnhof gewesen. Geweint.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tats\u00e4chlich hatte ich am 6. M\u00e4rz 2014 jemanden zum Bahnhof gebracht, zum allerletzten Mal in dieser Form: Nennen wir diesen Jemand einfach \u201eLady Rosebud\u201c, das macht das Schreiben dar\u00fcber einfacher. Es handelt sich bei Lady Rosebud ganz einfach und unspektakul\u00e4r um einen Menschen aus Fleisch und Blut, um den Menschen, den ich ganz einfach und unspektakul\u00e4r liebte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lady Rosebud und ich haben uns im Januar schon offiziell getrennt, danach allerdings noch zwei wechselseitige Besuche unternommen. Und dann brachte ich Lady Rosebud also zum Bahnhof, half ihr mit den Taschen und Koffern, sprach ihr und mir und uns beiden Mut zu, machte sogar einen Witz, dann schlossen sich die T\u00fcren dieses verdammten Zuges und niemand hielt ihn auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und es war nicht zu verhindern, da konnte man den Kopf drehen und wenden (innerlich wie \u00e4u\u00dferlich), da war nichts zu machen, ich stand am Gleis und heulte, ich heulte wie ein Schlosshund.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Danach ging ich in einen Elektrofachmarkt und kaufte mir ein teures Blackberry, damit ich am Abend was zu tun haben w\u00fcrde. Aderl\u00e4sse sind eine feine Angelegenheit. Ich wollte das Telefon eigentlich zu keiner Zeit wirklich haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den Wochen danach habe ich wenig klare Gedanken fassen und noch weniger davon aufschreiben k\u00f6nnen, ich habe Bier und Schnaps getrunken und nur zwischendurch die Leichtigkeit versp\u00fcrt, die man f\u00fcr Anf\u00e4nge braucht. R\u00fcckblickend kann ich also nur auf einige Momente hinweisen, in denen ich dachte, dass es jetzt an der Zeit w\u00e4re f\u00fcr den Beginn meines Tagebuchs. Gelegenheiten, die ich aber verpasst habe, n\u00e4mlich:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; Am Tag nach der Abreise von Lady Rosebud war ich unterwegs zu einer Lesung nach M\u00fcnchen. Das einzig Spektakul\u00e4re unterwegs war, dass ich in der Spiegelung des Zugfensters ein langes Nasenhaar entdeckte, welches ich mit einem Ruck ausriss. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich mir ein Nasenhaar ausgerissen habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; Irgendwann sp\u00e4ter kam ich auf die Idee, Kontrabass zu lernen \u2013 was ich im Augenblick auch tue. Lady Rosebud und ich hatten bei einem Konzert einen exzellenten Kontrabassisten gesehen, den ich daf\u00fcr bewunderte, dass er zwei Stunden lang mit seinem Instrument k\u00e4mpfte, damit und dagegen. Jetzt habe ich einen Kontrabass, ein Modell f\u00fcr Kinder, das mich dennoch bei Weitem \u00fcberragt. Erster Eintrag des Tagebuchs: Wie ich mit dem Kontrabass anfing. Das w\u00e4ren mindestens acht von zehn Punkten gewesen. Smarter Jungautor mit Humor. Hat er gut gemacht. Nein, hat er nicht. Chance vertan.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; Vor einigen Wochen ging ich schlecht gelaunt in den Discounter in der N\u00e4he meiner Wohnung, um mir Backcamembert zu kaufen. Ich krankte mal wieder an Verzweiflung, und dann kaufte ich mir dort einen Strau\u00df Schnittblumen. Und zwar ganz f\u00fcr mich allein. Auch das war eine Premiere f\u00fcr mich. Sich selbst Blumen zu schenken, ich m\u00f6chte fast sagen, zu verordnen. Ich riss in der K\u00fcche die Folie von ihnen, stopfte sie in eine Vase. Ich machte mir meinen Backcamembert, sah den Blumen beim Erbl\u00fchen zu und legte mich zum Mittagsschlaf ins Bett.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist also bisher geschehen, und jetzt fange ich wirklich an. Jetzt kann ich die Katze aus dem Sack lassen, denn mein wahrer Tagebuchanfang erhebt mich per se schon in den Hundehimmel der megacoolen und angesagten Jungautoren, ich fange dieses Tagebuch n\u00e4mlich nicht an, w\u00e4hrend ich vor meinem ungesp\u00fclten Geschirr sitze und mich von morgens bis abends nach Lady Rosebud verzehre, ich schreibe diese Zeilen hier gerade:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In. Brooklyn. In. Den. Vereinigten. Staaten. Von. Amerika.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur, damit Ihr es wisst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>1. Echter Anfang (14.05.2014)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sitze in einem Caf\u00e9 in Brooklyn in den Vereinigten Staaten von Amerika. Ich bin f\u00fcr einen Monat hier. Es ist so ein Versuch des Neuanfangs, des Luftholens, des Kr\u00e4ftewiederfindens, denn die letzten Wochen vor der Abreise waren trist. \u201eIm Arsch is&#8216; finster\u201c, wie es mein geliebter Illustrator Andy G\u00e4dt gern sagt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt also Brooklyn, und das trotz meiner panischen Angst vor Metropolen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich mochte die Amis ja schon beim ersten Mal, 2010 war das. Ich komme mit der \u00fcberbordenden H\u00f6flichkeit ausgesprochen gut zurecht, weil ich mich in ihr wiederfinde: Ich selbst bin auch st\u00e4ndig \u00fcberbordend h\u00f6flich, was mich im \u00dcbrigen aber nicht automatisch zu einem wirklich netten Menschen macht, das ist soziale Anpassung, Angst vorm Auffallen, das ist sicher auch eine kleine Selbstverliebtheit und ebenso sicher eine Art von Gefallsucht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die ersten zwei Tage in der Stadt sind nicht so hochneurotisch verlaufen wie erwartet. Ich bin relativ angstfrei durch die Stra\u00dfen unseres Viertels gelaufen (East Williamsburg an der Grenze zu Bushwick), und sogar Lady Rosebud (mit der ich oft telefoniere und schreibe) war in meinem Namen ganz und gar aufgeregt, obwohl ich immer dachte, sie hat f\u00fcr Amerika nicht so viel \u00fcbrig. Was Quatsch ist, wie sich jetzt zeigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heute Abend werden meine Mitreisenden und ich (als da w\u00e4ren: Andy, der geliebte Illustrator, und Tabea, die beste Freundin) erstmals zu einem Konzert aufbrechen, ich selbst habe es vorgeschlagen und bin sehr aufgeregt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einerseits aus Vorfreude und kindlichem Stolz (\u201eIch bin in Brooklyn und gehe auf ein Konzert!\u201c), andererseits aus Angst. Es wird der erste Ausflug sp\u00e4t am Abend sein, wenn es drau\u00dfen dunkel ist \u2013 und sp\u00e4t am Abend ist mit mir nichts anzufangen, weil ich panisch und \u00e4ngstlich und ohnm\u00e4chtig bin wie ein von J\u00e4gern umzingeltes H\u00e4schen. Warum und weshalb das so ist, das erz\u00e4hle ich lieber in den n\u00e4chsten Tagen mal, immerhin habe ich bereits jetzt (sagt der Computer) fast 9.000 Zeichen gef\u00fcllt, und das ist reichlich viel f\u00fcr einen allerersten Tagebuchtag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer bis hierher durchgehalten hat: Die n\u00e4chsten Eintr\u00e4ge werden k\u00fcrzer und weniger weitschweifig. Und ich h\u00f6re auch irgendwann auf mit der New-York-Angeberei, aber lasst mir meinem kleinen Herzchen noch eine Weile diesen kleinen Triumph, es ist doch so viel Kummer gewohnt (w\u00e4hrend ich mir in diesem Augenblick einen Selbstmitleidslektor w\u00fcnsche, der den gesamten Text auf anderthalb S\u00e4tze herunterk\u00fcrzt).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Sinne: See ya soon.<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D2865&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Tagebuchbeauftragte legt los (1) Noch rund vier Wochen, dann ist es soweit. 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