{"id":2647,"date":"2014-02-25T08:09:16","date_gmt":"2014-02-25T07:09:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=2647"},"modified":"2025-11-06T08:59:19","modified_gmt":"2025-11-06T07:59:19","slug":"schicksal-bielefeld","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=2647","title":{"rendered":"Schicksal Bielefeld"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\">Das Leben scheibchenweise, da sind wir ganz schnell bei Gerhard Henschels Irrungen und Wirrungen des Z\u00f6glings Martin Schlosser \u2013 nun schon in f\u00fcnfter Folge und bei gesch\u00e4tzten 3.000 Druckseiten. Ich habe die Szene noch gut vor Augen. Am Ende von <i>Abenteuerroman<\/i>, dem letzten Band der Pentalogie, 2012 erschienen, entschlie\u00dft sich besagter Martin Schlosser, Bielefeld ade zu sagen und in die, wie es hei\u00dft, Selbstm\u00f6rderstadt Bielefeld zu ziehen, um dort in einem Programmkino zu arbeiten. Das war \u2013 im Buch \u2013 Anfang der 1980er Jahre. Schlosser will weg aus Bielefeld, blo\u00df weg. Das Warum wird eingehend beschrieben, auf rund 250 von 576 Seiten. Eingefleischte Henschel-Fans kannten Martin Schlosser, der im emsl\u00e4ndischen Kaff Meppen aufwuchs, da schon bestens. Henschel lie\u00df Schlosser schon im <i>Kindheitsroman<\/i> (2004), <i>Jugendroman<\/i> (2009) und im <i>Liebesroman <\/i>(2010), unverbl\u00fcmt offen autobiografisch, aus einer Jugend- und Teeniezeit berichten. Dann begann ein neuer Zeitabschnitt. Mit Abi, den ersten Joints, trinkfreudigen Ausfl\u00fcgen ans Meer, wilden Feten, der ersten gro\u00dfen Liebe. Und einem Problem, das sich bedrohlich am Horizont abzeichnete: Schlosser soll zur Bundeswehr bzw. sich mit dem Thema Kriegsdienstverweigerung auseinandersetzen. Was Henschel \u00e4hnlich tragikomisch angeht wie Sven Regener in <i>Neue Fahr S\u00fcd<\/i>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So kam Schlosser seinerzeit \u2013 wir befinden uns noch immer im Abenteuerroman \u2013 als Zivi nach Bielefeld, eine Stadt, die man, wie immer deutlicher wird, nur hassen kann. Und in der man unweigerlich ins Gr\u00fcbeln kommt. \u00dcbers Leben an sich und \u00fcberhaupt. Seinem Job als Zivildienstleistender bei der AWO (\u201eJob f\u00fcr Doofe\u201c) kann Schlosser ebenso wenig etwas abgewinnen wie dem WG-Leben und dem gesamte neuen Lebensumfeld. Und auch mit seinem Schwarm Heike, die in Bielefeld studiert, l\u00e4uft es nicht wirklich rund.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Was soll\u2019s, m\u00f6chte man sagen. Schlosser bleibt eh der alte, egal wann und wo. Er ist der klassische Durchschnittstyp, der sich nirgends an die Spitze einer Bewegung setzt. Er ist zwar \u00fcberall dabei, bei Demos, der Anti-Atomkraft-Bewegung, \u00fcberhaupt bei allem, was \u201ein\u201c und \u201eanti\u201c ist, aber er ist eben kein Leitwolf, kein Alphatier. Was ihn allerdings pr\u00e4gt ist eine besondere Affinit\u00e4t zur Literatur. Er konsumiert, was angesagt ist (Romane, Polit- und Sexualreporte, Titel aus der Alternativpresse), er liest den SPIEGEL, PARDON, KONKRET und TITANIC \u2013 doch alles umsonst \u2013 ein auch nur halbwegs konziser Lebensentwurf springt nicht dabei heraus. Ob Schlosser es will oder nicht: Er ist der geborene Zeitzeuge jener Jahre, die irgendwo zwischen Sinnsucht, subversiver Revolte und Weltschmerz-Lethargie dahinpl\u00e4tschern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bochum sollte es also sein, wie wir h\u00f6rten. Dort sollte alles besser, anders werden \u2013 ein Neustart, ein Reset. Und dann ist Schlosser wieder da, wo er eigentlich nicht mehr hinwollte. Genau, er ist wieder in Bielefeld, um dort das Studium aufzunehmen. Erneut vom Schicksal gestraft sozusagen. Und mit ihm hat die gro\u00dfe Weltenuhr ein paar Umdrehungen mehr auf dem Zeiger. Wir schreiben inzwischen das Jahr 1983, Helmut Kohl ist Bundeskanzler, die Gr\u00fcnen ziehen in den Bundestag ein, der STERN ver\u00f6ffentlicht \u201eHitlers Tageb\u00fccher\u201c und Schlosser nimmt tats\u00e4chlich ein Studium der klassischen Taxifahrerf\u00e4cher Germanistik, Soziologie und Philosophie auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit seiner eher spr\u00f6den, unspektakul\u00e4ren Diktion scheint sich Henschel keinen Deut um die harte Konkurrenz auf diesem Erz\u00e4hlterrain zu scheren. Erw\u00e4hnt seien nur Rocko Schamoni (<i>Dorfpunks<\/i>), Heinz Strunk (<i>Fleisch ist mein Gem\u00fcse<\/i>), Benjamin Stuckrad-Barre (<i>Soloalbum<\/i>), Sven Regener (<i>Neue Fahr S\u00fcd<\/i>) oder, auf westf\u00e4lische Breiten bezogen, Wolfgang Welt (<i>Peggy Sue<\/i>). All diese Titel handeln vom Gro\u00df-und-doch-nicht-stark-und-klug-Werden im Pop-Zeitalter und von Ausbruchsgel\u00fcsten, denen \u00fcberall Widerst\u00e4nde, Irritationen und oft auch die eigene Sozialisation im Wege stehen. Henschels Geschichte pl\u00e4tschert seelenruhig dahin, in einfacher, niemals \u00fcberfordernder Sprache und mit wenigen Knalleffekten. Das alles erinnert an den Mindener Autor Andreas Mand, dessen vier <i>Paul-Schade<\/i>-Romane ebenfalls sprachlich fast lapidar daherkommen. Wer Pop-Literatur unter dem Aspekt des Dokumentarischen, Authentischen wahrnimmt, wird an Henschels <i>Abenteuerroman<\/i> seine helle Freude haben. Hier verdichtet sich ein Erz\u00e4hl-Mosaik zu einem Zeitbild, das keine soziologische Studie besser r\u00fcberbringen k\u00f6nnte: Ach ja, so war das damals, was waren wir doch so herrlich naiv und unbeschwert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gerhard Henschel: <em>Bildungsroman<\/em>. Hoffmann und Campe 2014, 572 S., 24,99 \u20ac<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Walter G\u00f6dden<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D2647&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Leben scheibchenweise, da sind wir ganz schnell bei Gerhard Henschels Irrungen und Wirrungen des Z\u00f6glings Martin Schlosser \u2013 nun schon in f\u00fcnfter Folge und bei gesch\u00e4tzten 3.000 Druckseiten. Ich habe die Szene noch gut vor Augen. 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