{"id":2582,"date":"2014-01-27T11:13:22","date_gmt":"2014-01-27T10:13:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=2582"},"modified":"2025-11-06T08:50:57","modified_gmt":"2025-11-06T07:50:57","slug":"nachts-die-gegenkultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=2582","title":{"rendered":"nachts die Gegenkultur"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\">Am 18. Oktober 2013 trafen sich<strong> Frank G\u00f6hre<\/strong> und Walter G\u00f6dden auf Haus Nottbeck zu einem Plausch \u00fcber Gott und die Welt. Vor allem aber \u00fcber die Literatur. Das Gespr\u00e4ch ist nun in dem Band <em>Frank G\u00f6hre. Ein Buch der Freunde<\/em> im Bielefelder Pendragon-Verlag erschienen. Anlass der Ver\u00f6ffentlichung war G\u00f6hres 70. Geburtstag Im Gespr\u00e4ch rekapituliere G\u00f6hre seine fr\u00fchen wilden Jahre im Ruhrgebiet, speziell in Bochum. G\u00f6hre war damals einer der jungen Rebellen, die, inspiriert von amerikanischen Vorbildern, neue Formen der Literatur entwickeln wollten \u2013 sehr nah an der trostlosen gesellschaftlichen Wirklichkeit, sehr nahe am Underground und stets verbunden mit dem Impetus, der Literatur mit spektakul\u00e4ren \u00f6ffentlichen Aktionen Geh\u00f6r zu verschaffen. G\u00f6hres Vorbilder waren neben amerikanischen Autoren vor allem Rolf Dieter Brinkmann und Hubert Fichte. Hier ein Auszug aus dem Interview:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Frank, wie fing das an mit deinem Schreiben? Bist du Autodidakt oder hattest du Unterst\u00fctzung von anderen Autoren oder Gruppen?<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>\u00a0<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein Schreiben hat sich \u00fcber intensives Lesen entwickelt. Ich habe von 1962 bis 1964 meine Buchh\u00e4ndlerlehre in K\u00f6ln gemacht, war im letzten Jahr schwer an Gelbsucht erkrankt und habe sowohl die Klassiker der Moderne Flaubert, Proust, Joyce und Musil, wie auch Hans Henny Jahnn und Arno Schmidt komplett gelesen. Und kurz darauf Rolf Dieter Brinkmanns erste \u00f6ffentliche Lesung im Studio DuMont miterlebt. Sein Text war f\u00fcr mich dann die Initialz\u00fcndung. So zu schreiben, so genau \u00fcbers Allt\u00e4gliche \u2013 das war&#8217;s. Die Realit\u00e4t, die Wirklichkeit. Es hat aber doch noch zwei Jahre gebraucht, bis ich meine Texte an literarische Zeitschriften geschickt habe. Reagiert hat ziemlich schnell Horst Bingel, seinerzeit Herausgeber der <i>Streit-Zeit-Schrift<\/i>. Er hat meine Story <i>Einer weniger<\/i> (sp\u00e4ter <i>Weg isser<\/i>) im S\u00fcdwestfunk vorgestellt, zusammen mit Texten von Wondratschek u.a. Kurz zuvor hatte ich die Chance, sie in der von Hugo Ernst K\u00e4ufer gegr\u00fcndeten <i>Literarischen Werkstatt Gelsenkirchen<\/i> (LWG) vorzulesen. Kam beim Publikum nicht sonderlich gut an, zu banal und so, aber Hugo hat an mich geglaubt und mich weiterhin gef\u00f6rdert. Kontakte zu Autoren und Zeitschriften hergestellt, u.a. zum <i>Westfalenspiegel<\/i>, der seitdem viele meiner Texte erstver\u00f6ffentlicht hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Du hast, wie du im Nachspann von \u201eAbw\u00e4rts\u201c (Neuauflage, Pendragon-Verlag 2009) schreibst, \u00fcber viele Jahre hinweg mit einer Gruppe Jugendlicher Aktionstexte f\u00fcr die Stra\u00dfe und H\u00f6rspiele entwickelt \u2013 das h\u00f6rt sich fast nach der Arbeit eines literarischen Streetworkers an\u2026<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>\u00a0<\/i><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also die Aktionstexte, das Stra\u00dfentheater, war urspr\u00fcnglich eine Initiative von Rainer Horbelt, Detlef Marwig und mir f\u00fcr die LWG. In dem Jahr (1968) gab es dann aber auch die Essener Songtage. Da traten Frank Zappa, die <i>Fugs <\/i>aus New York und <i>Floh de Cologne<\/i> auf: Harter und teilweise schr\u00e4ger Rock zu radikalen Agitationstexten. Und auf dem Gel\u00e4nde agierten und protestierten diverse Lehrlingsgruppen gegen die Ausbeutung der Bosse, des Kapitals. Da war ich voll dabei, obwohl ich als 1. Sortimenter selbst nicht mehr direkt betroffen war. Aber ich hab mich aufgrund meiner fr\u00fcheren Erfahrungen in der Lehre ganz auf deren Seite gesehen, und dass ich dann dar\u00fcber geschrieben habe, war mehr oder weniger mein Beitrag zum Protest.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Du hast, wie deine Bio-Bibliografie zeigt, nicht literarisch deb\u00fctiert, sondern 26-j\u00e4hrig mit dem Film \u201eEiner spinnt immer\u201c. Regie f\u00fchrte damals Rainer Horbelt, der, wenn ich das richtig sehe, eine wichtige Kristallisationsfigur war, die f\u00fcr Fernsehen und Rundfunk arbeitete, heute aber weitgehend vergessen ist. Wie kam es zu dem Projekt, worum ging es und wie sah die Zusammenarbeit aus?<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>\u00a0<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit Horbelt war ich seit unserer Bekanntschaft in der LWG eng befreundet. Wir hatten die gleiche Haltung und Meinung zu Fragen der Gesellschaft, der Politik und Kultur. Er studierte an der Filmhochschule M\u00fcnchen und <i>Einer spinnt immer<\/i> wurde sein Abschlussfilm. Es gab kein richtiges Drehbuch. Ich habe einen Pop-Literaten gespielt, der jungen M\u00e4dchen irgendwelche Spr\u00fcche auf den nackten Bauch kritzelt und auch noch andere Aktionen auf der Stra\u00dfe \u2013 mit schulterlangem Haar und John Lennon-Brille. War witzig und wurde dann auch Teil von Horbelts Film <i>Kunst auf der Kohle<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i>Deine ersten Erz\u00e4hlungen erschienen in dem Band \u201eCosta Brava im Revier\u201c. Er entstand in Zusammenarbeit mit der Literarischen Werkstatt Gelsenkirchen. Ich habe mir diese Werkstatt immer recht bieder vorgestellt. Wenn man den Band liest, ist er aber geradezu ein Manifest der Pop-Literatur. Rolf Dieter Brinkmann l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen\u2026<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>\u00a0<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, das war Pop, ganz klar, das war auch fr\u00f6hliche Anarchie! Alles ist Literatur!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>F\u00fcr dich blieb, wie ich deinem Essayband \u201eI and I\u201c entnehmen kann, Brinkmann ein Vorbild, au\u00dferdem nennst du J\u00f6rg Fauser und Hubert Fichte \u2013 das Popliterarische blieb also immer pr\u00e4sent\u2026<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>\u00a0<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Naja, durch Fichte kam schon einiges mehr dazu: Die Erforschung der eigenen Geschichte. Und durch Fauser, den ich als Junkie kennen gelernt habe, seine tollen Autorenportr\u00e4ts \u00fcber Ross Thomas, Mickey Spillane, Chester Himes u.a.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Es war damals eine aufregende Zeit? <\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>\u00a0<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von Ende der 60er bis Anfang der 70er war f\u00fcr mich die aufregendste Zeit. Da war ich rund um die Uhr aktiv. Tags\u00fcber als fest angestellter Buchh\u00e4ndler in K\u00f6ln und dann in Bochum. In der Bochumer Buchhandlung Lesungen mit Hugo Ernst K\u00e4ufer, Werner Streletz und Ernst Meister organisiert, Ausstellungen und Buchpr\u00e4sentationen. Im Keller der Buchhandlung Literatur der alternativen Szene ausgestellt und angeboten. Abends entweder Lehrlingsgruppe oder politische Aktionstreffen. Eigene Lesungen im \u201eClub Liberitas\u201c Bochum, wo ich mit Ralf H\u00fctter (<i>Kraftwerk<\/i>, damals noch <i>Organisation<\/i>) auf der kleinen B\u00fchne gestanden habe. Texte zu Elektro-Beat. Und schlie\u00dflich immer wieder r\u00fcber nach Bottrop zu Biby Wintjes und mit ihm und Volker W. Degener den ersten <i>Scene Reader<\/i> zusammengestellt. Volker war mehr der Solide, Biby und ich die \u201eAusgeflippten\u201c. Wir haben uns mit AN 1 (Tablettendroge) und Cola-Asbach aufgeputscht, Gras geraucht und die einzelnen Seiten layoutet und getextet. In Bottrop ging ja die gesamte bundesdeutsche Alternativszene ein und aus. Da stapelten sich zig Flugschriften, Zeitschriften und B\u00fccher und Biby machte den Vertrieb. Wir haben bestenfalls ein bis zwei Stunden gepennt, dann musste ich wieder in die Buchhandlung und Biby zu Krupp. Da arbeitete er als Programmierer. Also: Tags\u00fcber die solide Arbeit, abends und nachts die \u201eGegenkultur\u201c. Am Wochenende geschrieben.<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D2582&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 18. 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