{"id":2445,"date":"2013-12-02T11:37:42","date_gmt":"2013-12-02T10:37:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=2445"},"modified":"2025-11-05T09:46:05","modified_gmt":"2025-11-05T08:46:05","slug":"werner-warsinsky-ausstellung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=2445","title":{"rendered":"Werner Warsinsky-Ausstellung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Als der L\u00fcnener Metallarbeiter Werner Warsinsky am 26. M\u00e4rz 1953 den erstmals vergebenen <i>Europ\u00e4ischen Literaturpreis<\/i> der Gemeinschaft der B\u00fcchergilden und Buchklubs erhielt, wurde sein Name in der literarischen \u00d6ffentlichkeit mit einem Schlag bekannt. Sein ausgezeichneter Roman <i>Kimmerische Fahrt<\/i> erlangte sofort ein vielf\u00e4ltiges Medienecho und wurde in den Feuilletons gro\u00dfer Zeitungen besprochen. Der Roman war somit <i>die<\/i> literarische Entdeckung des Jahres, und sein Autor wurde als neuer Stern am Literaturhimmel der Nachkriegs- zeit gehandelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 60px;\">Ob ich all die Erwartungen, die mein Roman \u201eKimmerische Fahrt\u201c ausgel\u00f6st hat, auch werde rechtfertigen? Begreife man doch, welch hohes Spiel hier gewagt wird! Und zum Dichter erkl\u00e4rt zu werden, welche Verantwortung! [&#8230;] Manchmal k\u00f6nnte ich schwindelig werden vor der Perspektive meines zuk\u00fcnftigen Wirkens, wenn nicht der Anruf des Geistes, die zwingende Verpflichtung meiner Schicksalsstunden den Blick abz\u00f6ge von mir selbst, dem Arbeiter im Lippewerk, und mir eine Richtung wiese, dahin mein Werk, meine Arbeit, mein Wort, meine Tat will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist ein Buch des Zwiespalts, der Abgr\u00fcnde, der Krankheit und der menschlichen Zerr\u00fcttung. Und ein Buch der Vision, der inneren Bilder, innerer dunkler Zusammenh\u00e4nge, die ihre gro\u00dfartige Realisation im Wort finden. Schon Gottfried Benn stellte die ambivalente Grundpr\u00e4gung des Romans heraus: ein gro\u00dfer tragischer Wurf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Kimmerische Fahrt<\/i> erz\u00e4hlt das Schicksal eines Kriegsheimkehrers Ende der 1940er Jahre nicht als Geschichte im herk\u00f6mmlichen Sinn, als Abfolge von Ereignissen. Vielmehr sind auf labyrinthische Weise Erz\u00e4hlebenen und Figurenkonstellationen verschachtelt. Im st\u00e4ndigen, oft kaum merklichen Wechsel von halluzinativer Traumerz\u00e4hlung und diffuser Wirklichkeitsdarstellung verschieben sich die Handlungs-, Zeit- und Bezugskontexte und kennzeichnen den Roman als Dokument eines phantastisch-magischen Realismus.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Leser verfolgt einen zun\u00e4chst namenlose Protagonisten, der durch seine weltkriegszerst\u00f6rte Heimatstadt irrt und dabei wahrlich eine Reise nach \u201eKimmerien\u201c durchlebt, vergleichbar mit der griechischen Sagengestalt Odysseus im 10. und 11. Gesang der Odyssee. Gleich Odysseus\u2019 Fahrt durch das homerische Land lichtloser Gestalten am Eingang zum Hades f\u00fchrt die verzweifelte Selbstsuche der Hauptfigur immer wieder in Bereiche der absoluten Verneinung und des eigenen Todes. Dabei zeichnet sich der Roman durch sich \u00fcberlagernde Erinnerungskontexte und wechselnde Ereigniszusammenh\u00e4nge aus. Was ist existent, was Illusion? Schemenhafte Erinnerungsfetzen, wirkliche Begegnungen und Wahrnehmungen ver\u00e4ndern sich im Fieberwahn der Hauptfigur zu surrealen Phantasien. Feste Bezugsgrenzen von Raum und Zeit gibt es nicht mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 60px;\"><b><i>\u00a0<\/i><\/b>So stie\u00dfen chaotische Tr\u00fcmmer, auf dunklen Fl\u00fcssen treibend, noch oft gegen die k\u00fcnstlich errichteten Pfeiler der Br\u00fccke, die ich zu schlagen begonnen hatte, und brachten ein m\u00fchsam errichtetes Werk ins Wanken. \u00dcber Nacht st\u00fcrzte es ein und hinab in die Tiefe. Der n\u00e4chste Morgen fand mich wie je hilflos und verlassen, zwischen Welt und Unwelt trieb ich in meiner Anonymit\u00e4t dahin. Ich mu\u00dfte wiederum ganz von vorne beginnen, ich war der Verzweiflung nahe. Womit, fragte ich mich, soll ich eigentlich bauen? Was h\u00e4lt denn stand, da alles Denkbare schlecht ist, morsches Holz, und die D\u00e4monen des Nichts ihre schrecklichen Ziele erkennen lassen? Wo ist ein Herzschlag, ein Seelenton in dieser Qual, da\u00df ich ihn br\u00fcderlich nennen k\u00f6nnte? Ich wollte doch das Menschsein wieder erlernen; aber ich fand nur \u00d6dnis und Abgrund.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b><i>\u00a0<\/i><\/b><a href=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Blick-in-die-Vitrine-I.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2447\" src=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Blick-in-die-Vitrine-I.jpg\" alt=\"Blick in die Vitrine I\" width=\"500\" height=\"375\" srcset=\"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Blick-in-die-Vitrine-I.jpg 500w, https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Blick-in-die-Vitrine-I-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Werner Warsinsky, geboren 1910 in Barlo\/Bocholt, war Buchh\u00e4ndler, bevor er 1940 als Soldat der Wehrmacht eingezogen wurde. Nach dem Krieg arbeitete er als Landarbeiter, Nachtw\u00e4chter, Streckenarbeiter, Handlanger und Ofenhausarbeiter im L\u00fcner Lippewerk der Vereinigten Aluminiumwerke AG und war von 1955 bis 1975 Leiter der Stadtb\u00fccherei L\u00fcnen. Im Ruhestand besa\u00df er seinen Wohnsitz in M\u00fcnster, wo er 1992 starb.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 60px;\">Gl\u00fcck ist mir immer nur das Atemholen zwischen zwei Katastrophen gewesen. Um und um gezerrt, zwischen Gutem und B\u00f6sem schwankend, scheint sich anfangs alles zu widersprechen. Man wird es n\u00f6tig haben, sich bei Zeiten nach Menschen umzusehen, die einem Halt geben. Man findet sie, geht eine Strecke mit ihnen und l\u00e4sst sie zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In seinem Erfolgsroman <i>Kimmerische Fahrt<\/i> verarbeitete Warsinsky seine eigenen Kriegserlebnisse als Soldat. In den Jahren 1948 bis 1952 arbeitete er zwischen den Schichten im L\u00fcnener Lippe-Werk an der Geschichte \u00fcber die Irrfahrt des Kriegsheimkehrers. Er verstand sie als Mahnruf an jeden Einzelnen, sich den Verdr\u00e4ngungsprozessen der deutschen Nachkriegsgesellschaft zu stellen und statt \u00fcber die traumatischen Erinnerungen zu schweigen, sie vielmehr wieder und wieder zu durchleben, so schmerzhaft sie auch sein mochten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Blick-in-die-Vitrine-II.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2448\" src=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Blick-in-die-Vitrine-II.jpg\" alt=\"Blick in die Vitrine II\" width=\"500\" height=\"375\" srcset=\"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Blick-in-die-Vitrine-II.jpg 500w, https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Blick-in-die-Vitrine-II-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zun\u00e4chst von mehreren Verlagen abgelehnt war es eine gro\u00dfe \u00dcberraschung, als <i>Kimmerische Fahrt<\/i> als eine von insgesamt 362 Einsendungen f\u00fcr den erstmals verliehenen <i>Europ\u00e4ischen Literaturpreis <\/i>ausgezeichnet werden sollte. Gro\u00dfer F\u00fcrsprecher f\u00fcr die Auszeichnung des in der literarischen Welt unbekannten L\u00fcnener Schriftstellers war Gottfried Benn, der Warsinskys <i>Kimmerische Fahrt<\/i> in seiner Laudatio als \u201e\u00fcber die Ma\u00dfen interessant und beunruhigend\u201c pries: \u201eKann man ein solches Buch mit einem Preis kr\u00f6nen? Wenn es ein Buch der Vision ist, der inneren Bilder, innerer dunkler Zusammenh\u00e4nge, die ihre gro\u00dfartige Realisation im Wort fanden, wenn es das Buch eines faszinierenden Geistes ist, dann: ja!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach dem \u00dcberraschungserfolg seines Erstlings, der ihm auch kritische Rezensionen und insgesamt ein geteiltes Medienecho einbrachte, zog sich Warsinsky aus der literarischen \u00d6ffentlichkeit allerdings wieder zur\u00fcck. Lediglich zwei schmale Lyrik-B\u00e4nde sind in der Folge noch erschienen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Blick-in-die-Vitrine-III.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2449\" src=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Blick-in-die-Vitrine-III.jpg\" alt=\"Blick in die Vitrine III\" width=\"500\" height=\"375\" srcset=\"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Blick-in-die-Vitrine-III.jpg 500w, https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Blick-in-die-Vitrine-III-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Warsinskys aus der literarischen \u00d6ffentlichkeit verschwundenen preisgekr\u00f6nten Deb\u00fctroman hat nun die Nyland-Stiftung, K\u00f6ln, in Kooperation mit der LWL-Literaturkommission f\u00fcr Westfalen neu herausgegeben. Das Museum f\u00fcr Westf\u00e4lische Literatur pr\u00e4sentiert deshalb \u2013 in Kooperation mit dem Westf\u00e4lischen Literaturarchiv \u2013 zurzeit im Rahmen einer kleinen Kabinettausstellung Exponate zu Leben und Werk des Autors. Zu sehen sind in diesem Rahmen nicht nur Erstausgaben der <i>Kimmerischen Fahrt<\/i> sowie die beiden ins Franz\u00f6sische und Japanische \u00fcbersetzten Drucke und Warsinskys schmalere Publikationen des Gedichtes <i>Lunatique<\/i> und der M\u00e4rchensammlung <i>Legende vom Salz der Tr\u00e4nen<\/i>, sondern auch der einzige im Archivbestand zu findende Teil eines Originalmanuskriptes seines Erfolgsromans. Die Ausstellung geht dar\u00fcber hinaus besonders ausf\u00fchrlich auf den <i>Europ\u00e4ischen Literaturpreis<\/i> ein; zu sehen sind in diesem Kontext eine Karikatur der namhaften siebenk\u00f6pfigen Preisjury und Originaldokumente wie das Reglement, ein Vortragsmanuskript f\u00fcr eine Lesung aus <i>Kimmerische Fahrt<\/i> und auch ein Telegramm des Europ\u00e4ischen Kulturzentrums, mit dem Warsinsky aufgefordert wurde, unverz\u00fcglich nach Genf zu kommen.. Der letzte Teil der Kabinettausstellung widmet sich schlie\u00dflich der feuilletonistischen Rezeption des ausgezeichneten Deb\u00fctromans.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anna-Lena B\u00f6ttcher<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D2445&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als der L\u00fcnener Metallarbeiter Werner Warsinsky am 26. M\u00e4rz 1953 den erstmals vergebenen Europ\u00e4ischen Literaturpreis der Gemeinschaft der B\u00fcchergilden und Buchklubs erhielt, wurde sein Name in der literarischen \u00d6ffentlichkeit mit einem Schlag bekannt. 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