{"id":2399,"date":"2013-11-19T14:22:16","date_gmt":"2013-11-19T13:22:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=2399"},"modified":"2025-11-05T09:45:18","modified_gmt":"2025-11-05T08:45:18","slug":"katzengold","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=2399","title":{"rendered":"Birgitta Arens: Katzengold"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u201eJeder Mensch erfindet sich fr\u00fcher oder sp\u00e4ter eine Geschichte, die er f\u00fcr sein Leben h\u00e4lt.\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das fast schon zur Sentenz gewordene Zitat von Max Frisch zeigt einmal mehr, wie essenziell, wie existenziell das Bed\u00fcrfnis erz\u00e4hlen zu wollen sein kann. Erz\u00e4hlen, damit alles am Ende einen Sinn ergibt. Erz\u00e4hlen, um sich durch M\u00f6glichkeitsformen seiner selbst zu vergewissern. Erz\u00e4hlen, um nicht zu vergessen, um Geschichten vor dem Tod zu bewahren. Und so erz\u00e4hlt die Enkelin in Birgitta Arens\u2019 <i>Katzengold<\/i>. Sie erz\u00e4hlt von einer Kindheit in der katholisch-l\u00e4ndlichen Gemeinde Ulen- trop und n\u00e4hert sich durch Geschichten von Gro\u00dfmutter Lina und eigenen Erlebnissen einem Panorama, in dem zwar viel geredet wird, nur eben selten miteinander. Das Verschweigen und Aussparen, das kommentarlose Vorhandensein d\u00f6rflicher Strukturen macht es der Erz\u00e4hlerin m\u00f6glich, macht es geradezu notwendig, das Reale mit Imaginativem und M\u00e4rchenhaftem anzuf\u00fcllen. So schimmert in <i>Katzengold<\/i> hinter einem distanzierten, k\u00fchlen, zuweil befremdeten Ton immer wieder auch das Phantastische und unaufgeregt Poetische hindurch. Der Vorgang des Schreibens und Erz\u00e4hlens wird bei Arens zu einer Geste, die Einzug in den Text erh\u00e4lt. Das erz\u00e4hlende Ich beginnt, es deutet, wird von Lina berichtigt, f\u00e4hrt dann mit der Geschichte fort, f\u00e4ngt am besten ganz vorne an. Wirklich sicher sein kann man sich allerdings nie und man h\u00f6rt ja so Einiges\u2026<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\">\u201eNichts ist unm\u00f6glich, sagt die sch\u00f6ne Christine. Ich kann alles, was ich will. Du phantasierst, sagt Lina. Ja, sagt Christine und kann alles, was sie will.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Muster von Lebensl\u00e4ufen verwandter Personen und Dorfmitglieder werden entworfen, Amerika als Sehnsuchtsort liegt nach einem missgl\u00fcckten Reiseversuch f\u00fcr die noch kindliche Erz\u00e4hlerin einmal mehr in weiter Ferne. Und wie nur l\u00e4sst sich das Sterben fassen, dieses unentrinnbare Ereignis, das durch den Tod von Lina jenes Buch doch erst erm\u00f6glicht und den Impuls gibt, erz\u00e4hlen zu wollen. Auch das mit der Liebe scheint so eine Sache zu sein in Ulentrop: Warum genau findet sich eigentlich wer und was passiert, wenn es die falschen Gr\u00fcnde sind? Auch die Studienjahre der Erz\u00e4hlerin, ihre Zeit in M\u00fcnster, das Losziehen und sich Losl\u00f6sen sind Thema \u2013 politische Diskussionen und Auseinandersetzungen \u00fcber Kunst inklusive.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\">\u201eJansen sagt: Der K\u00fcnstler mu\u00df die Wirklichkeit zeigen. Ja, sage ich. Wie sie ist, sagt Jansen. Ja, sage ich. [\u2026] Ich wei\u00df nicht, ob es wirklich Jansen war, der gesagt hat, ich k\u00f6nnte ja hier und da einen sch\u00f6nen Satz einflechten, eine kleine Geschichte, vielleicht auch einen Vers.\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1982 las die Autorin Ausz\u00fcge aus ihrem Roman beim Klagenfurter Bachmannpreis und erhielt daf\u00fcr prompt den Preis der Jury. Als literarische Entdeckung erreichte sie daraufhin sogleich Platz 1 der SWF-Bestenliste und eine fast durchg\u00e4ngig positive Resonanz in den Feuilletons \u2013 zahlreiche Stipendien folgten. Der Tenor war eindeutig: die poetische Leichtigkeit im Verflechten von Motiven bei einer gleichzeitig stilistisch so reichhaltigen Erz\u00e4hlhaltung erscheinen bemerkenswert. Trotz des immensen Erfolges ist <i>Katzengold<\/i> heute nur noch antiquarisch zu finden \u2013 ein Grund mehr, es in der Reihe <i>Nyland Literatur<\/i> erneut zu ver\u00f6ffentlichen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: justify;\">\u201eLeicht ger\u00e4t man in eine Geschichte hinein, weit schwerer ist es, hindurchzufinden und wieder hinaus. Ich stelle mir vor, ich erreiche schreibend jenen Punkt, in dem alle F\u00e4den zusammenlaufen. Die halben S\u00e4tze werden ganz, unfertige Gedanken zu Ende gef\u00fchrt. Von niederen zu h\u00f6heren Stufen w\u00e4re die Geschichte fortgeschritten und wir mit ihr und st\u00fcnden nun da am h\u00f6chsten Punkt und schauten hinunter auf ein sch\u00f6nes Bild. Was vorher Scheitern und Verwirrung schien, durchkreuzte Pl\u00e4ne, abgerissene Lebensl\u00e4ufe: es f\u00fcgte sich zu einem neuen Sinn.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Kerstin Mertensk\u00f6tter<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Birgitta Arens: <i>Katzengold. <\/i>Roman. Hrsg. und mit einem Nachwort von Arnold Maxwill. Bielefeld: Aisthesis 2013. 215 S., 12,80 \u20ac<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D2399&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eJeder Mensch erfindet sich fr\u00fcher oder sp\u00e4ter eine Geschichte, die er f\u00fcr sein Leben h\u00e4lt.\u201c Das fast schon zur Sentenz gewordene Zitat von Max Frisch zeigt einmal mehr, wie essenziell, wie existenziell das Bed\u00fcrfnis erz\u00e4hlen zu wollen sein kann. Erz\u00e4hlen, damit alles am Ende einen Sinn ergibt. 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