{"id":195,"date":"2011-01-27T17:07:51","date_gmt":"2011-01-27T16:07:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=195"},"modified":"2025-12-15T12:50:28","modified_gmt":"2025-12-15T11:50:28","slug":"195","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=195","title":{"rendered":"zwischen weingummi, schokoriegeln und marmorkuchen. der SuKuLTuR-Verlag und seine lesehefte."},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Schon eine bezwingende Idee: Der Suhrkamp-Verlag n\u00e4hrt sich dem Rentenalter und bietet zum Sechzigsten ein exklusives Raphael Horzon Regal, <a href=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2011\/01\/sukultur_666664.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-196\" title=\"sukultur_666664\" src=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2011\/01\/sukultur_666664-291x300.jpg\" alt=\"\" width=\"291\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2011\/01\/sukultur_666664-291x300.jpg 291w, https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2011\/01\/sukultur_666664.jpg 510w\" sizes=\"auto, (max-width: 291px) 100vw, 291px\" \/><\/a> bef\u00fcllt mit 800 bunt schillernden B\u00e4nden der geschichtstr\u00e4chtigen \u201eEdition\u201c. Bitter nur: mit 5990 Euro ein Spass allein f\u00fcr professorale Besserverdiener. Abgeschaut hat Suhrkamp sich die Idee f\u00fcr diese monstr\u00f6se Schuberl\u00f6sung bundesrepublikanischer Intellektuellenhistorie \u2013 so steht zu vermuten \u2013 vom <strong>Sukultur-Verlag<\/strong>, der schon seit einigen Monaten \u2013 zum juvenileren zehnj\u00e4hrigen Verlagsjubil\u00e4um \u2013 eine quietsch-gelbe, kurzweiligere und wahrscheinlich auch unterhaltsamere Sammleredition anbietet: die Sukultur-Box. Nummer eins bis hundert der verlagstypischen, knapp 20-seitigen Lesehefte, altogether.<!--more--> Der allwissende Suhrkamp-Autor Dietmar Dath ist vertreten, die Lyrikerin Ann Cotten, der Poptheoretiker Thomas Meinecke und der Feuilletonist David Wagner, um nur einige zu nennen. Im direkten Vergleich erweist sich die Sukultur-Box dem Suhrkamp-Schrank als durchaus \u00fcberlegen: die in Rucksackformat h\u00e4ppchenhaft-verpackte Literatur ist kongenial auf die Bed\u00fcrfnisse einer schnelllebigen mobil-flexiblen Reservearmee junger Kulturschaffender zugeschnitten und mit 111 Euro &amp; einer erwartbaren Wertsteigerung auch in prek\u00e4rsten Lebensumst\u00e4nden eine \u00fcberlegenswerte Investition.<br \/>\nDer Name Sukultur ist \u2013 wie ein Aspekte-Kulturredakteur wohl formulieren w\u00fcrde \u2013 eine kleine Referenz auf die Suhrkamp- und eine gro\u00dfe auf die literarische Subkultur. \u00dcber die Verlagsgeschichte hat der Autor und Verleger Marc Degens mit \u201eThe SuKuLTuR Years\u201c eine ziemlich witzig-unterhaltsame Erz\u00e4hlung geschrieben und das Genre der Firmen-Jubil\u00e4ums-Biografie ganz nebenbei um eine Schelmenversion bereichert. Seinen Anfang nahm alles im randlagig kleinst\u00e4dtischen Dorsten. Hier gab Degens (zusammen mit Torsten Franz) mit punkiger Haltung seine erste Literaturzeitschrift heraus und taufte sie \u201eSex &amp; Kotze\u201c. Ich selbst hatte mit 15 \u2013 erinnere ich mich \u2013 ein Exemplar in den H\u00e4nden und war, durch \u201eSteppenwolf\u201c vom literarischen Virus infiziert, tief beeindruckt vom ersten literarischen Organ, welches je in Dorstens Stadtgeschichte das Licht der Welt erblickte. Aus dem Fanzine, dem ein Bochumer Comicladenbesitzer so viel Ignoranz entgegenbrachte, dass er die halbe Auflage samt selbstgebauter Hefte-St\u00e4nder handstreichartig vernichtete, entsprang bei Degens und Franz die \u2013 durchaus genialisch zu nennende \u2013 Idee der Lesehefte, die dann in den sp\u00e4ten 90ern unter dem Dach des neugegr\u00fcndeten Sukultur-Verlags verwirklicht wurde. Jahrelang blieb der Verlag auf eine kleine, szenenhafte Literaturgemeinde beschr\u00e4nkt, bis man gewisserma\u00dfen durch einen schicksalhaften Zufall inspiriert \u2013 einer der Verleger lebte \u00fcber einer sogenannten Vending-Company \u2013 eins und eins zusammenz\u00e4hlte und erkannte, dass die kleinformatigen, gelben Literaturh\u00e4ppchen \u201eWeingummi, Schokoriegel, Marmorkuchen und anderes Naschwerk\u201c in den Vending Automaten, an Bahnh\u00f6fen und sonst wo, gut erg\u00e4nzen w\u00fcrden. Der Start des Automatenverkaufs wurde zum Medienereignis. \u201eLandauf, landab erschienen Artikel \u00fcber die Literatur aus den Automaten, in der Boulevardpresse ebenso wie im Feuilleton&#8230;In knapp drei Monaten hatten wir mehr Hefte verkauft als in den acht Jahren zuvor \u2013 \u00fcber dreihundert St\u00fcck!\u201c, schreibt Degens. Den expansionistischen Gesetzen der Marktwirtschaft gehorchend, putzten die Sukulturalisten in der Folge die Klinken der Vending-Automaten-Industrie und wurden zu eifrigen Besuchern der zweij\u00e4hrlichen Fachmessen, um sich \u2013 wie Ferrero oder Bahlsen \u2013 im Automatengesch\u00e4ft ein Marktmonopol zu sichern. Schnell erlernten sie die Tricks, Kniffe und Idiome des hier noch \u00fcblichen Wirtschaftsdeutsch (EK=Einkaufspreis) und erhielten tiefen Einblick in die Psychologie mittelst\u00e4ndischer \u201eUnternehmerpers\u00f6nlichkeiten\u201c: \u201e\u2018Sie kennen sicherlich die kleinen gelben Hefte von Reclam?\u2018, sagte ich l\u00e4chelnd. Beide sch\u00fcttelten den Kopf, der Junior- ebenso wie der Senior-Chef. Mit dieser Antwort hatte ich nicht gerechnet. \u201a\u00c4h \u00e4h \u00e4h\u2018. Der Einstieg war misslungen, mein Konzept dahin. Ich holte weit aus und dozierte umst\u00e4ndlich von junger deutscher Literatur&#8230;W\u00e4hrend ich redete schauten mich die Chefs regungslos an. Nach zehn Minuten versiegte mein Redefluss, in der Luft lag eine bedrohliche Stille. Der Juniorchef brach das Schweigen. \u201aUnd der Ek\u2018?\u201c<br \/>\nGanz nebenbei betrieben sie durch den Automatenverkauf auch literatursoziologische Empirie. Sukultur entdeckte \u2013 quasi im Feldversuch \u2013, dass der Berliner Wedding, ein oft als bildungsfern verschriener Berliner Stadtbezirk, sich als paradiesischer Standort f\u00fcr junge, alternative und anspruchsvolle Automaten-Literatur erwies und die typischen Bildungsb\u00fcrgerreservate in den Schatten stellte. 2007 dann ein weiterer H\u00f6hepunkt in der Firmengeschichte: Sukukultur wurde f\u00fcr den \u201eVending-Star 2007\u201c, den Innovationspreis der deutschen Vending-Industrie nominiert, musste sich aber dem \u201eHipp-Konzern\u201c geschlagen geben, der die Literaturmonopolisten mit zuckerfreien Biofr\u00fcchte-Kompositionen vom ersten Platz verdr\u00e4ngte. Massenmediale Aufmerksamkeit erhielt der Verlag 2010 auch abseits des Automatengesch\u00e4fts: Helene Hegemann hatte beim Sukultur-Autor Airen abgeschrieben, ein Umstand, der auch den Airen-Verkauf immens ankurbelte. Sukultur k\u00e4me aber auch ohne mediales Interesse \u00fcber die Runden: l\u00e4ngst hat man um die Leseheftreihe, die \u2013 see above \u2013 mit hochkar\u00e4tigen Autoren und tollen Talenten aufwartet, um Romane, Comics und Essayistik erweitert und sich als Indie-Verlag in der Berliner Literaturszene etabliert. Neben dem Verlag betreiben Degens und Co mit \u201esatt.org\u201c eines der besten deutschen Internetmagazine f\u00fcr alle Lieblings-Literatur, -Kunst und -Musik, die vom Mainstream abweicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer mehr \u00fcber Marc Degens, seine Romane und Kolumnen und den Sukultur-Verlag erfahren m\u00f6chte, der sei auf unser Videoportal verwiesen. An einem traumhaft sch\u00f6nen Sommertag im Kulturgut Nottbeck \u2013 man wird richtig wehm\u00fctig bei diesen Minusgraden \u2013 plaudert Degens ausf\u00fchrlich \u00fcber all diese Dinge, z.B. auch \u00fcber seinen Kulturoptimismus und die M\u00f6glichkeiten, die neue Medien f\u00fcr abweichende Literatur und Kulturprojekte bieten. Au\u00dferdem liest er aus seinem neuen Kolumnenbuch \u201eUnsere Popmoderne\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">St. Stadthaus<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Literatur:<br \/>\nDie Box. Sch\u00f6ner Lesen 1-100. Auf 222 Exemplare limitiert und nummeriert. Sukultur, 2010.<br \/>\nMarc Degens: The SuKuLTuR Years, Sch\u00f6ner Lesen 88, Sukultur, 2009<br \/>\nMarc Degens: Unsere Popmoderne, Verbrecher-Verlag, 2010<br \/>\nhttp:\/\/www.satt.org\/sukultur\/index.html<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D195&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon eine bezwingende Idee: Der Suhrkamp-Verlag n\u00e4hrt sich dem Rentenalter und bietet zum Sechzigsten ein exklusives Raphael Horzon Regal, bef\u00fcllt mit 800 bunt schillernden B\u00e4nden der geschichtstr\u00e4chtigen \u201eEdition\u201c. 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