{"id":1877,"date":"2013-06-03T14:10:38","date_gmt":"2013-06-03T13:10:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=1877"},"modified":"2025-11-05T09:30:48","modified_gmt":"2025-11-05T08:30:48","slug":"mehr-als-schnaps-und-schinken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=1877","title":{"rendered":"mehr als schnaps und schinken"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/Westfalen-sonst-nichts.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1878\" title=\"Westfalen, sonst nichts\" src=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/Westfalen-sonst-nichts-208x300.jpg\" alt=\"\" width=\"208\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/Westfalen-sonst-nichts-208x300.jpg 208w, https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2013\/06\/Westfalen-sonst-nichts.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 208px) 100vw, 208px\" \/><\/a><strong><br \/>\nwestf\u00e4lische dichtung, fehlanzeige?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><br \/>\nvon Crauss<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201ein der pflege der kunst und dichtung sind wir westf\u00e4linger hinter den anderen deutschen volksst\u00e4mmen weit zur\u00fcck,\u201c schreibt Justus M\u00f6ser, ein zeitgenosse von Matthias Claudius. \u201edie freundliche gottheit des liedes liebt leichtentz\u00fcndliche naturen, wir aber sind zu ernst, zu gr\u00fcndlich, zu schwerf\u00e4llig.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">mag es an dieser schwerf\u00e4lligkeit liegen, dass bis heute, 2013, zwar die bildende kunst und die musik, seltener aber die literatur eine echte, d.h. dauerhaft intensive f\u00f6rderung hierzulande erhalten hat. da m\u00fchen sich dichter nach wie vor, in ihren heimatst\u00e4dten und -st\u00e4dtchen etwas auf die beine zu stellen, eine kleine leseb\u00fchne vielleicht, m\u00fcssen aber schon bald am desinteresse der veranstalter verzweifeln. in oberzentren wie siegen (und das gilt durchaus auch f\u00fcr schwestern wie hagen oder l\u00fcdenscheid) gilt bei buchh\u00e4ndlern f\u00fcr <em>literatur<\/em>, was sich als <em>roman<\/em> verkaufen l\u00e4sst; auf den b\u00fchnen der stadt m\u00fcssen kabarettisten und comedians, vielleicht noch am\u00fcsierkolumnisten den job des dichters \u00fcbernehmen. gebucht wird, was publikum zieht. liest man veranstaltungskalender, wird man westfalen f\u00fcr eine ausgesprochen kriminale, banal reimende region halten. als neu und interessant gelten poetry slams, die vielleicht ein kurzes vergn\u00fcgen, aber doch selten einen bleibenden wert vermitteln. das publikum wird dabei oft genug mit der eintagsfliege verwechselt, die sich auf den gleichen haufen setzt wie alle ihre genossinnen \u2013 und bittesch\u00f6n nirgendwo anders hin.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">westf\u00e4lische dichter, die wegen literarischer tiefe ber\u00fchmt oder zumindest bekannt wurden, kamen (und kommen) oft genug erst nach ihrem wegzug zu ehren. blieben sie, sammelten sie sich zu fr\u00fcheren zeiten eher in m\u00fcnster als in schmallenberg, kamen h\u00e4ufig auch aus dem m\u00fcnsterland, und trafen sich sp\u00e4ter im k\u00f6lner raum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">nicht von ungef\u00e4hr entfachte sich 1956 ein jahrelang anhaltender dichterstreit an der frage, was genau denn <em>westf\u00e4lische dichtung<\/em> sei. Josef Bergenthal schreibt in einer 1953 erschienenen anthologie: \u201ewestf\u00e4lischer dichter ist, wer dichter und westfale zugleich ist. er braucht gewiss nicht in einer westf\u00e4lischen mundart zu schreiben. heimatliche bez\u00fcge d\u00fcrfen nicht als ersatz f\u00fcr fehlende dichterische qualit\u00e4ten gewertet werden.\u201c und nun, meine damen und herren, schauen Sie sich bitte einmal die siegerland-, das heisst: regional-ecken in den hiesigen buchtempeln etwas genauer an!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">das westf\u00e4lische \u2013 und eben auch die literatur \u2013 ist seit je wegen heimischer kargheit zum auswandern gezwungen. das sauerland, und erst recht das geographisch schwerer zug\u00e4ngliche siegerland, ist in der literaturgeschichte kaum vertreten. es hat viele t\u00fcchtige industrielle oder p\u00e4dagogen hervorgebracht, mit dichtern war und ist es aber nicht besonders gesegnet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">das liegt an einer (auch nicht nur im regionalen verankerten, sondern durchaus allgemeinen) geringsch\u00e4tzung zeitgen\u00f6ssischer literatur, das gr\u00fcndet aber heute wie vor 150 jahren ebenfalls am erw\u00e4hnten, nicht besonders leicht entz\u00fcndlichen gem\u00fct des westfalen. im 19. jahrhundert gab es sogenannte hollandg\u00e4nger, die sich ihr brot auch wegen der beschwernis zuhause woanders verdienen mussten. es gab den berufsstand des westf\u00e4lischen heringsf\u00e4ngers: m\u00e4nner aus der gegend um minden, die jahr f\u00fcr jahr hinauszogen, um an den fanggr\u00fcnden der nordsee zwischen norwegen und schottland ihre treibnetze auszulegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die anthologie von Josef Bergenthal versammelt einige wunderbare texte, etwa Margarete zu Bentlages <em>pfingsttag<\/em>, Wilhelm Vershofens <em>geschichten aus sonnenhoevel<\/em> oder Otto Wohlgemuths <em>als h\u00e4tte die erde selber geschrien<\/em>. wem aber sind diese dichter heute noch ein begriff? neben ihnen versammeln sich in dem buch texte, die anfang der 1950er jahre ebenso wie das vorwort noch schwer beladen sind mit begriffen wie <em>volksstamm<\/em>, <em>erde<\/em> oder <em>erbstrom<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">freilich heisst der westf\u00e4lische literaturpreis in der folge des grossen dichterstreits von 1956 Ernst Meister preis; etwas hat sich also ge\u00e4ndert. ausserdem gibt es einen 2003 als universit\u00e4res forschungsheft erschienenen schmalen \u00fcberblick \u00fcber die literatur in der direkten siegener umgebung und mehrere zwischen 1989 und 1999 erschienene sammelb\u00e4nde, die sich mit <em>literatur und kunst in siegen<\/em> besch\u00e4ftigen, darunter allein zwei anthologien der zehn jahre existiert habenden literaturgruppe <em>aktion musenflucht<\/em>. allerdings handelt es sich bei vielen beitr\u00e4gen der b\u00fccher <em>meine stadt<\/em>, <em>momentaufnahme<\/em> und <em>siegener lesebuch<\/em> um spass- und heimatkundliche texte oder solche, die das weggehen bzw. die m\u00f6glichst schnelle durchreise zum thema haben \u2013 was nichts weiter ist als eine andere form der heimatkunde, aber nichts mit literatur zu tun hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">selbstverst\u00e4ndlich gibt es auch ambitionierte und sogar hochrangige texte in diesen anthologien. der punkt ist: sie sind nicht in der lage (und garnicht dazu gedacht), auch nur ansatzweise einen \u00fcberblick \u00fcber literatur in <em>westfalen<\/em> zu geben \u2013 und so zum beispiel auch zu vermitteln, dass nicht nur in den ballungsr\u00e4umen berlin, hamburg und eventuell k\u00f6ln oder m\u00fcnchen poetisch gedacht wird oder gedacht werden kann, sondern dass es auch auf dem land urbane und national bedeutende literatur geben kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">mir ist erst vor einigen tagen eine zusammenstellung bekannt geworden, die j\u00fcnger als dreissig oder vierzig jahre ist und dies eventuell leistet: <em>literatur in den rheinlanden und in westfalen<\/em> ist in vier b\u00e4nden erschienen und behandelt den zeitraum 1895-1994. antiquarisch sind die b\u00fccher einzeln noch zu bekommen, abgesehen von sehr sp\u00e4rlichen informationen \u00fcber den inhalt oder die aufgenommenen autoren bietet der insel verlag nur noch zwei von vier b\u00e4nden oder einen sehr teuren gesamtschuber an. das f\u00f6rdert nicht gerade das interesse. dar\u00fcber hinaus meint <em>nordrhein<\/em>-westfalen etwas ganz anderes als westfalen und l\u00e4uft gefahr, den fokus wiederum verst\u00e4rkt auf die ballungszentren zu richten. immerhin, seit 2008 erscheint mit <em>versnetze<\/em> ein j\u00e4hrlicher sammelband, der deutschsprachige lyriker nach postleitgebiet zusammenfasst; im vierer- und f\u00fcnfer-bereich lassen sich neben den anderen republikgebieten entsprechend westf\u00e4lische autoren nachschlagen und entdecken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ebenfalls begrenzt auf gedichte, aber spezifischer in der auswahl der schreiber haben nun Adrian Kasnitz und Christoph Wenzel die anthologie <em>westfalen, sonst nichts?<\/em> auf den weg gebracht. sie zeigt, wie vielf\u00e4ltig die gegenw\u00e4rtige junge lyrik in und aus westfalen ist: neue gedichte von etwa dreissig geb\u00fcrtigen, zugezogenen, ausgewanderten und zur\u00fcckgekehrten. Andreas B\u00fclhoff, Jan Skudlarek, Stephan Reich und Bastian Schneider ragen heraus. alle aber haben einen bezug zum westf\u00e4lischen, den sie mit einem literarischen anspruch verdichten, der \u00fcber schnaps und schinken weit hinausreicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Literatur<\/strong><br \/>\nJosef Bergenthal: westf\u00e4lische dichter der gegenwart. deutung und auslese. m\u00fcnster 1953\u00a0 \u2013\u00a0 Franz-Josef Weber, Karl Riha: meine stadt. literatur und kunst in und um s.; in zs.arbeit von universit\u00e4t-gh siegen und kunstverein siegen 1989\u00a0 \u2013\u00a0 arbeitsgruppe literarisches leben: momentaufnahme. literatur und kunst in siegen heute: ein lesebuch. siegen 1989\u00a0 \u2013\u00a0 aktion musenflucht: manuscripties. anthologie. mit einem vorwort von M. Jung. siegen 1993\u00a0 \u2013\u00a0 aktion musenflucht: inner city. anthologie.hg. v. prof. dr. Wolfgang Popp. siegen 1998\u00a0 \u2013\u00a0 Thomas Kleber, Karl Riha: siegener lesebuch. literarische streifz\u00fcge durch die kr\u00f6nchenstadt. siegen 1999\u00a0 \u2013\u00a0 Walter G\u00f6dden, Reinhard Kiefer: utopische dichter. der schmallenberger dichterstreit 1956, Ernst Meister und die folgen. analysen und dokumente. m\u00fcnster 2000\u00a0 \u2013 Crauss: KONtext sieGEN. digging the dirt. literatur in der kr\u00f6nchenstadt \u2013 eine \u00fcbersicht. Siegen 2003\u00a0 \u2013\u00a0 Axel Kutsch: versnetze. das grosse buch der neuen deutschen lyrik. weilerswiste 2008; versnetze zwei (2009), drei (2010), vier (2011), f\u00fcnf (2012) ebd.\u00a0 \u2013\u00a0 literatur in den rheinlanden und in westfalen \u2013 literatur in nordrhein-westfalen. texte aus hundert jahren [1895-1994] in vier b\u00e4nden, div. hrsg., frankfurt: insel verlag 1995-1998<br \/>\n<strong><br \/>\nCrauss<\/strong>, 1971 in Siegen geboren, studierte Literatur- wissenschaft und lebt und arbeitet als freier Schriftsteller, Publizist und Dozent dort. Er ver\u00f6ffentlicht v.a. Lyrik und Kurzprosa, ausgezeichnet mit Stipendien und Preisen, und veranstaltet \u201eSchreibferien\u201c am Lago Maggiore. Alles Weitere unter <a href=\"http:\/\/www.crauss.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.crauss.de<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Text begleitete am 30. April die<a href=\"http:\/\/parasitenpresse.wordpress.com\/2012\/11\/30\/anthologie-westfalen-sonst-nichts\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> Pr\u00e4sentation der Anthologie<\/a> in Siegen. Am <strong>Samstag, 29. Juni<\/strong>, wird die zeitgen\u00f6ssische westf\u00e4lische Lyriklandschaft unter Moderation von Oliver Uschmann beim Nottbecker <strong>Open Air-Wortfestival <\/strong>&#8222;Laut &amp; Luise&#8220; vorgestellt. Mit dabei sind: Adrian Kasnitz, Christoph Wenzel, Dagmara Kraus, Xaver R\u00f6mer, Daniel Ketteler, Julia Trompeter \u2013 und Crauss.<\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D1877&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>westf\u00e4lische dichtung, fehlanzeige? von Crauss \u201ein der pflege der kunst und dichtung sind wir westf\u00e4linger hinter den anderen deutschen volksst\u00e4mmen weit zur\u00fcck,\u201c schreibt Justus M\u00f6ser, ein zeitgenosse von Matthias Claudius. \u201edie freundliche gottheit des liedes liebt leichtentz\u00fcndliche naturen, wir aber sind zu ernst, zu gr\u00fcndlich, zu schwerf\u00e4llig.\u201c mag es an dieser schwerf\u00e4lligkeit liegen, dass bis [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":false,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2},"jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[16],"tags":[],"class_list":["post-1877","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-waswar"],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p4EYft-uh","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1877","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1877"}],"version-history":[{"count":24,"href":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1877\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5204,"href":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1877\/revisions\/5204"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1877"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1877"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1877"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}