{"id":1836,"date":"2013-04-23T18:24:17","date_gmt":"2013-04-23T17:24:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=1836"},"modified":"2025-11-05T09:29:09","modified_gmt":"2025-11-05T08:29:09","slug":"das-leben-in-schrift-bringen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/?p=1836","title":{"rendered":"Das Leben in Schrift bringen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><em>Er schrieb mit <\/em>Dein Name<em> eines der au\u00dfergew\u00f6hnlichsten B\u00fccher der letzten Jahre und beschenkte die deutschsprachige Gegenwartsliteratur reich.<br \/>\nAm Freitag, 26. April, liest Navid Kermani\u00a0 aus seinem Roman.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 60px;\">Es ist Donnerstag, der 8. Juni 2006, 11:23 Uhr auf dem Laptop, der einige Minuten vorgeht, also 11:17 Uhr ungef\u00e4hr oder, da er den Satz noch schreibt, 11:18 Uhr. Ein Schreiner, der mit achtundsiebzig Jahren so alt ist wie der Vater von Navid Kermani, hat eine Schreibtischplatte angefertigt und war so freundlich, vom Baumarkt zwei Malerbl\u00f6cke mitzubringen, auf die sie vorhin die Platte legten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Schriftsteller, Essayist und habilitierte Orientalist Navid Kermani schreibt einen Roman. Er schreibt daran f\u00fcnf Jahre. Es werden 1229 Seiten. Ein eng bedruckter Text. Der in Siegen aufgewachsene und in K\u00f6ln lebende Autor hat Lesenden, hat 2011 der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur mit <em>Dein Name <\/em>ein kaum zu \u00fcbersch\u00e4tzendes Geschenk gemacht. Das ist eine Behauptung. Doch eine durchs Lekt\u00fcrevergn\u00fcgen legitimierte. Wer sich (schon allzu bald dann freiwillig) die Zeit zu dieser nimmt, wird zustimmen wollen.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die schon wieder hartn\u00e4ckig herandr\u00e4ngende Frage: Worum geht es? Der Verlag sagt: Um \u201ealles, was es zu wissen gibt \u00fcber sein Leben und das Leben \u00fcberhaupt: die Gegenwart und die Vergangenheit seiner Familie, die Erinnerung an gestorbene Freunde und die mitrei\u00dfende Lekt\u00fcre Jean Pauls und H\u00f6lderlins.\u201c Das ist ziemlich viel. Das ist auch f\u00fcr knapp 1300 Seiten immer noch sehr, sehr viel. Andererseits: ein nicht allzu misslungener Versuch, der Inhaltsfrage kurz und knapp beizukommen. Man hat ja auch schon eine Vielzahl ernsthaft d\u00e4mlicher Verlagsangaben \u00fcber sich ergehen lassen m\u00fcssen\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch was hat es nun mit diesem Roman genau auf sich? Und: Schreibt Navid Kermani \u00fcber Navid Kermani? Jein. In gewisser Weise ist es ein gro\u00dfes Ich-Buch, aber auch ein \u00fcber jede Form und Frage von Privatheit und Peinlichkeit erhabener Text \u00fcber das Gegenw\u00e4rtige und Vergangene, \u00fcber das Pers\u00f6nliche und das Gesellschaftliche und Politische. Ein Text, der jedoch nicht ein modernes Bekenntnis sein m\u00f6chte. Keine Beichte, kein Tagebuch, ja, auch keine Geschichte. Keine Geschichte? Nein, keine Erz\u00e4hlung mit Anekdoten, Konflikten und fesselndem Plot. Es ist auch bezeichnenderweise kaum ein Ich, das hier zum Vorschein kommt. Es erz\u00e4hlt: der Enkel, der Muslim, der Mann, h\u00e4ufig auch der Romanschreiber, der Berichterstatter, der Vater oder auch der Liebhaber. Und manchmal eine Figur namens Navid Kermani. Doch immer wieder taucht (wie auch manch anderes Motiv) auf: \u201eder Roman, den ich schreibe\u201c. Das erz\u00e4hlende Ich ist zuallererst als ein schreibendes zu verstehen, das ebenso sehr an den Text gebunden ist (und in diesem die au\u00dfergew\u00f6hnlichsten Formen und Metamor- phosen erlebt und erzeugt), wie dies ebenso f\u00fcr das jeweils jetzt und jetzt in Navid Kermanis Roman <em>Dein Name <\/em>lesende Ich gilt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was nur weitere Konfusion zu erzeugen scheint, m\u00f6chte lediglich auf eine entscheidende Differenz aufmerksam machen: eine plane Unmittelbarkeit gibt es nicht. Die Schrift und das Leben fallen nie in eins. Sie haben verschiedene Tempi und Temperaturen. Der Autor ist nicht die literarische Figur. Die allerbesten Ausk\u00fcnfte gibt immer noch der Text selbst. Die so suggestiv sich anbietende autobiografische Lesart ist ein verf\u00fchrerisch s\u00fc\u00dfes Bonbon im Munde des Lesers; es l\u00e4sst ihn unfreiwillig \u2013 aber mit Lust \u2013 im Lesen jene Fragen aufwerfen, die auch die Entstehung des Buches mitbestimmt haben: Wie l\u00e4sst sich \u00fcber die Welt, die innere und die \u00e4u\u00dfere, schreiben bzw. sprechen? Wie \u00fcber Freude, Trauer, Tod, Sexualit\u00e4t und das Religi\u00f6se? Wie ist die maximale Totalit\u00e4t literarisch in Angriff zu nehmen? Und: Wie l\u00e4sst sich das Unbekannte, Fl\u00fcchtige jeder Biografie fassen? Wie l\u00e4sst sich im Schreiben \u00fcber das Schreiben nachdenken?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/Navid-Kermani_Dein-Name.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1838\" title=\"Kermani_23743_MR.indd\" src=\"http:\/\/www.kreis-warendorf.info\/wordpress\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/Navid-Kermani_Dein-Name-195x300.jpg\" alt=\"\" width=\"195\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/Navid-Kermani_Dein-Name-195x300.jpg 195w, https:\/\/www.hausblog-nottbeck.de\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/Navid-Kermani_Dein-Name.jpg 423w\" sizes=\"auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px\" \/><\/a>Der Text kennt keine Grenzen. Und das darf hier nur als Lob verstanden sein: Denn die Gattung, der Roman, kennt ebenfalls keine Grenzen. Alles ist (prinzipiell) m\u00f6glich. Das haben andere bereits bewiesen \u2013 und der Schriftsteller, Essayist und habilitierte Orientalist Navid Kermani wei\u00df die ihm zur Verf\u00fcgung stehenden Mittel in kluger Weise zu nutzen. Das Elementare folgt dem Banalen, die nebens\u00e4chliche Ausschweifung sekundiert und umspielt deren regelm\u00e4\u00dfigen Abbr\u00fcche. Und all das ist dem Romanschriftsteller Programm: \u201eAm liebsten w\u00fcrde er auch die Tippfehler bewahren. Wenn ihm ein Abschnitt nicht gef\u00e4llt, streicht er ihn nicht, sondern schreibt im n\u00e4chsten Absatz, dass der vorige ihm nicht gefallen hat. Nichts geht verloren, alles ist wert, aufbewahrt zu werden, alles von gleichem Gewicht, das Heilige und die Waschmaschine.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass dabei in der Vielzahl der Dimensionen der Text nicht in einer Materialschlacht implodiert bzw. kollabiert ist nicht zuletzt Kermanis Kunst der Formulierung und Komposition zuzuschreiben. Der Wissenschaftler Navid Kermani bringt dies bereits in der Vorrede seiner \u00e4u\u00dferst lesenswerten Dissertation <em>Gott ist sch\u00f6n. Das \u00e4sthetische Erleben des Koran <\/em>(1999) zum Ausdruck: Die poetische Strukturierung des Textes generiert die Eindr\u00fccklichkeit seiner Rezeption; wichtiger als die diskursive ist die sinnlich-\u00e4sthetische Wahrnehmung der Schrift. Und obwohl das Projekt der Lebenserschreibung f\u00fcr den Schriftsteller, Essayisten und habilitierten Orientalisten Navid Kermani in letzter Konsequenz \u2013 strenggenommen \u2013 unabschlie\u00dfbar, ja performativ ein Ding der Unm\u00f6glichkeit ist: die Form ist diesem Schreiben, das verallgemeinerbare Wahrnehmungs- und Empfindungsweisen aufgreifen, darstellen und erzeugen m\u00f6chte, unabdingbar. Notwendige, nicht hinreichende Bedingung. Das hier so vermeintlich Authentische, Musikalisch-Rhapsodische, Sinnlich-Unmittelbare des Textes: es entsteht erst durch sie: die Form. Und eben diese im Lesefluss so unscheinbare, feinmaschige Bearbeitung des Gewebes ist \u2013 bei allen Spr\u00fcngen, Schlaufen und Br\u00fcchen, die das Leben bewirkt und erzwingt (der Tod, der Abschied, das Erinnern und Vergegenw\u00e4rtigen) \u2013 in Navid Kermanis Roman <em>Dein Name <\/em>immer wieder neu zu bewundern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Arnold Maxwill<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Navid Kermani: Dein Name. Roman. M\u00fcnchen: Hanser 2011, 1232 S., 34,90 \u20ac<\/em><\/p>\n<div id=\"facebook_like\"><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=https%3A%2F%2Fwww.hausblog-nottbeck.de%2F%3Fp%3D1836&amp;layout=standard&amp;show_faces=true&amp;width=500&amp;action=like&amp;font=segoe+ui&amp;colorscheme=light&amp;height=60\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:500px; height:60px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er schrieb mit Dein Name eines der au\u00dfergew\u00f6hnlichsten B\u00fccher der letzten Jahre und beschenkte die deutschsprachige Gegenwartsliteratur reich. Am Freitag, 26. April, liest Navid Kermani\u00a0 aus seinem Roman. \u00a0 Es ist Donnerstag, der 8. 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